Tragisches Herbstereignis mit Mann und Hund - Sonett

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Walther

Mitglied
Tragisches Herbstereignis mit Mann und Hund


Ein Blatt löst sich vom Ast. Es schwebt. Es fällt.
War es der Wind, der es geknickt hat, war’s
Die Müdigkeit, die Folge des Katarrhs
Des Mannes, der die Hundeleine hält?

Der Hund blieb stehen, um den Baum zu ehren.
Ein Beinchen heben. Zeitung lesen, schnüffeln.
Und nach den Damen riechen, nicht nach Trüffeln.
Revier markieren, nicht die Blase leeren.

Das Blatt, allein gelassen, taumelt, weiß
Nicht recht, wo es denn landen soll: Da bei
Den anderen, den vielen, die schon liegen?

Doch es entschließt sich, vorher abzubiegen.
Dem Mann und seinem Hund ist’s einerlei.
Der Hund macht drauf. Der Mann entfernt den Scheiß.
 

Mondnein

Mitglied
Spannend zu lesen, lieber Walther,

weil man aufgrund der Überschrift erwartet, daß das fallende Blatt irgendwen, Hund oder Herrchen, erschlägt oder (etwa weils ins Auge fliegt) vors Auto laufen läßt.

Und dann das!

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Lb Hansz,
danke für deinen freundlichen eintrag. der alltag schreibt die besten gedichte. es ist alles eine frage der darstellung des geschehens.
der unernst des ernstes war aufzufangen: das ergebnis liegt vor uns.
lg W.
 
T

Trainee

Gast
Hallo Walther,

das mag ich auch.
Das Gedicht kommt so unprätentiös daher und schildert in voller Ernsthaftigkeit eine humoristische, salbenfarbene Einlage. Ähnlich dem Kabarettisten, der sich selbst (ganz wie es ein soll!) das Lachen verkneift.
Verstärkt wird dieser Eindruck durch die absolut korrekte Ausführung des Sonetts. Und die Wahrung des klassischen herbstlichen Sujets. :D Sozusagen mit allem Drum & Dran.

Gern mitgefühlt (nicht mitgemacht!)
Trainee
 

Walther

Mitglied
Hi Trainee,

danke für deinen freundlichen eintrag. ein guter witz hat den entscheidenden nachteil, daß er einer seltenen gattung angehört. witzige sonette sind daher eher ein zufälliges ergebnis des beschreibens offensichtlicher unerheblichkeiten, aus denen unser dasein besteht.

das memento mori ist ja nicht nur eine herbstfrage. daran erinnert zu werden, steht uns gut zu gesicht, erfreut aber meist weniger. es sei denn, die muse hat den schalk im nacken.

lg W.
 

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