Tragödie des Bügelbretts

Blues

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Ich stehe bereit für meine Aufgabe und erinnere mich an unsere besten Zeiten zurück, als auf mir gebügelt wurde. Leidenschaftlich, verliebt, emotional, genervt, achtsam, bedächtig. Ich habe so viele Emotionen erlebt, bin so viele Emotionen mitgegangen wie ein Boot durch stürmische See und ruhige See am gleichen Tag fahren kann. Scheinen die Wellen bereits ins Boot zu schwappen ist doch allen klar, dass auch wieder ruhige Zeiten kommen und die ersten Sonnenstrahlen bereits hinter dem Horizont lauern, darauf wartend, jede noch so kleine Lücke zu nutzen um dann wie eine enthemmte Naturgewalt hindurch zu stoßen und jeden Winkel zu erleuchten, den sie erreichen können.

Ich lasse den Blick schweifen. Neben der Wohnungstür hängen von Kinderhänden verschmierte Klamotten, daneben ein paar Chucks, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben. In die Küche kann ich leider nicht ganz schauen, aber auf der Theke steht noch eine Schachtel Pizza vom Vorabend. Thunfisch mit Zwiebeln. Ich seufze innerlich. Der Geruch wird mich noch tagelang begleiten und am Ende werde ich auch etwas danach riechen. Obwohl ich die See liebe, hasse ich den durchdringenden Geruch von Thunfisch mit Zwiebeln. Besonders gerne hängt er in den Couchdecken, die sie wie üblich einfach rumliegen lassen. Aber etwas angekramt ist es hier eigentlich immer. Daran habe ich mich gewöhnt, obwohl ich militärische Ordnung kennen und schätzen gelernt habe.

SIE hat mich mal wieder mit im Raum stehen lassen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar, diese Position ist doch viel schöner als die dunkle Ecke neben dem Kleiderschrank. Von hier aus kann ich durch die großen Wohnzimmerfenster schauen, aber nur den Himmel erspähen. Ich liebe diesen Blick. Der Himmel ist abwechslungsreich wie die See. Eben noch strahlend blau, ruhig und wolkenfrei, kann doch jederzeit eine dunkle Gewitterwolke aus dem Nichts aufziehen und dem ganzen ein Ende setzen. Das erinnert mich an meine Besitzerin. SIE ist ein emotionaler Typ und ihre Stimmung kann jederzeit umschlagen. Manche fürchten das, aber ich schätze es sehr, dass sie so intensiv fühlen kann. Doch im Moment ist sie nicht da und ich genieße die absolute Ruhe, nur unterbrochen vom Ticken der Wanduhr. Ich lausche diesem stillen monotonen Ticken, zähle wieder einmal die Rillen an ihrem Gehäuse und warte gespannt, ob das Ticken heute vielleicht doch einmal aussetzt, aber das kommt nur sehr selten vor, wenn die Batterie leer ist. Dann beginnt SIE in allen Schubladen nach einer neuen zu suchen, dabei sind die Batterien in dem kleinen Kommödchen direkt vor dem Bad, aber sie kann sich das nie merken.

Ich bin mit allen Sinnen anwesend. Achtsamkeit nennt man das heutzutage. Ich bin im Moment.

SIE kommt herein, mit einem Wäschekorb und ich sehe sofort die Gewitterwolken, die sich blitzartig im Wohnzimmer zusammen ziehen. Mein ruhiges Idyll bricht von jetzt auf gleich zusammen, denn bereits bei ihrem ersten Schritt in die Wohnung spüre ich, dass irgendetwas los ist.

SIE geht zum Couchtisch herüber und stellt den Wäschekorb wütend ab, das erkenne ich sofort. Wie sie ihn auf den kleinen weißen Holztisch pfeffert und mit flinken Fingern irgendein Teil herauszieht. Sie packt mich und stellt mich recht rüde auf. Sie schnappt sich das Bügeleisen, das bis eben noch geschlummert hatte. Dann wirft sie das erste Kleidungsstück direkt auf mich.

Wir kennen uns jetzt schon so lange, ich kann in ihr lesen wie in einem offenen Buch. Als sie mich ausgewählt hatte, als ich in ihre erste Wohnung ziehen durfte – es war ein Abenteuer und ich hatte unglaubliche Angst, war ich doch gerade erst aussortiert worden. Damals war sie deutlich jünger und wilder gewesen, aber auch ich habe meine besten Tage hinter mir und die eine wie andere Schramme kann auch ich nicht mehr wegdiskutieren. Das Bügeleisen sagt, ich sehe sehr jung geblieben aus, aber er ist ein Charmeur und weiß wie man mit einer alten Dame mit mir umgeht. Dabei ist er für einen Jungspund ungewohnt höflich, aber dennoch komplett grün hinter den Ohren. Gerade mal zwei Jahre hat er auf dem Buckel und meint, schon alles gesehen zu haben: Hosen, Hemden, Jacken, Wäsche, sogar mal eine Lederhose! Da war SIE noch so unerfahren, aber diese Lektion lernte sie schnell - und die Lederhose lernte, wie schnell man schon wieder im Müll landen kann.

Das Bügeleisen meint, am Ende kommt es doch vor allem darauf an, flexibel zu bleiben und sich voll und ganz auf die Aufgabe zu konzentrieren. Small Talk ist ja ganz nett, aber wir haben einen Job! Pah. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Tag. Ich öffnete die Augen und sah all meine Brüder und Schwestern, wie sie ebenfalls erwachten. Neugierig schauten wir uns um. Ich bin seitdem nie wieder in einer größeren Halle gewesen. ‚Fabrik‘ nennen sie es schlicht - für mich ist es der Ort des großen Erwachens und wie gerne würde ich ihn noch einmal besuchen und miterleben, wie sekündlich Neue von uns erwachen, auch wenn es leider furchtbar laut ist und unsere Reise dort ausgesprochen kurz.

Eben genoß ich noch die wilde Fahrt auf dem Fließband, den Geruch nach Schmiermittel und Plastik, die Aussicht auf hunderte weitere von uns, ehe mich harte Greifarme packten und in einen Karton steckten – das hat mir gar nicht gefallen. Ich musste im Dunkeln ausharren, ich weiß nicht, wie lange. Es kam mir unendlich lange und sekundenschnell zugleich vor. Ich spürte Wärme und Kälte und wurde unendlich viele Male durchgeschüttelt, hingestellt, hingelegt und umgeworfen – aber dann öffnete sich auf einmal die Klappe und die aufregendste Zeit meines Lebens begann!

SIE bügelt, aber irgendetwas ist heute anders. Jetzt schon das dritte T-Shirt, das sie nicht sauber aufgelegt hat. Das wird Falten geben und ich werde mit dieser Schande leben müssen. Dem Bügeleisen ist das egal. Denk nicht so viel darüber nach. Ist nur ein Job! Aber ich habe da einen höheren Anspruch, aber klar, ich war auch in der Marine.

Das Bügeleisen gleitet hin und her, immer wieder hin und her, aber mit zu viel Druck und zu unruhig. SIE ist angespannt und fahrig und wir müssen es ausbaden. So wie an meinem ersten Tag auf offener See. Der junge Matrose hatte mich gerade am Vorabend ausgepackt und in die Ecke gestellt, als wir auch schon ausliefen. Durch das große Bullauge konnte ich den Hafen sehen, wie er immer kleiner wurde. Das leichte Schwanken erinnerte mich an meine Fahrt durch die Fabrik, aber dies hier hatte etwas ungleich beruhigenderes. In all den Jahren habe ich viele Seeleute erlebt, die einen schwachen Magen hatten, einmal sogar einen gestandenen Kapitän, aber mir hat der Seegang nie etwas ausgemacht. Das hätte meine Ehre auch nie zugelassen, immerhin waren wir der Stolz einer ganzen Nation. Und dennoch muss ich zugeben, dass der kommende Tag auf See einer der schlimmsten war, die ich je erlebt habe. Die Wellen rollten unablässig und unaufhaltsam eine nach der anderen gegen unser Schiff, das Deck schien sich zu biegen und bereits nach kurzer Zeit konnte ich mich nicht mehr halten und landete hart auf dem Boden, wie so viele andere auch, dazu verdammt elendig herum zu rutschen ohne Pause und ohne Chance, unsere Würde wieder selbst herzustellen. Wie schnell aus einem stolzen Bügelbrett ein hilfloses Ding werden konnte, wurde mir hier schmerzlichst bewusst.

Blitze blitzten, Donner donnerte, doch am Ende legte sich der Sturm und die Sonne brach sich wieder Bahn. So endete dieser Sturm, wie auch all die anderen: Die Wellen flauten immer weiter ab und gingen in ein leichtes Schaukeln über. Und so hoffte ich, dass auch der Bügelsturm meiner Besitzerin sich wieder legen würde – doch SIE bügelt wie eine Besessene immer weiter und weiter. Gerade eine Jeans, jetzt ein Hemd und oh Wunder sie bekommt sogar den Kragen gut hin, was in ihrem offensichtlichen Gefühlsgemenge beachtlich ist, zumal sie dafür sonst wenig Talent hat. Dabei gebe ich immer mein Bestes!

Aber klar, auf mir wurden unzählige Hemden und Uniformen gebügelt, für einfache Matrosen wie für Admiräle. Kein Fehler wäre mir möglich gewesen, jede Falte wäre direkt auf mich zurückgefallen, niemals hätte ich diese Schmach ertragen. Aber der junge Matrose und ich, wir waren ein gutes Team. Genau so, wie er uns alle nach diesem ersten großen Sturm in meinem Leben sorgsam wieder aufgestellt, eingeräumt und sicher verstaut hatte, genau so bügelte er auch auf mir, mit militärischer Perfektion. Dabei pfiff er stets fröhlich Seemannslieder und sang bisweilen sogar leise dazu, wenn niemand in Hörweite war. Ich kann heute noch alle Strophen von What shall we do with the drunken sailor, auch die ganz derben. Er war beliebt und geachtet, sorgte er doch stets für perfekt gebügelte und gestärkte Hemden und stärkte auch die Moral der anderen Seemänner mit seinen wortgewandten Sprüchen und auch mal einem Schluck aus dem Flachmann. Alle wussten es, aber niemand störte sich daran. Wie traurig war ich, als er mich von heute auf morgen verließ. Er sei zur See gegangen wurde mir später berichtet und ich hoffe, ihn dort eines Tages besuchen zu können. Es waren unruhige Zeiten, als das Nachbarland begonnen hatte, einzelne Schiffe aufzubringen und zu durchsuchen, oft nicht ganz freiwillig. Unfälle passieren, sagte man mir später, aber als seine Sachen abgeholt wurden, konnte ich meine Trauer nicht zurückhalten und weinte hemmungslos zusammen mit dem Bügeleisen aus alten ausländischen Beständen – aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte und ich bezweifle, ob er begriffen hatte um was es eigentlich ging. Mein Matrose fehlt mir bis heute.

SIE bügelt weiter, heute sogar Socken! Sie ist nicht wirklich bei der Sache. Sie hält kurz inne und flucht vor sich hin. Mir doch egal, was die denken! So lasse ich mich nicht behandeln. Dann macht sie in neuer Stille weiter, aber ich sehe, dass sie innerlich kocht. Das Bügeln scheint heute eher der Ablenkung zu dienen, aber als Bügelbrett ist man immer auch ein wenig Tiefenpsychologe. Mein Matrose hatte mir immer von seinen Tagen berichtet, wie auch SIE das tut, wenn auch oft nur in Wortfetzen. Manchmal fehlt mir der Kontext, aber ihre Gefühlswelten kann ich jederzeit erspüren. Ich glaube es ist sehr wichtig, nicht nur seinen Dienst zu tun, sondern auch als Auffangbehälter für Emotionen jeder Art da zu sein. Ich nehme das gerne auf mich, da bin ich Profi. Das Bügeleisen rollt dann immer die Augen, wenn wir darüber sprechen. Er sieht das gar nicht so. Dienst ist Dienst, kein Platz für Gefühle im Einsatz. Das erinnert mich an die Admiralin, bei der ich kurzzeitig im Einsatz war. Eine bildschöne Frau, aber kühl wie ein Eisblock. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine echte Emotion wahrgenommen zu haben. Nach meiner ersten Mission auf See wurde ich zu ihr ins Hauptquartier versetzt, blieb dort aber nur einige Monate, bis sie versetzt und ihre Dienstwohnung geräumt wurde.

SIE geht rüber in die Küche und ich höre das Geklappert im Küchenschrank sowie das Geräusch der Kaffeemaschine. Ich sehe die Kaffeemaschine sehr selten, aber sie ist mir auch immer etwas zu laut und zu quirlig, sowie eine große Drama-Queen. Italienerin.

Nach meiner Zeit im Hauptquartier arbeitete ich in einem Marinegefängnis, lange Jahre gleich neben der Kombüse einer leichten Fregatte und für einige Wochen sogar auf einem U-Boot. Das hat mir jedoch gar nicht gefallen, es ist immer kalt, dunkel und die Leute sind ausgesprochen wortkarg und rempeln einen ständig an. Man steht permanent im Weg und viel Wert auf ordentlich gebügelte Kleidung legt dort auch kaum jemand. Immerhin wurde ich nicht ständig in einen dunklen Schrank gestellt so wie zu meiner Zeit im Gefängnis. Aber darüber spreche ich nicht so gerne, wir alle haben etwas auf dem Kerbholz.

Zuletzt durfte ich auf meine alten Tage noch einmal auf die große See fahren und für die tollen blauen Uniformen der Bootsmannschaft eines Ausflugsdampfers sorgen. Da war ich zwar bereits aus dem aktiven Dienst ausgemustert worden, aber ich erfüllte meine Pflicht auch hier tadellos und trug meinen Teil dazu bei, den vielen Besuchern und Touristen einen perfekten Tag zu ermöglichen mit einer perfekt aussehenden Mannschaft. Das erinnerte mich an meinen Matrosen. Ich hoffe, wir sehen uns eines Tages wieder.

SIE kommt herüber mit einem großen Kaffeebecher. Cappuccino. Die Kaffeemaschine sehe ich wichtigtuerisch vor meinem inneren Auge. NIEMALS nach Mittag einen Milchkaffee! Aber am Ende entscheidet doch immer SIE. So läuft das eben und wir sind ja nicht in Italien.

Ich hatte eine sehr aufregende Zeit erlebt, doch alles endet einmal und so fand ich mich eines Tages wieder zwischen einem ächzenden Wäschetrockner und einer ausgelaugten Wäschespinne auf dem Flotten-Flohmarkt, bereit dazu, ein komplett neues Kapitel aufzuschlagen, obwohl meine Beine schon ein paar Schrammen hatten. Wie lange würden sie mich wohl noch tragen? Aber ich gehörte noch lange nicht zum alten Eisen!

Ich beäugte meine Nachbarn und bemitleidete sie. So alt würde ich nie sein, niemals so verbraucht – immer bereit, aufrecht, würdevoll! Die Zukunft lag vor mir, zum Greifen nah! Und dennoch war ich erschüttert, welche Leute mich begutachteten, einmal sogar der Besitzer eines Langhaardackels. Ich würde immer voller Haare sein, grässlich. Aber auch das ging vorüber und dann betrat SIE das Gebäude.

Ich erinnere mich wie heute. Ihre langen blonden Haare umspielten ihr Gesicht, vom Wind noch etwas zerzaust. Das Stirnband mit den vielen bunten Blumen hatte sie unter die Haare geschoben. Ich würde es später noch viele Male bügeln, ehe es leider ein Brandloch bekam, weil ihre Mutter ihr am Telefon berichtet hatte, dass sie noch eine kleine Schwester bekommen sollte. Damals schien sie hin- und hergerissen zwischen Freude und Trauer, aber sie ist eben ein sehr emotionaler Typ. Das unterstreichen bis heute ihre freundlichen, meerblauen Augen, in denen sich jede Emotion sofort ablesen lässt. Damals war es die pure Neugier. Sie war ohne Ziel gekommen, wie sie später berichtet hatte und wollte nur mal kucken. Ich betrachtete ihre viel zu weiten Hosen, die sie zu dieser Zeit immer mit Gürtel und einer großen goldenen Schnalle trug, ähnlich einem Mooring-Ring für das Festmachen am Kai. Über dem einfarbigen Top trug sie eine kleine Silberkette mit einem noch kleineren Anker und da war es um mich geschehen, obwohl sie ein Hippie war mit ihrer knallbunten Sonnenbrille und den herzförmigen Gläsern. Oft habe ich die Seeleute an Bord über Hippies schimpfen hören, sie seien zu nichts zu gebrauchen und lägen dem Staat auf der Tasche. Mit Friedenspfeife gewinnt man keinen Krieg! Aber ich habe davon stets Abstand genommen, ist doch die Gesinnung das, worauf es ankommt – und sie hatte ein gutes Herz, das konnte ich direkt erkennen.

Sie wanderte ziellos durch das kleine Kabuff, betrachtete zunächst einen alten Perser-Teppich, nahm dann ein paar gebrauchte aber tadellose Geschirrtücher und blieb schließlich etwas verloren vor mir stehen, ihr Anker blitzte im Sonnenlicht, das durch das kleine Fenster hereinfiel. Sie schenkte mir nur einen unachtsamen Blick und wandte sich bereits ab, als sie ein sichtbarer Ruck durchlief, sie wie angewurzelt stehen blieb, sich auf dem Absatz drehte und mich fixierte, als hätte sie noch nie ein Bügelbrett zuvor gesehen. Nun, zumindest wage ich zu behaupten, dass sie noch nie ein Bügelbrett mit einer so stolzen Marinegeschichte gesehen hatte oder jemals wieder sehen würde. Die sieben Weltmeere bereist wahrlich nicht jeder!

Der Cappuccino ist leer, immerhin ist die Tasse nicht gesprungen, so wie SIE diese auf die Theke geknallt hat. Genossen hat sie den nicht, eher runtergeschüttet. Achtsamkeit. Das Buch liegt schon ewig auf der Couch, aber mehr als fünf Minuten hat hier auch noch keiner reingeschaut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dazu wirklich fähig wäre, dafür ist sie viel zu wechselhaft. Oft ist sie gar nicht im Moment, so wie jetzt, aber meistens lebt sie sehr bewusst. So wie damals.

SIE kam einen Schritt näher, ganz nahe, und strich über meinen Bezug, der auch nach all den vielen Jahren immer noch der gleiche war und ich spürte eine Verbindung, wie es sie vielleicht noch nie zuvor gegeben hatte. Sie kaufte mich für einen wirklich günstigen Preis, trug mich eigenständig bis zur Straßenbahn und unternahm mit mir eine Reise, die ich nie vergessen werde. Die unendliche Schönheit der abertausenden Lichter, die in der einsetzenden Dämmerung leuchteten, die vielen Menschen, Tiere und Fahrzeuge, die durch die Stadt wuselten, die unfassbar exotischen wie auch ekelhaften Gerüche, die durch unsere Bahn waberten und durch unser Treppenhaus auf dem Weg in die WG im obersten Stock. Immer wenn die Nachbarn ihren berüchtigten Paprika-Eintopf kochten konnte man das im ganzen Haus riechen und der Geruch ging dann erst nach zwei Tagen wieder raus, sogar in der gewaschenen Wäsche musste ich das noch tagelang weiter ertragen. Einmal brachte der Vater sogar eine Portion vorbei und SIE war natürlich viel zu höflich, um es abzulehnen, nur um wenig später alles im Klo runter zu spülen. Vielleicht hatten die Ratten ja eine Freude daran.

Was haben wir alles erlebt! Wilde, stürmische Zeiten und Feiern, die man mir in meinem Alter gar nicht mehr zugetraut hätte. Aber ich war immer interessiert an den Leuten, auch wenn man auf See nie auf die Idee gekommen wäre, aus mir eine Theke zu machen und die Getränke auf mir abzustellen. Viel sehen konnte ich da nicht, aber auf einer Party kommt es ja ohnehin mehr auf die Musik an und die Gespräche. Nur als sich einmal jemand über mich erbrach, war ich not amused, aber SIE wusch meinen Bezug, säuberte mich so gründlich wie nie zuvor und wir sprachen nie wieder darüber.

Ich habe aber auch die Lernphasen erlebt, das viele Zweifeln und die Denen werde ich es schon zeigenHaltung, die wiederum abgelöst wurde von romantischen Nächten, tiefen psychologischen Gesprächen am Wohnzimmertisch sowie Liebeskummer, der Eimerweise mit Vanilleeis und allen Staffeln Friends erdrückt wurde, ehe auch in ihrem Herzen immer wieder die Sonne schien.

Heute scheint in ihrem Herzen nicht die Sonne. Sie ist wütend, ärgerlich, aufgebracht. Nach dem letzten Unterhemd hat sie eine erneute Pause eingelegt und jetzt hängt sie schon seit zehn Minuten am Telefon mit ihrer besten Freundin. Ich halte das nicht mehr aus, immer diese blöde weiße Weste! Nur niemals irgendeinen Fehler zugeben! Ich lausche weiter, bekomme aber nur Gesprächsfetzen mit. Irgendwas mit den Nachbarn und der Sauberkeit im Flur. ER hat einen üblen Witz auf ihre Kosten gemacht, um die Situation zu entschärfen. Die Nachbarn waren dann wohl besänftigt, SIE stand dagegen dumm da und muss sich diese Bloßstellung jetzt von der Seele reden.

Mein Blick ruht leicht panisch auf dem Bügeleisen, SIE hat meinen Freund eingeschaltet stehen lassen. Aufrecht, immerhin, aber ich rieche die Gefahr. Was, wenn er umkippt? Mein Bezug wird ein Loch bekommen oder sogar, noch schlimmer, in Brand geraten. Das Bügeleisen gibt sich lässig, aber ich sehe in seinen Augenwinkeln den stummen Vorwurf in ihre Richtung. Job ist Job, sagt er immer, aber wenn er kippt und es einen Betriebsunfall gibt, wird er richtig dumm dastehen. Darauf würden wir alle gerne verzichten. Dabei prahlt er immer, dass ihm noch nie ein Unfall passiert ist, noch nie ein schwerwiegender Fehler unterlaufen ist.

Ich kann das leider nicht von mir behaupten, obwohl ich mir auch nicht vorwerfen lasse, nie mein Bestes gegeben zu haben. Es ist schon Jahre her, sie war eben mit dem Studium fertig geworden und aus der WG ausgezogen. Große Vorfreude, aber auch viele Tränen hatten diesen Umbruch begleitet. Eine große Abschiedsparty hatte uns den Weg bereitet, begleitet von Wir hören voneinander – Lass uns in Kontakt bleiben – Wenn ich in Berlin bin rufe ich dich an! Die meisten Leute von damals habe ich niemals wieder gesehen. Vielleicht sind sie auch zur See gegangen? Ich weiß es nicht.

Es begann eine lange und emotional schwierige Zeit für SIE. Alleine in der großen, weiten Stadt, in einer Ein-Zimmer-Wohnung, Wohnen, Essen, Schlafen, Leben immer in den gleichen vier Wänden. Der mir zugewiesene Platz in der Ecke war entsprechend wenig glamourös, aber mein Einsatz war mehr denn je gefragt! Sie veränderte sich von heute auf morgen. Aus den langen blonden Haaren wurde ein gepflegter schulterlanger Schnitt. Die löchrigen Jeans wichen modischen Stoffhosen und die alten Tops wurden durch seidene Blusen ersetzt, die ihre glänzenden Kettchen betonten. Fünf Abende musste ich ran, neue oder auch gestern getragene Blusen wieder aufbügeln. Gebügelt geht die doch noch. Dafür hatte ich zwei Abende frei und sie verbrachte die Tage oft nur im Schlafanzug, der wahrlich noch nie ein Bügelbrett gesehen hatte. Und an einem jener Tage waren wir unachtsam. Mein Bein war nicht richtig eingerastet, sie stellte den Bügelkorb direkt auf mich ab und ich konnte das Gewicht einfach nicht halten. Ich kippte, der Korb schlug gegen den Topf Tomatensoße auf dem Herd und zwei Blusen, sowie ihre weiße Unterwäsche waren völlig ruiniert. Das nahm sie sehr mit, eine Melange aus Ärger über sich selbst, Shit Happens und Ärger über mich! Gefolgt von Reue gegenüber sich und auch mir gegenüber. Am Ende lebte sie damit und seitdem darf ich keine Küche mehr betreten.

In dieser Zeit schwappten die Emotionen ohnehin täglich hin und her, wie einst die stürmische See an meinem ersten Tag auf dem Schiff und wie einst fühlte ich mich hilflos, obwohl ich mein Bestes gab. Sie telefonierte viel, mit ihrer Mama, ihrer Freundin und Gott und der Welt. Am einen Tag kam sie euphorisch nach Hause, am anderen zu Tode betrübt. Am einen Tag gab es selbstgekochte Gnocchi mit Pesto alla Genovese von Mama, am anderen Tag kam sie schon mit der Burgertüte in der Hand herein und verbrachte den Rest des Abends vor der Glotze. Bis sie eines Tages entschied, den Job in der Bank zu kündigen und ein Praktikum in einer Kindertagesstätte zu beginnen, obwohl sie BWL studiert hatte, aber mit pädagogischem Schwerpunkt! Dann muss ich halt am Wochenende büffeln Mama, aber das ist es, was ich machen will, was ich machen muss!

An diesem Abend beschloss sie, berauscht von ihrer Entscheidung, noch einmal Ordnung in ihr Leben zu bringen, alles sorgsam zu verräumen, was mit ihrem alten Job zu tun hatte, ihre Unterlagen abzuheften und noch einmal alles sauber zu bügeln und bei Kleinanzeigen einzustellen. Musik auf volle Pulle. Bei Euphoriabegann sie sogar durch die Wohnung zu tanzen und stieß dabei das Bügeleisen um. Der Brandfleck war eine schlimme Narbe für mich. Sie stoppte die Musik und entriss mir ohne mit der Wimper zu zucken meinen Bezug, meine Haut! Nackt stand ich da vor ihr und es sollte eine Woche dauern, bis ein neuer Bezug mit der Post kam, aber wir brauchten einige Zeit, um miteinander klarzukommen. Er kam aus der Türkei und war nicht sehr gesprächig, aber wir gewöhnten uns allmählich aneinander und ich mochte das Wellenmuster mit dem kleinen Segelboot darauf sehr.

SIE hat aufgelegt, aber das Gewitter hat sich nicht verzogen. Kein Wunder. Ihre beste Freundin ist leider kein ruhiger Fels in der Brandung sondern eher ein Brandbeschleuniger. Jetzt scheint SIE sich nur noch bestätigt zu fühlen. Das ist nicht gut.

Nur einen Tag, nachdem der neue Bezug angekommen war, beschloss sie, auch ihr eigenes Leben neu zu beziehen: Sie in den unpassendsten Klamotten, die sie finden konnte in die Bank und kündigte, schon am Nachmittag war sie wieder zurück. Von diesem Tag an hatte ich es mit Jeans, Latzhosen und Shirts oder auch mal einem Kleid zu tun, aber Blusen oder Hosenanzüge habe ich seitdem nie wieder gesehen. Keine Herausforderung für einen Profi wie mich, besonders mit meinem neuen Bezug konnte ich diese Aufgaben problemlos bewältigen. Neue Herausforderungen ließen zwar auf sich warten, aber ich konnte in unserer neuen Routine gut leben. Jetzt musste SIE noch früher raus, für mich als Frühaufsteher ging das natürlich problemlos. In der Regel startete sie morgens mit Klaviermusik im Hintergrund und zwei Tassen Kaffee. Um diese Uhrzeit war ich nicht gefragt, dennoch genoß ich ihr morgendliches Treiben und die dann schlagartig einsetzende Ruhe wenn sie – meist recht hektisch – die Wohnung verließ.

Ich genoss es, die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster auf meinem neuen Bezug zu spüren, das Einsetzen des Vogelgezwitschers zu hören und auch den Blick Richtung Wolkenmeer wahrzunehmen, das erinnerte mich an meine Seefahrerzeit. Sie kam meistens am späten Nachmittag nach Hause, verschwitzt, verschmiert, overloaded, aber glücklich. Wir hatten uns gut eingelebt, aber unsere Situation sollte sich schlagartig ändern, als ER einzog.

SIE bügelt weiter und scheint immer aufgebrachter zu sein. Jetzt sind Bettlaken dran. Seit ihrem Wechsel in die Kindererziehung komme ich nur noch am Wochenende zum Einsatz. Einige Sachen bügelt sie leider gar nicht mehr, nötig hätten sie es ja schon. Aber ER ist eine andere Nummer. Er weigert sich mittlerweile glatt, mit mir zusammen zu arbeiten. Geht doch auch so. Na wenn er meint. Früher war er da anders gewesen, da war er noch jung und motiviert und hatte in der Regel eine frisch gebügelte Schürze bei seiner Arbeit in der Backstube getragen, aber nachdem er seine Gesellenprüfung gemacht hatte schien er weniger Wert darauf zu legen. Dabei liebe ich den Geruch nach frischgebackenem Brot bis heute.

ER kommt herein geschlichen, fast wie ein Schatten, und stellt äußerst umständlich die Einkäufe auf die Theke. Er vermeidet jeden Blickkontakt und räumt jede einzelne Milchflasche so sorgfältig ein, als würde es nur ihn und die Milchflasche in diesem Universum geben. Achtsamkeit. Er hält inne und schaut vorsichtig zu ihr herüber. Ich sehe in seinem Blick etwas flehentliches, ein Blick der gleichzeitig sagt Es tut mir leid und Ich habe aber doch recht.

Früher haben sie selten gestritten. Er war und ist beileibe kein Frühaufsteher, aber über die Jahre hat er es sich einfach angewöhnt, nach dem Wecker morgens aufzustehen, in manchen Wochen sogar schon um zwei! Dafür kann er in anderen Wochen immerhin bis fünf Uhr schlafen. Gerade diese Wochentage starten in der Regel nicht gut, da kommen sie sich morgens bereits im Bad in die Quere. In unserer kleinen Wohnung wurde das sehr schnell zum Problem, aber als SIE und ER in die neue Wohnung zogen, entspannte sich die Situation zunächst. Leider wurde ich jetzt in eine dunkle Nische neben dem Schrank geräumt, aber aus meiner Ecke konnte ich ihr Treiben dennoch ganz gut überblicken. Nur mit der Kaffeemaschine spreche ich seitdem noch seltener, aber da gibt es wirklich Schlimmeres. Auch das Bügeleisen sehe ich jetzt nur noch am Wochenende, sie verstauen es jetzt im Schrank gleich neben mir. Mir würde das nicht sehr gut gefallen, aber ich bin da Profi so wie das Bügeleisen. Job ist Job. Dennoch stehe ich lieber hier draußen neben dem Schrank, statt darin.

In der Regel ist ER gegen Mittag wieder zu hause, SIE kommt am späten Nachmittag dazu. Früher haben sie dann Brettspiele zusammen gespielt, gekocht oder stundenlang miteinander gesprochen. Heute ist er leider oft sehr müde und so landen sie meist vor der Glotze. Auch seinen Sport hat er in der Zwischenzeit wohl aufgegeben, auch wenn das keine bewusste Entscheidung zu sein scheint. Früher kam er schlank und gepflegt daher, aber seit einiger Zeit wölbt sich ein kleines Bäuchlein unter seinem Shirt. Auch die Haare sind schon etwas spärlicher geworden, aber er hat ein gutes Herz.

ER beginnt mit einer Mischung aus Entschuldigung gepaart mit Vorwürfen, während er ihr weitere Klamotten rüberreicht, die sie aber nicht annimmt. Es tut mir ja leid, aber du.. SIE ist aufgebracht und stellt das Bügeleisen ab. Geht mit zwei Schritten um mich herum und blickt ihm direkt in die Augen. Das ist keine Entschuldigung! Warum machst du IMMER… ER wendet sich ab, rollt genervt die Augen, gerade noch sichtbar für sie.

Als dritte Partei kann ich ganz klar sagen, dass ihre Streitereien in der Regel vergeudete Lebenszeit sind. Das war schon immer so: Er verschüttete die Milch über ihre Unterlagen, aber er bekam es gar nicht mit und so kam die Sache erst heraus, als sie sich abends an den Schreibtisch setzte. Sie warf versehentlich seine Lieblingstasse herunter und ließ sie dann lieber heimlich verschwinden statt es offen anzusprechen. Erst als es herauskam gab sie es zu. Ist doch nur eine Tasse! Er war es wiederum, der die Handtücher wiederholt falsch zusammen legte, während sie jedesmal die Spülmaschine nicht richtig einräumte. Da gibt es ein System, sonst werden die Sachen doch nie sauber.

Heute ist es ein anderes Kaliber. ER hat SIE dumm dastehen lassen, da sind bei ihr mehrere rote Linien überschritten. Emotionen eskalieren wie Wellen, die sich wie ein sich anbahnender Sturm auf See langsam hochschaukeln und immer wilder und unberechenbarer werden. Aus Warum hast DU das getan? und Warum ist DIR das so wichtig? wurde recht schnell ein Du machst IMMER... und NIE machst du....

Schon kramt SIE die Geschichte heraus, als er damals ihr nagelneues Fahrrad ausgeliehen hatte nur um nach einer durchzechten Nacht mit seinen Kumpels zu vergessen, wo er es abgestellt hatte. Die Polizei konnte es auch nicht mehr auftreiben. Wegen dir fahre ich jetzt immer Bus! Und ich hasse Bus fahren!

Das Thema etwas verlieren und Bus greift er routiniert auf und erinnert sie vorwurfsvoll an seine Lieblings-Jeansjacke. Die hatte ihm einst sein Vorgesetzter bei der Bundeswehr für kleines Geld weiter verkauft, von seinem damaligen Idol. Früher liebte SIE es, seine weiten T-Shirts und Jacken zu tragen, aber nachdem sie genau diese Jeans-Jacke im Bus verloren hatte, trug sie von da an nie wieder irgendetwas von ihm. Eigentlich hatte er ihr die Sache längst verziehen – zwar hatte die Jacke einen gewissen emotionalen Wert, aber er wusste selbst aus schmerzlicher Erfahrung, dass alles einmal vergeht. Dennoch war die Geschichte immer gut, um sie noch einmal in einer passenden Situation aufzuwärmen.

Beide verlassen aufgebracht das Wohnzimmer Richtung Küche. Ihre Stimmen werden lauter, aber ich kann der Auseinandersetzung nur noch lauschen und habe ein ungutes Gefühl. Heute ist ihr Streit anders. Intensiver. Lauter. Härter. Bislang haben sie sich noch immer vertragen, aber was wenn heute nicht? Ich habe zu viel gesehen, zu viel erlebt, ich bin nicht naiv. Manche Leute passen einfach nicht gut zusammen. Da war mein Matrose ganz anders gestrickt. Er hatte nie Streit, NIE. Mit niemandem. Er war immer gut gelaunt, eine Seele von einem Menschen. Ich hoffe, ihn eines Tages wieder zu sehen. Was wohl aus ihm geworden ist?

Aus dem Augenwinkel erkenne ich meinen Freund das Bügeleisen. Er ist echt unemotional. Sein Blick ist gleichgültig, er strahlt lediglich Bereitschaft aus. Immer im Dienst. Männer. Ich rolle mit den Augen. Er blickt herüber und runzelt die Stirn. In seinem Blick lese ich ein Was geht uns das an? Ich antworte mit einem genervten Blick. Wie kann man seine Emotionen nur so gezielt ausblenden? Das werde ich nie begreifen.

Ich werfe meinen Blick aus dem Fenster. Der eben noch so blaue Himmel wird jetzt von Wolken durchzogen. Keine Regenwolken, kein Gewitter, aber doch eine spürbare Veränderung. Eben noch strahlend blau, jetzt schon Wintergrau. Hier drinnen sind wir dagegen schon längst im wilden Sturm gelandet. SIE stürmt wutentbrannt aus der Küche und ich sehe in ihrem Gesicht wilde Entschlossenheit, aber ich weiß genau, dass sie nachher in Tränen ausbrechen wird oder fluchtartig die Wohnung verlassen wird. ER wird sich dann unsäglich schlecht fühlen und sich am Ende die ganze Schuld geben. Dann werden sie die Sache besprechen und das Problem lösen. Was war nochmal genau das Problem? Ganz bekomme ich das nicht mehr zusammen.

ER kommt aus der Küche. Pause. Alles scheint für eine Sekunde einzufrieren, ehe die Zeit normal weiter läuft. Jetzt ist die Chance, versöhnliche Worte anzuschlagen. Doch er entscheidet sich anders. Warum ihr denn überhaupt so wichtig sei, was irgendwelche blöden Nachbarn über sie denken?

SIE kommt herüber in meine Richtung, ich kann ihren Mix aus Emotionen fast aufsaugen, wie den Dampf vom Bügeleisen, der in meinen Bezug einzieht, wenn wir zusammen arbeitet.

Sie ist erregt, wütend, angriffslustig, traurig, alles in einem., wie ein wilder Cocktail, der jeden Moment zu explodieren droht. Sie wendet sich ruckartig um VERSCHWINDE JETZT, doch er denkt überhaupt nicht daran, geht weiter in die Offensive. Ist das immer deine Art, Probleme zu lösen? Jetzt wird sie so richtig wütend, alle Emotionen brechen sich Bahn, sie weiß nicht wohin mit ihrer Wut - und da tritt SIE unkontrolliert zu und hart gegen mein Bein.

Es geht alles so schnell! Ich stürze und schlage hart auf dem Boden auf, beim Aufprall merke ich sofort, dass sich irgendetwas gelöst hat. Ich sehe mein Bein, wie es neben mir liegt. Eine Vase kippt vom Couchtisch und der komplette Inhalt ergießt sich über mich. Ich kann es kaum fassen, das Bügeleisen wirft mir einen entsetzten Blick zu. Seine Lippen formen ein erschrecktes O und er ruft irgendetwas in meine Richtung, aber meine Sinne sind gestört, ich höre gar nichts. Schwindel. Es dreht sich alles! SIE kniet sich neben mich und hantiert irgendetwas herum, in ihren Augen verschwindet schlagartig die Wut und ich sehe offene Bestürzung.

So vieles haben wir gemeinsam erlebt, so viele Situationen durchgestanden, immer waren wir füreinander da und jetzt dreht sich alles.

Ich blicke in ihr Gesicht, sehe ihre aufgerissenen Augen und ihre roten Wangen. Sehe die ersten Fältchen um ihre Augen und spüre all die Liebe, die in ihr steckt. Ich werfe ihr einen letzten Blick zu, voller Dankbarkeit für diese Reise und als sie ihre Hand auf mich legt, spüre ich noch einmal Wogen der Zuneigung, die mich an eine sanfte Seereise erinnern. Und schlagartig verstehe ich, wohin man geht, wenn man zur See geht. Zur See, da komme ich her, da möchte ich wieder hin….

Ich freue mich darauf, meinen Matrosen wieder zu sehen…. Wie es ihm wohl ergangen ist? Werden wir wieder zusammen sein?

Ihr kullern Tränen über die Wangen und auch ich kann meine Gefühle nicht länger kontrollieren, aber ehe ich noch einordnen kann, was ich da fühle, dreht sich alles. Sterne. Wellen. Stille.

„Es tut mir leid“, sagt er sehr vorsichtig und nähert sich ihr. Sie sitzt neben dem uralten Bügelbrett, das sie schon seit Studententagen mit sich rumschleppt. Er wollte das alte Ding mal für sie ersetzen, aber sie bestand darauf, es weiter zu benutzen. Es habe für sie einen emotionalen Wert. Ein Bügelbrett. Versteh einer die Frauen.

Er streicht ihr über den Rücken und beginnt eine langatmige Entschuldigung.

„Ist schon ok, lass uns später reden,“ erwidert sie mit zittriger Stimme. „Ich brauch jetzt eine Pause“.

„Das wollte ich nicht“.

„Du kannst nichts dafür, ich habe es kaputt gemacht.“

„Ja, aber ich war der Auslöser dafür.“

Sie wirft dem Bügelbrett einen letzten intensiven Blick zu. Ein Bügelbrett. Uralt. Sie hatte es am Marine-Flohmarkt für ein paar Euro erstanden und schon seit Jahren stand es nicht mehr ganz gerade und wackelte immer ein bisschen. Aber muss man immer alles neu kaufen? Wer denkt eigentlich an die Umwelt? Jetzt war es eben kaputt, so ist das Leben. Alles wird und vergeht. Und dennoch: Wie kann einen eine Sache so berühren? Ein Bügelbrett?

Sie schüttelt den Kopf, legt einen inneren Schalter um, reißt ein Pflaster sofort ab. Kaputt. Haken dran. Sie sammelt mit spitzen Fingern die Schräubchen und Scheibchen auf, nimmt in eine Hand das gebrochene Bein und in die andere das noch heile Bein. Das Brett will sie gerade ergreifen, aber ER kommt ihr zuvor. Das Brett stellt er direkt vor die Haustür, die Beine stellt sie dazu. Die Metallteile wirft sie in den Mülleimer. Sie denkt an all die Sachen, die beinahe täglich im Kindergarten kaputt gehen und schon morgen wird sie ein neues Brett im Internet bestellen, da ist sie Praktikerin geworden. Auf einem Flohmarkt war sie schon lange nicht mehr.

Der Streit legt sich, so wie schon dutzende Male zuvor. Sie bestellen Pizza und quatschen den ganzen Abend, immer wieder durchzogen von Entschuldigungen für das heutige Verhalten, ehe SIE darauf keinen Bock mehr hat und sich sämtliche Entschuldigungen von ihm verbittet. Das Bügeleisen ist immer noch aufgewühlt, so wie noch nie im Leben zuvor. In seinem jungen Leben hat er das noch nicht erlebt. Wie schnell die beiden mit dem Bügelbrett abgeschlossen hatten. Er beschließt, sich zusammen zu reißen, auch wenn er heute eine sehr gute Freundin verloren hat, wenn auch etwas exzentrisch. Er beschließt, seine Emotionalität deutlich runter zu fahren und so enge Freundschaften nicht mehr zuzulassen. Er wird weiterhin sein Bestes geben. Job ist Job. Trotzig blickt er stur gerade aus, aber tief in seinem Inneren spürt er einen Kloß und fragt sich, ob er so einfach mit der Sache davonkommen kann. Eher nicht.

Am nächsten Morgen verlässt SIE die Wohnung, um einkaufen zu gehen. Das kaputte Bügelbrett wartet neben der Wohnungstür. Sie stellt ihre Tasche ab und ergreift die Beine, das kaputte und das heile. Sie will sich schnell das Brett unter den Arm klemmen und alles nach unten zur großen Restmülltonne mitnehmen, doch dann hält sie inne. Sie betrachtet das kleine Boot auf dem meerblauen Bezug und wie verschwindend klein es ist, so dass man es glatt übersehen könnte in diesem endlosen blauen Ozean. So verschwindend, wie auch SIE es ist in dem großen Ozean der Stadt, ihres Landes und der ganzen Welt. Wie wichtig Freunde und Begleiter doch sind auf der Reise, die wir das Leben nennen denkt Sie.

Sie denkt zurück an die Zeit, als sie das Bügelbrett erstanden hat, denkt an die vergangenen Jahre, überlegt, wo das Bügelbrett wohl vorher bei der Marine eingesetzt wurde. Wenn es hätte sprechen können, was hätte es für abenteuerliche Geschichten erzählen können.

Sie stellt die Beine wieder dazu und streicht über den Bezug. Heute wird sie es noch nicht wegwerfen. Heute noch nicht.
 
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Blues

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Hallo!

Ich bin ganz neu hier und möchte meine Geschichte mit euch teilen. Ich würde sehr über Feedback freuen. Konkret würde mich interessieren:

1. Wie findet ihr das Verhältnis zwischen Rückblenden und Gegenwart?
2. Konntet ihr mit dem Bügelbrett mitfühlen und was habt ihr empfunden, als es ‚verstorben‘ ist?
3. Über wen hättet ihr gerne mehr erfahren?
4. Gab es Passagen, die ihr übersprungen habt und warum?

Natürlich freue ich mich über jegliches weitere (kritische) Feedback. Vielen Dank!
 



 
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