Trainees achter Zwerg

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Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


(0) Intro

Hier ein intressanter Text von Trainee:
Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)
Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung. Was jetzt kommt ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick diese Zeilen nun wenigstens gestreift? Gestreift und nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös und dem Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

https://up.picr.de/34488718vg.jpg
(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Hier spricht ein Ich, liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

Der Ort: Alles andere als kommod und stabil: Eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“. Vorgetäuscht? Gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend? Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet, sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.

Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten: Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Der Wahrnehmungsraum vor uns: wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten gelitten. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, abgesichert ist dieses Bild durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen. So gewinnt der Text plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Sie ist eher der Ort für Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“ die lyrisch codierte Beschreibung einer Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition durch die Mittel lyrischen Sprechens und lyriktypischen Verrätselns und Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport, dann wären Zwerge eben keine Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit mancher Gedichte, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen, dass es im „Vortrag“ einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erküennen. Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.

Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique. Mit den bekannten Eigenschaften, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur und eine erotische Zusammenarbeit nicht introspektierbarer Verstehenvorgänge mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

https://up.picr.de/34488943wt.jpg
(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus lääst sich genießen, dieser/s Bubblegum gibt sich was her und aus.

https://up.picr.de/34491689ld.jpg
(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher (Gebäude und Website)

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltklasse/Allgemeinwissen
.
• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur aufzuhellen. Diese Phänomene bezeichnen wir mit X.

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert . Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

https://up.picr.de/34491743gp.jpg
(Gebäude//Website)
 
T

Trainee

Gast
Hallo Willibald,

nachdem ich nun zwei Stunden halbherzig den Körper ertüchtigt habe, kann ich mich wieder dem Eigentlichen widmen.
Zunächst nochmals herzlichen Dank für deine Mühe. Es ist eine Freude, einen solchen Essay zu lesen, ganz unabhängig davon, um welchen Quellentext es sich dabei handelt. - Schon lange vor "Bubblegum" konntest du mit derlei brillieren und (auch) sprachlich weniger gut ausgebildeten Usern als du es selbst bist, "ausgefallene" Texte nahe bringen.
Und du lieferst die Gebrauchsanweisung gleich mit! :)

Was mir als Verfasserin des Gedichts unter all dem Richtigen, das du schreibst, besonders positiv aufgefallen ist, ist die Sache mit der "Gummizelle." - Liest man den Text nämlich eher flüchtig, fehlt der Bezug zur Psychiatrie, hier zu Riedstadt, Orte, die nicht allen geläufig sind. Insofern schließt du diese Lücke auf eine Weise, die mir selber (noch) nicht so ganz bewusst gewesen ist.

Sehr schön auch, wie du die klangliche Gemeinsamkeit von "Babbeln" und bubble" herausstellst; tatsächlich hieß es in einer früheren Version "Bubbleband" statt "Gummiband."

Ich möchte im Weiteren nicht auf alle Einzelheiten eingehen (das wäre mir allmählich peinlich), möchte aber dennoch staunend anmerken, dass es dir gelungen ist, gleichsam auf Zuruf, einen so klugen Forenbeitrag zu leisten, einen beispielhaft guten.

Herzliche Grüße
Trainee
 

Willibald

Mitglied
Salve, Trainee, freue mich über deine Antwort und wiederhole gerne, dass "Bubblegum" als sehr interessanter metaphorischer Text aller Ehren und intensiver Hinwendung wert ist.

Ein bisschen schade, dass die Analyse ins Lupanum verschoben wurde. Sie kann nämlich an einem sehr guten Text anschaulich etwas Allgemeines zeigen. Nämlich, wie lyrisches Sprechen und metaphorische Texturen mit dem Leserbewusstsein interagieren. Man sehe sich dazu auch den Schlussteil - zur Metapher allgemein - an. Also eigentlich ein anschauungsorientiertes/r Essay.

Ansonsten danke an Dich. Es hat Spass gemacht nachzuzeichnen, wie es dem Leser Willibald beim Primärkontakt ging. Und es hat Spass gemacht die Struktur (Sprechblasen, Zwerge, Domänen) zu zeichnen und dann im Beitrag das Babbelbild einzupflegen.


Greetse
ww

An den Mod: Vielleicht doch wieder zu den Essays schieben?
Bitte.
 

Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


(0) Intro

Hier ein intressanter Text von Trainee:
Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)
Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung von Willibald. Was jetzt kommt ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick Trainees Vers-Zeilen nur gestreift und ist nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös und Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

https://up.picr.de/34488718vg.jpg
(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Hier in der ersten Zeile spricht ein Ich, liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

"Haus" und Rollenspiel:
Alles andere als kommod und stabil - eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“.
Ein Publikum in der Nähe? Oder nur einfach Sichtbarkeit in einer Blase? Ist die Rolle vorgetäuscht? Ist das Ich in die Rolle gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend?
Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet. Sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.
Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten und Kommunikationsraum: Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Gekoppelt an den Kommunikationsraum baut sich vor uns ein Wahrnehmungsraum auf: Er wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche ihrer Insassen irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe, ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten geladen. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, abgesichert ist dieses Bild durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen.

So gewinnt die Bubblegum-Blase plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Lyrik ist eher der Ort für Ereignisarmes: Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum, ummittelbar im reportagehaften Präsens. Aber eben zu jeder Zeit zugänglich. Offen für das Einklionken des Lesers in Zeit und Ort des lyrischen Ichs.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“, dann markiert hier eine lyrisch codierte Beschreibung die Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition. Lyrisches Sprechen, knapp und verdichtet, nicht prosaisch ausufernd bis fett, lyriktypisches Verrätseln und lyriktypische Steigerung von Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie des zweipoligen Bildes: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport in die literarische Welt, dann wären Zwerge eben lesbar als Gegenfigur zu Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit, die manche Gedichte einfordern, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen des Vortgragenden, dass es im „Vortrag“ fairerweise einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger als die oben zitierten Texte: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erkennen:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.


Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern: Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique, eine Gang.

Mit den bekannten Eigenschaften der Gruppenbildung, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge nun verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur . Wer will, kann eine erotische Beziehung erleben: nicht introspektierbare Verstehenvorgänge zusammen mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

https://up.picr.de/34488943wt.jpg
(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus, dieser Bubblegum.

https://up.picr.de/34491689ld.jpg
(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher - Fokussieren

Betrachten wir an zwei Beispielen die Struktur von typischen Metaphern. Hier an einem Satz:

Gelehrte Zitate sind Eis für unsere Stimmung
(Gebäude und Website)

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y "Eis" (Gefrorenes Wasser) hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten i]Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltwissen/Allgemeinwissen[/i] (Kälte, Abkühlung, Frieren, Erfrieren, Tod...).
• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur aufzuhellen. Diese Phänomene bezeichnen wir mit X. Hier geht es um die "gelehrten Zitate".

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert . Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab. Man vergleiche die Abbildung im Link unten.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

https://up.picr.de/34491743gp.jpg
(Gebäude//Website)
 

Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


(0) Intro

Hier ein intressanter Text von Trainee:
Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)
Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung von Willibald. Was jetzt kommt, ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick Trainees Vers-Zeilen nur gestreift und ist nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös und Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

https://up.picr.de/34488718vg.jpg
(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Hier in der ersten Zeile spricht ein Ich, liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

"Haus" und Rollenspiel:
Alles andere als kommod und stabil - eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“.
Ein Publikum in der Nähe? Oder nur einfach Sichtbarkeit in einer Blase? Ist die Rolle vorgetäuscht? Ist das Ich in die Rolle gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend?
Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet. Sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.
Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten und Kommunikationsraum: Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Gekoppelt an den Kommunikationsraum baut sich vor uns ein Wahrnehmungsraum auf: Er wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche ihrer Insassen irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe, ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten geladen. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, abgesichert ist dieses Bild durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen.

So gewinnt die Bubblegum-Blase plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Lyrik ist eher der Ort für Ereignisarmes: Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum, ummittelbar im reportagehaften Präsens. Aber eben zu jeder Zeit zugänglich. Offen für das Einklionken des Lesers in Zeit und Ort des lyrischen Ichs.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“, dann markiert hier eine lyrisch codierte Beschreibung die Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition. Lyrisches Sprechen, knapp und verdichtet, nicht prosaisch ausufernd bis fett, lyriktypisches Verrätseln und lyriktypische Steigerung von Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie des zweipoligen Bildes: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport in die literarische Welt, dann wären Zwerge eben lesbar als Gegenfigur zu Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit, die manche Gedichte einfordern, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen des Vortgragenden, dass es im „Vortrag“ fairerweise einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger als die oben zitierten Texte: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erkennen:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.


Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern: Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique, eine Gang.

Mit den bekannten Eigenschaften der Gruppenbildung, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge nun verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur . Wer will, kann eine erotische Beziehung erleben: nicht introspektierbare Verstehenvorgänge zusammen mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

https://up.picr.de/34488943wt.jpg
(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus, dieser Bubblegum.

https://up.picr.de/34491689ld.jpg
(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher - Fokussieren

Betrachten wir an zwei Beispielen die Struktur von typischen Metaphern. Hier an einem Satz:

"Gelehrte Zitate sind Eis für unsere Stimmung."

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y "Eis" (Gefrorenes Wasser) hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten i]Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltwissen/Allgemeinwissen[/i] (Kälte, Abkühlung, Frieren, Erfrieren, Tod...).
• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur aufzuhellen. Diese Phänomene bezeichnen wir mit X. Hier geht es um die "gelehrten Zitate".

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert . Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab. Man vergleiche die Abbildung im Link unten.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

https://up.picr.de/34491743gp.jpg
(Gebäude//Website)
 

Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


(0) Intro

Hier ein intressanter Text von Trainee:
Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)
Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung von Willibald. Was jetzt kommt, ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick Trainees Vers-Zeilen nur gestreift und ist nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös, adoptiert und Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

https://up.picr.de/34488718vg.jpg
(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Ich-Position:
Hier in der ersten Zeile spricht ein Ich, ein lyrisches Ich, es liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

"Hausinsasse" und Rollenspieler:
Alles andere als kommod und stabil - eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“.
Ein Publikum in der Nähe? Oder nur einfach Sichtbarkeit in einer Blase? Ist die Rolle vorgetäuscht? Ist das Ich in die Rolle gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend?
Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet. Sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.
Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten und Kommunikationsraum:
Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Wahrnehmungsraum:
Gekoppelt an den Kommunikationsraum baut sich vor uns ein Wahrnehmungsraum auf: Er wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche ihrer Insassen irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe, ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten geladen. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, auf den Gaumen, als Metonymie für Essen- und Essensgenuss und Völlerei. Abgesichert ist dieses Interpretation durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Das Organ "Mund" als Werkzeug des Sprechens und der Nahrungsaufnahme. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen.

So gewinnt die Bubblegum-Blase plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Lyrik ist eher der Ort für Ereignisarmes: Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum, ummittelbar im reportagehaften Präsens. Aber eben zu jeder Zeit zugänglich. Offen für das Einklionken des Lesers in Zeit und Ort des lyrischen Ichs.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“ erst mal ein massives Lyriksignal, dann markiert hier eine lyrisch codierte Beschreibung die Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition. Lyrisches Sprechen, knapp und verdichtet, nicht prosaisch ausufernd bis fett, lyriktypisches Verrätseln und lyriktypische Steigerung von Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie des zweipoligen Bildes: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport in die literarische Welt, dann wären Zwerge eben lesbar als Gegenfigur zu Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit, die manche Gedichte einfordern, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, von phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen des Vortgragenden, dass es im „Vortrag“ fairerweise einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger als die oben zitierten Texte: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erkennen:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.


Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern: Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique, eine Gang.

Mit den bekannten Eigenschaften der Gruppenbildung, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge nun verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur . Wer will, kann eine erotische Beziehung erleben: nicht introspektierbare Verstehenvorgänge zusammen mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

https://up.picr.de/34488943wt.jpg
(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus, dieser Bubblegum.

https://up.picr.de/34491689ld.jpg
(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher - Fokussieren

Betrachten wir an zwei Beispielen die Struktur von typischen Metaphern. Hier an einem Satz:

"Gelehrte Zitate sind Eis für unsere Stimmung."

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y "Eis" (Gefrorenes Wasser) hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten i]Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltwissen/Allgemeinwissen[/i] (Kälte, Abkühlung, Frieren, Erfrieren, Tod...).

• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur erlebbar zu machen und (kognitiv-emotional) aufzuhellen. Diese durch kontextfremde Wörter charakterisierten Phänomene bezeichnen wir mit X. Hier in unserem X trifft es die "gelehrten Zitate".

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert .

Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine (auch schon vorhandene) Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab. Man vergleiche die Abbildung im Link unten.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant. Entwickeln aber später vielleicht ein besonderes aufregendes Eigenleben.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

https://up.picr.de/34491743gp.jpg
(Gebäude//Website)

(7)Bibliographische Hinweise für Interessierte

*Anz, Thomas (Hrsg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Band 1: Gegenstände und Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler 2013.

*Black, Max: Language and Reality. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 1–16.
–: Metaphor. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 25–47.
–: Models and Archetypes. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 219–243.
–: More about Metaphor. In: Dialectica 31:3–4 (1977), S. 431–457.

Chalmers, David John: The character of consciousness. Oxford/New York: Oxford University Press 2010.

Davidson, Donald: Truth and Meaning. In: Synthese 7:1 (1967), S. 304–323.
–: What Metaphors Mean. In: Critical Inquiry 5:1 (1978), S. 31–47.
–: A Coherence Theory of Truth and Knowledge. In: Truth and Interpretarion. Perspectives on the Philosophy of Donald Davidson. Hrsg. von Ernest LePore. Oxford: Blackwell 1986, S. 307–319.
–: Theories of Meaning and Learnable Languages. In: Inquiries into Truth and Interpretation. 2. Aufl. Oxford: Clarendon Press 2001, S. 3–16.

Fauconnier, Gilles/Lakoff, George: On Metaphor and Blending. http://www.cogsci.ucsd.edu/~coulson/spaces/GG-final-1.pdf

*Fauconnier, Gilles /Turner, Mark: The Way we Think. Conceptual Blending and the Mind’s Hidden Complexities. New York: Basic Books 2002.

Fauconnier, Gilles: Rethinking Metaphor. In: The Cambridge Handbook of Metaphor and Thought. Hrsg. von Raymond W. Gibbs Jr. Cambridge u. a.: Cambridge University Press 2008, S. 53–66.

Fludernik, Monika: Naturalizing the Unnatural. A View from Blending Theory. In: Journal of Literary Semantics 39:1 (2010), S. 1–27.
–: Introduction: The Rise of Cognitive Metaphor Theory and Its Literary Repercussions. In: Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. Hrsg. von Monika Fludernik. New York/London: Routledge 2011, S. 1–19.
– (Hrsg.): Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. New York/London: Routledge 2011.

**Hofstadter, Douglas/Sander, Emmanuel: Die Analogie. Das Herz des Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.

**Kohl, Katrin: Metapher. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007.
–: Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur. Berlin/New York: de Gruyter 2007.

**Kövecses, Zoltán: Where Metaphors Come from.
Reconsidering Context in Metaphor. Oxford u. a.: Oxford University Press 2015.

*Skirl, Helge/Schwarz-Friesel, Monika: Metapher. Heidelberg: Unversitätsverlag 2013.

Weinrich, Harald: Allgemeine Semantik der Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 317–327.
–: Semantik der kühnen Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 295–316. –: Streit um Metaphern. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 328–342.
 

Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


(0) Intro

Hier ein intressanter Text von Trainee:
Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)
Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung von Willibald. Was jetzt kommt, ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick Trainees Vers-Zeilen nur gestreift und ist nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös, adoptiert und Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

https://up.picr.de/34488718vg.jpg
(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Ich-Position:
Hier in der ersten Zeile spricht ein Ich, ein lyrisches Ich, es liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

"Hausinsasse" und Rollenspieler:
Alles andere als kommod und stabil - eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“.
Ein Publikum in der Nähe? Oder nur einfach Sichtbarkeit in einer Blase? Ist die Rolle vorgetäuscht? Ist das Ich in die Rolle gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend?
Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet. Sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.
Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten und Kommunikationsraum:
Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Wahrnehmungsraum:
Gekoppelt an den Kommunikationsraum baut sich vor uns ein Wahrnehmungsraum auf: Er wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche ihrer Insassen irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe, ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten geladen. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, auf den Gaumen, als Metonymie für Essen- und Essensgenuss und Völlerei. Abgesichert ist dieses Interpretation durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Das Organ "Mund" als Werkzeug des Sprechens und der Nahrungsaufnahme. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen.

So gewinnt die Bubblegum-Blase plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Lyrik ist eher der Ort für Ereignisarmes: Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum, ummittelbar im reportagehaften Präsens. Aber eben zu jeder Zeit zugänglich. Offen für das Einklionken des Lesers in Zeit und Ort des lyrischen Ichs.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“ erst mal ein massives Lyriksignal, dann markiert hier eine lyrisch codierte Beschreibung die Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition. Lyrisches Sprechen, knapp und verdichtet, nicht prosaisch ausufernd bis fett, lyriktypisches Verrätseln und lyriktypische Steigerung von Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie des zweipoligen Bildes: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport in die literarische Welt, dann wären Zwerge eben lesbar als Gegenfigur zu Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit, die manche Gedichte einfordern, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, von phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen des Vortgragenden, dass es im „Vortrag“ fairerweise einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger als die oben zitierten Texte: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erkennen:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.


Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern: Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique, eine Gang.

Mit den bekannten Eigenschaften der Gruppenbildung, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge nun verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur . Wer will, kann eine erotische Beziehung erleben: nicht introspektierbare Verstehenvorgänge zusammen mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

https://up.picr.de/34488943wt.jpg
(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus, dieser Bubblegum.

https://up.picr.de/34491689ld.jpg
(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher - Fokussieren

Betrachten wir an zwei Beispielen die Struktur von typischen Metaphern. Hier an einem Satz:

"Gelehrte Zitate sind Eis für unsere Stimmung."

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y "Eis" (Gefrorenes Wasser) hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten i]Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltwissen/Allgemeinwissen[/i] (Kälte, Abkühlung, Frieren, Erfrieren, Tod...).

• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur erlebbar zu machen und (kognitiv-emotional) aufzuhellen. Diese durch kontextfremde Wörter charakterisierten Phänomene bezeichnen wir mit X. Hier in unserem X trifft es die "gelehrten Zitate".

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert .

Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine (auch schon vorhandene) Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab. Man vergleiche die Abbildung im Link unten.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant. Entwickeln aber später vielleicht ein besonderes aufregendes Eigenleben.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

https://up.picr.de/34491743gp.jpg
(Gebäude//Website)

(7)Bibliographische Hinweise für Interessierte

*Anz, Thomas (Hrsg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Band 1: Gegenstände und Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler 2013.

*Black, Max: Language and Reality. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 1–16.
–: Metaphor. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 25–47.
–: Models and Archetypes. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 219–243.
–: More about Metaphor. In: Dialectica 31:3–4 (1977), S. 431–457.

Chalmers, David John: The character of consciousness. Oxford/New York: Oxford University Press 2010.

Davidson, Donald: Truth and Meaning. In: Synthese 7:1 (1967), S. 304–323.
–: What Metaphors Mean. In: Critical Inquiry 5:1 (1978), S. 31–47.
–: A Coherence Theory of Truth and Knowledge. In: Truth and Interpretarion. Perspectives on the Philosophy of Donald Davidson. Hrsg. von Ernest LePore. Oxford: Blackwell 1986, S. 307–319.
–: Theories of Meaning and Learnable Languages. In: Inquiries into Truth and Interpretation. 2. Aufl. Oxford: Clarendon Press 2001, S. 3–16.

Fauconnier, Gilles/Lakoff, George: On Metaphor and Blending. http://www.cogsci.ucsd.edu/~coulson/spaces/GG-final-1.pdf

*Fauconnier, Gilles /Turner, Mark: The Way we Think. Conceptual Blending and the Mind’s Hidden Complexities. New York: Basic Books 2002.

Fauconnier, Gilles: Rethinking Metaphor. In: The Cambridge Handbook of Metaphor and Thought. Hrsg. von Raymond W. Gibbs Jr. Cambridge u. a.: Cambridge University Press 2008, S. 53–66.

Fludernik, Monika: Naturalizing the Unnatural. A View from Blending Theory. In: Journal of Literary Semantics 39:1 (2010), S. 1–27.
–: Introduction: The Rise of Cognitive Metaphor Theory and Its Literary Repercussions. In: Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. Hrsg. von Monika Fludernik. New York/London: Routledge 2011, S. 1–19.
– (Hrsg.): Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. New York/London: Routledge 2011.

**Hofstadter, Douglas/Sander, Emmanuel: Die Analogie. Das Herz des Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.

**Kohl, Katrin: Metapher. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007.
–: Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur. Berlin/New York: de Gruyter 2007.

**Kövecses, Zoltán: Where Metaphors Come from.
Reconsidering Context in Metaphor. Oxford u. a.: Oxford University Press 2015.

*Skirl, Helge/Schwarz-Friesel, Monika: Metapher. Heidelberg: Unversitätsverlag 2013.

**Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Berlin: Ullstein 2018.

Weinrich, Harald: Allgemeine Semantik der Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 317–327.
–: Semantik der kühnen Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 295–316. –: Streit um Metaphern. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 328–342.
 

Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


Eine Metapher hat immer eine Quelldomäne und eine Zieldomäne, und ein metaphorisches Mapping bedeutet, Teile der Frame-Semantik der Quelldomäne gedanklich auf die – in der Regel abstraktere – Zieldomäne zu übertragen.

Zum Beispiel sprechen wir aufgrund der Metapher Mehr ist Oben von ›steigenden‹ und ›fallenden‹ Preisen – die Domäne der Vertikalität dient als metaphorische Quelldomäne für die Zieldomäne der Quantität.

Und aufgrund der Metapher Nation als Person sprechen wir von ›Gesprächen zwischen Staaten‹ – die Quelldomäne Person strukturiert das Denken und Sprechen über die Zieldomäne Nation.

Wehling, Elisabeth: Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag 2018, S. 70.
(0) Intro

Hier ein intressanter Text von Trainee:

Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)
Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung von Willibald. Was jetzt kommt, ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick Trainees Vers-Zeilen nur gestreift und ist nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös, adoptiert und Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

https://up.picr.de/34488718vg.jpg
(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Ich-Position:
Hier in der ersten Zeile spricht ein Ich, ein lyrisches Ich, es liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

"Hausinsasse" und Rollenspieler:
Alles andere als kommod und stabil - eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“.
Ein Publikum in der Nähe? Oder nur einfach Sichtbarkeit in einer Blase? Ist die Rolle vorgetäuscht? Ist das Ich in die Rolle gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend?
Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet. Sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.
Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten und Kommunikationsraum:
Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Wahrnehmungsraum:
Gekoppelt an den Kommunikationsraum baut sich vor uns ein Wahrnehmungsraum auf: Er wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche ihrer Insassen irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe, ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten geladen. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, auf den Gaumen, als Metonymie für Essen- und Essensgenuss und Völlerei. Abgesichert ist dieses Interpretation durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Das Organ "Mund" als Werkzeug des Sprechens und der Nahrungsaufnahme. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen.

So gewinnt die Bubblegum-Blase plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Lyrik ist eher der Ort für Ereignisarmes: Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum, ummittelbar im reportagehaften Präsens. Aber eben zu jeder Zeit zugänglich. Offen für das Einklionken des Lesers in Zeit und Ort des lyrischen Ichs.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“ erst mal ein massives Lyriksignal, dann markiert hier eine lyrisch codierte Beschreibung die Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition. Lyrisches Sprechen, knapp und verdichtet, nicht prosaisch ausufernd bis fett, lyriktypisches Verrätseln und lyriktypische Steigerung von Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie des zweipoligen Bildes: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport in die literarische Welt, dann wären Zwerge eben lesbar als Gegenfigur zu Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit, die manche Gedichte einfordern, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, von phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen des Vortgragenden, dass es im „Vortrag“ fairerweise einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger als die oben zitierten Texte: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erkennen:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.


Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern: Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique, eine Gang.

Mit den bekannten Eigenschaften der Gruppenbildung, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge nun verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur . Wer will, kann eine erotische Beziehung erleben: nicht introspektierbare Verstehenvorgänge zusammen mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

https://up.picr.de/34488943wt.jpg
(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus, dieser Bubblegum.

https://up.picr.de/34491689ld.jpg
(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher - Fokussieren

Betrachten wir an zwei Beispielen die Struktur von typischen Metaphern. Hier an einem Satz:

"Gelehrte Zitate sind Eis für unsere Stimmung."

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y "Eis" (Gefrorenes Wasser) hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten i]Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltwissen/Allgemeinwissen[/i] (Kälte, Abkühlung, Frieren, Erfrieren, Tod...).

• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur erlebbar zu machen und (kognitiv-emotional) aufzuhellen. Diese durch kontextfremde Wörter charakterisierten Phänomene bezeichnen wir mit X. Hier in unserem X trifft es die "gelehrten Zitate".

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert .

Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine (auch schon vorhandene) Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab. Man vergleiche die Abbildung im Link unten.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant. Entwickeln aber später vielleicht ein besonderes aufregendes Eigenleben.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

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(Gebäude//Website)

(7)Bibliographische Hinweise für Interessierte

*Anz, Thomas (Hrsg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Band 1: Gegenstände und Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler 2013.

*Black, Max: Language and Reality. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 1–16.
–: Metaphor. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 25–47.
–: Models and Archetypes. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 219–243.
–: More about Metaphor. In: Dialectica 31:3–4 (1977), S. 431–457.

Chalmers, David John: The character of consciousness. Oxford/New York: Oxford University Press 2010.

Davidson, Donald: Truth and Meaning. In: Synthese 7:1 (1967), S. 304–323.
–: What Metaphors Mean. In: Critical Inquiry 5:1 (1978), S. 31–47.
–: A Coherence Theory of Truth and Knowledge. In: Truth and Interpretarion. Perspectives on the Philosophy of Donald Davidson. Hrsg. von Ernest LePore. Oxford: Blackwell 1986, S. 307–319.
–: Theories of Meaning and Learnable Languages. In: Inquiries into Truth and Interpretation. 2. Aufl. Oxford: Clarendon Press 2001, S. 3–16.

Fauconnier, Gilles/Lakoff, George: On Metaphor and Blending. http://www.cogsci.ucsd.edu/~coulson/spaces/GG-final-1.pdf

*Fauconnier, Gilles /Turner, Mark: The Way we Think. Conceptual Blending and the Mind’s Hidden Complexities. New York: Basic Books 2002.

Fauconnier, Gilles: Rethinking Metaphor. In: The Cambridge Handbook of Metaphor and Thought. Hrsg. von Raymond W. Gibbs Jr. Cambridge u. a.: Cambridge University Press 2008, S. 53–66.

Fludernik, Monika: Naturalizing the Unnatural. A View from Blending Theory. In: Journal of Literary Semantics 39:1 (2010), S. 1–27.
–: Introduction: The Rise of Cognitive Metaphor Theory and Its Literary Repercussions. In: Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. Hrsg. von Monika Fludernik. New York/London: Routledge 2011, S. 1–19.
– (Hrsg.): Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. New York/London: Routledge 2011.

**Hofstadter, Douglas/Sander, Emmanuel: Die Analogie. Das Herz des Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.

**Kohl, Katrin: Metapher. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007.
–: Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur. Berlin/New York: de Gruyter 2007.

**Kövecses, Zoltán: Where Metaphors Come from.
Reconsidering Context in Metaphor. Oxford u. a.: Oxford University Press 2015.

*Skirl, Helge/Schwarz-Friesel, Monika: Metapher. Heidelberg: Unversitätsverlag 2013.

**Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Berlin: Ullstein 2018.

Weinrich, Harald: Allgemeine Semantik der Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 317–327.
–: Semantik der kühnen Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 295–316. –: Streit um Metaphern. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 328–342.
 

Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


(0) Intro

Eine Metapher hat immer eine Quelldomäne und eine Zieldomäne, und ein metaphorisches Mapping bedeutet, Teile der Frame-Semantik der Quelldomäne gedanklich auf die – in der Regel abstraktere – Zieldomäne zu übertragen.

Zum Beispiel sprechen wir aufgrund der Metapher Mehr ist Oben von ›steigenden‹ und ›fallenden‹ Preisen – die Domäne der Vertikalität dient als metaphorische Quelldomäne für die Zieldomäne der Quantität.

Und aufgrund der Metapher Nation als Person sprechen wir von ›Gesprächen zwischen Staaten‹ – die Quelldomäne Person strukturiert das Denken und Sprechen über die Zieldomäne Nation.

Wehling, Elisabeth: Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag 2018, S. 70.
Hier ein interessanter Text von Trainee, fern von Politik, aber - sehen Sie selbst:

Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)
Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung von Willibald. Was jetzt kommt, ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick Trainees Vers-Zeilen nur gestreift und ist nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös, adoptiert und Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

https://up.picr.de/34488718vg.jpg
(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Ich-Position:
Hier in der ersten Zeile spricht ein Ich, ein lyrisches Ich, es liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

"Hausinsasse" und Rollenspieler:
Alles andere als kommod und stabil - eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“.
Ein Publikum in der Nähe? Oder nur einfach Sichtbarkeit in einer Blase? Ist die Rolle vorgetäuscht? Ist das Ich in die Rolle gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend?
Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet. Sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.
Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten und Kommunikationsraum:
Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Wahrnehmungsraum:
Gekoppelt an den Kommunikationsraum baut sich vor uns ein Wahrnehmungsraum auf: Er wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche ihrer Insassen irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe, ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten geladen. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, auf den Gaumen, als Metonymie für Essen- und Essensgenuss und Völlerei. Abgesichert ist dieses Interpretation durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Das Organ "Mund" als Werkzeug des Sprechens und der Nahrungsaufnahme. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen.

So gewinnt die Bubblegum-Blase plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Lyrik ist eher der Ort für Ereignisarmes: Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum, ummittelbar im reportagehaften Präsens. Aber eben zu jeder Zeit zugänglich. Offen für das Einklionken des Lesers in Zeit und Ort des lyrischen Ichs.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“ erst mal ein massives Lyriksignal, dann markiert hier eine lyrisch codierte Beschreibung die Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition. Lyrisches Sprechen, knapp und verdichtet, nicht prosaisch ausufernd bis fett, lyriktypisches Verrätseln und lyriktypische Steigerung von Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie des zweipoligen Bildes: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport in die literarische Welt, dann wären Zwerge eben lesbar als Gegenfigur zu Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit, die manche Gedichte einfordern, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, von phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen des Vortgragenden, dass es im „Vortrag“ fairerweise einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger als die oben zitierten Texte: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erkennen:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.


Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern: Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique, eine Gang.

Mit den bekannten Eigenschaften der Gruppenbildung, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge nun verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur . Wer will, kann eine erotische Beziehung erleben: nicht introspektierbare Verstehenvorgänge zusammen mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

https://up.picr.de/34488943wt.jpg
(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus, dieser Bubblegum.

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(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher - Fokussieren

Betrachten wir an zwei Beispielen die Struktur von typischen Metaphern. Hier an einem Satz:

"Gelehrte Zitate sind Eis für unsere Stimmung."

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y "Eis" (Gefrorenes Wasser) hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten i]Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltwissen/Allgemeinwissen[/i] (Kälte, Abkühlung, Frieren, Erfrieren, Tod...).

• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur erlebbar zu machen und (kognitiv-emotional) aufzuhellen. Diese durch kontextfremde Wörter charakterisierten Phänomene bezeichnen wir mit X. Hier in unserem X trifft es die "gelehrten Zitate".

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert .

Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine (auch schon vorhandene) Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab. Man vergleiche die Abbildung im Link unten.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant. Entwickeln aber später vielleicht ein besonderes aufregendes Eigenleben.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

https://up.picr.de/34491743gp.jpg
(Gebäude//Website)

(7) Bibliographische Hinweise für Interessierte

*Anz, Thomas (Hrsg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Band 1: Gegenstände und Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler 2013.

*Black, Max: Language and Reality. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 1–16.
–: Metaphor. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 25–47.
–: Models and Archetypes. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 219–243.
–: More about Metaphor. In: Dialectica 31:3–4 (1977), S. 431–457.

Chalmers, David John: The character of consciousness. Oxford/New York: Oxford University Press 2010.

Davidson, Donald: Truth and Meaning. In: Synthese 7:1 (1967), S. 304–323.
–: What Metaphors Mean. In: Critical Inquiry 5:1 (1978), S. 31–47.
–: A Coherence Theory of Truth and Knowledge. In: Truth and Interpretarion. Perspectives on the Philosophy of Donald Davidson. Hrsg. von Ernest LePore. Oxford: Blackwell 1986, S. 307–319.
–: Theories of Meaning and Learnable Languages. In: Inquiries into Truth and Interpretation. 2. Aufl. Oxford: Clarendon Press 2001, S. 3–16.

Fauconnier, Gilles/Lakoff, George: On Metaphor and Blending. http://www.cogsci.ucsd.edu/~coulson/spaces/GG-final-1.pdf

*Fauconnier, Gilles /Turner, Mark: The Way we Think. Conceptual Blending and the Mind’s Hidden Complexities. New York: Basic Books 2002.

Fauconnier, Gilles: Rethinking Metaphor. In: The Cambridge Handbook of Metaphor and Thought. Hrsg. von Raymond W. Gibbs Jr. Cambridge u. a.: Cambridge University Press 2008, S. 53–66.

Fludernik, Monika: Naturalizing the Unnatural. A View from Blending Theory. In: Journal of Literary Semantics 39:1 (2010), S. 1–27.
–: Introduction: The Rise of Cognitive Metaphor Theory and Its Literary Repercussions. In: Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. Hrsg. von Monika Fludernik. New York/London: Routledge 2011, S. 1–19.
– (Hrsg.): Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. New York/London: Routledge 2011.

**Hofstadter, Douglas/Sander, Emmanuel: Die Analogie. Das Herz des Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.

**Kohl, Katrin: Metapher. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007.
–: Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur. Berlin/New York: de Gruyter 2007.

**Kövecses, Zoltán: Where Metaphors Come from.
Reconsidering Context in Metaphor. Oxford u. a.: Oxford University Press 2015.

*Skirl, Helge/Schwarz-Friesel, Monika: Metapher. Heidelberg: Unversitätsverlag 2013.

**Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Berlin: Ullstein 2018.

Weinrich, Harald: Allgemeine Semantik der Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 317–327.
–: Semantik der kühnen Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 295–316. –: Streit um Metaphern. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 328–342.
 

Willibald

Mitglied
Trainees achter Zwerg:
Botschaften aus der Bubblegum-Blase


(0) Intro

Nun ja, Trainee hat im Lyrikteil des Forums was geliefert: Kaugummiblase, sieben Zwerge, ein achter Zwerg. Zäher, sich ziehender Bubblegum. Wenn man da auf dem Schlauch steht, ist es kein Wunder, dass man sich geliefert fühlt.. Aber vielleicht liefert ja die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling Hilfestellung?

Eine Metapher hat immer eine Quelldomäne und eine Zieldomäne, und ein metaphorisches Mapping bedeutet, Teile der Frame-Semantik der Quelldomäne gedanklich auf die – in der Regel abstraktere – Zieldomäne zu übertragen.

Zum Beispiel sprechen wir aufgrund der Metapher Mehr ist Oben von ›steigenden‹ und ›fallenden‹ Preisen – die Domäne der Vertikalität dient als metaphorische Quelldomäne für die Zieldomäne der Quantität.

Und aufgrund der Metapher Nation als Person sprechen wir von ›Gesprächen zwischen Staaten‹ – die Quelldomäne Person strukturiert das Denken und Sprechen über die Zieldomäne Nation.

Wehling, Elisabeth: Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag 2018, S. 70.
Hier nun der Text von Trainee, fern von Politik, aber - sehen Sie selbst:

Bubblegum
Ich hock in einer Blase und geb den Achten Zwerg.
Der Plot verflüchtigt sich in jenem Prosamund,
aus dem man mir das Mastixhaus gepustet hat.

Im Höhlenpurpur tafeln sieben adipöse Brüder;
ich faste meist, bin adoptiert und lebe mehr auf Probe.
Für mich ist selten eingedeckt. Zuweilen reicht es für
ein Give-away: „Auf, auf zur Langzeitkur nach Riedstadt!“

Am liebsten mögen sie es aber, wenn mein Heim
zerplatzt und ich an einem zähen Gummiband
in ihre Gegenwart zurückgezüngelt werde.
(Für Paul)

Vorsichtshalber eine Anmerkung: Der Achte Zwerg trägt hier Symbolcharakter und hat mit meiner früheren Lupen-Inkarnation als eben solcher rein gar nichts (oder allenfalls auf Ebene X) zu tun.
Vorsichtshalber auch eine Anmerkung von Willibald. Was jetzt kommt, ist Erklärbär-Sprech der linguistischen, literaturwissenschaftlichen Art. Gewiss abschreckend. Allerdings tröste ich mich damit, dass Besucher bei einem Juristen nach einiger Zeit verstehen wollen und können, was er in seinem Juristendeutsch b(r)abbelt. Und umgekehrt versteht der Jurist das Reden seines Klienten.
Und so geht das hoffentlich auch mit dem Besuch beim Linguisten.

Hat mein Blick Trainees Vers-Zeilen nur gestreift und ist nicht drangeblieben, weil: Da ist zu viel zu sehr zu wenig Zusammenhang? Aber. Seltsamerweise stutze ich, eher halbbewusst, bei Wörtern mit dem a-Laut: Blase, Achter Zwerg, Prosa, Mastixhaus, adipös, adoptiert und Bubblegum (darin gleich zweimal ein verdeckter a-Laut, phonetisch). Äh, und ja, "Bubble", mundartlich "babbeln", "quasseln", "plappern". Sprachliches Schlendern.

Nun ja, bleiben wir dran? Geheimnissen wir etwas hinein, Eierkopf-Eiertänze? Lohnt es sich? Mag sein. Mal sehn.

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(Meta-Phores: Trans-Fer; Trans-Port)

(1) Basics

Ich-Position:
Hier in der ersten Zeile spricht ein Ich, ein lyrisches Ich, es liefert eine Positionsbeschreibung und eine Körperhaltung: „Ich hock“, ein Ausdruck des Geducktseins, vielleicht des Eingesperrtseins ("Ich hock in einer Blase."?„Ich hock in meinem Bonker“).

"Hausinsasse" und Rollenspieler:
Alles andere als kommod und stabil - eine Blase, wohl die Blase eines Kaugummis von der Bubblegum-Sorte. Gleichzeitig in der Selbstreflexion des Ichs ein Hinweis auf eine Rolle, die man „gibt“, die das Ich „gibt“.
Ein Publikum in der Nähe? Oder nur einfach Sichtbarkeit in einer Blase? Ist die Rolle vorgetäuscht? Ist das Ich in die Rolle gezwungen? Situationsgerecht sich adaptierend?
Dann gibt es da noch andere Bewohner des Textes: Sieben Zwerge, eher fett, gemästet. Sich der Mast hingebend? Eine Assoziation zum Mastixhaus.
Aber nein: Mastix ist ein Grundmaterial für Kaugummi, also sitzt das Ich mit der Zwergenrolle in einem Kaugummihaus, hat da sein „Heim“ (V8). Und das ist vom Zerplatzen bedroht (V9).

Adressaten und Kommunikationsraum:
Das Ich, das so redet und sich reflektiert und uns mit seinem Bild eines Höhlendaseins in der Blase konfrontiert, spricht uns nicht direkt an. Wir sind latent vorhanden. Nehmen die Textbilder und das Ich wahr. Sind so mit Literatur, mit einem Text, mit einem lyrischen Text befasst, wenn wir uns darauf einlassen. Der Kommunikationsraum von lyrischem Ich und rezipierendem Du ist bruchstückhaft da, lässt sich durch unser Hören und Sehen komplettieren, wenigstens ansatzweise.

Wahrnehmungsraum:
Gekoppelt an den Kommunikationsraum baut sich vor uns ein Wahrnehmungsraum auf: Er wird beherrscht von zwei Instanzen. Da ist die mächtige Gruppe der sieben fetten „adipösen“ Zwerge und der eher hilflose achte, fastende Zwerg. Zwei Domänen, ungleich besetzt, ungleich gewichtet.

(2) Verortung und Domänen

Ziemlich spannend, die Orte der Textfiguren, der Zwerge aufzusuchen, zu untersuchen. Und sie als Domänen zu verstehen, Bezirke und Machtbereiche ihrer Insassen irgendwie.

Die sieben Zwerge sind „adipöse Brüder“. Der achte Zwerg allerdings, der Zwerg außerhalb der märchenhaft bekannten Reihe, ist nicht nur ein Faster, also nicht adipös, er ist auch kein „echter Bruder“, ist nur „adoptiert“ und nicht wohlgelitten. Wird an der Tafel nur selten geladen. Bekommt als achter Zwerg die Konnotation „fünftes Rad am Wagen“, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese Redensart, eine Metapher für Überflüssiges, Unnötiges. Gilt sogar als ein Fall für die Psychiatrie, die „Langzeitkur in Riedstadt“ ist ja nun wirklich eine zynisch-ironische Formel, die man dem Adressaten auf den Weg mitgibt, weg von der „Normalbehausung“ Blase, weg von der Normalbehausung der Sieben.

Die aber ist nun bei den sieben Zwergen von besonderer Art. Das „Häuschen im Wald“ der Grimmschen Zwerge ist hier eine Höhle, genauer eine Tafelstätte im „Höhlenpurpur“. Das Rot mag eine königlich-dominante Konnotation besitzen, es kann zusätzlich auch auf eine Mundhöhle hinweisen, auf den Gaumen, als Metonymie für Essen- und Essensgenuss und Völlerei. Abgesichert ist dieses Interpretation durch das seltsame Lexem „Prosamund“. Das Organ "Mund" als Werkzeug des Sprechens und der Nahrungsaufnahme. Nun ist „Prosa“ ein Gegenbegriff zu Lyrik und Versen, also zu dem, was wir hier vor uns sehen.

So gewinnt die Bubblegum-Blase plötzlich den Schauwert einer „Sprechblase“, die Sprechblase ist nun allerdings das „Mastixhaus“, also das Kaugummihaus, das vielleicht an die Gummizelle alter Psychiatrien erinnern mag, aber eben nicht deren Festigkeit besitzt. So spricht einiges dafür, die Blase, die der Prosamund „gepustet“ hat, nicht nur als Produkt übelwollender Brüder zu sehen, sondern eher als eine Art instabiles Refugium, ein „Austragshäusl“, eine besondere, gar nicht verachtenswerte Enklave, ein gar nicht fernes Exil, eine Absonderung im mehrfachen Sinn des Wortes.

„Plot“ ist nun ein erzähltechnischer Begriff, gemeint ist die Ereigniskette, die - Ballade ist die Ausnahme – prosaischen Erzählungen zugrunde liegt und nur in Schwundform der typischen Lyrik. Lyrik ist eher der Ort für Ereignisarmes: Imaginationen, Emotionen, Bilder des Vorbewusstseins, aber luzide Bilder.

Einmal ist das die Absage an die Märchenerzählung und ihren Plot von der Bedrohung Schneewittchens und ihrer Aufnahme durch die sieben Zwerge und die Errettung aus dem todesähnlichen Schlaf. Dann ist es vielleicht die Fokussierung auf lyrisches Sprechen und eben nicht auf das typische Erzählen mit einer Orientierungsfigur, welche auf vergangene Ereignisse zurückblickt und so einen vergangenen Wahrnehmungsraum konstruiert, über den sie mit dem Leser kommunizieren kann. Hier in diesem Gedichtraum haben wir eben kein geselliges Kommunikationsspiel, vielmehr vor allem eine Selbstaussage und eine Selbstbeschreibung, gesprochen und vor Augen gestellt von einem Ich, lokalisiert in einem Forum, ummittelbar im reportagehaften Präsens. Aber eben zu jeder Zeit zugänglich. Offen für das Einklionken des Lesers in Zeit und Ort des lyrischen Ichs.

Dann ist der durchgehende Jambus, der lyriktypische Zeilenumbruch, die Dreistrophigkeit, der angedeutete Hebungsprall in „Auf, auf“ erst mal ein massives Lyriksignal, dann markiert hier eine lyrisch codierte Beschreibung die Außenseiterposition und auch ein wenig die Feier dieser Außenseiterposition. Lyrisches Sprechen, knapp und verdichtet, nicht prosaisch ausufernd bis fett, lyriktypisches Verrätseln und lyriktypische Steigerung von Ambiguität.

(3) Deutungsprobleme, Deutungskonflikte

Ein wenig befremdlich und gar nicht glatt ist die Konfliktlinie des zweipoligen Bildes: Einerseits ist das lyrische Ich der Sprechblase „ausgestoßen“, ein Bewohner der Lyrikblase, nahe am Sprechermund und der Sprache, aber vielleicht doch in einer Position, die dem lyrischen Ich angemessen ist. Und in der es sich nicht ganz unwohl fühlt. Ein gewisser Widerspruch.

Dann ist das Platzen der lyrischen Sprechblase im Bilde ein wenig schwierig. Ist das nun die vernichtende Rezeption von einer Sprachausübung? Kollabiert die Sprechblase mangels Resonanz? Kollabiert sie durch negative Kritik? Kollabiert sie durch Prosaproduzenten, die eben auch – natürlich – Kritiker sind und lyrische Äußerungen als minderwertig, als klappsmühlenreif, als vernichtbar behandeln? Der achte Zwerg eben ein Schriftsteller, aber nicht für voll zu nehmen?

Kollabiert aber dieser Verstehensrahmen vielleicht schon allein deswegen und grundsätzlich, weil die Märchenzwerge des Quelltextes nun einmal keineswegs sich mit Texten und Texturen befassen. Wie überzeugend ist der Transfer von sieben grimmschen „Zwergen“ in das Feld literarischer Arbeit?

Akzeptiert man aber diese Metapher, diesen Transport in die literarische Welt, dann wären Zwerge eben lesbar als Gegenfigur zu Riesen, keine Größen der Literaturszene, sondern eben das Personal, das sich in Foren gerne finden lässt. Trainee hat hier einen indirekten Hinweis gesetzt, der vielleicht um sieben Ecken herum doch auf der Ebene X das Forumgeschehen antippt, in dem Trainee mit der Rollenbezeichnung „achter Zwerg“ zuwege war und sich jetzt zum Trainee selbstironisch gemausert hat?

Schalten wir einen Gang zurück: Das Lexem „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, in der Wirkung reichend bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften.

Das Besondere: Dieser Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen.

Auf der konnotativen Ebene, der sozialen, wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“. In dieser popliterarisch fundierten Normbrechung sitzt - mehr oder weniger unfreiwillig unser lyrisches Ich, der achte Zwerg.

Wird er hier respektlos behandelt, ist er Teil einer aktiven respektlosen Behandlung der Zuschauer durch die prosaischen Zwerge? Agieren die auf ihre Weise – trotz Alters – in einer unwürdigen, provokanten, cool-lässigen, despektierlichen, halbstarken Weise? Ist der achte Zwerg passives Opfer dieser nach außen gerichteten Provokation, die eben auch die Zuschauer zu Beleidigten und Opfern machen soll?

(4) Vortrag und Vertrag

Tja, fahren wir zunächst mal schwere Geschütze auf, einen Satz des Soziobiologen Eckart Voland:
Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vorfindliche, über die Ursachen des Geschehens – letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil nicht Verstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, das sonst unverstanden bliebe.
Was für das Naturgeschehen gilt, gilt auch für die Rätselhaftigkeit und die Mehrdeutbarkeit und die oft unerträglich harte Mehrdeutarbeit, die manche Gedichte einfordern, Hansz liefert solche Texte oft.
die apfel musen dirn zur birn erweicht
die firn eis blau den stern mit apfel stielen
dem richter reicht der birn mit apfel gleich
( tells apfel)
elektrisch negative lee wellen
umstellen rosetten von schwer positiven
proton proteinen ambrosia broten
die nick neck tarinen appellen de sina
(piratae)
Der Blick auf solche Texte intensiviert sich, auch wenn die Frustration nicht klein ist, bei dieser Art von Text bei manchem Leser, nicht bei der Mehrzahl. In dieser Art von Gedichten laufen Assoziationsketten von Lexemen, von phonetisch-phonemischen Splittings, die ins Unendliche spielen, sicher viele plausible vorläufige Verstehensprozesse stimulieren, nicht unwahrscheinliche Deutungen zulassen, aber nur selten hohe Wahrscheinlichkeiten vermitteln und so doch einen erheblichen Teil der Forumsleser frustrieren.

Willibald hat es immer wieder am eigenen Leib und im eigenen Kopf gespürt. Und dann verweigert sich der Kopf dem kognitiven Imperativ, auch wohl dessen musikalisch-emotional-ikonischer Variante/Parallele. Irgendwie – so das Gefühl – verstößt der sich splittende Text gegen den stillschweigenden Vertrag zwischen Texter und Leser, gegen das latente Versprechen des Vortgragenden, dass es im „Vortrag“ fairerweise einen dechiffrierbaren Zusammenhang gibt, dass es Bestätigungen gibt, die das Hypothesenspiel nicht fast als Rorschach-Test erscheinen lassen.

(5) Im Herzen des Denkens

Auf seine Weise ist auch dieses Bubblegum-Gedicht für den Leser ein wenig oder gar sehr ein Ärgernis. Sein Provokationswert, seine ästhetische Qualität ist trotzdem und deswegen gegeben. Das Gedicht ist befremdlich, aber doch auf eine besondere Weise zuverlässiger als die oben zitierten Texte: Es ruft über die Lexeme und Verbindungen und Metaphern in überschaubarer Zahl kulturelle Einheiten, Frames und Scripte auf. Und reizt dann bei allem freien Flottieren zum Dechiffrieren und zum Mitschauen. Die anfängliche Phase der Desorientierung löst sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf, wenn man den Text als metaphorisches Sprechen erkennt.

Dafür gibt es Textsignale. Man teste sich etwa hier. Ohne allzu lange zu überlegen, wird man seltsame und weniger befremdliche und gar nicht befremdliche Gorillas erkennen:

Richard ist ein Gorilla.
Richard ist manchmal ein richtiger Gorilla
Richard ist ein drei Jahre alter Berg-Gorilla.


Im Herzen unseres Denkens erkennen und verstehen wir Metaphern: Die Kontexte enthalten eben doch Hinweise, ob ein Lexem aus seinem Ursprungsbereich herausgezogen wurde, auffällt, das Verstehen verzögert. Oder glatt und schnell verstanden werden kann, weil automatisiertes Sprechen und Verstehen greift.

Hier, in Trainees Text, funktioniert über weite Strecken Frame (und Script) des Überschriftlexems. „Bubblegum“ bezeichnet denotativ eine besondere Art von Kaugummi. Eine Genussware, die ihren Geschmack durch ständiges Kauen und ihren Wert durch (reinigenden) Speichelfluss erzielt, beruhigend wirkt und lässig cool aussieht, bis hin zur Provokation gesitteter älterer Herrschaften. Das Besondere: Der Kaugummi lässt sich durch Blasen in Ballonform und Ballongröße transformieren, man kann ihn zum Platzen bringen, man kann die entstehenden Fäden wieder in den Mund einziehen und manchmal dann durch Kauen wieder in eine energetische Form zurückbringen, auf der konnotativen Ebene wirkt das oft anstößig, irgendwie – so sagte man früher – „halbstark“, „respektlos“, „normbrechend“.

Unser Text setzt aber nicht nur diese Grundbedeutung samt ihrer Denotation und Konnotation ins Kommunikationsspiel mit dem Leser. Sehr kühn und wohl nicht zu halten: Im Bedeutungshof von „Blase“ liegt auch, wenn auch sehr entfernt, Aggregation, ein Clan, eine Clique, eine Gang.

Mit den bekannten Eigenschaften der Gruppenbildung, seien sie nun Offenheit für Nichtzugehörige oder Verhöhnung oder Abschottung gegenüber eher verachtenswürdigen Gliedern der „out-group“. Intern ist solchen Gruppierungen nicht oft Parität der Mitglieder zugeordnet, vielmehr sind Alpha- und Beta-Figuren, Ranghöhere und Rangniedere zu unterscheiden. Niederhalten oder gar Ausstoßen der Minderrangigen ist Teil des aggressiven Spieltriebes in solchen Gruppenblasen.

Kurz: Wer Bubble-Gum liest und den Schlüssel zum Thema - „Prosamund“ und „Plot“-Verlust - überliest, der wird sich von den Zwergen und ihren Verhaltensweisen frustriert abwenden. Wer aber das Haupt-Thema „literarische Produktion“ und „literarisches Sprechen“ in dem Bild der Sprechblase dechiffrieren kann, die seltsamen Zwerge nun verorten kann, der wird Lust an einer immer komplexer und doch feststrukturierten Großmetapher empfinden, wird wildes und detektivisches Denken im und am Text erleben. Eine produktive mesalliance der beiden Domänen Bubblegum und Literatur . Wer will, kann eine erotische Beziehung erleben: nicht introspektierbare Verstehenvorgänge zusammen mit rational hermeneutischen und fast schon analytisch-sezierenden und abwägenden logischen Verfahren.

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(kein wildes Denken)

Und er wird sich - schließlich/endlich/vorläufig - trotzdem an den Unschärfen und Problemen der beiden Bereiche und ihrer Kopplung reiben. Wärme – lasst es uns kühl und verfahrenstechnisch formulieren - wird dabei auf jeden Fall erzeugt. Und ja doch, auch ein Gaumenschmaus, dieser Bubblegum.

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(Augen- und Gaumenschmaus mit Bubblegum.
Trainees lyrische Metapherologie.)

(6) Bonus-Track: Die Struktur einer Metapher - Fokussieren

Betrachten wir an zwei Beispielen die Struktur von typischen Metaphern. Hier an einem Satz:

"Gelehrte Zitate sind Eis für unsere Stimmung."

• Ein konkreterer und sinnlich erfahrbarer und relativ durchschaubarer Ursprungsbereich Y "Eis" (Gefrorenes Wasser) hält bestimmte Lexeme bereit. Und die darin gespeicherten i]Konzepte/Modelle/Szenarios/Features/Gemeinplätze/
Weltwissen/Allgemeinwissen[/i] (Kälte, Abkühlung, Frieren, Erfrieren, Tod...).

• Man nutzt diese Lexeme und ihre Konzepte, um abstraktere Phänomene außerhalb von Y in ihrer Struktur erlebbar zu machen und (kognitiv-emotional) aufzuhellen. Diese durch kontextfremde Wörter charakterisierten Phänomene bezeichnen wir mit X. Hier in unserem X trifft es die "gelehrten Zitate".

• Werkzeug für diesen Vorgang ist die Metapher, eine Art poetisches Vehikel, das Wörter/Lexeme aus ihrem Ursprungsbereich heraustransportiert. Dabei werden die in den Wörtern gespeicherten Seme/Merkmale heraus- und weiter transportiert und dann projiziert .

Projiziert auf das zu erhellende Phänomen und seine (auch schon vorhandene) Struktur. Projiziert werden Seme, Konzepte oder Modelle oder Szenarios (Scripts) oder Features auf den Bildempfänger und seine bereits vorfindlichen Modelle. Das nennt man mapping, manchmal auch cross-mapping.

• In der Modellkopplung (Konzeptkopplung) wirken bestimmte Elemente des Herkunftsbereiches besonders hervorstechend, da sie in ihrem neuen Umfeld dessen Kategorien verletzen; man nennt solche Elemente die salient features (auffällige Merkmale), sie sind die zentralen Träger der entstandenen Metapher. Bestimmte, weniger passende Merkmale werden randständig, sie werden sozusagen „narkotisiert“. Die verbleibenden sind dann besonders deutungsmächtig.

• In der Terminologie eingebürgert für den Ursprungsbereich: uneigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), vehicle (Richards)subsidiary subject (Black), Bildspender, bildspendendes Feld (Weinrich), source domain/source concept (Lakoff, Johnson u.a.)

• In der Terminologie eingebürgert für den Zielbereich: eigentliches Wort (Aristoteles, Quintilian), tenor (Richards), principal subject (Black), Bildempfänger, bildempfangendes Feld (Weinrich), target domain/target concept (Lakoff, Johnson u.a.).

• Fokussieren: Bei einer erfolgten Metaphernkonstruktion fallen zunächst kontextfremde Lexeme auf. Dann wirkt der Kontext wie ein Filter: Nur bestimmte Seme werden durchgelassen. So entsteht eine Art Schnittmenge mit bestimmten Semen. Solche Merkmale gelten als kompatibel und erklärungsrelevant. Sie bilden die Kernanalogie ab. Man vergleiche die Abbildung im Link unten.

Andere Merkmale treten eher in den Hintergrund. Sie wirken (zunächst) inkompatibel (unverträglich) und kaum erklärungsrelevant. Entwickeln aber später vielleicht ein besonderes aufregendes Eigenleben.

Fokussieren ist der Oberbegriff für betonen/markieren und verbergen/narkotisieren. Die folgende Skizze zeigt im Zusammenhang, was man unter Fokussieren versteht.

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(Gebäude//Website)

(7) Bibliographische Hinweise für Interessierte

*Anz, Thomas (Hrsg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Band 1: Gegenstände und Grundbegriffe. Stuttgart: Metzler 2013.

*Black, Max: Language and Reality. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 1–16.
–: Metaphor. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 25–47.
–: Models and Archetypes. In: Models and Metaphors. Studies in Language and Philosophy. Ithaca, NY: Cornell University Press 1962, S. 219–243.
–: More about Metaphor. In: Dialectica 31:3–4 (1977), S. 431–457.

Chalmers, David John: The character of consciousness. Oxford/New York: Oxford University Press 2010.

Davidson, Donald: Truth and Meaning. In: Synthese 7:1 (1967), S. 304–323.
–: What Metaphors Mean. In: Critical Inquiry 5:1 (1978), S. 31–47.
–: A Coherence Theory of Truth and Knowledge. In: Truth and Interpretarion. Perspectives on the Philosophy of Donald Davidson. Hrsg. von Ernest LePore. Oxford: Blackwell 1986, S. 307–319.
–: Theories of Meaning and Learnable Languages. In: Inquiries into Truth and Interpretation. 2. Aufl. Oxford: Clarendon Press 2001, S. 3–16.

Fauconnier, Gilles/Lakoff, George: On Metaphor and Blending. http://www.cogsci.ucsd.edu/~coulson/spaces/GG-final-1.pdf

*Fauconnier, Gilles /Turner, Mark: The Way we Think. Conceptual Blending and the Mind’s Hidden Complexities. New York: Basic Books 2002.

Fauconnier, Gilles: Rethinking Metaphor. In: The Cambridge Handbook of Metaphor and Thought. Hrsg. von Raymond W. Gibbs Jr. Cambridge u. a.: Cambridge University Press 2008, S. 53–66.

Fludernik, Monika: Naturalizing the Unnatural. A View from Blending Theory. In: Journal of Literary Semantics 39:1 (2010), S. 1–27.
–: Introduction: The Rise of Cognitive Metaphor Theory and Its Literary Repercussions. In: Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. Hrsg. von Monika Fludernik. New York/London: Routledge 2011, S. 1–19.
– (Hrsg.): Beyond Cognitive Metaphor Theory. Perspectives on Literary Metaphor. New York/London: Routledge 2011.

**Hofstadter, Douglas/Sander, Emmanuel: Die Analogie. Das Herz des Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.

**Kohl, Katrin: Metapher. Stuttgart/Weimar: Metzler 2007.
–: Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur. Berlin/New York: de Gruyter 2007.

***Kövecses, Zoltán: Metaphor. A practical introduction. Second Edition. Oxford u.a. 2010

-:Where Metaphors Come from. Reconsidering Context in Metaphor. Oxford u. a.: Oxford University Press 2015.

*Skirl, Helge/Schwarz-Friesel, Monika: Metapher. Heidelberg: Unversitätsverlag 2013.

**Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag 2018.

*Weinrich, Harald: Allgemeine Semantik der Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 317–327.
–: Semantik der kühnen Metapher. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 295–316. –: Streit um Metaphern. In: Sprache in Texten. Stuttgart: Klett 1976, S. 328–342.
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Redaktionserklärung

Das sich der Text mit einem Werk der Leselupe beschäftigt und deshalb aus dem Werkeforum (Journalismus) entfernt wurde, andererseits aber ein gutes Bespiel dafür ist, wie man sich einem Text nähern kann, verlege ich den Thread ins Theorie-Forum.
Bei der Gelegenheit habe ich die Kommentare abgetrennt, die sich mit dem Sinn oder Unsinn der vorherigen Redakteursentscheidung befassten. Somit ist hier Platz für eine Diskussion über den Text und/oder die vorgestellte Arbeitsweise.
 
T

Trainee

Gast
Vielen Dank, Jon.

Das ist ein wirklich schönes Asyl. - Wegen der Integration des Verfassers mache ich mir übrigens keine Sorgen: Deutsch (in Wort und Schrift) beherrscht der schon sehr gut. :)

Trainee
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich würde sagen, es ist mehr als ein Asyl. Es ist eine Wohnstatt.
Wie ein Magnet hat das Theorieforum den Text angezogen.
Alles ausgesprochen wohltuend.
 

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