Trance (Neubearbeitung)

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Willibald

Mitglied
Burnus

Da war nicht bloß das Bewusstsein, dass da etwas ist, vielmehr das bestürzende Gewahrsein von etwas unaussprechlich Gutem. Und nachdem es verschwunden war, beharrte die Erinnerung darauf, die Erfahrung von etwas Realem gemacht zu haben. Alles andere mag ein Traum sein, dieses nicht.
William James: The Varieties of Religious Experience. Edinburgh 1901/1902


Sie hatte sich vorsichtshalber in dem Kloster für ein Wochenende angemeldet, um Ruhe zu finden, um das "Burn-out-Syndrom" anzugehen, irgend etwas musste sie ihrer Familie ja erzählen. Und im Kloster kannte sie niemand. Kaum einer würde sich die Mühe machen, gleich herauszufinden, warum der angemeldete Gast nicht erschien. Und wenn, dann wäre sie schon tot.

Nein, hier diese Wiese war ihr Ziel, wo man sie erst spät finden würde. Eine Wiese, Weidenbäume, ein mooriger Weiher. Die Großmutter hatte sie oft hierher mitgenommen, wenn sie Kamillenblüten pflückte. Den moorigen Weiher sollte sie meiden, weil er für das kleine Kind gefährlich war.

Die Großmutter war vor fünfzehn Jahren gestorben, eine breite, behäbige Frau, in Budweis geboren, Tschechisch und Deutsch mischend. Sie hatte am Sonntag den Sauerbraten in der Rahmsoße zusammen mit den Serviettenknödeln aufgetischt, es schmeckte noch besser als am Samstag, und sie hatte bei der Arbeit gesungen und dazu den Kopf gewiegt:

Ja, du Land in weiter Ferne,
Ganz verhüllt sind deine Sterne,
Ferne ist der Kindheit Licht,
Und auf schwarzen Eulenschwingen
Fällt die Traurigkeit mich an
will mir durch die Schläfe dringen.
O, was hab ich nur getan?


Aber es war seltsam, die Großmutter sang zwar inbrünstig die Zeilen, manchmal weinte sie sogar ein wenig dabei, aber dann sang sie lächelnd die Strophe noch einmal und stupfte im Takt das zuhörende Mädchen in das Bäuchlein und in die Seite. Und das Mädchen durfte eine getrocknete Wacholderbeere zerbeißen und dann den Finger in die Sahne tunken, die man für die "svickova" brauchte.

Luise setzte sich ins Gras, sie hatte die Tabletten dabei, sie würde sie im Mund zerbeißen, sie hatte eine Thermosflasche mit Wasser, das würde sie nachtrinken und alles herunterspülen. Dann würde es soweit sein. Sie würden sie hier finden, nicht weit von dem Weiher. Ein Bauer vielleicht oder ein Angler.

Luise sah zu dem Wasser hinüber und war seltsam angerührt - dort saß ein kleines Mädchen schmal in der Wiese. Mit einem Tuch auf dem Kopf. Eine Art Burnus.

Vier Knoten hatte Großmutter damals in das große Taschentuch geknüpft, vier Knoten, an jedem Ende einer. Sie hatte der Enkelin das Tuch auf den Kopf gelegt, als Schutz vor der Sonne. Sie hatte ihr über die Wange gestreichelt, hatte "krasna holcicka" gemurmelt und war dann in die Wiese weggetaucht, um Kamillenblüten im Korb zu sammeln, die man später auf der Terrasse zum Trocknen auf einem Tuch auslegen würde.

Ein Burnus! Sie hatte einen Burnus wie ein Araber. Man durchquerte die Wüste und kannte die geheimen Wasserstellen und die grünen Oasen. Hier die Oase hatte flaschengrünes Riedgras und ein Steilufer und einen morschen Holzsteg, auf dem man seine Schritte vorsichtig setzen musste. Und dort drüben erhob sich die dicke Weide, in der zwei Hexen saßen und ihre schilfgelben Haare verwundert oder höhnisch schüttelten. Besser man schaute nicht hin.

Der Araber nahm einen dürren Ast, betrat vorsichtig die Bretter des Holzstegs und ging an seinem Ende in die Hocke, dann auf die Knie. Er besah lange sein Spiegelbild, berührte dann mit dem Ast das geknotete Tuch im Wasser und das Gesicht. Blinkende Punkte sprangen über den Spiegel. Unter den Knieen bewegte es sich leise: der Weiher tätschelte schmatzend das Ufer und alle Konturen ringsum schienen sich aufzulösen.

Dann spürte er, dass etwas hinter ihm stand, etwas streichelte über die Flaumhaare in seinem Nacken, es streichelte über den Hinterkopf, es zupfte an einem Knoten des Burnus. Wahrscheinlich lächelte es. Am besten, man stand auf, hielt aber den Nacken gebeugt, damit die Liebkosungen des Unsichtbaren nicht aufhörten. Und man atmete ganz ruhig und man schloss die Augen, solange der Unsichtbare da war.

Als Luise die Augen öffnete, war das Mädchen mit dem Burnus nicht mehr zu sehen. Aber die Baumhexen saßen nicht weit von ihr und schienen auf etwas zu warten. Als Luise aufstand, schüttelten sie voll Wut ihre schilfgelben Haare.

(Der Text "Trance" wurde von Dornrosis und ihrer dunkel-schönen Geschichte "Suizid?" angeregt. Ich hoffe, der Trance-Text kann ein wenig die Erinnerung an transpersonale Erfahrungen wecken - nicht nur bei einem Skeptiker wie William)
 
D

Daktari

Gast
fröstel

Hi, Willibald!

Mir gefällt der Text sehr gut. Er hat etwas wehmütiges, eine Erinnerung an eine andere Zeit - vielleicht sogar ein anderes Leben. Und ein wenig auch was Unheimliches. Ich war auch schon in ähnlichen Situationen und kann das gut nach vollziehen.

Weiter so.

Ciao
Tim
 

Willibald

Mitglied
Löwen unter sich

Hi, großer Löwe mit dem klaren Auge

Mir gefallen deine "giftigen Lügen" sehr gut-

Feinedialogtechnik, untergründiger, grotesker Humor.

Salute

william
 


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