Traum. Angst. Angst. Traum. - Sonnet in Amphybrachien

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Walther

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Traum. Angst. Angst. Traum.

Ich spüre mein Atmen. Ich fühle mein Herz.
Es will nach dir schlagen. Es will nicht verstehn.
Mir trocknen die Tränen. Doch tief in mir Schmerz
Und höchste Verzweiflung: Erhöre mein Flehn!

Vergaß ich die Liebe? Vergaß ich auch dich?
Den Kopf in den Händen, den Windzug im Haar:
Mich martern Gedanken, ich fühle nur mich
Und spüre die Leere. Ich weiß, es ist wahr,

Was ich stets negierte: Dass du heute gehst,
Die Türe verschließt, und nichts bleibt im Raum.
Ich sehe dein Zögern, wie du kurz noch stehst,
Dann höre ich Schritte und glaube es kaum:

Nach dir kommt der Winter. Selbst Sommer sind kalt.
Mit dir flieht die Jugend. Ich fühle mich alt.
 

Samoth

Mitglied
Das Schreiben besteht aus Ich, das lässt sich nicht von der Hand weisen, lieber Walther.

Mensch will teilnehmen, kommunizieren. Nun hats das mobile Arbeiten dazu (auch Homeoffice genannt). Es entstehen noch mehr Distanzen, aber wir sind en vogue und im Abgrund zugegen.
 
G

Gelöschtes Mitglied 15780

Gast
Und woraus besteht das "Ich", Samoth?
Es besteht aus Intentionen, wie ein Gespräch. Man könnte genauso gut sagen, es bestünde aus "Du".
 

Walther

Mitglied
Das Schreiben besteht aus Ich, das lässt sich nicht von der Hand weisen, lieber Walther.

Mensch will teilnehmen, kommunizieren. Nun hats das mobile Arbeiten dazu (auch Homeoffice genannt). Es entstehen noch mehr Distanzen, aber wir sind en vogue und im Abgrund zugegen.
Hi Samoth,
danke füs lesen und bedenken. das "ich"! ist eine schale, in der sich vieles fassen lässt. das lyrische ich weist über den autor weit hinaus.
lg W.
Und woraus besteht das "Ich", Samoth?
Es besteht aus Intentionen, wie ein Gespräch. Man könnte genauso gut sagen, es bestünde aus "Du".
lb Hansz,
auch dir mein dank fürs reinlesen. der leser darf das ich erfühlen, sich vielleicht in ihm wiedererkennen. jeder hat ein du, das ihn verließ - warum auch immer.
lg W.

der dichter dankt @Samoth für die leseempfehlung!
 
G

Gelöschtes Mitglied 15780

Gast
Es ist interessant, lieber Walther,

wie der Kreuzreim so ganz anders wirkt als der umarmende, der den Sonett-Quartetten meistens den "weiter" ausgreifenden Sinn- und Melodie-Wurf gibt. Die Terzette wirken durch das gleichartige metrische Fortwechseln auch weniger antithetisch oder synthetisch-abgetrennt; das leistet dann das "englisch" abschließende Reimpaar der Resumée-Klausel.

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Es ist interessant, lieber Walther,

wie der Kreuzreim so ganz anders wirkt als der umarmende, der den Sonett-Quartetten meistens den "weiter" ausgreifenden Sinn- und Melodie-Wurf gibt. Die Terzette wirken durch das gleichartige metrische Fortwechseln auch weniger antithetisch oder synthetisch-abgetrennt; das leistet dann das "englisch" abschließende Reimpaar der Resumée-Klausel.

grusz, hansz
Lib Hansz,
das andere reimschema ist dem faktum geschuldet, dass ich dieses gedicht von reimbild her dem englischen sonnet nach geschrieben habe: ababa cdcd efef gg. man dieses diese spielart des sonetts auch englisches oder Shakespeare-Sonnet/Sonett. auch von der architektur her ist diese sonettart ein wenig anders.
du hast die "quintessenz in der letzten doppelzeiligen strophe ja schon angemerkt.
lg W.

der dichter dankt auch @Mondnein für die freundliche lesempfehlung!
 
G

Gelöschtes Mitglied 15780

Gast
Ja, danke Walther,

Deine Eulen sind gerade in Athen angekommen.
Als ich mir die Kreuzreimfolge so neu, unbefangen und frisch wie möglich durchsingen wollte, fiel mir nur eben dies ein (entschuldige die Wiederholung gleich hier),
daß durch die englische Strophenform des Sonnets die ABAB-Zweier den Rhythmus derart bestimmen,
daß die Quartette nicht wie benachbarte Zimmerräume als Nachbarzellen gegliedert sind, von denen sich der Flur zu den Schlußbetrachtungen öffnet,
sondern daß da eine Großstrophe von sechs mal zwei gleich zwölf kreuzreimend treppab gestuften Versen oder links-rechts-wechselnden Schritten hinabschreitet.

Der Paarreim am Schluß klingt dann immer etwas altbacken sentenzenhaft abgesondert, wenn da ein allgemeingültiger Schluß gezogen wird. Dem entgehst Du, weil Du die gefolgerte Weisheit völlig individualisierst, personal auf Dein Lyrisches Ich beziehst. Dann ist die Schlußfolgerung nichts als Essenz von dessen Erfahrung.
Nach dir kommt der Winter. Selbst Sommer sind kalt.
Die Empfindungswechsel, metaphorisch das Links-Rechts der Jahreszeitenschritte, tragen den Rhythmus des Kreuzreims ins Bild, in die Schlußmetapher, Muß förmlich im Paarreim ausklingen, bei zwei umfassenden Antithesen-Polaritäten (Sommer-Winter, jung-alt) stehenbleiben.

grusz, hansz
 
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