Traum eines winters

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L'étranger

Mitglied
Hallo Walther,

Ich lese deine ungereimtheiten Gedichte mit Interesse.

Hier missfällt mir die zweite Strophe; ich verstehe einfach nicht, was das Stilmittel der Silbentrennung hier leistet. Es ist ja kein Klanggedicht, wo ich das viel besser nachvollziehen könnte.
Ich fliege bei diesem Gedicht in Strophe 2 ohne jeden Lustgewinn aus der Kurve.

Bei einem Genussleser wars das dann. Ich möchte meinen, da geht's nicht nur mir so.

Gruß Lé.
 

Walther

Mitglied
Hallo Walther,

Ich lese deine ungereimtheiten Gedichte mit Interesse.

Hier missfällt mir die zweite Strophe; ich verstehe einfach nicht, was das Stilmittel der Silbentrennung hier leistet. Es ist ja kein Klanggedicht, wo ich das viel besser nachvollziehen könnte.
Ich fliege bei diesem Gedicht in Strophe 2 ohne jeden Lustgewinn aus der Kurve.

Bei einem Genussleser wars das dann. Ich möchte meinen, da geht's nicht nur mir so.

Gruß Lé.
Hi Lé,

danke fürs lesen. es gibt gute gründe für diese dekontrunktion, schlimmer: es gibt für diese art von poemen sogar eine von mir entwickelte poetik.
und einen kompletten gedichtband mit dem titel "die dunkle seite der nacht", den man erwerben kann. bei mir und beim verlag dahlemer verlagsanstalt Berlin.

du ahnst, daß ich daher das "aussteigen" sogar absichtsvoll und bewußt in kauf nehme. die erzwungene verlangsamung des lesevorgangs durch die dekonstruktion ist gut begründbares programm. wer die zeit nicht mitbringt, diese langsamkeit mitzumachen, ist nicht der leser, den diese art von poemen ansprechen möchte.

wir werden also in diesem falle nicht zusammenfinden. nun könnte man dem poeten arroganz und mangelnde lernfähigkeit unterstellen. damit muß er dann eben leben.

lg W.
 

L'étranger

Mitglied
Hallo Walther,

so etwas kann man natürlich schwer ausdiskutieren. Ich gebe aber folgendes zu bedenken:

Das einzige, was du mit dieser Schreibweise erreichst, ist eine Einengung deines Leserkreises auf elitäre Leserschichten. Du versäumst dagegen die Chance, dass dein Text allein durch seinen Klang und seine Sprache einen breiteren Kreis von Lesern anregt, ihn wiederholt und vertieft wahrzunehmen.

Gruß Lé.
 

Mondnein

Mitglied
Das weckt, lieber Walther,

auf eine harmonische, freundliche Art die Aufmerksamkeit des Leser, dieses musikalische Wiederholungsspiel der Syntax-Wellen:

Zu müde um zu sehen zu er
fahren um zu hoffen zu oft miss
braucht um sich

Zu er freuen
zu müde - da danach der bloße Infinitiv genügt, macht das "zu" den Infinitiv etwas breiter, schwerer, entsprechend der Müdigkeit, mit dem Beiklang von "um (herum)";
zu erfahren - bivalent die Wiederholungswelle des erweiterten Infinitivs ("zu") und des ersten "zu" (allzu), mit der Enjambements-Pause der leichte Zurück-Sog hinter der ersten Welle, vor der zweiten;
und er wiederholte, echohaft dem ersten entsprechende Zurück-Sog nach der dritten "Zu"-Mutung, vor der vierten;
im Strophen-Enjambement dann, mit der stärkeren Erwartungs-Pause dann eine auflockernde Antithese "Zu er freuen". Auch ambivalent, da die Freude dem "Mißbrauch" unterliegen kann, oder im Gegenteil wie ein kleiner Lichtblick den Sinnschatten durchbricht.

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Hallo Walther,

so etwas kann man natürlich schwer ausdiskutieren. Ich gebe aber folgendes zu bedenken:

Das einzige, was du mit dieser Schreibweise erreichst, ist eine Einengung deines Leserkreises auf elitäre Leserschichten. Du versäumst dagegen die Chance, dass dein Text allein durch seinen Klang und seine Sprache einen breiteren Kreis von Lesern anregt, ihn wiederholt und vertieft wahrzunehmen.

Gruß Lé.
lb Lé,
deine ansicht respektiere ich, teile sie aber nicht.
lg W.
Das weckt, lieber Walther,

auf eine harmonische, freundliche Art die Aufmerksamkeit des Leser, dieses musikalische Wiederholungsspiel der Syntax-Wellen:



zu müde - da danach der bloße Infinitiv genügt, macht das "zu" den Infinitiv etwas breiter, schwerer, entsprechend der Müdigkeit, mit dem Beiklang von "um (herum)";
zu erfahren - bivalent die Wiederholungswelle des erweiterten Infinitivs ("zu") und des ersten "zu" (allzu), mit der Enjambements-Pause der leichte Zurück-Sog hinter der ersten Welle, vor der zweiten;
und er wiederholte, echohaft dem ersten entsprechende Zurück-Sog nach der dritten "Zu"-Mutung, vor der vierten;
im Strophen-Enjambement dann, mit der stärkeren Erwartungs-Pause dann eine auflockernde Antithese "Zu er freuen". Auch ambivalent, da die Freude dem "Mißbrauch" unterliegen kann, oder im Gegenteil wie ein kleiner Lichtblick den Sinnschatten durchbricht.

grusz, hansz
lb Hansz,
danke vielmals -so unterschiedlich ist der blick auf die dinge. poesie ist auch geschmacksache. das gilt für alle kunst. das handwerkliche verschwindet oft dahinter bzw. -runter.
enjambements und dekonstruktion sind als trigger für assozationsketten eingesetzt, die sie beim leser anregen. assoziieren setzt langsamkeit voraus - also das kurze aufsehen, das gedankenfeuer loslassen, wieder einfangen, weiterlesen. soweit zum thema "genußleser". man sehe mir den schlenker nach. aber diese texte haben eine klare und fokussierte konzeption. die mittel sind geplant eingesetzt. jeder umbruch hat eine funktion, die versalien am strophenanfang ebenso wie enjambements und die spärlichen satzzeichen. die redaktion, die kleinschreibung, die dekontruktion der wörter auf ihre bausteine und silben ist programm.
es freut mich, wenn das entdeckt wird. dafür danke ich dir sehr. und natürlich für deine gedanken und die leseempfehlung.
bleib(t) gesund!
lg W.
 

Mondnein

Mitglied
Ja, Walther,

jeder umbruch hat eine funktion, die versalien am strophenanfang ebenso wie enjambements und die spärlichen satzzeichen. die redaktion, die kleinschreibung, die dekontruktion der wörter auf ihre bausteine und silben ist programm.
es freut mich, wenn das entdeckt wird
gewiß etwas überflüssig - abundant und redundant - von mir, hier nachzuschieben, daß ich (außer den Versalien am Strophenanfang, die bei Dir, wie schon beschrieben, die Enjambement-Pause zwischen den Strophen verstärken) die gleichen Stilmittel einsetze, das selbe "Programm".
Eigentlich klassisch, nicht erst seit Jan Wagner. Aber der wurde dafür noch voriges Jahr in der Sächsischen Zeitung böse verrissen, von einem konkurrierenden (nicht ganz so berühmten) Dichter. Mein Leserbrief dazu wurde nicht abgedruckt, der Verriß-Autor antwortete mit Schweigen. Ich kann im "Poetenladen" nicht mehr landen, ich habs mir verbaut.
Aber es hat mich sehr geärgert, daß so ein Verriß - wie heißt es im Evangelium? - "am grünen Holze geschieht", denn was will ich am "trockenen Holze" erwarten?

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Ja, Walther,


gewiß etwas überflüssig - abundant und redundant - von mir, hier nachzuschieben, daß ich (außer den Versalien am Strophenanfang, die bei Dir, wie schon beschrieben, die Enjambement-Pause zwischen den Strophen verstärken) die gleichen Stilmittel einsetze, das selbe "Programm".
Eigentlich klassisch, nicht erst seit Jan Wagner. Aber der wurde dafür noch voriges Jahr in der Sächsischen Zeitung böse verrissen, von einem konkurrierenden (nicht ganz so berühmten) Dichter. Mein Leserbrief dazu wurde nicht abgedruckt, der Verriß-Autor antwortete mit Schweigen. Ich kann im "Poetenladen" nicht mehr landen, ich habs mir verbaut.
Aber es hat mich sehr geärgert, daß so ein Verriß - wie heißt es im Evangelium? - "am grünen Holze geschieht", denn was will ich am "trockenen Holze" erwarten?

grusz, hansz
Hi Hansz,
in der tat - wir liegen hier nahe beieinander. wie weit dekonstruktion gehen darf, spaltet und bewegt die gemüter. das werden wir nicht ändern.
lg W.
 

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