Triage (I-IV)

Triage

„Il n’y a point de hazard: tout est épreuve, ou punition, ou récompense, ou prévoyance”



Voltaire


I.



Als das Telefon neben der Obstschale vibrierte, stob eine Wolke Fruchtfliegen von einer braunen Banane auf. Eigentlich erwartete Otte keinen Anruf; im Gegenteil: er hatte die ganze Zeit mit sich gerungen, ob er nicht selbst bei Martina anrufen und sich für sein Benehmen am Vortag entschuldigen sollte.

Das Display zeigte eine unbekannte Festnetznummer an. Nicht einmal die Vorwahl sagte ihm etwas. Er überlegte, ob er den Anruf wirklich annehmen sollte. Wahrscheinlich war es sowieso nur irgendein Meinungsforschungsinstitut. Und wenn schon, auch nur arme Schweine, dachte Otte. Er wischte auf das grüne Hörer-Piktogramm zu. Er fragte sich, ob seine jüngeren Kollegen überhaupt noch wussten, wofür dieses Bild stand. Vielleicht schauten manche von ihnen alte Filme im Fernsehen, in denen tatsächlich noch Menschen Telefonhörer in ihren Händen hielten, um zu telefonieren. Er meldete sich:

„Ja, bitte.“

„Hier ist die Firma Transint aus Herne. Spreche ich mit Herrn Dr. Otto?“

Die Stimme klang nach einem jungen Mann.

„Mein Name ist Otte, nicht Otto.“

„Oh, Verzeihung, Herr Dr Otte. Ebner mein Name, ich bin neu hier im Büro. Sie stehen auf meiner Liste als Rufdienst für Intensivtransporte heute.“

Otte schwieg und schaute auf den „Famous bikes of the Sixties“-Kalender, den ihm die Jungs vom Club zu Weihnachten geschenkt hatten, aber der stand noch auf März. Da war etwas gewesen, ein Diensttausch, um den Keller ihn gebeten hatte.

„Herr Dr. Otte? Sind sie noch dran?“

„Ja, Sie haben recht, ich habe Rufdienst heute“, sagte Otte, obwohl er sich immer noch nicht sicher war, „was steht an?“

„Ein zeitkritischer Transport von Hagen nach Bochum zur ECMO-Anlage.“

„Infektiös?“

„Patientin hat COVID-19.“

„Ich hab’s geahnt.“

„Wie lang brauchen Sie, bis sie am Stützpunkt sind, Herr Dr Otte?“

„Geben Sie mir 20 Minuten.“

„In Ordnung. Ich sage dem Team Bescheid.“

Na, großartig. Gut, dass er doch rangegangen war. Das wäre sonst peinlich geworden. Ich werde vergesslich, dachte Otte, sowas wäre mir früher nicht passiert.

Es war Sonntag. Die roten Leuchtziffern des Radioweckers auf der Fensterbank zeigten 11:38 a.m. an. Fünf Minuten konnte man abziehen. Otte stellte ihn immer so ein, dass er mindestens fünf Minuten vorging. Das änderte aber nichts daran, dass Otte weder geduscht noch gefrühstückt hatte.

Wenigstens noch einen Kaffee, dachte er, und warf den Vollautomaten an. Der zeigte ihm an, dass er erst den Kaffeesatz ausleeren müsse. Irgendwie hatte das Ding nicht die Leichtigkeit in sein Leben gebracht, die er sich davon versprochen hatte.

Er roch an seinem T-Shirt und beschloss, ein frisches anzuziehen, auch wenn sie eh gleich schwitzen würden wie am Hochofen in ihren Schutzanzügen. Es waren nicht mehr viele frische Sachen im Schrank. Dafür quoll die Alutonne im Bad über. Er stopfte noch schnell eine Ladung Dreckwäsche in die Maschine und dachte diesmal auch daran, den Zulaufhahn zu öffnen.

Otte sprühte sich etwas Deo unter die Achseln und kämmte sich seine Haare zurück. Sie waren lang gewachsen in der Pandemie, fast wie früher, in seinen wilden Jahren, aber nicht mehr so voll und nicht mehr so braun. Auf eine Rasur verzichtete er, obwohl sie nötig gewesen wäre.

Hoffentlich war Christina heute nicht wieder mit ihm im Dienst. Beim letzten Einsatz, den er mit ihr gemacht hatte, hatten sie nebeneinander an den Griffen des Tragetuchs geächzt, als es darum ging, einen Mann für eine dringende MRT-Untersuchung zu verlegen, weil der in ein herkömmliches MRT nicht hineinpasste. 130 kg hatte auf der Transportanforderung gestanden. Aber das war wohl nur das Ende des Messbereichs der Waage gewesen. Christina war die einzige in dem Laden, vor der ihm sein heutiges Äußeres peinlich gewesen wäre. Dabei war sie viel zu jung, als dass er auch nur entfernt daran glauben konnte, sie zu beeindrucken. Trotzdem schaute er sie sich gerne an, eine fast überirdische Erscheinung zwischen den vielen von Nachteinätzen und Imbissbudenessen gezeichneten Gesichtern und Silhouetten. Christinas rote Haare leuchteten jedes Mal auf, wenn ein Lichtstrahl sie traf, wie eine fabrikneue Kupferspule. Ihre Haut überzog sich im Sommer mit Sommersprossen und blieb darunter quarkweiß. Wenn sie ihn mit ihren grauen Augen ansah, hoffte Otte, dass sie nicht nur sein graues Haar, die Furchen in seinem Gesicht und seine dauergeröteten Augen sah, sondern auch noch den gutaussehenden Typen, als den sie ihn früher bezeichnet hatten. Hässlich war schon genug an der Welt, in der er sie beide sich bei der Arbeit bewegten.

Endlich gehorchte der Automat Ottes Anweisung: große Tasse, Stärke drei. Im Kühlschrank fand er hinter dem Curry-Ketchup noch eine angebrochene Packung H-Milch, die den Geruchstest bestand. Damit brachte er den Kaffee auf Trinktemperatur und leerte die Tasse in einem Zug. Als er sie absetzte, konnte er nicht umhin, noch einmal den aufgedruckten Werbespruch der Leiharbeitsfirma auf der Tasse zu lesen. „Wir holen Ihnen einen Arzt - schnell!“

Erst jetzt bemerkte er die Katze, die draußen auf der Fensterbank saß und ihn anstarrte.

„Ist ja gut, ich hab‘ dich nicht vergessen“, log Otte, während er das letzte Drittel aus der Nassfutter-Dose kratzte. Er öffnete die Balkontür und stellte den Napf vor die Katze hin, versperrte ihr aber mit den Füßen den Weg nach drinnen.

„Du langweilst dich doch nur drinnen, während ich weg bin, Toni.“

Toni kniff die Augen zusammen und maunzte. Die Sonne schien zwar, aber es wehte ein kalter Wind. Alles an Toni sagte, dass sie das Sofa vorgezogen hätte.

Otte streichelte Toni noch einmal schuldbewusst über den schwarzen Kopf, dann sperrte er sie aus.

Es war nicht seine Idee gewesen, sich ein Haustier anzuschaffen. Martina hatte ihm die Katze aus dem Tierheim mitgebracht, in einer eigens dafür angeschafften Transportbox, an deren Innern das Tier verzweifelt kratzte, einen Tag nach dem Otte Martina geholfen hatte, die letzten vier Umzugskisten runterzutragen. Es hatte ihn gerührt damals: sie, die sich auf lauter neue Bekanntschaften im Wohnheim freute, wollte ihren Vater nicht einsam wissen. Kaum hatte er die Box geöffnet, war die Katze schon zu den Staubmäusen unter seinem Bett verschwunden. Erst am übernächsten Tag hatte er sie mit ein paar stinkenden Trockenfisch-Streifen aus dem Tiergeschäft zum ersten Mal hervorlocken können. Danach musste er zwei Wochen lang Türen und Fenster geschlossen halten, so hatten sie es Martina im Tierheim erklärt, bis er sie das erste Mal rauslassen durfte. Er hatte sich daran gehalten, und seitdem kehrte die Katze tatsächlich nach jedem Streifzug zu ihm zurück.

Den Namen Toni hatte die Katze schon aus dem Tierheim mitgebracht, und obwohl er Otte seltsam für eine Katze erschienen war, hatte er ihn beibehalten. Er konnte sich vorstellen, wie die Namensgebung abgelaufen war: Das Kind wollte die Katze unbedingt Tom nennen, wegen Tom und Jerry. Die Eltern sagten: das geht doch nicht, dann denken doch alle, sie sei ein Kater. Toni war dann der Kompromiss, der am Ende dabei herauskam. Und wie alle schalen Kompromisse wollte man sie irgendwann wieder loswerden.

Anfangs hatte Otte sich Sorgen gemacht, wie das gehen sollte, er war ja oft lange weg. Aber Toni hatte schnell ihre Wege nach draußen über die Dächer gefunden. Sie kam, wenn sie Futter wollte, oder wenn Otte sie streicheln sollte. Wenn es regnete und Otte frei hatte, dann hingen sie gemeinsam auf dem Sofa herum und sahen sich Western mit John Wayne oder James Stewart an, oder hörten eine von Ottes schon ziemlich zerkratzten Johnny Cash-Platten. Ab und zu bohrte Toni dann liebevoll ihre Krallen in Ottes Jeans, bis hart an die Schmerzgrenze.

Besser als im Tierheim hat sie es bei mir allemal, sagte sich Otte immer wieder. Sie dankte es ihm auch immer wieder mit kleinen Geschenke, ganzen und halben Mäusen vornehmlich, seltener mit Vögeln, zum Glück, denn dann bekam Otte immer ein schlechtes Gewissen, dass er sie draußen jagen ließ, und schimpfte mit ihr.

Er musste wirklich los! Im Flur nahm er seine gefütterte Lederjacke vom Haken, und schlüpfte in die Stahlkappenstiefel, die er auch während der Arbeit trug. Als er aus der Wohnung trat, stieg ihm ein schwer erträgliches Gemisch aus Essensdünsten und Essigreiniger in die Nase.

Die Wohnung war nach der Scheidung das Beste gewesen, was er auf die Schnelle gefunden hatte. Das war mittlerweile dreizehn Jahre her, er hatte sich längst an das Provisorium gewöhnt, warum sollte er jetzt noch umziehen? Zwei Zimmer reichten ihm völlig, erst recht seit Martina ausgezogen war. Außerdem war die Wohnung billig. Trotz der Unterhaltszahlungen hatte er immer genug Geld auf dem Konto, konnte immer großzügig sein, wenn er das wollte. Nur die Gerüche im Hausflur, die störten ihn immer noch. Er lief so schnell er konnte die zwei Treppen zur Haustür hinunter.

Es war seltsam still auf der Durchgangsstraße. An den Ebereschen am Straßenrand zeigte sich das erste Frühlingsgrün. Otte fragte sich, wann er das letzte Mal an einem Sonntag dort entlanggegangen war. Auch auf dem Bürgersteig kam ihm kaum jemand entgegen. Nur einmal musste er einer jungen Familie mit einem Doppel-Kinderwagen ausweichen. Die beiden Babies befingerten sich gegenseitig. Ein Mädchen im Kindergartenalter stand auf dem Trittbrett des Kinderwagens und beobachtete seine beiden Geschwister wie zwei exotische Zootiere. Ein etwas älterer Junge trottete hinterher und tat so als hielte er ein Gewehr in den Händen, mit dem er auf Ziele schoss, die nur er sah. Die Gesichter der Eltern erinnerten Otte an sein eigenes im Spiegel, wenn er nach einer durchgearbeiteten Nacht nach Hause kam.

So viele Kinder, dachte Otte, wir haben uns damals schon über zweien zerstritten.

Er genoss den kurzen Fußweg durch die klare Frühlingsluft bis zu dem Garagenhof, in den er sich eingemietet hatte. Ein gutes Geschäft, so ein Garagenhof, dachte Otte wie so oft, wenn er den Hof betrat, wenig Unterhaltskosten, selten Ärger mit Mietern, selten dass mal eine Garage längere Zeit leer stehen blieb. Und wenn wirklich mal einer seine Miete nicht mehr zahlte, konnte man das Zeug, was die Leute so lagerten, wahrscheinlich noch verkaufen, wie in dieser Fernsehsendung, die manchmal auf der Rettungswache lief.

Wie jedes Mal blieb sein Blick an der verblassenden Wandmalerei hängen, die die Begrenzungsmauer des Garagenhofs zierte. Sie zeigte eine naive Dschungellandschaft mit einem Löwen, einer Giraffe, einem Elefanten und vielen bunten Vögeln. Ein weißer Mann mit einem Tropenhut fuhr in seinem Jeep auf den Wald und die Tiere zu. Otte fragte sich, ob der Garagenbesitzer selbst der Künstler war, oder ob er jemanden damit beauftragt hatte. Wie ein heimlich angebrachtes Graffito sah es jedenfalls nicht aus. In der rechten unteren Ecke des Bildes war früher noch ein „Wilder“ im Leopardenfellumhang zu sehen gewesen. Aber da hatte jemand mit roter Farbe „Stop racism“ drübergesprüht. Um das wiederum zu überdecken, hatte schließlich der Künstler oder jemand anderes die ganze Ecke grün überstrichen. Wenn man genauer hinsah, konnte man die Aufforderung aber immer noch lesen und auch die Silhouette des „Wilden“ erkennen.

Das Tor quietschte beim Öffnen. Zum Ölen war jetzt keine Zeit mehr. Vor ihm stand in der Mitte des aufgeräumten Raumes seine Yamaha XT 500. Im Gegensatz zu Otte glänzte sie frisch geputzt, seine Stahlstute, sein Feuerross, seine treueste Gefährtin.

Er schob das Motorrad hinaus in die Frühlingssonne und schloss das Garagentor. In windstillen Momenten wurde es schon richtig warm, aber das Futter des Helms trug noch die Garagenkälte in sich. Der Kickstart klappte wie immer erst im dritten Anlauf. So war sie halt, er musste sie immer erst ein bisschen bitten, seine Lady, wenn er etwas von ihr wollte.

Er tuckerte untertourig am Jugendzentrum, am Amtsplatz und an der Kirche vorbei. Lauter Orte der Gemeinschaft, die seit Beginn der Pandemie verwaist waren. Lediglich auf dem Amtsplatz hatten sich ein paar Stammgäste über alle Bestimmungen hinweggesetzt. Sie hatten das rotweiße Flatterband, mit dem die Bänke abgesperrt waren, hinter die Lehnen geklemmt, die Masken wie falsche Bärte unters Kinn geschoben, und tranken ihr Exportbier, ohne die vorgeschriebenen eineinhalb Meter Abstand einzuhalten. Ich wette, von denen wäre eh keiner in der Lage, die krassen Strafen zu zahlen, die auf Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung stehen, dachte Otte, was soll’s sie also kümmern?

Auf der Dorstener Straße beschleunigte er. Er liebte es immer noch, das Gefühl, wenn es ihm die Enduro fast unterm Hintern wegriss. Wenn da nur nicht die Scheißampeln wären, dachte Otte, die braucht am Sonntag doch eh niemand.

Er bog in die Hordeler Straße ab. Obwohl er selbst in einer Gegend aufgewachsen war, wo Bochum unmerklich mal nach Dortmund mal nach Witten übergeht, wunderte es Otte immer noch, wie hier die Stadtgrenze quer über die Hauptverkehrsstraße verlief. Ob sich Nachbarn über die Stadtgrenze hinweg Nachrichten vom Fenster aus zuriefen? Wahrscheinlich ging das nur, wenn so wenig Verkehr war wie heute. Baulich unterschied nichts den Bochumer Stadtrand vom Herner Stadtrand. Das Peripheriegefühl war ohnehin fast allgegenwärtig in diesem ganzen Städtekonglomerat.

Trotzdem war Otte froh, dass er in Bochum lebte. Das kannten die Jungs und Mädels aus seiner Motorradclique wenigstens, auch wenn sie zum Teil aus ganz anderen Ecken der Republik kamen, wenn auch vielleicht nur wegen des Grönemeyer-Lieds, oder weil sie sich für die zweite Bundesliga interessierten. Und ja, vielleicht würde der VfL in dieser Saison tatsächlich wieder in die erste Liga aufsteigen, auch ohne Fans im Stadion.

Herne dagegen, diese noch unscheinbarere kleine Schwester… ach was, er kannte Herne doch überhaupt nicht. Vielleicht ist es am Ende viel netter, dort zu leben, als man meint, dachte er, während er an einigen grasbewachsenen Hügeln entlangfuhr, auf denen Leute ihre Hunde ausführten.

Aus dem Augenwinkel sah er einen schwarzen Riesenschnauzer, der so an seiner Leine zerrte, dass die kleine Frau, die ihn hielt, sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen stemmen musste und so in eine deutliche Schieflage geraten war. Das nächste, was Otte sah, war etwas Rötliches, das aus dem Gebüsch auftauchte, auf das der Schnauzer zugehalten hatte, ein großes Tier, das direkt vor ihm auf die Straße floh. Otte musste eine Vollbremsung machen, um es nicht zu erwischen. Der Schnauzer bellte aufgeregt. Otte sah den buschigen Schweif des Tieres unter einem Zaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite verschwinden. Zum Glück war niemand hinter ihm gewesen, als er gebremst hatte. Es stimmte also: die Füchse kamen zurück in die Städte.



II.



Otte fuhr auf den Hof der Transint-Zentrale. Der Komplex hatte früher einer Malerfirma gehört, deren Werbespruch noch immer als Negativ im Ruß der straßenseitigen Wand zu erkennen war: „Malermeister Eben, wir bringen Farbe in Dein Leben!“

In den Unterständen, die früher den Malerautos gedient hatten, standen jetzt Krankentransporter unterschiedlicher Bauart und Größe. Otte sah nur eines der beiden Intensivmobile der Firma, einen umgebauten 7,5-Tonner, grell gelb lackiert.

Nahe am Hintereingang standen zwei Männer in rotgelben Warnjacken und ein Zivilist in einem Halbkreis und rauchten. Auch sie hielten nicht den vorgeschriebenen Abstand ein.

Otte stellte seine Enduro in der Ecke eines Unterstands hinter einem der kleineren Krankentransportwagen ab und ging auf das Grüppchen zu.

Er war erleichtert, als er Leszek erkannte. Mit dem hatte er schon öfters Fahrten gemacht. Das war ein alter Hase, wie er selbst, da brauchte es oft nicht viele Worte, um sich zu verständigen.

Der Zivilist, dessen Namen Otte vergessen hatte, war einer der Teilhaber der Firma. Er war dabei, den beiden anderen etwas zu erklären. Sein Gesicht glänzte. Er fuhr sich immer wieder durch die zurückgegelten Haare. Die Hemdsärmel hatte er hochgekrempelt.

Der Dritte war ein junger Kerl, kaum älter als zwanzig, den Otte noch nie in der Firma gesehen hatte. Der Junge hatte seine Linke nah am Gemächt in den Gürtel gehakt und hielt mit der Rechten seine Zigarette von oben, wie einen Stift. Dabei blies er den Rauch jedes Mal durch die Nasenlöcher aus. An seinem linken Ohr baumelte eine FFP2-Maske. Wieder so ein selbstverliebtes Greenhorn, dachte Otte.

Der Zivilist wandte sich Otte zu:

„Da ist er ja, unser Doc! Kannst dich gleich umziehen, Doc, ist schon alles bereit.“

Man nickte sich zur Begrüßung zu. Die Zeit der Schraubstock-Händedrücke war fürs Erste vorbei. Otte trauerte ihr nicht nach.

Er ging direkt weiter eine kleine Treppe hinunter durch eine Brandschutztür in den Keller des Firmengebäudes. Er brauchte einen Moment um sich an das spärliche Neonlicht zu gewöhnen. Die Umkleide lag am Ende eines Gangs, an dessen nackten Wänden Rohre und Kabel verliefen. An einer Stelle hatte sich die Isolierung eines Warmwasserrohrs gelöst, und die Steinwolle hing aus der silbernen Ummantelung wie die Eingeweide aus einem halb ausgenommenen Fisch. Lange nicht mehr angeln gewesen, dachte Otte.

Die Luft, die ihm beim Betreten der Umkleide entgegenschlug, war die gleiche wie in allen Männerumkleiden, die Otte seit seinem Eintritt in die F-Jugend des TuS Langendreer betreten hatte: unzählige auf allen Oberflächen abgelagerte Schichten aus Schweiß und Sprühdeo, die sich zu einem immer wiedererkennbaren Ganzen verbanden. Wahrscheinlich hatten sich auch schon die Maler früher in diesem Raum umgezogen. Dass die Umkleide keine Fenster hatte, machte das Gefühl in ihr noch erstickender.

Keiner der Spinde war abgeschlossen, aber mehrere, die er öffnete, waren bereits belegt. Als er endlich einen freien Spind gefunden hatte, entkleidete er sich rasch bis auf die Unterhosen und versuchte alle seine Sachen gleichzeitig an dem einen vorhandenen Drahtbügel aufzuhängen. Der Bügel bog sich gefährlich unter dem Gewicht.

Otte griff sich eines der frischen Firmen-Poloshirts der Größe L und suchte bei der gereinigten Arbeitskleidung nach der Edding-Markierung in seiner Hose und Jacke. Natürlich waren seine Sachen in beiden Stapeln ganz unten.

Beim Anziehen fiel ihm auf, dass er seinen Gürtel zuhause vergessen hatte. So eine Scheiße, dachte er. Das hieß nicht nur, dass ihm die ganze Zeit unter dem Schutzanzug die Hose rutschen würde, sondern auch, dass der Melder und die Gürteltasche für die Betäubungsmittel nicht an ihrem gewohnten Ort anzubringen waren. Stattdessen würden sie seine Taschen ausbeulen und bei jeder Bewegung stören.

Bevor er die Umkleide verließ, betrachtete Otte sich kurz im Spiegel und brachte seine ungewaschenen Haare, so gut es ging, in Ordnung. Ich muss echt dringend zum Friseur, dachte er. Er zögerte den Besuch nun schon eine ganze Weile hinaus, in der Hoffnung, dass die Testpflicht bald wieder entfallen würde.



Als Otte aus der Kellerdunkelheit wieder auftauchte, blendete ihn die Frühlingssonne. Er kniff die Augen zusammen wie ein Schneeblinder. Die drei anderen standen unverrückt im Halbkreis auf dem Hof.

„Wir dachten schon, du hättest dich verlaufen, Doc!“, rief ihm der Firmentyp entgegen.

„Hetzt doch einen alten Mann nicht so“, sagte Otte.

Leszek nickte ihm solidarisch zu.

„Wir sollten wirklich los! Ich hab‘ gehört, der Patientin geht es richtig schlecht.“

Es waren die ersten Worte, die Otte den unbekannten Jungen sprechen hörte. Die hohe Stimme wollte so gar nicht zu dem kantigen Gesicht und den breiten Schultern, die sich unter der unförmigen Warnjacke abzeichneten, passen. Es war, als würde einer eine Harley anlassen, und heraus käme nur das Sirren eines Elektromotors.

„Wir kennen uns, glaube ich, noch nicht“, sagte Otte. „Ich bin Erik.“

„Mats“, sagte der Junge, „ich bin seit Anfang des Monats hier.“

„Und, wo warst du vorher, Mats?“, fragte Otte.

„Hab meinen Notfall-Sani beim Kreuz in Mülheim gemacht“, antwortete Mats.

„Na dann, willkommen im Team.“ Sie berührten sich nach neuer Sitte mit den Ellenbogen zum Gruß.

„Seid ihr sicher, dass wir alles an Schutzausrüstung haben, was wir brauchen?“, wollte Otte wissen.

Leszek nickte.

„Wie sieht es mit Sauerstoff aus?“, fragte Otte weiter, „wir werden durchgehend mit 100% beatmen müssen.“

„Zwei volle große Flaschen, plus die Kleine im Rucksack, ebenfalls komplett voll“, antwortete Leszek.

„Das sollte von Hagen bis Bochum reichen“, sagte Otte.

„Auf geht’s!“, rief Mats, warf seine halb gerauchte Zigarette auf den Boden und trat sie aus.

Die Züge des Firmentypen verfinsterten sich.

„Alter, wir haben einen Ascher hier“, sagte er leise.

„Alles klar, beim nächsten Mal“ sagte Mats und wollte losstürmen.

„Nicht so schnell, mein Freund, du hebst jetzt bitte die Kippe auf und packst sie in den Ascher“ sagte der Firmentyp immer noch ganz leise und ohne sich zu rühren.

Der Junge sah Leszek und Otte an. Die mieden seinen Blick. Wortlos hob er die zertretene Kippe auf und brachte sie zu dem überquellenden Standaschenbecher unter dem Vordach.

„Toi, toi, toi, Jungs“, sagte der Firmentyp, „macht mir keine Schande, und: bleibt gesund!“ Er grinste, trat seine Kippe aus und kehrte, ohne sie aufzuheben, in sein Büro zurück.

„Habt ihr das gesehen?“, rief Mats.

„So ist das im Kapitalismus“, sagte Leszek. Mats und Otte sahen ihn fragend an, aber Leszek hatte nichts zu ergänzen.

Mats stieg ins Führerhaus. Leszek und Otte stülpten ihre FFP2-Masken über und setzten sich nach hinten auf die Klappsitze im Laderaum, der zu einem kompletten Intensivzimmer umgebaut war. Kaum hatten sie die Tür hinter sich zugezogen, fragte Otte:

„Du bist auch schon zweimal geimpft, oder?“

„Ja.“

„Hast du was dagegen, wenn wir die Masken absetzen? Wird noch stickig genug heute“ sagte Otte.

„Von mir aus.“

Otte ließ seinen Blick über die Ausrüstung wandern, während das Fahrzeug auf dem Hof wendete. Eigentlich konnte er sich auf Leszek verlassen. Der kannte seine Brocken. Aber Otte wusste nach so vielen Jahren auch, dass immer irgendwo etwas liegen blieb: Dokumentenkladden, Adapter, Tablets, Medikamententaschen, Perfusoren, manchmal sogar ein Monitor oder ein Beatmungsgerät. Jeder konnte Fehler machen. Es schadete nie, sich noch einmal zu vergewissern.

Auf den ersten Blick schien alles zu stimmen: die sechs Perfusoren zeigten volle Akkuladung an; Monitor, Beatmungsgerät und Ersatzgerät, sowie die Absaugung und das tragbare Ultraschallgerät hingen an ihren vorgesehenen Plätzen an der Wand. Gerne hätte er auch noch den Inhalt der Schubladen überprüft, aber so wie Mats auf die Tube drückte, schien es ihm sicherer, angeschnallt zu bleiben. Leszek hatte es sich unterdessen, so gut es ging, gemütlich gemacht, und aus irgendeiner Tasche ein Buch hervorgezogen. Otte schielte auf den Einband. Das Papier war billig, das Titelbild zeigte die gleichen stilisierten Virenhüllen, die allerorten den Pandemiediskurs untermalten. Der Titel lautete: „Corona - cui bono“

„Und - wem nützt es?“, fragte Otte.

„Musst du selber lesen, ist interessant“, sagte Leszek ohne aufzublicken.

Nur in die Hecktüren waren mit Sichtschutzfolie überklebte Fenster eingelassen, durch die blasses Tageslicht fiel. Erkennen konnte man nichts. Ohnehin blickte Otte lieber in Fahrtrichtung. So viele Jahre, und ihm wurde immer noch schnell schlecht, wenn er nach hinten schaute.

Anhand der Beschleunigung spürte Otte, dass sie auf der Autobahn angekommen waren. Die gleichförmigen Vibrationen brachten ihn zum Dösen. Die Bilder des gestrigen Streits mit seiner Tochter kamen zurück. Monatelang hatten sie sich überhaupt nicht gesehen, während Lockdown auf Lockdown folgte. Als sie es endlich geschafft hatten, zusammen durch den Westpark zu spazieren, als er endlich sein erstes Enkelkind kennenlernen durfte - auch wenn das nur hieß: mit Abstand in den Kinderwagen spähen, in dem es zugedeckt und schlafend lag, mit seinen schwarzen Locken und seiner Olivenhaut, in denen Otte sich so wenig wiederfand – ausgerechnet da hatte er wieder eine unüberlegte Bemerkung über den ihm unbekannten Vater des Kindes machen müssen, die Martina in Rage versetzte. Sie hatte ihn angeschrien, vor all den anderen Spaziergängern im Park, bis es ihm zu viel wurde, und er sich einfach umgedreht hatte und gegangen war.

Damit nicht genug des schlechten Gewissens: seine Mutter! Die Isolation der vergangenen Monate hatte den Fortschritt ihrer Demenz noch einmal beschleunigt. Als Otte sich am Wochenende zuvor endlich durchgerungen hatte, sich testen zu lassen, um zu ihr gelassen zu werden, hatte sie ihn mit „Gerd“ angesprochen. Das war der Name ihres Bruders. Gerd war kurz nach Neujahr 1945 mit achtzehn Jahren während der völlig sinnlosen „Operation Nordwind“ in den Vogesen gefallen. Da war Ottes Mutter zehn Jahre alt gewesen und hatte ihr ganzes bewusstes Leben im Krieg verbracht. Sie hatte ihn immer wieder gefragt, ob er Luise schon reingebracht habe. Luise war eine Kuh gewesen, das wusste Otte aus den Erzählungen aus der Kriegszeit, von denen er als Kind nicht hatte genug bekommen können. Nicht irgendeine Kuh, sondern die eine Kuh, die die Familie in dem lang gezogenen Garten hinter dem Zechenhäuschen ihrer Milch wegen gehalten hatte – wie viele Nachbarn auch. Was würden sie einem da heute aufs Dach steigen, wenn einer noch auf so eine Idee käme, dachte Otte.

Bruder Gerd und Luise, die Kuh, die waren seiner Mutter noch geblieben. Die 75 Jahre danach schienen ihr komplett abhanden gekommen zu sein. Sie saß, dick eingepackt, in ihrem Rollstuhl auf ihrem Balkon im Altenheim, blickte auf das Feld und die Eisenbahnstrecke dahinter, und war immer noch im Krieg.

Er hoffte, dass ihm selbst ein solches Ende erspart bleiben würde, dass er sterben würde wie sein Vater, einen anständigen Malochertod, bei der Arbeit, einfach umfallen.

Na gut, ganz so einfach war es auch nicht gewesen. Ein paar Tage hatte sein Vater noch gelitten, auf der Intensivstation, nach dem Herzinfarkt. Der Notarzt damals, 1987, hatte ihn lysiert, direkt vor Ort in einer der großen Hallen des Autoherstellers, für den Ottes Vater den längsten Teil seines fünfzigjährigen Lebens Bleche geschweißt hatte. Das Lysegift hatte sein Blut wasserdünn gemacht, das Gerinnsel teilweise aufgelöst, sodass zunächst wieder Sauerstoff im sterbenden Herzmuskel ankam. Das war zu der Zeit noch üblich, und anders hätten sie ihn auch kaum lebend in die Klinik gekriegt. So aber hatte er schon wieder angefangen sich zu beschweren, dass er doch selber laufen könne, als sie ihn auf der Trage in die Notaufnahme fuhren.

Selbstentfaltende Stents, die sich wie kleine Maschendrahtzylinder gegen die Innenwände verschlossener Gefäße pressten, bis das Blut wieder durchfließen konnte, waren damals noch nicht so verbreitet gewesen, und kein Kardiologe hätte sich getraut, einem Menschen, dessen Blutgerinnung komplett hinüber war, so ein Ding ins Herz zu jagen. So ging die linke Kranzarterie wieder zu, das Muskelgewebe, das sie hätte ernähren sollen, starb ab, verwandelte sich nach und nach in starres Narbengewebe. Auch das hatte Ottes Vater noch überlebt, mit kaltem Schweiß auf der Stirn und Todesangst in den Augen, trotz des Morphins, das sie ihm großzügig gaben. Aber nach einer Woche waren die malignen Rhythmusstörungen gekommen, immer wenn der Strom versuchte, sich über die Infarktnarbe am Herz auszubreiten. Und irgendwann hatte kein Lidocain, kein Amiodaron, keine Defibrillation mehr geholfen, und ins Leben zurückmassieren ließ sich das vernarbte Herz auch nicht mehr.

Da war Otte selber gerade in der Krankenpfleger-Ausbildung gewesen, im gleichen Krankenhaus, in Laufweite zum Reihenhaus der Familie, drei Etagen über seinem Vater in der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie, diesem Alptraum aus halb weggeschnittenen Nasen, Wangen und Kinnladen. Eine Schwester von der Intensivstation, die er in der Raucherecke am Hintereingang kennengelernt hatte, wusste, dass er dort arbeitete, und sie hatten ihn noch vor seiner Mutter angerufen. Als er runterkam, hatten sie schon alle Kabel und Schläuche entfernt. Sein Vater war noch warm, lag da, mit spitzer Nase und hohlen Wangen, den Unterkiefer mit einer Mullbinde nach oben gebunden, damit die Totenstarre nicht bei offenem Mund einsetzen würde.

In jenen Tagen, als täglich das Bestattungsinstitut anrief, und er oft rangehen musste, weil seine Mutter mit Weinen beschäftigt war, hatte Otte beschlossen, weiter zu machen, das Abi nachzuholen, um irgendwann, wenn er genug Wartesemester voll hatte, Medizin studieren zu können. Er hatte es durchgezogen. Vielleicht wäre sein Vater heute stolz auf ihn. Damals hatte er sich nur darüber lustig gemacht, dass sein kleiner Erik, das Nesthäkchen, sich so was Unmännliches wie Krankenpflege in den Kopf gesetzt hatte, statt, wie seine Brüder, bei dem gleichen Autohersteller wie der Vater eine Ausbildung zum Lackierer oder Schlosser zu machen. Den Autohersteller gab es nicht mehr. Um ihn, Erik Otte, rissen sich auch noch mit seinen 53 Jahren die zahlreichen Krankenhäuser der Umgebung, während seine beiden Brüder nach ihrer Abfindung doppelt so schnell zu altern schienen wie er selbst.

Das Geruckel nahm wieder zu. Sie waren runter von der Autobahn. Kurz darauf ging das Rangieren wieder los. Otte wurde es wie immer schlecht dabei. Die Reisekrankheit war nicht mehr so schlimm wie als Kind, aber er war sie nie ganz losgeworden. Hinter den Fenstern wurde es dunkel. Sie mussten in der Fahrzeughalle des Krankenhauses angekommen sein.

Leszek stopfte sein Buch in die Außentasche seiner Warnjacke und machte sich an der Trage zu schaffen. Gemeinsam luden sie die Geräte auf die Trage und befestigten sie, so gut es ging. Leszek schulterte den klobigen Rucksack, der seitlich in einem Fach verstaut gewesen war. Otte nahm das Tablet für die Dokumentation aus seiner Halterung. Sie schoben sich links und rechts an der Trage vorbei und stießen die Flügeltüren hinten auf.

Die Sonne drang nicht bis in die Tiefen der Fahrzeughalle vor. Ein einsamer Strahler hing von der Decke und leuchtete die nackten Betonwände an. An einer der Wände war ein pfeilförmiges Leuchtschild angebracht, das auf die einzige Tür weit und breit deutete. „Eingang Zentrale Notaufnahme“ stand darauf. Der beständige Luftstrom durch die beiden Tore trieb ihnen Dieseldunst in die Nase.

Mats stand schon hinter dem Intensivmobil, als Leszek und Otte von der Ladefläche stiegen. Sie schoben ihre Masken zurück ins Gesicht. Mats und Leszek wuchteten die Trage aus dem Auto. Otte betätigte den automatischen Türöffner.

Ein Rettungswagen kam mit Blaulicht in die Halle gefahren und reihte sich hinter ihnen ein. Sie hoben die Hände zum Gruß.

III.

An der Anmeldung saß eine sehr füllige Frau mit kurzen grauen Haaren und einer randlosen Brille. Otte ging voran, und sie lächelte ihm schon von weitem zu.

„Na, wen sucht ihr?“, fragte die Frau.

„Wir sollen eine Covid-Patientin zur ECMO-Anlage abholen?“

„Oh, das tut mir leid für euch“, sagte die Frau, „da werdet ihr ja gleich richtig schwitzen.“

„Wird sich wohl nicht vermeiden lassen“, sagte Otte. „ Wo müssen wir denn hin?“

„Ist nicht so ganz einfach“, sagte die Frau, „ich schicke euch eine Schülerin mit. Alina! Zeig doch mal den Herren hier den Weg auf die internistische Intensivstation.“

Alina lief vorneweg, und die drei „Herren“ nutzten die Gelegenheit, ausgiebig Alinas Rückseite zu bewundern.

Wie in so vielen Krankenhäusern, die Otte durchquert hatte, war auch in diesem versucht worden, auf gleichbleibender Fläche immer mehr Raum zu schaffen, was dazu führte, dass dem Ortsfremden die Wege labyrinthisch erschienen. Sie mussten zwei unterschiedliche Aufzüge benutzen und mehrere völlig verlassen wirkende Gänge entlanglaufen. Schließlich kamen sie an einer gesicherten Schiebetür mit Gegensprechanlage an. Alina zeigte auf das Wandtelefon.

„Da müssen Sie sich melden“, sagte sie und verschwand wieder in dem Ganggewirr.

Otte wählte die angezeigte Nummer. Hier gab es ihn tatsächlich noch, den Telefonhörer.

„Ja, bitte“, kam es durch den Hörer.

„Intensivtransport, Firma Transint“, antwortete Otte.

Die Tür glitt auf. Eine gedämpfte Kakophonie aus Gerätealarmen drang aus den Räumen hinter ihr.

Als Otte selbst noch im Schichtdienst auf der Intensivstation gearbeitet hatte, hatte er den Lärm irgendwann kaum noch wahrgenommen, und es hatte schon einen Drei-Sterne-Alarm gebraucht, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Mittlerweile schaltete er am liebsten alle Alarme stumm. Das ständige Gebimmel, bei dem es sich in den meisten Fällen um Fehlalarme handelte, zerrte zu schnell an seinen Nerven. Es blieben dann immer noch genug unangenehme Geräusche übrig: das Schnaufen der Beatmungsgeräte, das Zischen der Absaugungen, das rhythmische Pumpen der Kreislaufunterstützungssysteme, und dann noch die Geräusche menschlichen Ursprungs: delirante Patienten, die um Hilfe oder nach der Polizei schrien, und übernächtigte Mitarbeiter, die sich gegenseitig durch flapsige Sprüche bei Laune zu halten versuchten. Otte war froh, dass er das mittlerweile nicht mehr zehn, zwölf Stunden am Stück aushalten musste.

Eine kleine Frau mit Kasak, Kopftuch und Maske trat auf sie zu.

„Gut, dass sie kommen“, sagte sie, „der Patientin geht es sehr schlecht.“

„Das haben wir gehört“, sagte Otte, „wer ist denn ärztlicherseits für die Patientin zuständig?“

Es enstand ein kleine Pause.

„Ich“, sagte die kleine Frau, „ich bin die zuständige Oberärztin auf dieser Intensivstation.“

Verdammt, dachte Otte, mit nacktem Arsch in die Nesseln gesetzt. Mühsam entzifferte er das baumelnde Namensschild der kleinen Frau: Dr Ayten Yilmaz, Oberärztin Innere Medizin. Ich hätte doch meine Brille mitnehmen sollen, dachte er, musste sich aber eingestehen, dass sein Fauxpas nicht durch seine Altersweitsichtigkeit zu erklären war.

„Freut mich“, sagte er, „Otte mein Name, Intensivtransportarzt. Dann können Sie uns ja etwas erzählen über die Patientin, während wir mal wieder gegen das Vermummungsverbot verstoßen.“

Während Mats, Leszek und Otte in die mitgebrachten Einmal-Ganzkörperanzüge stiegen und sofort zu schwitzen anfingen, bediente sich Dr Yilmaz an der etwas luftigeren Schutzkleidung, die vor jedem der Patientenzimmer auf einem Wagen bereitlag. Die Station schien ausschließlich mit SARS Cov2-Patienten belegt zu sein. An jeder Zimmertür prangte ein roter Punkt zur Warnung.

Dr. Yilmaz betete die Eckdaten der Krankengeschichte herunter:

74jährige Patientin, internistisch vorerkrankt mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus und koronarer Herzkrankheit, vor zehn Tagen mit zunächst noch milder respiratorischer Insuffizienz stationär aufgenommen. Schon bei Aufnahme positiver Coronatest mit niedrigem Ct-Wert. Nach 4 Tagen zunehmend sauerstoffpflichtig auf der Normalstation. Am sechsten Tag Übernahme auf die Intensivstation. Noch am selben Abend intubiert und maschinell beatmet. Tägliche Eskalation der invasiven Beatmung, schließlich wiederholte Bauchlagerung ohne ausreichenden Effekt. Damit seien die konservativen Mittel der Beatmungstherapie ausgeschöpft.

Die Familie bestehe weiter auf maximaler Therapie, die Patientin habe sich diesbezüglich nicht äußern wollen, als sie noch dazu in der Lage gewesen sei, berichtete Dr. Yilmaz. Sie sehe daher die Indikation für eine extrakorporale Oxygenierung, um die Lunge zu entlasten. Dafür müsse die Patientin in die Uniklinik nach Bochum verlegt werden.

Die drei Männer wankten mit beschlagenden Schutzbrillen hinter Dr. Yilmaz her in das Krankenzimmer. Dort machte sich bereits eine weitere vermummte Person – vermutlich weiblich, vermutlich die zuständige Intensivschwester – an dem Schlauch- und Kabelgewirr, das die Patientin umkränzte, zu schaffen. Die Patientin lag in einem hydraulischen Spezialbett, das verhindern sollte, dass sie sich wundlag. Die angeschlossene Pumpe brummte in rhythmischen Abständen.

„Guten Tag“, sagte die Vermummte, „immer hereinspaziert. Wir beißen nicht, stimmts, Frau Romeita?“ Sie hatte sich der Patientin zugewandt, als sei diese tatsächlich in der Lage, ihre Worte zu verstehen.

Trotz der eingeschränkten Sicht durch die Schutzbrille zweifelte Otte keinen Moment an dem äußerst kritischen Zustand der Patientin. Der Beatmungsschlauch ragte wie ein letzter Strohhalm aus ihrem aufgedunsenen Gesicht. Die Wassereinlagerungen hatten ihre Augen zu Schlitzen zusammengedrängt. Auf ihrer Stirn schimmerte eine dunkle Druckstelle, eine Folge der wiederholten Bauchlagerung. An mehreren Stellen hatte sich das Wasser bereits einen Weg durch die Haut nach außen gebahnt und gelbliche Flecken auf dem Bettzeug hinterlassen. Über den Venenzugang am Hals liefen zahlreiche Medikamente ein, darunter hochdosiertes Noradrenalin zur Kreislaufunterstützung. Die Sauerstoffsättigung im Blut lag bei knapp neunzig Prozent, obwohl die Patientin bereits mit reinem Sauerstoff beatmet wurde. Der Druck, der von der Beatmungsmaschine aufgewendet werden musste, damit nicht noch die letzten kleinen Atemwege in der erstarrten Lunge kollabierten, war viel zu hoch, als dass die Lunge sich darunter jemals hätte erholen können.

So gesehen gab Otte Dr. Yilmaz innerlich Recht, dass die Therapiemöglichkeiten vor Ort ausgeschöpft waren. Er bezweifelte jedoch, dass ein Lungenersatzverfahren diese Patientin noch retten konnte. Otte sah Leszek an. Obwohl von dessen Gesichtszügen nichts zu sehen war, meinte Otte in Leszeks Augen die gleichen Zweifel zu lesen. Mats hatte schon angefangen, die mitgebrachten Geräte anzuschließen.

„Welche Perfusoren wollt ihr mitnehmen?“, fragte die Vermummte.

Otte ging die Medikamente der Reihe nach durch. Sie konnten höchstens sechs Perfusoren auf dem Transport laufen lassen; allein zwei brauchten sie, um einen durchgehenden Fluss des Noradrenalins zu gewährleisten, da schon ein kurze Unterbrechung der Zufuhr reichen würde, um den Kreislauf komplett zusammenbrechen zu lassen. Otte entschied sich, ansonsten nur Propofol und Sufentanil zur Sedierung mitzunehmen, um das Schlauchgewirr möglichst überschaubar zu halten.

„Brauchen Sie mich noch hier drin?“ Dr. Yilmaz sah Otte direkt ins Gesicht. Der wich ihrem Blick aus und sah sich noch einmal prüfend um.

„Das Umlagern sollten wir zu viert schaffen, so schwer sieht die Patientin nicht aus“, sagte Otte, „uns fehlen nur noch die Unterlagen.“

„Die liegen fertig draußen auf dem Tresen in dem braunen Umschlag. Sonst noch etwas?“ fragte Dr Yilmaz.

„Transportschein?“ fragte Leszek.

„Ist mit drin im Umschlag.“

„Wissen die in Bochum Bescheid, dass wir kommen?“, fragte Otte.

„Ich kann nochmal anrufen, wenn Ihnen das lieber ist“, sagte Dr Yilmaz, „Was meinen Sie, wie lange sie brauchen?“

„Mit Umlagern bestimmt eine dreiviertel Stunde“, sagte Otte.

„In Ordnung. Ich rufe an. Gute Fahrt!“

Die drei bedankten sich artig. Gemeinsam mit der Intensivschwester wuchteten sie die Patientin auf die Trage. Otte konnte Mats gerade noch daran hindern, die Beatmung auf ihr Transportgerät umzustecken, ohne den Beatmungsschlauch vorher abzuklemmen.

„Ist dir klar, warum die Klemme wichtig ist?“ fragte Otte Mats.

„Klar, damit die Scheißviren nicht durch die Luft fliegen“, sagte Mats.

„Ja, das auch“, sagte Otte, „aber noch viel wichtiger ist, dass die Lunge ohne kontinuierlichen Druck wahrscheinlich vollends kollabiert, und dann kriegen wir gar keine Luft mehr in die Patientin rein. Also: wenn du jemanden siehst, der mit so hohen Drücken beatmet wird, niemals einfach diskonnektieren!“

„Alles klar, Chef“, sagte Mats.

In diesem Augenblick sprang der Alarm des Transportbeatmungsgeräts an. „Niedriges Tidalvolumen“ stand auf der Anzeige. Fast gleichzeitig fiel die Herzfrequenz ab und die Sauerstoffsättigung fing ebenfalls an zu alarmieren. Ihr Wert sank rapide, begleitet von immer tiefer werdenden Pulstönen. Otte bat die Schwester Adrenalin aufzuziehen, während er sich gezwungen sah, die ohnehin schon viel zu hohen Beatmungsdrücke noch weiter zu steigern.

Es dauerte mehrere lange Minuten, bis sie die Patientin stabilisiert hatten.

Das geht ja gut los, dachte Otte, hoffentlich kriegen wir sie wenigstens lebend nach Bochum.

Langsam, schwankend, wie eine Wüstenkarawane, setzten sie sich, eingehüllt in ihre Schutzausrüstung, in Bewegung. Kaspar, Melchior und Balthasar, schoss es Otte durch den Kopf. Als Kinder hatten sie auch so geschwitzt in den schweren Kostümen, die einmal im Jahr aus dem Keller des katholischen Gemeindehauses hervorgeholt und wahrscheinlich nie gewaschen wurden. Jedenfalls hatten sie immer gleich muffig gerochen. Die Winter waren auch damals schon oft mild gewesen unter der Rußglocke des Ruhrgebiets. Und so hatten sie sich in ihren schweren Mänteln durch ihren abgesteckten Bezirk geschleppt, ihr Liedchen gesungen, mit Kreide den Segen an die Türbalken geschrieben und Geld für die armen Kinder in Afrika gesammelt. Immer war er mit Lars aus der Parallelklasse in einem Team gewesen, und das war gut so, denn Lars war, anders als Otte, immer ganz heiß darauf gewesen, sein Gesicht zu bemalen und den Melchior zu geben.

Vor einem Jahr wäre ein solcher Aufzug noch eine Attraktion auf jeder Intensivstation gewesen, dachte Otte. Jetzt dreht schon niemand mehr den Kopf nach uns um. Er spürte, wie das Betäubungsmittelmäppchen und der Melder seine Hose unter dem Schutzkittel nach unten zogen. Er musste immer breitbeiniger gehen, um zu verhindern, dass ihm die Hose über den Hintern rutschte. Wahrscheinlich halten sie mich jetzt alle für den typischen Rettungsdienst-Cowboy, dachte Otte. Tatsächlich schien niemand sie zu beachten. Alle waren mit ihren eigenen Isolationsfällen beschäftigt.

Leszek vergewisserte sich, dass der Transportschein korrekt ausgefüllt war, und nahm ihn gleich an sich. Die restlichen Unterlagen klemmte Otte unter das Kopfteil.

Sie bedankten sich bei der Schwester, die ihnen geholfen hatte. Dann schloss sich die Automatiktür hinter ihnen. Die drei sahen sich an.

„Wisst ihr noch, wo lang?“, fragte Otte.

„Wir sind auf jeden Fall von da gekommen“, sagte Leszek und setzte sich wieder in Bewegung. Da keiner loslassen konnte, blieb den beiden anderen nichts übrig, als ihm zu folgen.

Sie drangen wieder in das Labyrinth ein. Irgendwann standen sie vor einem Aufzug, von dem Otte sich sicher war, dass sie ihn auf dem Hinweg nicht benutzt hatten.

„Leszek?“, fragte Otte.

„Hm“, sagte Leszek, „ich dachte, ich finde den Weg.“

„Und jetzt?“, fragte Otte.

Eine Frau in Zivil näherte sich ihnen auf dem Korridor neben den Aufzügen.

Leszek trat auf sie zu. „Entschuldigung!“

Die Frau schrak vor ihm zurück.

„Kennen Sie sich hier aus?“, fragte Leszek.

„Ich bin nur zu Besuch hier“, sagte sie und ging schnell weiter.

„Dir ist schon klar, wie kritisch das hier ist?“, fragte Otte.

„Immer mit der Ruhe“, sagte Leszek, „ich rufe bei der Pforte an, die sollen uns jemanden schicken.“ Er fingerte das Telefon unter dem Schutzanzug hervor.

Es erwies sich als schwierig, der Frau an der Pforte zu erklären, wo sie waren. Sie werde jemanden schicken, sagte sie schließlich. Die drei standen schweigend da und schwitzten. Wenigstens blieb die Patientin stabil.

Endlich öffnete sich eine der Aufzugstüren und gab den Blick auf Alina frei.

„Das tut mir leid, dass Sie sich verlaufen haben“, sagte sie, „die hätten Sie nicht einfach so vor die Tür setzen dürfen. Hier verläuft sich doch jeder am Anfang. Kommen Sie rein, wir können auch mit diesem Aufzug fahren.“

Otte bedankte sich, Leszek schaute angestrengt auf den Monitor, Mats schien nach Anhalten für Alinas Körpermaße unter dem unförmigen Kasack zu suchen.

Unter Alinas Führung gelangten sie überraschend schnell zurück zu ihrem Transporter. Alina blieb an der Schwelle stehen und sah ihnen zu, wie sie Ihre empfindliche Fracht verluden. Die Patientin war zwischen den vielen Geräten kaum mehr zu sehen.

Gerade als alles abfahrbereit schien, fiel die Herzfrequenz erneut ab und die drei wurden hektisch. Ein kleiner Adrenalinbolus löste das Problem kurzfristig wieder.

„Wir sollten jetzt wirklich keine Zeit mehr verlieren“, sagte Otte.

„Mit Licht?“, fragte Mats. Er wirkte auf einmal sehr eifrig.

„Ja“, sagte Otte, „mit Licht, aber trotzdem vorsichtig! Hier kann jede Erschütterung zu viel sein.“

Mats nickte wissend.

Otte hoffte, dass Mats sich an seine Ermahnung halten würde. Er hatte schon zu viele Fahrer erlebt, die bei Blaulichtfahrten in eine Art Videospiel-Modus verfielen.

Kaum hatte das erste Rangiermanöver begonnen, mussten Leszek und Otte schon wieder eingreifen, um einen Kreislaufzusammenbruch zu verhindern. Rohes Ei ist noch zu freundlich, dachte Otte, das hier hat schon Risse.






IV.



Otte war erleichtert, als sie wieder auf der Autobahn waren. Er klappte seinen Sitz aus und schnallte sich an. Leszek war schon wieder in sein Buch vertieft. Otte fischte den Verlegungsbrief aus dem Umschlag mit den Unterlagen und begann, das Transportprotokoll auf dem Tablet auszufüllen. Leszek sah von seinem Buch auf und schielte über die Patientin weg zu Otte hinüber.

„Habe ich das vorhin richtig verstanden: die Patientin heißt Romeita?“, fragte Leszek.

„Ja, wieso?“, fragte Otte.

„Ist das eine von den Romeitas?“, fragte Leszek.

„Was meinst du damit?

„Na, den Romeita-Clan! Guckst du kein Fernsehen?“

„Selten, wieso?“

„Müsstest du mal öfter machen. Dann wüsstest du auch, dass die hier im Ruhrgebiet überall ihre Finger im Spiel haben: Waffen, Drogen, Bordelle…“

„Okay“, sagte Otte, „ein Grund mehr, die Frau lebend nach Bochum zu bringen.“



Mats hatte das Martinshorn wieder eingeschaltet. Sie waren runter von der Autobahn. Es wurde wieder ungemütlich. Blutdruck, Herzfrequenz und Atemzugvolumen fielen immer häufiger ab. Ständig ging einer der Alarme los. Otte überlegte noch, Leszek einen Adrenalinperfusor aufziehen zu lassen, aber jetzt waren sie ja auch gleich da, und die Arbeitsbedingungen waren im Stadtverkehr noch schwieriger.

Sie waren beide gerade abgeschnallt und über die Patientin gebeugt, da krachte es. Otte sah noch den Schubladengriff auf sich zukommen, dann schlug ihm etwas gegen die Stirn. Er rappelte sich auf. Leszek lag auf der anderen Seite der Trage, zusammengekrümmt unter dem Monitor. Schutzbrille und Maske hingen ihm quer im Gesicht. Einen Augenblick lang schien es Otte, dass Leszek sich nicht mehr regte, aber dann erscholl aus dessen Mund eine Tirade auf Polnisch, vermutlich die allerfeinsten Flüche. Otte verstand nur „kurwa“, das Wort hatte er schon öfter aus Leszeks Mund gehört.

Leszek war noch vor Otte auf den Beinen und bemüht, den Schaden zu begrenzen. Schon wieder gingen mehrere Alarme gleichzeitig los. Zum Glück hatten sie ausnahmsweise alle Geräte vorschriftsmäßig befestigt, so dass kein Schlauch oder Kabel durch die Vollbremsung abgerissen war. Sie hörten nicht, was draußen vorging, während sie die Patientin stabilisierten. Als die akute Lebensgefahr behoben schien, öffnete Leszek die Flügeltüren, und die beiden stiegen hinab auf die Straße. Sie waren mitten in einem Wohngebiet mit vielstöckigen Mietshäusern zu beiden Seiten. Die Straße war links und rechts von parkenden Autos gesäumt. Otte wunderte sich, wie sie dort hingekommen waren. Er wusste, dass das Krankenhaus von der Autobahn aus über Hauptverkehrsstraßen erreichbar war. Er konnte zunächst nicht erkennen, was Mats zu der Vollbremsung bewogen hatte. Als er aber sah, dass Mats immer noch am Steuer saß und sich nicht rührte, ahnte er Böses.

Dann sah er das Fahrrad. Es war ein kleines Fahrrad, und es steckte wie eingerammt unter der Fahrertür eines silbernen Corsas auf der linken Straßenseite.

Otte lief los. Im Laufen zog er die Schutzbrille ab und versuchte sich, so gut es ging, aus dem oberen Teil des Schutzanzugs zu schälen. Am Rand seines Sichtfelds tauchte eine Gestalt in einem der Hauseingänge auf und rannte auf den gleichen Punkt zu wie er selbst. Als er bei dem Fahrrad angekommen war, hielt Otte kurz an und sah unter dem Auto nach, konnte aber nichts erkennen. Er schob sich durch den engen Spalt zwischen zwei parkenden Autos auf den Bürgersteig. Dort lag, halb schon auf der angrenzenden Rasenfläche, ein Kind, halb bäuchlings, halb auf der linken Seite. Es atmete heftig und schnell. Der Fahrradhelm war ihm in den Nacken gerutscht. Es trug eine schwarze Jacke mit fellbesetzter Kapuze. Seitlich an einer der Sohlen seiner Turnschuhe spielten die roten LEDs verrückt, die eigentlich nur beim Auftreten blinken sollten. Der Rasen war frisch gemäht, es roch intensiv nach geschnittenem Gras.

Otte erreichte das Kind kurz vor der Gestalt. Im Näherkommen erkannte er eine junge Frau mit schwarzen Haaren. Sie schrie etwas, das er nicht verstand. Er beugte sich zu dem Kind. Sie blieb vielleicht zwei Meter entfernt stehen und schrie auf ihn ein, ohne dass er ein Wort verstand. Sie schien Angst vor ihm zu haben. Er musste einen furchteinflößenden Anblick bieten, in seiner halb heruntergerissenen Schutzkleidung. Aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen.

„Ich bin Arzt, ich kann ihrem Kind helfen!“ Otte deutete auf das Namensschild an seiner Warnjacke.

Die Frau schrie weiter.

Otte wandte sich wieder dem Kind zu. Er drehte es vorsichtig auf den Rücken und versuchte dabei, die Körperachse zu wahren. Die schwarzen Haare des Kindes waren durchsetzt mit Grasschnitt.

ABC, sagte Otte sich vor, um seine eigene Aufregung zu kontrollieren: Airway, Breathing, Circulation. Er überstreckte den Kopf des Kindes und blickte in den Mund. Kein Hindernis zu sehen. Er fischte sein Stethoskop aus der Jackentasche. Um an den Brustkorb zu kommen, musste er die Jacke öffnen. Das Kind stöhnte und ruderte ungezielt mit den Armen. Am Brustkorb waren keine äußerlichen Verletzungen sichtbar. Otte horchte mit dem Stethoskop. Das Atemgeräusch war seitengleich. Otte tastete den Puls an der rechten Halsseite, die nichts abbekommen zu haben schien. Das Herz raste, aber bei aller Geschwindigkeit pumpte es rhythmisch und kräftig. Otte hob die geschlossenen Lider des Kindes an.

Das linke Auge ließ sich nur schwer öffnen. Über die ganze linke Gesichtshälfte und den Hals hinunter bis zum Schlüsselbein zog sich eine breite schmutzige Schürfwunde, unter der es verdächtig schwoll. Die Pupillen, deren Begrenzung in der dunkelbraunen Iris nur schwer auszumachen war, reagierten träge, aber seitengleich. Ihr Blick ging nirgendwo hin. In beiden Ohren entdeckte Otte weder Blut noch Hirnflüssigkeit, dafür zwei hautfarbene Apparate, die sich kaum von den Hörgeräten unterschieden, die sein Opa vor vierzig Jahren getragen hatte. Damals hatten deren hochfrequente Rückkopplungen ihn und seine Brüder immer rechtzeitig gewarnt, wenn sie vor lauter Langeweile wieder eines der vielen Verbote in der großelterlichen Wohnung missachteten.

Otte tastete schnell den übrigen Körper ab. Der linke Unterarm stand in starker Fehlstellung vom Körper ab. Weitere Verletzungen entdeckte er nicht.

Otte erhob sich und sah nach Leszek. Der hatte die Tür zur Fahrerkabine geöffnet und schien auf Mats einzureden. Auf den Balkonen und in den Hauseingängen sammelten sich immer mehr Schaulustige. Die Frau, von der Otte annahm, sie sei die Mutter des Kindes, schien ihre Angst vor Otte soweit verloren zu haben, dass sie sich an das Kind herantraute und neben ihm niederkniete. Wenige Meter entfernt standen zwei noch jüngere Kinder mit noch kleineren Fahrrädern und beobachteten schweigend und ernst das Geschehen.

„Leszek, wir brauchen unseren Notfallrucksack hier!“, rief Otte Leszek zu. Dann beugte er sich wieder zu der Frau und dem Kind hinunter. Die Frau hielt den Kopf des Kindes in den Händen. Sie heulte abwechselnd auf und schrie dem Kind ins Gesicht. Otte bat sie, vorsichtig mit dem Kopf zu sein, man wisse nicht, was gebrochen sei. Er konnte nicht erkennen, ob sie ihn verstand. Das Kind war immer noch nicht bei Bewusstsein, und seine Atmung wirkte zunehmend angestrengter. Otte sah keine andere Möglichkeit, als es vor Ort zu intubieren. Er zückte sein Telefon, um den Rettungsdienst zu rufen. Seltsam, dachte Otte, das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich selber die 110 wähle.

Eine Computerstimme meldet sich: „Sie sind verbunden mit der Leitstelle Feuerwehr und Rettungsdienst der Stadt Bochum. Aufgrund eines erhöhten Notfallaufkommens sind aktuell alle Mitarbeiter im Gespräch. Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld. Sie werden gleich verbunden.“

Otte wartete und sah sich um. Die Straße füllte sich mit immer mehr Schaulustigen, die immer dichter herankamen.

„Leitstelle Rettungsdienst und Feuerwehr.“ Der routinierten Stimme merkte man das „erhöhte Notfallaufkommen“ nicht an.

„Otte hier, Transportarzt von der Firma Transint, ich muss einen Unfall melden.“

„Erik bis du das?“, fragte die Stimme.

„Erik Otte, ja. Wer spricht denn da?“

„André, André Nieskötter, kennst du mich nicht mehr? Wir sind früher zusammen NEF gefahren.“

„Mensch, André, ich hab dich gar nicht erkannt. Tut mir leid, aber ich bin hier gerade in einer sehr ungünstigen Situation!“

„Was du nicht sagst. Bist du etwa keiner von denen, die hier einfach so mal anrufen?“

„Ernsthaft, es ist ziemlich kritisch. Unser Intensivmobil hat ein Kind angefahren, etwa sechs Jahre alt, schwer verletzt, ich muss weiter erste Hilfe leisten. Schick uns bitte ein NEF, und ich glaube, unser Fahrer braucht auch einen RTW! Lass uns später quatschen, ciao!“

„Stop!“ Andrés Stimme hatte sich komplett verändert. Er sprach auf einmal wie mit einem Patienten, nicht wie mit einem Kollegen. „Du musst mir erst mal sagen, wohin ich dir die Autos schicken soll!“

Auf wie vielen Veranstaltungen habe ich Schülern, Lehrern, Verwaltungsangestellten erklärt, wie man einen Notruf absetzt, dachte Otte, und jetzt kriege ich es selber nicht hin? Er sah sich nach einem Straßenschild um. Nirgends eins zu sehen. Er war sich nicht einmal sicher, in welchem Stadtteil sie waren.

„Welche Straße ist das hier?“, fragte Otte die Frau, die bei dem Kind kniete. Sie sah durch ihn hindurch. Er rief zu den Gaffern hinüber: „Können Sie mir bitte sagen, welche Straße das hier ist?“ Schweigen. Er wiederholte die Frage. Aus einem der Fenster kam eine Antwort, die er nicht verstand. „Lauter, bitte!“, rief er. Jetzt riefen sie ihm plötzlich von ganz vielen Seiten den Straßennamen zu.

„Hast du gehört, André?“, fragte Otte ins Telefon.

„Nein.“

Otte wiederholte den Straßennamen.

„Alles klar, ich schick dir jemanden. Passt gut auf euch auf, ist nicht die beste Gegend!“

Inzwischen war Leszek mit dem Notfallrucksack und dem Ersatzmonitor angekommen. Auch er hatte sich seinen Schutzanzug teilweise vom Leib gerissen. Die beiden knieten sich zu der Frau mit dem Kind. Otte versuchte noch einmal, sich zu erklären. Die Frau beachtete ihn nicht.

„Wir werden ihn intubieren müssen“, sagte Otte zu Leszek, „aber erstmal brauchen wir einen Zugang!“ Er zog vorsichtig den heilen Arm des Jungen aus der Jacke. Er fühlte sich kühl und schlaff an. Leszek suchte das Material aus dem Rucksack zusammen. Otte ging das zu langsam. Er zog einen Gummihandschuh aus und nutzte ihn als Venenstauband an dem kleinen Arm. Das meiste Blut hatte sich durch die Schockreaktion bereits in den Körperkern zurückgezogen. Dadurch war es noch schwieriger geworden, eine ausreichend große Vene zu finden.

„Welches ist der kleinste Zugang, den wir haben?“, fragte Otte.

„Blau“, antwortete Leszek.

„Dann gib mir Blau, bitte.“

Es war einer der Momente, wo Otte dankbar war für die vielen Stunden seines Lebens, die er damit verbracht hatte, schwitzend und fluchend in völlig zerstochenen todkranken Extremitäten noch irgendwo einen funktionierenden Venenzugang unterzubringen. Er traf auf Anhieb. Damit war die wichtigste Voraussetzung für jede Notfalltherapie geschaffen: eine Pforte für exakte Dosen schnell wirksamer Medikamente. Der Junge hatte nicht einmal gezuckt, kein gutes Zeichen. Otte behielt immer eine Hand an dem Venenzugang, während er ihn mit möglichst vielen Pflastern befestigte. Sollten sie diesen Zugang verlieren, konnte es unmöglich werden einen neuen zu legen. Schlimmstenfalls konnte man natürlich immer noch ein Loch in den Unterschenkelknochen bohren und darüber Medikamente geben, aber das wollte Otte möglichst vermeiden.

„Was ist mit Mats?“, fragte Otte, „kann der uns nicht helfen?“

„Der ist gerade nicht zu viel zu gebrauchen“, antwortete Leszek.

„Wenigstens die Überwachung anbringen, wird er doch wohl hinkriegen.“

Leszek rief Mats herbei. Der sah sehr blass aus, tat aber folgsam, was sie ihm sagten.

Als nächstes musste Otte zurück an den Kopf. Er versuchte, es der Frau zu erklären, aber die schien ihn immer noch nicht wahrzunehmen. Sie heulte immer wieder auf, wehrte sich jedoch nicht, als er so behutsam wie möglich den Kopf des Kindes aus ihrem Schoß hob und sie ein Stück zur Seite drängte.

„Hast du alles da zum Intubieren?“, fragte Otte Leszek.

„Du musst mir noch sagen, welche Medikamente du haben willst.“

„Propofol, Sufenta, Rocuronium.“

„Habe ich mir gedacht, ist alles aufgezogen.“

Mats hatte es irgendwie geschafft, EKG-Elektroden aufzukleben, eine Blutdruckmanschette anzulegen und den Clip für die Sauerstoffsättigung am Finger anzubringen. Noch hatte der Junge genug Sauerstoff im Blut. Sein Herz raste in einer Frequenz von 150 Schlägen pro Minute. Ein älteres Herz wäre unter einer solchen Frequenz in die Knie gegangen und hätte kaum noch Blut ausgeworfen. Aber dieses Herz war jung und elastisch.

Otte öffnete den Verschluss des Fahrradhelms. Der Handgriff war ihm noch so vertraut aus den Tagen, als seine Töchter klein gewesen waren. Sachte schob er den Helm vom Kopf des Jungen, ließ den Hinterkopf in seine hohle Hand gleiten und bettete ihn auf einem eingeschweißten Abdecktuch aus dem Rucksack. Nur das Visier des Helms war gesprungen, der Rest heil geblieben. Auch am Schädel, den der Helm hatte schützen sollen, tastete Otte keine verdächtigen Stufen.

Otte presste die Atemmaske so dicht wie möglich auf das immer weiter anschwellende Gesicht des Kindes.

„Ok, haben wir alles?“, fragte Otte. „Wo ist der Sauger?“

„Der ist noch im Auto“, antwortete Leszek.

„Den brauchen wir hier, sofort!“ sagte Otte, „der kann uns hier jeden Moment kotzen und aspirieren.“

„Mats, hol den Sauger aus dem Auto!“ sagte Leszek. Mats folgte dem Befehl. Es kam Otte ewig vor, bis er mit dem Sauger zurück war. Das Risiko, dass der Junge Mageninhalt oder Blut einatmete und schlimmstenfalls daran ersticken würde, stieg, je länger sie mit der Intubation warteten. Und irgendwann konnte auch die Schwellung so groß werden, dass sie den Atemweg verlegte.

Otte prüfte den Sauger. Die Lungen des Kindes waren jetzt mit reinem Sauerstoff gefüllt, das gab ihnen ein kleines bisschen mehr Zeit, wenn gleich die Medikamente den Atemantrieb des Kindes ausgeschaltet haben würden. Otte wies Leszek an, die Medikamente der Reihe nach zu spritzen. Der Körper des Kindes erschlaffte. Was ihm noch an lebenserhaltenden Reflexen geblieben war, erlosch. Ab jetzt ging es nur noch vorwärts. Es musste so schnell wie möglich ein sicherer Weg geschaffen werden, um das Kind über den bereitliegenden Beutel zu beatmen. Otte führte den Spatel des Laryngoskops in den Mund des Kindes, drängte damit die Zunge zur Seite und ließ die Spatelspitze dorthin gleiten, wo er den Kehldeckel vermutete. Er blickte auf ein schäumendes Gemisch auf Blut und Speichel. Er tastete mit der freien Hand nach dem Sauger. Leszek drückte ihm den Sauger in die Hand. Der Sauger schlürfte und legte die Sicht auf den Hinterrand der Stimmritze frei. Von links beulte sich schon die Schwellung in die Öffnung der Luftröhre, es wurde höchste Zeit. Otte hob mit der Spatelspitze den Kehldeckel so weit an, dass er freie Sicht auf die Stimmritze bekam.

„Tubus!“ Otte ließ den Sauger fallen und Leszek reichte ihm den Beatmungsschlauch. Die Spitze des Schlauchs glitt durch den halb geöffneten Vorhang, den die erschlafften Stimmbänder bildeten, ins Dunkel der Luftröhre.

„Blocken.“ Leszek blies mit einer Spritze den kleinen Ballon auf, der die Schlauchspitze umgab. Damit war der Atemweg gesichert. Otte seufzte erleichtert. Er schloss den Beatmungsbeutel an den Schlauch an und fing an, von Hand zu beatmen, während Leszek mit dem Stethoskop die beiden Lungenhälften abhorchte.

„Seitengleich belüftet“, sagte Leszek.

Schon während des Intubierens war die Herzfrequenz des Kindes immer weiter abgefallen. Jetzt erreichte sie die untere Alarmgrenze.

„Wir brauchen Atropin“, sagte Otte.

Wenige Sekunden nachdem Otte das Atropin gespritzt hatte, stieg die Herzfrequenz wieder. Angewandte Pharmakologie. Diese klare Ursache-Wirkungs-Beziehung, das liebte Otte an seinem Job.

Sie hörten den vertrauten Klang eines näherkommenden Martinshorns.

Noch bevor sie das Blaulicht sehen konnten, drängte ein schwarzer Mercedes die Gaffer auf der Straße auseinander und hielt direkt vor dem Intensivtransporter. Die Fahrertür ging auf, und ein ziemlich beleibter Mann in grünem Kapuzenpulli und grauer Jogginghose hievte sich aus dem Sitz. Er wollte direkt zu dem Kind stürmen, passte aber nicht zwischen den eng parkenden Autos hindurch und musste einen Umweg machen. Von einem der Hauseingänge aus rief ihm jemand etwas zu.

„Mein Sohn, was macht Ihr mit meinem Sohn?“ Der dicke Mann fuchtelte mit den Armen.

Aus einem der Gaffergrüppchen lösten sich zwei Männer und kamen näher. Die Frau, zu der das Kind offenbar gehörte, war inzwischen von weiteren Frauen umringt worden, die versuchten, sie zu beruhigen. Weder schien sie den Neuankömmling zu bemerken, noch umgekehrt.

Leszek war noch damit beschäftigt, den Beatmungsschlauch mit einer Halterung zu sichern. Mats ging in seiner Rolle als Infusionshalter auf. Das Ersatzbeatmungsgerät war immer noch im Wagen, weshalb Otte weiter hinter dem Kind knien und den Beatmungsbeutel bedienen musste. Der dicke Mann schien bereit, sich auf sie zu stürzen, wurde aber von den beiden anderen, die mittlerweile bei ihm angelangt waren, festgehalten.

Otte war erleichtert, als er sah, dass das Martinshorn, das sie gehört hatten, zu einem Polizeiauto gehörte. Aus dem Auto stiegen eine Polizistin und ein Polizist, so jung, dass sie seine Kinder hätten sein können. Beide waren nicht sonderlich groß, aber der Effekt ihres Auftretens und ihrer Uniformen war eindrucksvoll. Fasziniert sah Otte den beiden dabei zu, wie sie in wenigen Sekunden Ordnung in das sich anbahnende Getümmel brachten.

Erst als noch ein weiteres Polizeiauto eintraf, wandte sich die Polizistin ihnen zu.

„Wer kann mir sagen, was hier passiert ist?“, fragte sie.

„Unser Intensivtransporter hat dieses Kind hier angefahren“, sagte Otte, „es hat eine Kopfverletzung. Wir mussten erste Hilfe leisten.“

„Wer ist gefahren?“, fragte die Polizistin.

Es dauerte einen Augenblick, bis Mats ein tonloses „Ich“ hervorbrachte.

„Ich muss dann einmal Ihre Personalien aufnehmen“, sagte die Polizistin.

Das Notarzteinsatzfahrzeug und der Rettungswagen trafen ein. Die enge Straße war mittlerweile völlig verstopft. Weit hinten hupte immer wieder jemand, der wohl nicht verstand, warum es nicht weiterging. Die beiden Rettungsfahrzeuge mussten über den Grünstreifen fahren, und dabei einige Gaffer vor sich herscheuchen, um nah genug an das Geschehen heranzukommen.

Auf der Fahrerseite des Nortarzteinsatzfahrzeugs stieg Ralf aus, den Otte von früheren Einsätzen her kannte. Ralf gehörte zu denen, die fanden, dass der NEF-Fahrer sich mit der Dokumentation und der Kommunikation mit der Leitstelle zu beschäftigen habe, während die anderen für die schweißtreibenderen Arbeiten zuständig waren. Deshalb war er unbeliebt bei seinen Kollegen. Otte mochte ihn trotzdem, nicht zuletzt weil Ralf seine Leidenschaft für alte Motorräder teilte.

Auf der anderen Seite stieg jemand sehr Großes aus.

Oh nein, nicht der, dachte Otte. Konstantin Schönel, der große Chirurg. So jedenfalls, vermutete Otte, würde der sich selbst bezeichnen, während er vor dem Spiegel stand. Und dass er sich nirgends lieber als vor dem Spiegel aufhielt, dafür sprach schon seine in allen Lebenslagen perfekt sitzende Frisur.

Konstantin Schönel war der Sohn von Peter Schönel, einem stadtbekannten Orthopäden, von dem es hieß, dass kein über Sechzigjähriger seine Praxis betreten konnte, ohne ein paar Wochen später auf einem neuen Hüft- oder Kniegelenk herumzuhumpeln. Otte hatte schon einige Narkosen für Schönel senior gemacht und sich darüber amüsiert, wie sehr der Mann jedem Orthopädenklischee entsprach. Mit Goldkettchen unter dem Kasack und immer einem von mehreren teuren Sportwagen auf dem Parkplatz. Letztere hatten ihm den wenig originellen Spitznamen Porsche-Peter eingebracht. Der Kerl kloppte wie ein Geisteskranker eine Prothese nach der nächsten in rekordverdächtiger Geschwindigkeit in seine Patienten, und wehe, die Narkoseeinleitung dauerte einmal ein bisschen länger.

Der Sohn, einer der aufstrebenden Sterne der Unfallklinik, schien wild entschlossen in die blutigen Fußstapfen des Vaters zu treten. Sein Auftreten als Notarzt war Otte schon bei anderer Gelegenheit sehr unangenehm aufgefallen. Trotzdem hatte Schönel Fans unter den Rettungsdienstmitarbeitern, sicherlich auch, weil er oft großzügig zum Essen einlud.

Ralf schleppte den Kindernotfall-Rucksack und das Tablet. Die Jungs vom RTW schulterten jeder einen großen Rucksack und schleppten den Monitor und das Beatmungsgerät. Schönel hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Wer kann uns was erzählen?“, fragte Schönel.

Otte fasste zusammen: „Wir sind mit unserem Intensivmobil mit diesem Jungen hier auf seinem Fahrrad zusammen gestoßen. Er war initial bewusstlos aber kreislaufstabil. Es drohte ein Atemwegsproblem bei zunehmender Schwellung der Halsweichteile. Deswegen haben wir ihn primär intubiert. Links hat er eine dislozierte Unterarm-Fraktur. Weitere Verletzungen konnte ich nicht feststellen.“

„Habt ihr die Fraktur reponiert?“, fragte Schönel.

„Sind wir noch nicht zu gekommen“, antwortete Otte, „wir mussten uns erstmal um die vital bedrohlichen Probleme kümmern.“

„Dann lasst uns mal ran“, sagte Schönel, „gibt es Angehörige?“

„Die Eltern sind hier, aber wir konnten uns bisher noch nicht verständigen“, antwortete Otte.

Schönel tastete mit wissender Miene den Körper des Kindes ab. Dann wollte er sofort den Bruch einrenken. Otte gelang es gerade noch, die Narkose etwas zu vertiefen, bevor Schönel mit Gewalt an dem Arm zog und die Herzfrequenz des Jungen noch weiter in die Höhe schoss.

Leszek war schon mit einem Teil ihrer Ausrüstung zum Intensivmobil zurückgekehrt. Er winkte Otte zu sich.

„Wir müssen jetzt zu unserer Patientin im Wagen“, sagte Otte, „Der geht es auch nicht gut.“

„Macht mal“, sagte Schönel, „wir kommen hier schon alleine klar.“

Das hoffe ich, dachte Otte. Er nahm sich den Monitor, den die RTW-Besatzung durch ihren ersetzt hatte, und eilte zum Intensivmobil zurück.

Es sah schlimmer aus, als er befürchtet hatte. Das sah er schon durch die Scheibe. Drei-Sterne-Alarm bei sämtlichen Parametern. Das EKG zeigte nur vereinzelte breite Komplexe, die Blutdruckkurve einen durchgehenden Strich, eine Sauerstoff-Sättigung war längst nicht mehr messbar. Nur das Beatmungsgerät presste unbeirrt weiter kleine Mengen Luft in die steife Lunge der Patientin.

Otte und Leszek sahen sich an.

„Wie lange geht das schon so?“, fragte Otte.

„Als ich hier ankam, sah es genauso aus“, antwortete Leszek, während er einen neuen Schutzanzug aus dem Rucksack zog.

„Du weißt, dass das hier keine Aussicht auf Erfolg mehr hat“, sagte Otte.

„Du weißt, was hier los ist, wenn du sie jetzt für tot erklärst“, sagte Leszek.

„Ernsthaft?“ fragte Otte.

„Ernsthaft“, sagte Leszek.

Sie schlüpften in die Ersatz-Schutzausrüstung und stiegen ein. Otte hob kurz die Lider der Patientin an und sah in die Pupillen. Sie waren weit und lichtstarr. Dann begann Otte mit der Herzdruckmassage, während Leszek die Adrenalin-Fertigspritzen aus dem Koffer fischte.

Die erste Adrenalingabe blieb, wie erwartet, ohne Wirkung.

„Kannst du bitte – Mats - überzeugen – dass - er sich - erst nach - Einsatzende – ablösen lässt!“ Otte war jetzt schon außer Atem. „Wenn wir - hier nicht - bald wegkommen - wird das Ganze – endgültig zur Farce!“

„Ich schau mal, was sich machen lässt“, sagte Leszek, „kommst du hier alleine klar?“

„Muss wohl“, antwortete Otte.

„Ich lege dir hier die restlichen Adrenalinspritzen hin“, sagte Leszek und stieg aus dem Wagen.

Otte brach der Schweiß aus. Wenn wir wenigstens eine von diesen automatischen Reanimationshilfen aus dem Rettungsdienst hätten, dachte er. Er war kurz versucht, einfach aufzuhören und zu warten, bis Leszek wiederkam. Die Zeit, die das Gehirn der Patientin ohne Sauerstoff verbracht hatte, war höchstwahrscheinlich viel zu lang gewesen, als dass eine Erholung noch möglich gewesen wäre. Aber so kaltblütig war Otte dann auch wieder nicht. Er wusste, dass Leszek Recht hatte. Wenn sie die Patientin jetzt aufgeben würden, mussten sie sich auf noch viel größeren Ärger gefasst machen. Schon so hatte Otte ein Gefühl, als zöge ihm jemand einen warmen Winterschal um den Hals, und zöge immer fester zu.

Die Minuten zogen sich. Ottes Hosenbund rutschte so weit herunter, dass sein Hintern an der Innenseite des Schutzanzugs rieb. Er unterbrach die Herzdruckmassage, um die Hosen wieder hochzuziehen und um zu sehen, ob sich das Herz der Patientin wieder rührte. Aber der minimale Kreislauf, den er hergestellt hatte, indem er immer wieder mit dem ganzen Gewicht seines Oberkörpers den Brustkorb der Patientin zusammengepresst hatte, brach sofort wieder zusammen, als er aufhörte. Otte drückte schnell die nächste Adrenalinspritze in den Zugang am Hals der Patientin und begann wieder mit der Herzdruckmassage. Nach der Unterbrechung konnte er wieder kräftiger drücken, aber kurz darauf erlahmte er erneut.

Endlich stieg Leszek wieder ein.

„Alles geregelt, Mats fährt weiter“, sagte er.

„Danke“, sagte Otte.

„Ist ja nicht mehr weit“, sagte Leszek.

„Kannst- du – mich – bitte - ablösen“, sagte Otte.

Der ausgeruhte Leszek warf sich voller Elan auf den Brustkorb. Es knackte mehrmals, als Rippen der Patientin brachen. Otte musste sich setzen, so außer Atem war er.

Die Fahrertür fiel ins Schloss. Mats rangierte diesmal deutlich sachter.

Leszek und Otte wechselten sich in immer kürzeren Abständen mit der Herzdruckmassage ab. Ihre Schutzbrillen waren komplett beschlagen. Die Masken beulten sich im Rhythmus ihres Keuchens ein und aus. Einmal fing das Herz tatsächlich noch an zu flimmern und sie versuchten, es mit einem Stromstoß wieder zum Schlagen zu bringen, aber es setzte gleich wieder aus.

„Kannst du beim nächsten Wechsel die Leitstelle anrufen?“, fragte Otte.

„Was soll ich ihnen sagen?“

„Die sollen uns im Schockraum als ‚unter laufender Reanimation‘ ankündigen.“

Leszek telefonierte mit der Feuerwehrleitstelle, während Otte wieder drückte.

Endlich spürte Otte die vertrauten scharfen Kurven - zweimal links, einmal rechts - vor der Einfahrt in die Uniklinik.
 


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