Triton

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Dyer

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Matthias liebte das Wasser. Schon früh nahmen ihn seine Eltern mit ans Meer und ließen ihn dort planschen. Mit fünf Jahren konnte er kraulen, mit sechs soweit tauchen wie sein Vater. Eine Woche nach seinem siebten Geburtstag schickten ihn seine Eltern in den örtlichen Schwimmverein. Dort erkannte man schnell sein Talent. Er schwamm allen davon, und das erschreckendste war, er wurde immer schneller. Seine ersten olympischen Spiele bestritt er mit sechzehn. Er gewann dort keine Medaille, aber sein Talent und sein Wille blieben niemandem verborgen. Die Anderen in der Schule beneideten ihn um seinen starken Körper und die gelockten, blonden Haare. Sie nannten ihn Aquaman, und ahnten nicht, wie sehr er das hasste.

Manchmal, nach dem Training, trieb Matthias rücklings auf dem Wasser und betrachtete die Hallendecke. Er hörte dann die Gespräche der Anderen und die prasselnden Duschen, und sofern er sich sicher war, dass niemand ihn sah, ließ er sich auf den Boden des Beckens sinken, und dort blieb er, bis es wehtat. Das Wasser nimmt dir jede Last, dachte er dann, jegliches Gewicht nimmt es dir, aber es will dich auch nicht gehen lassen.

Seine erste Freundin hieß Claudette. Sie lernten sich bei Facebook kennen. Claudette mochte keinen Sport, dafür las sie gern. Die beiden ergänzten sich gut. In ihrer Nähe vergaß Matthias das Wasser. Bei ihr fühlte er sich geborgen. Lange waren sie glücklich. Mit dem Zug fuhren sie nach Paris, Brüssel und Prag. Keiner von ihnen war bis dahin weit gereist, und die Zeit, die sie miteinander verbrachten, war aufregend. Dann passierte das Unheil.

Matthias fuhr mit dem Rad entlang der Hauptstraße. Kurz zuvor hatte er sich mit Claudette gestritten. Er war zornig und wusste nicht, ob es Tränen waren, die über sein Gesicht rannen, oder Tropfen des grollenden Himmels. Aus einer Seitengasse kam ein Laster. Der Fahrer winkte einem Passanten, vergaß zu bremsen, sah den Jungen nicht - Matthias hatte keine Chance. Das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war eine Frau am Straßenrand, die zu ihm rief. Vier Tage später erwachte Matthias im Krankenhaus. Er war allein. Auf dem Beistelltisch standen Blumen ohne Wasser. Die Fenster hatte lange niemand mehr geputzt. Der Arzt erklärte ihm, dass seine Schulter gebrochen sei und man das linke Bein gerade noch habe retten können. Er habe viel Glück gehabt. Er lebe. Matthias sagte nichts. Nachts, als niemand bei ihm war,, kamen die Tränen. Er war zwanzig Jahre alt.

Das Schwimmen bereitete ihm von da an Schmerzen. Seine Karriere war zu Ende, noch bevor sie begonnen hatte. Der Trainer strich ihm über die Schulter und sagte, dass mache doch nichts, es gebe so viel Anderes. Claudette bemerkte als Erste, wie er sich veränderte. Er begann zu zeichnen, düstere Welten, dunkel und kalt, und ohne Vegetation. Manchmal zeichnete er bizarre Schatten und erzählte von Gestalten, die er sah. Bald sprach er von einer Auszeit. Kurz darauf trennten sie sich.

Eines Tages kam ein Paket. Es lag einfach da, auf dem Fußabstreifer vor der Eingangstür, ohne Absender. Den Postboten hatte Matthias nicht gesehen, und auch sonst Niemanden.
Mit einem Teppichmesser zerschnitt er vorsichtig das Klebeband. Für eine Sekunde war er unvorsichtig, die Klinge rutschte ab und drang in seine Fingerkuppe. Ein Blutstropfen bildete sich, und Matthias leckte ihn ab, woraufhin ein neuer Tropfen entstand. Er leckte erneut und verband den Finger. Im Karton fand er ein Flyer und ein Zettel mit der Aufschrift „Lass mich los“. Der Flyer zeigte einen Mann im Neoprenanzug, darunter stand: Faszination Tiefe, für Jung und Alt.

Der Kurs fand in einem Freibad statt. Die Luft war vollgesogen mit Hitze. Die Sonne ging unter. Es war Abend. Da der Kurs nach den offiziellen Öffnungszeiten stattfand, gab es keine anderen Badegäste. Da waren nur Matthias, der Lehrer, ein älteres Ehepaar und ein junges Mädchen. Erklärt wurde im Wasser. Der Lehrer sprach ruhig, seine Worte waren gewählt und einfach. Er erklärte ihnen die grundlegenden Begriffe des Apnoetauchens. Es gab zwei intuitive Übungen. Zuletzt sagte der Lehrer, es sei wichtig, niemals an oben zu denken. Wer an oben denke, sei nicht unten, und wer nicht unten sei, sei tot. Matthias stand stand im Wasser, etwas abseits der Gruppe, im Nichtschwimmerbereich. Der Lehrer sah ihn, fragte aber nicht. Der Mensch komme aus dem Wasser, sagte der Lehrer zur Gruppe, er habe die gleichen Instinkte und Fähigkeiten wie alle anderen maritimen Säugetiere. Der Mensch sei von Natur aus für das Wasser geschaffen. Sei dafür geschaffen zu schwimmen, zu tauchen und zu spüren.
Was zu spüren, fragte Matthias.
Sich selbst zu spüren, antwortete der Lehrer.
Dann versuchten sie es gemeinsam. Es war ganz einfach. Sie mussten sich einfach fallen lassen. Das Becken war nicht tief und die Gewichte an ihren Hüften zogen sie nach unten. Matthias zögerte, dachte an Claudette, und dann tat er es, wie die anderen auch, obwohl die Stimme in seinem Kopf davon abriet. Dass Wasser nahm ihn in Empfang, umschloss ihn. Der Lärm erlosch. Ruhe. Ordnung. Es war unglaublich. Sie alle bekamen eine kleine Urkunde und die freundliche Einladung des Lehrers, dem Verein beizutreten. Keiner von ihnen tat es. Keiner außer Matthias.

Er war eifrig und der Lehrer erstaunt über seine Fortschritte. Matthias erzählte ihm von seinem Leben, dem Schwimmen, dem Unfall und der Angst. Er erzählte sogar von Claudette und dass er sie noch liebe, aber niemals zu ihr zurückkehren könne, denn er sei dafür nicht geschaffen. Der Lehrer verstand erst Jahre später, was der Junge damit gemeint hatte.

Nach drei Jahren Training war es soweit, Matthias kaufte sich ein Ticket auf die Bahamas. Das Blue Hole war noch schöner, als er es sich vorgestellt hatte - ein hundert Meter tief in den Boden abfallender Schacht aus Korallen. Ein dunkler Fleck in mitten seichter Strände. Seinen Eltern hatte Matthias erzählt, er fliege nach Berlin. Vergeblich warteten sie auf seinen Anruf. Er ging ins Wasser. Es war warm und zart. Die Palmen nickten im Wind und ein Mann am Strand spielte mit seinem Hund. Als das Wasser Matthias Hüfte berührte, hielt er inne und lauschte dem Ozean. Dann zog er die Taucherbrille auf und stieg hinab. Anfangs war alles hell. Fische kreuzten seinen Weg, Lichterscheinungen flirrten um ihn. Sein Herz schlug langsam. In etwa dreißig Metern Tiefe erreichte er den Rand des Lochs. Dort stand er, sah hinab, sah nichts, und ließ sich fallen. Er ließ sich in die Schwärze fallen, wie ein Fallschirmspringer hin zur Erde fällt. Die dichte des Körpers ermögliche es, hatte ihm sein Lehrer einmal erklärt. Man falle und falle und falle, bis man den Boden erreiche. Der Druck stieg von da an rapide. Je tiefer Matthias kam, desto schwerer drückte das Wasser auf seinen Brustkorb. Dann setzte der Bloodshift ein und sein Herz pumpte Blut in die Lunge um dem Druck entgegen zu wirken. Auf hundertundneun Metern Tiefe erreichte er den Grund des Blue Holes.

Reglos stand er da. Sein Herz schlug langsamer als ein Sekundenzeiger. Um ihn herum war Nacht. Hier gab es nichts. Nicht einmal ihn selbst. Er war nur ein Zwinkern in der Zeit. Ein Staubkorn im Strudel des Universums. Sternenstaub. Er kam von nirgendwo und ging dorthin zurück. Dann vibrierte seine Uhr, und meldete, dass es Zeit für den Aufstieg sei. Matthias löste das Armband und spürte wie etwas seinen Fuß streifte. Er hörte nichts, sah nichts. Langsam ließ er die Luft aus seinen Lungen entweichen, so wie er es früher schon getan hatte, im Hallenbad. Es dauerte zehn Sekunden bis sein Körper nach Atem rang. Es begann mit einem Kribbeln in den Zehen und endete in einem unkontrollierbaren Reflex. Begierig sog er das Wasser ein, und ehe sein Gehirn verstand, dass es kein Sauerstoff war, der die Lungen füllte, schwanden ihm die Sinne.

Noch heute besitzt Claudette ein Bild von Matthias, wie er an der Moldau steht und lächelt.
 

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