Cpt.Tennis
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(Tschu-tschu.)
Bevor Sie weiterlesen, Mr. Jensen, lassen Sie mich raten: »Chew-Chew-Chan tot durch Old Sparky«. Lautet so die Titelseite? Ich hoffe es doch. Ich werde versuchen, auf der Fotografie nicht zu blinzeln. Versprochen.
Wissen Sie, ich möchte mich nicht versuchen zu erklären. Um Gottes Willen, nein. Ich werde Sie nicht verurteilen, wenn Sie es nicht verstehen. In welcher Position befinde ich mich schon, um mir dieses Recht zu geben? Sie werden mich wahrscheinlich so wenig verstehen wie ein Maler sein eigenes Gemälde. Kunst dient nie einem Zwecke, muss weder Emotionen noch Revolutionen entfachen. Sie muss schlicht existieren, Mr. Jensen. So wie ich. Kunst um der Kunst willen, so heißt es nun mal, nicht wahr? Aber ich schweife ab … Ich werde meine Prinzipien verraten. Warum? Das erfahren Sie am Ende meines Briefes.
(Tschu-tschu.)
Wissen Sie, ich hatte als Kind eine kleine Spielzeuglokomotive. Für jedermann nichts Besonderes, jedoch für mich alles auf der Welt. Der Vater ein Alkoholiker, die Mutter eine verdroschene, gebrochene Frau. Für mich nichts Besonderes, jedoch für jedermann alles auf der Welt, Mr. Jensen. Ich spielte mit ihr überall. Auf den Betten, auf dem Flur und Teppich – selbst auf den mit Kippen und Bierdosen verseuchten Sofatisch. Geliebt habe ich sie über alles, auch wenn sie jeder gehasst hat.
(Tschu-tschu.)
Eines Tages, so wie jeden Sonntag, zischte im Hintergrund Mutters Tomatensuppe auf dem Herd. Das tiefe Rot hatte es den frisch geernteten Fleischtomaten aus dem Nachbarsgarten zu verdanken. Sie blubberte, wie mein kleines kindliches Ich sich Lava vorstellte, und ich hatte Hunger. Einen RIESENHUNGER. Doch bevor es ans Essen ging, spielte ich mit meiner Lokomotive.
(Tschu-tschu.)
Ach, können Sie sich diesen naiven, verträumten Fokus vorstellen, den ein Kind in solch einer Situation hat, schließlich waren Sie auch einmal Kind, Mr. Jensen? Sie wissen schon: das typische sich von Mutters Hand lösen und auf die Straße rennen, nur um vom Auto überfahren zu werden. Es war jedoch kein Auto beteiligt, sondern Mutters Tomatensuppe. Und statt einem Kind, das reglos am Boden lag, war es die Suppe, die eine Blutlache bildete. In den nächsten – ich schätze mal dreieinhalb Minuten – eskalierte es zwischen Vater, Mutter und mir, und um es kurz machen: Vater presste Mutters Hand auf die Herdplatte und zwang sie, mich mit ihr zu schlagen. Das waren höllische Schmerzen, Mr. Jensen. Das Gold ihres Eherings brannte sich tief in mein Fleisch ein. Meine Lok sah ich an diesem Tage nie wieder. Sie verschwand. Doch mein endloser Hunger blieb weiterhin bestehen. Als würde man Kohle in einen Dampfkessel schaufeln, brodelte er weiter.
(Chew-chew.)
So, Mr. Jensen, wir sind beinahe am Ende angelangt, Endstation, und ich habe Ihnen nicht ganz die Wahrheit erzählt. Meine Prinzipien werde ich nicht verraten. Warum? Weil ich Ihnen um Himmels willen nicht erklären kann, woher dieser schiere Hunger kommt. Vielleicht war jener Abend der Auslöser. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum ich diese Menschen gegessen habe. Vielleicht erinnerte mich deren Blutlache an die der Tomatensuppe. Vielleicht sah ich in ihren letzten Momenten meine letzten Momente, meine dreieinhalb Minuten. Vielleicht, vielleicht, vielleicht …
(Chew-chew.)
Mein Hunger verhält sich zu mir, wie die Kunst zum Maler: Sie ist bedeutungslos. Doch erst durch das zweite Paar an Augen wird das Gemälde zum Beobachter. Genau. Mein Hunger ist eine endlose, schiere und unvollendete Katharsis – ein Blick in den Kochtopf.
(Tschu-chew.)
Wissen Sie, ich sah meinen Vater kurz bevor der Motorblock des Lastwagens seinen Schädel zersplitterte, noch an der Küchentürschwelle stehen und sich verabschieden. Und wären Sie es gewesen, Mr. Jensen, wünschte ich, ich hätte Sie noch ein letztes Mal umarmt. Doch da er es gewesen war, saß ich weiter am Frühstückstisch und schob mir den Löffel Frühstücksflocken in den Rachen. Ich werde Sie vermissen, Mr. Jensen. Sie waren die einzig wahre Seele in diesem Kaninchenbau.
Bevor Sie weiterlesen, Mr. Jensen, lassen Sie mich raten: »Chew-Chew-Chan tot durch Old Sparky«. Lautet so die Titelseite? Ich hoffe es doch. Ich werde versuchen, auf der Fotografie nicht zu blinzeln. Versprochen.
Wissen Sie, ich möchte mich nicht versuchen zu erklären. Um Gottes Willen, nein. Ich werde Sie nicht verurteilen, wenn Sie es nicht verstehen. In welcher Position befinde ich mich schon, um mir dieses Recht zu geben? Sie werden mich wahrscheinlich so wenig verstehen wie ein Maler sein eigenes Gemälde. Kunst dient nie einem Zwecke, muss weder Emotionen noch Revolutionen entfachen. Sie muss schlicht existieren, Mr. Jensen. So wie ich. Kunst um der Kunst willen, so heißt es nun mal, nicht wahr? Aber ich schweife ab … Ich werde meine Prinzipien verraten. Warum? Das erfahren Sie am Ende meines Briefes.
(Tschu-tschu.)
Wissen Sie, ich hatte als Kind eine kleine Spielzeuglokomotive. Für jedermann nichts Besonderes, jedoch für mich alles auf der Welt. Der Vater ein Alkoholiker, die Mutter eine verdroschene, gebrochene Frau. Für mich nichts Besonderes, jedoch für jedermann alles auf der Welt, Mr. Jensen. Ich spielte mit ihr überall. Auf den Betten, auf dem Flur und Teppich – selbst auf den mit Kippen und Bierdosen verseuchten Sofatisch. Geliebt habe ich sie über alles, auch wenn sie jeder gehasst hat.
(Tschu-tschu.)
Eines Tages, so wie jeden Sonntag, zischte im Hintergrund Mutters Tomatensuppe auf dem Herd. Das tiefe Rot hatte es den frisch geernteten Fleischtomaten aus dem Nachbarsgarten zu verdanken. Sie blubberte, wie mein kleines kindliches Ich sich Lava vorstellte, und ich hatte Hunger. Einen RIESENHUNGER. Doch bevor es ans Essen ging, spielte ich mit meiner Lokomotive.
(Tschu-tschu.)
Ach, können Sie sich diesen naiven, verträumten Fokus vorstellen, den ein Kind in solch einer Situation hat, schließlich waren Sie auch einmal Kind, Mr. Jensen? Sie wissen schon: das typische sich von Mutters Hand lösen und auf die Straße rennen, nur um vom Auto überfahren zu werden. Es war jedoch kein Auto beteiligt, sondern Mutters Tomatensuppe. Und statt einem Kind, das reglos am Boden lag, war es die Suppe, die eine Blutlache bildete. In den nächsten – ich schätze mal dreieinhalb Minuten – eskalierte es zwischen Vater, Mutter und mir, und um es kurz machen: Vater presste Mutters Hand auf die Herdplatte und zwang sie, mich mit ihr zu schlagen. Das waren höllische Schmerzen, Mr. Jensen. Das Gold ihres Eherings brannte sich tief in mein Fleisch ein. Meine Lok sah ich an diesem Tage nie wieder. Sie verschwand. Doch mein endloser Hunger blieb weiterhin bestehen. Als würde man Kohle in einen Dampfkessel schaufeln, brodelte er weiter.
(Chew-chew.)
So, Mr. Jensen, wir sind beinahe am Ende angelangt, Endstation, und ich habe Ihnen nicht ganz die Wahrheit erzählt. Meine Prinzipien werde ich nicht verraten. Warum? Weil ich Ihnen um Himmels willen nicht erklären kann, woher dieser schiere Hunger kommt. Vielleicht war jener Abend der Auslöser. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum ich diese Menschen gegessen habe. Vielleicht erinnerte mich deren Blutlache an die der Tomatensuppe. Vielleicht sah ich in ihren letzten Momenten meine letzten Momente, meine dreieinhalb Minuten. Vielleicht, vielleicht, vielleicht …
(Chew-chew.)
Mein Hunger verhält sich zu mir, wie die Kunst zum Maler: Sie ist bedeutungslos. Doch erst durch das zweite Paar an Augen wird das Gemälde zum Beobachter. Genau. Mein Hunger ist eine endlose, schiere und unvollendete Katharsis – ein Blick in den Kochtopf.
(Tschu-chew.)
Wissen Sie, ich sah meinen Vater kurz bevor der Motorblock des Lastwagens seinen Schädel zersplitterte, noch an der Küchentürschwelle stehen und sich verabschieden. Und wären Sie es gewesen, Mr. Jensen, wünschte ich, ich hätte Sie noch ein letztes Mal umarmt. Doch da er es gewesen war, saß ich weiter am Frühstückstisch und schob mir den Löffel Frühstücksflocken in den Rachen. Ich werde Sie vermissen, Mr. Jensen. Sie waren die einzig wahre Seele in diesem Kaninchenbau.
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