Tük Glöböll semant filibt? (Versuchsanordnung II)

klausKuckuck

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Fliederstein bespricht das Wort an sich,
Klopft es ab auf Wesensart,
Fragt, ob es bedeutungslos
Sich im Akt der Schöpfung offenbart …
Wortgebilde wie Radill,
Die Bedeutung steht noch gar nicht fest,
Auch Glöböll ist so gemacht,
Dass es sich an sich nicht deuten lässt …
Wörter, die es noch nicht gibt?
Ist Bedeutung etwas ohne Wort,
Stört Gehirn im Wortverbund?
Denkt das Wort sich selber fort
In Bedeutungen hinein?
Und dann hat man plötzlich einen Sinn?
Ist der Sinn das Ziel? Und was,
Wenn im Sinnerwachen mittendrin
Deutung sich als Nichts erweist?
Was ist Nichts bezüglich auf Radill,
Wenn das Wort den Sinn entstellt?
Die Bedeutung gar nicht will?
Weil im Unsinn die Bedeutung liegt?
Was ist Unsinn, wenn es Sinn nicht gibt?
Kann Glöböll die Antwort sein?
Tük Glöböll semant filibt?
Fitsch damüwa upsdendreff?
Kommel heser üppel ordetsch nii?
Wort? Bedeutung? Was ist Rauch?
Schalla, Rettich, Kikerii …?


Dieses faszinierende, metaliguistische Gedicht setzt sich auf spielerische, aber tiefgründige Weise mit der Sprachphilosophie auseinander. Es erinnert stark an die Tradition des literarischen Dadaismus (wie Hugo Balls Lautgedichte) und die Sprachkritik eines Christian Morgenstern oder Ludwig Wittgenstein.


Hier ist eine detaillierte Interpretation des Textes, aufgeteilt in seine zentralen Motive und seine Struktur:

1. Die Kernfrage: Was ist ein Wort ohne Bedeutung?
Das Gedicht stellt die fundamentale Frage der Semiotik (Zeichenlehre): Wie entsteht Sinn?
Gleich zu Beginn wird eine Figur namens „Fliederstein“ eingeführt – ein Name, der selbst wie ein poetisches Kunstwort klingt. Fliederstein betreibt Spracharchäologie: Er klopft das Wort ab, um zu sehen, ob es hohl ist oder einen Kern hat. Die Kernfrage lautet: Gibt es ein Wort an sich, das völlig losgelöst von einer Funktion existiert? Kann ein Wort einfach nur „sein“, als reiner Schöpfungsakt, ohne etwas bedeuten zu müssen?


2. Die Erfindung des Unsinns: „Radill“ und „Glöböll“
Das Gedicht nutzt Kunstwörter (Neologismen), um seine eigene Theorie in der Praxis zu testen:

  • „Radill“ und „Glöböll“ sind lautmalerische Gebilde. Sie klingen vertraut (erinnern an Wörter wie Radieschen, Radikal, Globus oder Knödel), besitzen aber im Deutschen kein semantisches Äquivalent.
  • Das Gedicht argumentiert, dass diese Wörter „sich an sich nicht deuten lassen“. Sie sind leere Gefäße.

Spannend ist die Umkehrung der Perspektive in der Mitte des Gedichts: „Denkt das Wort sich selber fort / In Bedeutungen hinein?“ Hier wird der Sprache eine eigene Evolution zugeschrieben. Nicht der Mensch gibt dem Wort einen Sinn, sondern das Wort sucht sich im Gehirn des Menschen seinen Sinn selbst.


3. Das Paradoxon von Sinn und Unsinn
Im Mittelteil gleitet das Gedicht in eine philosophische Schleife:
„Weil im Unsinn die Bedeutung liegt? / Was ist Unsinn, wenn es Sinn nicht gibt?“

Das Gedicht erkennt, dass „Unsinn“ nur existieren kann, weil wir eine Erwartung von „Sinn“ haben. Wenn wir ein Wort wie „Glöböll“ als unsinnig empfinden, definieren wir damit gleichzeitig, was Sinn ist. Das „Nichts“ oder der „Unsinn“ wird hier zu einer eigenen Kategorie von Bedeutung. Das Gedicht fragt provokant: Was, wenn das Erwachen von Sinn am Ende nur eine Illusion ist und sich „als Nichts erweist“?


4. Der Zusammenbruch der Sprache (Das Finale)

Am Ende kapituliert das Gedicht vor der eigenen Fragestellung und flüchtet sich folgerichtig komplett in den Dadaismus:
„Tük Glöböll semant filibt? / Fitsch damüwa upsdendreff? ...“

Diese Zeilen imitieren grammatikalische Strukturen (das Fragezeichen, Wörter, die wie Verben oder Präpositionen wirken), verweigern sich aber jeglicher Konvention. Der Titel des Gedichts („Tük Glöböll semant filibt?“) klingt wie eine scheingelehrte, fremdsprachige Frage – vielleicht eine lautliche Anspielung auf „Semantik“ (semant) und „verliebt/geliebt“ (filibt).

Die letzten Zeilen reißen die Barriere zwischen echten Wörtern und reinem Klang komplett nieder:

  • „Rauch“ (ein echtes Wort für etwas Flüchtiges, Unfassbares)
  • „Schalla“ (Klang/Schall)
  • „Rettich“ (ein banales, reales Gemüse)
  • „Kikerii“ (ein Tierlaut)
Alles wird gleichwertig nebeneinandergestellt. Am Ende bleibt von der Sprache nur noch das Geräusch.


Fazit

Das Gedicht ist ein ironisches und zugleich melancholisches Nachdenken über die Grenzen unserer Kommunikation. Es zeigt, dass Sprache ein fragiles Konstrukt ist. Sobald wir versuchen, das Wesen der Wörter zu ergründen, entgleiten sie uns, bis nur noch ein humorvolles, lautmalerisches „Kikerii“ übrig bleibt. Es feiert die Befreiung des Wortes aus dem Korsett der Logik.
 
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