Tütken - Flucht vorm Ministerium - Des einen Freud, des anderen Leids

ahorn

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Band 1 Flucht über die Nordsee

Tütken


Flucht vorm Ministerium


Allein auf dem Eiland


Die ersten Tage, Wochen, Monat vergehen wie im Flug, wenn des Entdeckers Nase, Ohren neues, unbekanntes erspähen.
Jedoch allein ist sogar das Paradies der Hölle nah und es wird Zeit, gen Horizont zu sehen.


Des einen Freud, des anderen Leids

Wasser bis zum Hals

Josephine umfasste ihr Genick, warf zuerst ihr taillenlanges rabenschwarzes Haar über ihre Schulter, danach hielt sie Fridolin ihre Hand hin. „Komm! Ich helfe dir.“
Er nahm das Angebot mit Dank an, stellte sich auf seine Füße, sein Oberkörper schwankte, benommen von der Betäubung suchte er sein Gleichgewicht.
Allerdings der Druck auf seine Zehen verwundert ihn. Er sah auf den mit zerbrochenen graublauen Fließen bedeckten Boden. Die Finger seiner Linken hoben den Saum eines violett-schwarz karierten Faltenrocks. Seine Rechten berührten die weiße Knopfleiste eines schwarzen Blazers. Der Blick auf sein nach hinten abgewinkeltes Bein, erklärte ihm die wirkliche Ursache seines Schwankens, des Drucks. Seine Waden, seine Knie waren fest geschnürt in tiefschwarzen, blickdichten Overkneestrümpfen. Sein Fuß steckte in einen violetten Pumps, dessen Absatz gar auf ebener Oberfläche seiner Trägerin, das Gehen erschwerte.
Den Befehl zum Senden des Faltens seiner Stirn, zum Zusammenziehen seiner Augenbrauen vernahm er, einzig dessen Ausführung spürte er nicht. Er hob seine Schultern.
Josephine richtete seine violett-schwarz karierte Krawatte. „Stehst du nicht mehr auf Schulmädchenuniform?“
Das Letzte, was sein Gedächtnis hergab, war, dass drei maskierte Männer ihn gepackt hatten. Er schüttelte seinen Kopf, ohne ihn zu bewegen. Seit wann haben Burschen Brüste? Oder? Aber, dass drei Frauen ihn aus dem Transporter gezerrt hatten, welcher ihn zu seiner neuen Haftanstalt bringen sollte, schien eher eine Choreografie eines miserablen Hollywoodstreifens. Cut! Filmriss.

Josephine stolzierte um ihn herum, strich ihren mausgrauen Nadelstreifenrock glatt und presste ihre rechte Hand auf ihren Rücken.
Sie hatte sein Blickfeld verlassen, da spürte er einen Schmerz auf seinen Pobacken. Die Ursache erspähte er, bevor das Leiden abklang.
Sie streichelte eine Gerte und krähte: „Böses Mädchen!“, während sie ihr Haar über ihre Schultern schleuderte, nach oben zu sehen schien, als erwarte sie Applaus. „Schade. Wir haben keinen Spiegel für unser Mädchen.“
Er folgte ihrem Blick. Die an der Decke befestigte Holzpaneele hing in Fetzen hinab. Einzelne Bretter baumelten von der Gebäudedecke, berührten den Fußboden. Wenngleich er es nur vermutete. Denn sehen konnte er den Boden nicht. Er stand in der Mitte eines volleyballfeldgroßem, mannshohen Schwimmbadbecken.
„Böses Mädchen!“
Er biss die Zähne zusammen.
Sie schlug mit dem ledernen Ende der Gerte auf ihre hohle Hand. „War bestimmt nicht deine Schuld, dass die Idioten am Flughafen“, sie schnalzte, „die Kisten verwechselt haben. Ärger habe ich bekommen. Böses Mädchen!“
Seine Pobacken zuckten.
„Stand dumm da ohne Alina. Wie gesagt war nicht deine Schuld.“
Diesmal traf ihn der Schlag ohne Warnzeichen, dafür mit einer Intensität, die, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, Tränen in seine Augen betrieben hätte. Unkontrolliert zog er seinen linken Fuß zur Seite, aber er kam nicht weit, strauchelte. Sein Knöchel zerrte an einer im Boden verankerten Fußfessel und er schrie: „Was soll das?“
Eine Strieme mehr gab sie ihm zur Antwort.

„Warte ich habe eine Idee“. Sie kramte in ihrer schwarzen Handtasche, holte einen Kosmetikspiegel heraus. „In deiner ganzen Eleganz siehst du dich nicht, aber es wird reichen, damit du begreifst, inwieweit wir für dich keine Kosten, keine Mühen gespart haben, um, vermutlich deinen Letzten, dennoch größten Wunsch zu erfühlen.“
Sie hielt ihn den Spiegel vor die Nase. „Prächtig. Oder? Was ein bisschen Schminke und Botox feenhaftes, anmutiges, zaubern kann.“
Er strich über seine mit Rouge gefärbte Wange.
„Na ja, wie vierzehn ziehst du ehrlich nicht aus, aber auf Anfang zwanzig würde dich jeder Unbefangene schätzen.“
Fridolin spreizte seine Finger.
„Gefallen sie dir. Sind definitiv nicht echt, aber eine Getränkedose solltest du vermeiden aufzumachen. Könnten abbrechen.“ Sie zupfte an ihren korallenrot lackierten Fingernägeln. „Ich für mein Teil stehe eher auf kurz. Das ist praktischer, dennoch sexy, wenn diese passend in Form gebracht sind. Versteht sich.“ Sie hob ihren Kopf. „Oder gefällt dir das Schwedenrot nicht. Ändern wir. Wir haben Zeit.“
Brachte es irgendetwas, sie anzuschreien, grübelte er. Den Hass, den er ihr gegenüber empfand, an den Kopf zu werfen. Mitnichten. Nur ein Gesäß, welches schmerzte. Er kannte sie zu gut. Sie würde ihn alles ohne eine Frage erzählen, ihm ihre Dominanz, er schmunzelte, ihre Arroganz aufzeigen.
Erneut klatschte die Gerte. „Und?“
Seine Zähne vor Schmerz gepresst, zischte er: „Violett, passt besser zum Rock.“
Josephine trommelte gegen ihre Ohrmuschel. „Bitte, ich verstehe dich nicht. Eine Dame spricht leise, dennoch deutlich und bittet“, verlangte sie derweil sich die Spitze ihrer Gerte, derart kam es ihm vor, in sein Kinn bohrte.
Er stotterte: „Violett, Violett könnte mir gefallen“, dabei blickte er in ihre kalten, unmenschlichen Augen, „gnädige Frau.“
„Musst du wissen, immerhin hast du von Mode mehr Ahnung.“
Dieses von einer Frau zu hören, trieb ihm weder die Schamröte ins Gesicht noch scholl ihm die Brust. Er hatte es gelernt. Es war vor für ihn gefühlten hundert Jahren seine Passion. Er hatte Mode-Design studiert. Wenn die Situation, in der er verweilte, in der er aus seiner Sicht gefangen war, nicht derart real für ihn war, hätte er gelacht. Wahrlich nicht über diese selbst. Es war für ihn nicht prickelnd, gefesselt auf dem Grund eines zu seinem Glück, leeren Schwimmbecken zu stehen, sondern, dass er sich an sein Studium erinnerte. Mehr noch. An den Tag, an dem er seinen Vater den Entschluss verkündet hatte, sowie erst recht wie, oder besser gesagt in was.
Er schmiss sein Betriebswirtschaftsstudium hin, woraufhin sein alter Herr seine finanzielle Stütze kürzte. Dieses war das Beste, was ihm jemals förderte. Um seinen Lebenswandel auf einen für ihn gewohnten Level zu halten, sah er sich gezwungen sein Können, bereits im Studium anzuwenden. Mit einer Kommilitonin gründet er ein Label. Sie hatte zwar mehr Gespür, eine Frau eben, jedoch war er bereits damals geschäftstüchtiger.
Sie war zu schüchtern, um Verhandlungen mit Investoren zu führen. Das Ergebnis lag auf der Hand. Er übernahm den Posten des Geschäftsführers und sie war kreativ. Dieses Erlebnis prägte ihn, bewies ihm, dass es grandios war, ein Mann zu sein.
Ihre Firma wurde geschluckt, jene später gleichfalls und so weiter. Und er? Er stieg auf.

Josephine Fingerkuppen glitten über ihr Spielzeug. „Ich merke, wir verstehen uns weiterhin. Aber, dass du mich den Bullen ausliefern wolltest?“ Sie drückte die Gerte voller Hingabe gegen sein Kinn. „Du bist zu naiv. Denkst wie ein Kerl. Welche Frau kontrolliert nicht ihr Gepäck. Dabei hatte ich lange vor dir geplant, dich hinter Gitter zu bringen. Du hattest deine Schuldigkeit getan. Hast mich erst auf den Gedanken gebracht, wie ich dich beiseite schaffen kann.“ Die Spitze der Gerte glitt über seinen Oberkörper, bis an seinen Schritt. „Du hättest deine himbeerroten Pumps nicht bei mir vergessen dürfen. Mir passten sie nicht. Stephen“, sie presste die Gerte gegen seine Genitalien, „ich nenne sie der Einfachheit halber bei diesem Namen, waren sie zu groß. Da blieb nur einer, der je die Wohnung betreten hatte. Der Mieter. Du! Süße wir haben fast die gleichen Körpermaße, dieselbe Konfektionsgröße.“ Sie strich über seinen Oberkörper. „Na ja, mehr Busen habe ich. Pardon! Ich will dich nicht in Verlegenheit bringen, mir zu widersprechen. Hatte ich.“
Josephine trat einen Schritt zurück, stöckelte um ihn herum.
„Es tut mir nur um diesen Günter leid. Gut gefickt hat er mich“, ihr Lachen hallte an den gefliesten Wänden wieder, „für sein Alter. Wir Frauen sollten nicht immer mit den Wimpern klimpern.“ Sie klopfte an ihre Stirn. „Pardon! Es war ja ein Haar deiner Braue, die ich ihm auf die Lippe drapiert habe. Kann dir jetzt nicht mehr passieren.“ Ihr Fingernagel tippte auf seine Augenbraue. „Perfekt gezupft.“
Sie baute sich vor ihm auf, spreizte die Beine, soweit es ihr enger Rock zuließ.
„Jetzt kommen wir mal zum Geschäft. Dein Leben gegen den Aufenthaltsort von Jannette.“
„Wer ist Jannette?“, fragte er, zugleich den Schmerz erwartete.
Sie spitzte ihre Lippen und wetterte: „Du kennst Jannette nicht“, dabei strich sie über ihre Unterlippen. „Wie soll ich dich ansprechen? Frieda. Ich nenne dich Frieda.“ Sie erhob die Gerte. „Frieda.“
„Die einzige Jannette, die ich kenne, war ein Gehirngespinst von Gertrud.“
„Wie fickt man einen Geist?“, grollte Josephine. „Okay! Ich habe mich geirrt. Ich dachte, die Tanja wäre Stephen gewesen und Stephen Klara.“
Fridolin strich über sein gequältes Gesäß. Betäubte ihn derart der Schmerz oder war sie noch verrückter, als er es sich ausmalen konnte. Jedenfalls verstand er nur Bahnhof.

Ein Schatten fiel auf die rechte Wand des Schwimmbeckens. Eine Frau mit langem blondem Haar, deren Oberkörper in eine luftige, weiße, mit Blumen bedruckten, Bluse gehüllt war, blieb an den Rand des Beckens stehen. Sie raffte ihren Jeansrock, stieg eine Leiter herab, bevor sie auf ihren nackten Füßen auf Josephine zuging, hüpfte. Bei jedem Sprung schlug ihr Pferdeschwanz wie das Pendel einer Glocke aus.
„Wenn man vom Teufel spricht“, hauchte Josephine, umarmte sie, küsste sie innig.
„Tanja?“, gurgelte Fridolin.
Sie geiferte: „Ich bin Klara du Idiot“, sodann legte sie ihren Arm um Josephines Taille, „Hat er geplaudert? Schatz!“
„Wir sind am Anfang.“
Klara löste die Umarmung, dafür strich sie mit ihren Fingernägeln über seinen Blazer. „Aber süß sieht er aus.“
„Frieda habe ich sie getauft.“
„Frieda? Nee! Da denk ich an eine alte Oma mit Dutt. Ich“, sie leckte über ihre lachsroten Lippen, „finde Fina schöner. Der Name hat irgendetwas von einer Jungfrau an sich.“ Klara schritt um Friedolin herum. „Eigentlich ist sie zu schade, um sie zu ersaufen. Deine Mutter ist der gleichen Ansicht. Aber bitte sie gehört dir.“
Ihm war es rätselhaft, was sie von ihm wollten. Tanja griente ihn an, behauptete erneut, Klara zu sein. Sie hatte keinen Grund, ihm zu grollen. Josephine wollte er damals hineinlegen. Verdient hatte sie es. Es misslang. Daher war er für eine Tat eingefahren, welche er nie begangen hatte.
Eine plausible Antwort gab es. Es war ein Spiel, eins von Josephines zur Perversion getriebenen Spielen. Er sollte sich mit Angst aus dem Staub machen, nie wiederkommen. Auf welch für eine dumme Idee kamen sie. Ohne Frage würde er das Weite suchen. Lieber sein Leben auf der Flucht verbringen, als im Knast mit anschließender Sicherungsverwahrung zu sterben.
Einen Fehler hatten sie gemacht. Da Tanja vor ihm stand und sie ihn außerdem nicht über mehrere Grenzen verfrachtet hatten, ging er davon aus, dass dieses Schwimmbad in der Nähe von Passau war.
Er spielte mit.

„Gut. Ich verrate euch, wo Tanja äh Jannette ist, dann darfst du mir den Hintern versohlen, danach gehen wir wie früher essen.“
Sein Gesäß hätte er nicht erwähnen sollen. Der aufprallende Hieb war der Härteste.
„Schatz darf ich auch einmal“, bettelte Klara.
„Bitte!“
Die Gerte sauste. Er schrie.
Klara schwang die Gerte wie ein Florett. „Das macht Spaß“, frohlockte sie, schlug zu.
„In Passau. In Passau!“, schrie er.
Kaum hatte er es ausgesprochen, gab es kein Halten mehr für die Frauen, abwechselnd droschen sie auf sein Gesäß ein.
Ob sein Allerwertester oder der Rock, welcher ihm vom Schnitt gefiel, mehr Leid tat, entschwand seinem Sinn. „Aus. Aus. Aus! Ihr habt euren Spaß gehabt“, brüllte Fridolin aus Leibeskräften.
Josephine hob ihren Arm, stockte. „Klara machen wir Spaß?“
„Nee!“
„Erzähle es ihm.“
Klara drückte ihre Nasenspitze an seine. „Diese Frau, jene du für Klara hältst, ist Tita.“
„Tita?“
Josephine schob Klara beiseite. „Frau ist übertrieben.“ Sie blies ihm ins Gesicht. „Geboren wurde sie als Titus.“
„Er, sie ist mein Double“, ergänzte Klara. „Also, wo ist Jannette?“

Der letzte Sommer, die letzten Jahre huschten Fridolin durchs Gehirn. Seine beste Freundin war Klara, folglich seine Verlobte Klara Titus. Er selbst hatte den Fehler gemacht, dachte, sein Charme hätte Klara umwickelt. Ihre Leidenschaft für Frauen eliminiert. Dabei war es Tanja, die ihn zurückgewiesen, dafür ein Verhältnis mit seiner Frau gepflegt hatte. Sollte sie eine lesbische Transe sein? Oder umgekehrt? Wer war wer? Oder log Tanja, die sich Klara nannte. Wenn dann? Welche Frau lebte auf dem Hof seines Vaters?
Josephine unterbrach seine Gedanken. „Klara rede nicht. Handel! Du weißt, was zu tun ist. Ich muss dann. Habe einen Termin.“
Sie wandte sich ab, schritt zur Leiter, kletterte hinauf, verschwand sodann.
Klara erhob die Gerte und flüsterte ihm ins Ohr: „Schrei so laut du kannst.“
„Warum?“
„Schrei!“
Fridolin schrie mit Leibeskräften. Er flehte um Erbarmen.



Der Dämon in ihm

Er flehte um Erbarmen, bereute. Bereute seine Tat, wie er es im Gefängnis getan hatte. Jede Nacht kniete er vorm Fenster, starrte die Gitterstäbe an, faltete die Hände und betete. Hatte er den Falschen angebetet, den Teufel nicht den Herrn. Oder hatte er ihn verlassen, aufgeben. War Reue für den Herrn nicht genug? Er der Strafe mehr angedient.

Die ersten Schnitte nahm er nicht wahr, sein Gesäß betäubt von ihren Schlägen. Gefesselt an den Füßen, an den Händen hatte sie ihn. Geworfen auf den kalten Boden. Ihren spitzen Absatz in seinen Rücken gebohrt, bis er unter der Pein des Schmerzes zusammenbrach. Dann kniete sie sich nieder, fasste ihm am Schopf, zerrte seinen Kopf hoch, bis er in ihre von Hass gefüllten Augen sah.
Das Skalpell tanzte über seine Wange. Ein dämonisches Grinsen hüpfte über ihr Gesicht, als sie ihm verkündete, sie würde sich herantasten, damit er es genoss. Erst die Haut von seiner rechten, dann von seiner linken Pobacke schälen, um zur Krönung ihrer Rache zum Final auszuholen. Ihm wie sie sagte, die Eier abzutrennen.
Er bettelte sie an, sie könne ihn zum Sklaven erwählen, ihn jeden Tag geißeln. Zum Dank küsse er ihre Füße.
Ein Halsband umgelegt, in einen Zwinger gesperrt, die Restes ihres Mahles empfangen. Alles für sie tun, soweit sie ihm seine Männlichkeit beließe.

Er winselte.
Sie lachte, tranchierte seine Haut.
Vertraut hatte sie ihm, gestand sie. Ein Vertrauen, welches er ausgenutzt, besudelt hatte. Er hatte ihr die Unschuld geraubt. Gestehen, sich einen Ablass holen nicht genug. Ein Zeichen zu setzten, ihn zu brandmarken, der Welt zu zeigen wer, was er ist, eine Ehre für ihn. Dann sehe jeder Bruder, wie barmherzig der Herr ist. Barmherzig zu den Opfern, nicht zu den Tätern. Denn die empfingen ihre Strafe. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Der Teufel solle sie hole sie, schrie er sie an.
Sie lachte, tranchierte seine Haut. Es mache ihr nichts aus, in der Hölle zu schmoren, verkündete sie. Denn an jenem Ort verweile sie seit Jahren. Träume des Grauens verfolgten sie. Einmal ohne Angst aufzuwachen, aufzustehen ihr Ziel. Gewiss, dass niemand sie jagte. Wenn doch, er außerstand seine Gelüste in ihr auszuleben. Sie ihm in diesem Sinne sogar befreie.
Der Schmerz bewies ihm, ohne das er dieses mit den Augen sah, wie sein Blut über seine Backen rann. Ein letztes Gebet, ein letzter Appell an ihre Humanität, ein letzter Schrei erfüllte den Ort. Ein Schrei, als gebäre er ein Kind, drang aus seiner Kehle. Dann verlor er die Sinne.


„Richtig so“, zischte das Mädchen.
Sie legte das Buch beiseite, lehnte sich zurück, bis ihre Schulterblätter die Wiese berührten. Den Blick gen Himmel gerichtet, strich sie den Rock ihres weißen mit Rosenmotiven verzierten Kleides glatt, zupfte ein Halm vom Grass und klemmte jenes zwischen ihre blutrot bemalten Lippen.



Pakt mit dem Teufel

Ein handgroßer Lichtpunkt wanderte über die Wand des Schwimmbeckens, bevor Fridolin sie erkannte, Klara die Leiter hinab kletterte.
Sie schlich an ihn heran und flüsterte: „Die Luft ist rein. Außer Igor ist niemand mehr da.“
„Wer ist Igor und woher weißt du das?“
„Wirst ihn kennenlernen.“
Er zerrte an seiner Fußfessel. „Dann lasse mich frei.“
Klara kniete nieder und ergriff aufs Neue die Gerte.
Seine Lippen zitterten. „Tanja, was machst du hier und warum hast du mich hergebracht.“
„Das Zweite war ich nicht, und zum Ersten ich bin Klara.“
Fridolin versuchte, seine Augenbrauen zusammenzuziehen, jedoch mehr als ein Zucken mit seinem Kopf brachte er nicht zustande. „Ich kenne Klara.“
„Du bist der Ansicht, Stephanie ist Klara, da täuschst du dich.“ Sie leckte über ihre Lippen. „Ich selbst weiß nicht, wer sie ist oder war.“
„Dieser Titus oder Tita?“
Sie zuckte mit den Achseln. „Eher unwahrscheinlich.“
Fridolin zerrte abermals an seiner Fessel. „Dann lasse mich frei.“
„Das kann ich nicht. Wer mit dem Teufel paktiert, darf vor Leichen nicht zurückschrecken.“
Angst breitete sich auf Fridolins Gesicht aus. „Wie? Heißt das?“
Klara legte ihre Hand auf seine Schulter. „Ich setzte mich für dich ein. Abstriche musst du in Kauf nehmen. Schau mich nicht so an. Ich muss es tun. Du bist ein Bauernopfer.“
„Opfer?“
„Ja. Ich muss herausfinden, wer ich bin.“ Sie senkte ihren Kopf. „Wichtiger. Wer Jannette ist.“
„Jannette?“
„Tue nicht doof, das steht dir nicht. Jannette, Tanja, Stephanie. Obwohl“, sie hob die Gerte „mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“
„Wieso?“
„Josephine hatte das Spiel abgeblasen.“
„Welches Spiel?“
„Im Wehrmachtsbunker du Trottel. Du als böser schwarzer Mann. Josephine als Puffmutter, welche die arme Sabine befreit. Wie in dem Roman von Elsabeth von Knöckenhein geschrieben.“
„Hat sie nicht.“ Er druckste: „Na ja. Zuerst ja, aber dann fand ich auf dem Reiterhof in meinem Zimmer einen Zettel, dass es weiterginge.“

Klara schlug zu. „Lüge nicht du Schwein, das ging nicht.“
„Ich lüge nicht. Ich schwöre“, wimmerte er.
„Ihr Kerle denkt nur mit euren Schwanz. Erst vergewaltigst du Josephine, dann lechzt du weiterhin danach dieses beschissene Spiel weiterzutreiben. Hattest nicht genug, wolltest über mich später herfallen.“
Die Gerte drosch in Sekundentakt auf seinen Hintern ein.
„Nein. Nein. Nein!“, schrie Fridolin. „Welche Vergewaltigung. Ich habe nie in meinem Leben eine Frau gezwungen.“
„Ich prügel es aus dir heraus. Josephine hat mir alles erzählt, deshalb konnte sie nie vor dir auf dem Reiterhof sein.“
Klara japste, ließ die Gerte zwischen ihren Finger gleiten, bis diese zu Boden fiel. Nicht, dass die blinde Wut sie verlassen hatte, sondern die Kraft in ihrem Arm schwand.
Sie ergriff den Kragen von Fridolins Rüschenbluse und zerrte ihn an sich heran, bis sich ihre Nasenspitzen berührten. „Hast du mit Josephine im Bunker geschlafen? Ja oder Nein? Wage es nicht zu lügen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“
„Du warst doch nicht dabei und Klara war bewusstlos.“
„Ja oder Nein?“
„Ja!“, schrie er. „Ich habe sie nicht vergewaltigt. Josephine lügt, wenn sie ihr Maul aufreißt.“
„Geht doch.“ Sie stieß ihn von sich ab, sodass er strauchelte und auf sein Gesäß fiel. „Heute sicher, aber damals nie. Ich konnte mich hundertprozentig auf sie verlassen. Was mache ich, ich lasse sie im Stich.“
Sie setzte sich neben Fridolin auf die Fliesen. „Aber wie sollte ich ahnen, wie es dazu gekommen war? Ich wollte euch nicht stören, als ich zu mir kam. In diesem Moment dachte ich, dass alles nur deshalb von Josephine geplant war, damit ihr …“, sie schlug sich an die Stirn. „Gott bin ich blöd. Dabei ahnte ich nicht einmal, dass Josephine …“, sie strich wie eine Mutter über sein Knie, woraufhin Fridolins Rock, der Schwerkraft folgte und bis zu seinen Becken rutschte.
Klara zupfte an einen weißen Strapsband. „Ein wenig übertrieben. Overknees und darunter weiße Stümpfe.“ Sie beugte sich über Fridolins Schoß, hob den Rock, bis der Bund von seinem Körper abhob. „Elegant! Blusenbody.“ Sie zwinkerte ihm zu und strich im über den Schritt. „Ist da überhaupt etwas oder sind wir uns ähnlicher, als es dir lieb ist.“ Ihr Gesicht verzogen, schob sie den Stoff des Bodys beiseite. „Oh, Oh. Eine Menge Tape. Viel Spaß beim Pinkeln.“
„Wie?“

Klara schlug in mit der flachen Hand ins Gesicht. „Setz dich richtig hin! Du bist eine Dame.“ Sie nahm ihre Beine seitwärts, winkelte sie an und zog den Saum ihres Rockes über ihre Knie. „So sitzt eine Dame.“
Fridolin tat es ihr gleich.
„Geht doch Finia. Wo waren wir stehen geblieben?“ Klara stupste an ihre Nase. „Ach ja, warum ich weiß, dass du sie vergewaltigt hast. Gesagt hat sie es mir. Nein. Angeschriene hat sie mich. Weshalb ich ihr nicht geholfen habe.“
Klara ergriff die Gerte, sprang auf und drosch auf Fridolins Kopf ein. „Stehe auf du Stück Scheiße. Glaubst du, wir halten hier einen Kaffeeklatsch ab.“
Die Schultern hochgezogen, schlang er zum Schutz seine Arme um seinen Kopf und stand auf. „Woher willst du das wissen?“
„Ich bin Klara du Wichser“, schrie Klara und warf die Gerte zu Boden.
Sie verdeckte ihr Gesicht. Er war nicht an allen Schuld, aber die Last trug er. Sie erinnerte sich daran, wie sich Tanja ihr anvertraute, dass sie es nicht mehr aushielte, diese Spiele, diese Verkleidungen, welche sie ihm aufnötigte. Zu nahe war Fridolin ihr nie getreten, trotzdem wachte sie jede Nacht auf. Die Angst, er könne die Grenzen, überschreiten, peinigten sie. Sie nötigte ihr, sofern sie sich erinnerte, stillschweigen ab, dennoch vertraute sie sich Josephine an. Tanja und Klara waren nur zwei Wochen auf dem Reiterhof, mehr Urlaub bekam Tanja nicht. Josephine und Fridolin verweilten ihre gesamten Ferien dort.
Josephine hätte ihn an einem Tag verfolgte, wie er mit dem Fahrrad zur alten Scheune fuhr, sich die Schuluniform überzog, eine Perücke aufsetzte und seine Nase puderte. Dann über Feldwege zum Hintereingang des Internats radelte, sein Fahrrad versteckte, sich durch das verroste Tor zwängte, über den Garten lief, bis er im Getümmel der Mädchen aufging. Wie er ungesehen in Tanjas Zimmer kam und was er mit ihr Angestellte hätte, blieb wie sie ihr erzählt hatte, für Josephine verborgen. Eines stand fest. Es war nichts Gutes.

Dabei hatte Klara Fridolin nie im Visier. Wieso auch? Sie waren Kinder, zumindest aus ihrer Sicht als Erwachsene. Erst nachdem sich Josephine ihr anvertraut hatte und sie alle Männer gestrichen hatte, blieb er übrig. Bei ihrer Hochzeit war sie noch der Ansicht gewesen, dass Valentin ihr Peiniger war. Karl strich sie am nächsten Tag, nachdem sie ihn mit seinen Verletzungen gesehen hatte, Bärbel ihr gesagt hatte, wodurch er seine Blessuren erhalten hätte. Er hatte einen Autounfall. Dieses entließ ihn für sie zwar nicht ein Kinderschänder zu sein, zu viel hörte sie von Geistlichen, die ihre Fürsorge eher ihrem Gelüsten zuwandten.
Anton ihr Erzeuger, soweit sie dieses von ihrer Mutter erfahren hatte, war tot. Blieb für sie damals einzig Valentin Fridolins Vater übrig. Jedoch hatte er ihr seine ihm eigene Perversion verraten. Nie hätte sie zu dieser Zeit Fridolin beschuldigt. Sie waren Freunde.
Ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, war ihre Idee.

Sie drehte Fridolin ihren Rücken zu. „Verhüten hättest du können.“
Fridolins runzelte seine Stirn, zumindest bildete sich eine Falte. „Wieso?“
Klara marschierte zur Leiter und schrie: „Du kotzt mich an“, dann kletterte sie hinauf. Am oberen Ende der Leiter angekommen, wandte sie sich um. „Igor fang an!“



Sieg auf ganzer Linie?

Ein Schwall Wasser schoss aus seinem Mund. Nach zwei Kraulzügen schlug er an der Mauer an und zog sich mit seinen zitternden Armen heraus.
„Ich sag dir immer, du sollst nicht so weit rausschwimmen“, schnauzte ihn ein Mädchen an, derweil sie die Träger ihres floral gemusterten Kleides hinter ihrem Nacken zu einer Schleife knüpfte. Danach reichte sie ihm ein Handtuch.
„Ach! Was ihr Barbies habt. Chill dich!“, grollte er zurück und entriss ihr das Frottiertuch. „Eine Abkühlung täte dir gut.“
Die Augen aufgerissen, zeigte sie auf die Seeoberfläche. „Da sind Fische drin.“
Sie beugte sich vor, bis die Spitzen ihrer taillenlangen rotbraunen Haare die Gehwegplatten berührten und brüstete sich mit einer ausladenden Eleganz. Mit einer Kopfbewegung schleuderte sie ihre Mähne auf ihren Rücken, rollte ein Haargummi von ihrem Handgelenk und band sich einen Pferdeschwanz. Sodann verdrehte sie jenen, platzierte ihn zu einem Kringel, gleich einen Hundehaufen, an ihrem Hinterkopf und befestigte das Kunstwerk mit einem zweiten Gummi.
Die Zähne gefletscht warf sie ihm ein T-Shirt sowie eine Bermudahose an den Kopf und befahl: „Komm! Schwing deine Haxen.“
Er biss in das Oberteil, gleichzeitig stieg er ins rechte Hosenbein. Sie ergriff seine Rechte in dem Moment, als er das zweite Bein füllte. Mit einer Hand die Hose heraufziehend, die anderer von ihr im festen Griff, strauchelte er über den Gehweg. Nachdem sie das Seeufer hinter sich gelassen hatten, steuerten auf einen Pulk zu.

„Nun kommen wir zum Höhepunkt der heutigen Jugendregatta auf unserem wunderschönen Chiemsee“, pustete ein grauhaariger Herr gekleidet im weißen Zwirn, in sein Mikrofon und wedelte mit einem Blatt Papier. Er blickte von der Tribüne in die vor Erwartung aufgesperrten Münder der Teilnehmer sowie ihrer Angehörigen und Freunde.
„Mit Abstand nach Punkten ist der Sieger der Buben unter sechzehn und Gesamtsieger des Wettbewerbes“, er nahm sich den Zettel vor die Augen, „ist“, er runzelte die Stirn, hob seine Sonnenbrille an, schüttelte seinen Kopf, gefolgt von einem Seitenblick, „ist - Applaus – Anton Tütken.“
Die Menge jubelte, applaudierte.
Ein Mädchen in einem hochgeschlossenen jedoch schulterfreien blütenweißen Minikleid schälte sich aus dem Getümmel. Sie eilte zur Bühne und hopste die vier Stufen herauf. Ohne den Mann eines Blickes zu würdigen, sprang sie auf das kniehohe Podest und grinste die Jungen an, die ihr zur Rechten, zur Linken standen.
„De Madl san scho duach“, zischte sie der Herr an, sah in die Masse, presste das Mikrofon an seine Lippen und rief: „Anton Tütken auf die Bühne“, dabei stieß er das Mädchen weg. „Los, schick dich!“
Vereinzeltes Gelächter schallte aus der Menschentraube. Eine Frau in einem zitronengelben Etuikleid stöckelte auf den Mann zu, lehnte sich an diesen und flüsterte ihm ins Ohr.
Er räusperte sich, fasste sich an den Hemdkragen, lief rot an. „Sieger der Jungen unter sechzehn und Gesamtsieger des Wettbewerbes ist Antonia Tütken.“

Den Pokal in der rechten Hand, die Finger der Linken an ihrer Goldmedaille gepresst, rannte Antonia durch den sich auflösenden Pulk und fiel dem Mädchen im Blümchenkleid in die Arme. „Alina wie war ich?“
„Musst du immer so einen Aufstand provozieren? Kannst du nicht einfach bei den Mädels mitmachen?“, zeterte Alina und hauchte Antonia einen Kuss auf die Wange. „Herzlichen Glückwunsch.“
Antonia warf ihren Kopf in den Nacken, dabei pendelte ihr taillenlanger curryfarbener Zopf wie ein Klöppel einer Kirchenglocke. „Die können nichts, außerdem ...“
„Hast echt geil abgeräumt“, gratulierte der Junge, dabei zerrte er sich das T-Shirt über.
„Danke Hindrik“, schmachtete Antonia, wobei ihre Lippen über seinen Mund zu seiner makellosen Wange glitten und auf dieser einen rosa Abdruck hinterließen. Daraufhin stieß Alina ihn beiseite und streckte Antonia ihren Fuß entgegen. „Wie findest du meine neuen Schuhe?“
Antonia fuhr mit der Spitze ihrer Turnschuhe über das Kopfsteinpflaster. „Wenn du dir die Gräten brechen willst?“
Alina strich eine Strähne über ihr Ohr, dabei zog sie ihre rosenrote Oberlippe herauf und zischelte: „Musst du gerade sagen.“
„Lass mich mal anprobieren.“
Mit einem Lächeln übergab Antonia Hindrik den Pokal und schlüpfte aus ihren Turnschuhen. Alina hockte sich nieder, schob die Riemchen ihrer Sandaletten über ihre Hacken und stellte ihren Neuerwerb vor Antonias Füße. Antonia stieg hinein, hob ihren rechten Fuß bis an ihre Taille, zog den Riemen über ihre Ferse und wiederholte den gleichen Akt mit dem Linken.
Ein Junge mit einer Silbermedaille um seinen Hals trat an Antonia heran. „Immer schön mit dem Hintern wackeln, du Transe!“
„Das heißt Amazone. Vollpfosten!“ Antonia hob ihr rechtes Bein, stieß den Stilettoabsatz auf die Kappe seiner Segelschuhe. „Du schämst dich wohl vor deiner Clique, dass dich ein Mädchen besiegt.“
„Beim Auswahlrennen zeig ich es dir.“ Er drohte, fluchte aus Leibeskräften und humpelte von dannen.
Alina zog ihre dünnen, schokoladenbraun nachgezogenen Augenbrauen zusammen. „Auswahlrennen?“
„Im Leistungskader wird ein Platz frei. Dieser“, Antonia wies mit dem Daumen über ihre Schulter, „Typ und ich sind punktgleich.“
Obwohl sie mit Alinas Schuhwerk ein paar Zentimeter länger war, stellte sich Antonia auf die Schuhspitzen und legte ihre Hand an ihre Augen. „Wo ist Vale. Er wollte uns abholen?“

Irgendetwas oder irgendwer zupften an Antonias Kleid. Sie drehte sich um. „Vale!“
Der Herr mit rotem Haarkranz knuffte Antonia in die Magengrube. „Gezeigt hast du es diesem schmierigen Burschen.“ Er nahm sie in die Arme. „Herzlichen Glückwunsch zum Sieg.“ Ihre Hände ergriffen, beugte er sich zurück. „Immer schener wirst du Madel und bist bald größer wie I.“
Antonia winkelte ihr rechtes Bein nach hinten ab und murmelte: „Geschummelte.“
„Egal. I hab was für di.“ Er kramte in der Gesäßtasche seiner Lederhosen.
Sie zupft an ihrem Ohrläppchen. „Ein Schlüssel?“
„Na! Ja! Ist een Simbol!“
„Sag bloß?“
„Versprochen is versprochen. Wenst Gewinst grickst!“ Er kratzte sich am Genick. „Na ja! De meist hat den Joos und de Aaron gegeben.“
„Wo ist es?“
„Bei de Aaron. Fährst doch eh hin.“
Antonia breitete ihre Arme aus, schnipste mit den Fingern, drehte sich um ihre Achse, schwang ihre Beine abwechselnd bis an ihre Nasenspitze. „Ich habe einen Laser Standard“, sang sie. Dann drückte sie Valentin einen Kuss auf die Wange, umarmte Alina, tänzelte zu Hindrik, schlang ihre Arme um seinen Hals und berührte seine Lippen. Worauf er die Annäherung mit einem Griff um ihre Taille erwiderte.
„Hey, das ist meiner“, zeterte Alina, trennte das küssende Paar und gab ihm eine Watschen.
Alina zerrte den sich an der Wange reibenden Hindrik zu Valentin. „Papa, darf ich vorstellen, das ist Hindrik.“
„Hieß er nicht vor Kurzem Philipp.“
Alina schüttelte ihren Kopf und strich über den Oberarm des Jungen. „Ach Papa, Philipp der Abkacker ist lange out.“
Valentin griff in seine Hosentasche, zog einen Geldschein heraus und drückte jenen Hindrik in die Hand. „Dann bring uns wos zua dringa i hob duaschd.“
„Und was?“
„Cola-Light“, kreischten die Mädchen unisono.
„Ma a Woazn aba oikoholfrei.“
Hindrik verschwand und Valentin sah sich um. „Wo die Tanja nur steckt?“
„Tanja ist da“, jauchzte Antonia.
„Ja!“ Valentin schlug sich an die Stirn. „Ach! Sie wollte sich a was zu trinken holen.“
„Ich schau mal, ob sie am Vereinsheim ist“, trällerte Antonia und verschwand.

Hinter den Bootshäusern griff eine Hand nach ihr, zog sie zur Seite. Ein Arm umschlang ihre Taille. Lippen trafen die ihrigen.
„Wi moten vorsichtiger sien!“, raunte Hindrik.
„Wi? Du!“, entgegnete Antonia. „Waarum büst du overhoopt hier?“
Er presste sie an sich. „Um di tschüss zu seggen.“
„Denn komst du mit dien Fründin?“
Hindrik drückte sie an die Bretterwand. „Alina ist dien Fründin, mi dackelts, ach achteranleep duun se“ Er strich ihr über den Hals. „Apropos! Hest du di egentlik endlich von de Matthias trennt.“
„Ik weet neet wu.“
„Slickst een SMS.“ Er kicherte und griff ihr an den Hintern.
„Leest ihr Gruftis de vandaag noch.“
Sie schlang ihre Beine um seinen Körper, presste ihre bebenden Lippen auf die seinen, sogleich er die Chance erfasste, ihr Gesäß zu liebkosen.
„Was machst du da?“
„Kontrolliere, ob dein Slip sitzt“, flüsterte er.
Antonias Herz raste. Die Euphorie des Sieges steckte ihr weiterhin in den Knochen, sodass sie all ihre Bedenken in den Wind blies.
„Ich liebe Kontrollen“, hauchte sie, schwang ihr Becken und schloss die Augen, während er ihre Schulter küsste.
Hindrik war an ihrem Hals angekommen, als sie ihn von sich stieß. „Da kommt wer.“
Er umgriff ihre Taille. „Hier kommt niemand.“
Mit einem Ruck riss sie sich aus seiner Umarmung. „Lass mich!“
„Stelle dich nicht zickig an.“
„Wenn dir etwas an mir liegt, dann vergisst du alles.“
„Es ist nichts passiert.“
Antonia holte aus und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, dann eilte sie davon.

„Mama! Ich habe dich gesucht.“
Tanja schielte den schmalen Gang entlang. „Zwischen den Bootsschuppen? Außerdem sollst du mich nicht Mama rufen. Erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Wie du wieder aussiehst?“ Sie griff Antonia durch die Armausschnitte, holte zwei Einlagen ans Tageslicht. „Übertreib es nicht! Du bist erst fünfzehn.“
„Fast sechzehn, zumindest ...“, zeterte Antonia.
„Genau das meine ich. Reicht, wenn Alina sich aufbrezelt.“
„Manchmal glaube ich, aus dir ist ein zweiter Admiral geworden.“
Tanja hob den Kopf. „Sprich nicht so über deine tote Tante.“
„War sie genauso wenig wie du meine Schwester.“
„Ich bitte dich.“
Antonia winkte ab und stöckelte am Bootshaus entlang. „Lass mich in Ruhe.“ Sie blieb stehen, wandte sich um, streckte Tanja ihre Goldmedaille entgegen. „Hättest mir zumindest Gratulieren können, außerdem sehen die kurzen Haare scheiße aus; kleiden dich nicht.“

„Ein Weizen für sie Herr Oberländer, eine Cola-Light für dich meinen Hasen und“, Hindrik sah sich um.
„Herrgottzeiten jetz is die Ontonia a wech“, sprach Vale für ihn aus.
„Ich habe sie, glaube ich, mit ihrer Tante gesehen.“
„Dann san sie bestimmt scho los“, grummelte Valentin, dann spülte er den Inhalt des Plastikbechers in seine Kehle. „Alina lass uns zu deinem Vater.“
„Bitte?“, erklang verwundert Hindriks Stimme, derweil er abwechselnd einem Becher nach dem anderen anzustarren schien.
Alina lächelte ihn an. „Habe ich dir das nicht erzählt? Vale ist mein Papa und Fridolin mein Erzeuger also Vater. Er sitzt im Knast. Hat einen Mann mit einem Kugelschreiber erstochen.“ Sie hob den Zeigefinger, drohte. „Sei immer lieb zu mir.“ Sie nahm drei Schlucke ihrer Cola, stellte den Becher ab, umarmte Hindrik und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Wir telefonieren später.“





- Fortsetzung folgt -
 
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