U-fer

Anno Ahrendt

Mitglied
U-fer

Der Bahnsteig und mit ihm die suffige Luft, wahnsinnig hübsche Menschen und die verschlingende Dunkelheit fährt ihm entgegen. All das weiß er zu schätzen, denn es ist heute nichts alltägliches, das weiß er.
Auf dem Weg nach unten schielt er als möglich zu den Schienen. Die Fahrt kommt ihm länger vor als sonst.

Auf festem Boden sieht er zur Anzeigetafel hinauf, welche ihm noch zwei Minuten bis zur Einfahrt verspricht. Er vertraut ihr, daher ist er zuversichtlich, dass alles nach Plan laufen wird. Ja, er ist sich sicher: Schon bald wird er in neuem baden.

Er dreht sich um und blickt über die Rolltreppe, die ihn soeben hinunterfuhr. Dann hofft er, dass ihm niemand unmittelbar nachfolgt und sich die Rolltreppe automatisch ausschaltet.
Zu seiner Überraschung gelingt das auch. Er ist sich sicher: Das hat sie allein für ihn getan. Das weiß er und ist unfassbar dankbar.

Nun wendet er sich wieder dem Bahnsteig zu, geht etwas zügigeren Schrittes als normal, vorbei an relativ wenigen wartenden Menschen, die besseres zu tun haben als ihn anzusehen, hin zu einer freien Bank. Er setzt sich für zwei Werbeanzeigen. Dafür bleibt noch Zeit. Erstere handelt über Unterwäsche. Ja, die war gestern schon da. Die zweite ruft dazu auf, für Kinder in Afrika zu spenden. Diese Werbung ist neu, denkt er sich und freut sich. Denn er freut sich immer über neues.
Schließlich steht er auf, er wird sehnsüchtig und macht sich auf den Weg.

Die Schienen kommen ihm entgegen, die Kante, das Gleisbett, auf das er jetzt blickt. Einzelne Blicke ziehen sich auf ihn, denn er steht nun unmittelbar an der Kante, gar hinweg der markierten Begrenzung. Ein erstes Gefühl von Freiheit macht sich breit, aus dem Tunnel weht ihm ein Windstoß entgegen.

Unverhofft erfrischt hebt er seinen Kopf, sein Blick trifft das gegenüberliegende Gleis. Durch die Zwischenräume der mächtigen Bogenpfeiler sieht er eine Bahn abfahren, dahinter anschließend Menschen in Richtung Ausgang gehen.

Da erscheint es ihm, als wäre dort drüben ein Kopf indessen, der gegen den Menschenstrom angeht, höheren Zielen entgegen zu sehen scheint. Kompromisslos selbstsicher müsste dieser Jemand sein. Mächtig, zweifelsohne glücklich und befreit.
Die Menge wird licht, der Mensch wird ersichtlicher. Doch er verschwindet hinter einem der vielen Pfeiler, das die Ufer trennt.

Plötzlich fangen die Schienen an zu pfeifen und zu krächzen, es bebt in der Dunkelheit des Tunnels, aus welcher jetzt Licht deutlich wird. Erst nur einer von beiden, dann ist es ein glotzendes Paar von Scheinwerfern, das ihm da entgegenkommt. Ein glotzendes Augenpaar von Scheinwerfern.

Er blickt erneut hinüber zwischen den Pfeilern her, doch die Hoffnung gibt sich nicht zu zeigen.
Die Scheinwerferaugen kommen näher, die Hoffnung fliegt davon, die Nervosität steigt.
Er ist vor lauter Aufregung gehörlos geworden, aber er blickt hastig: auf das Gleisbett, sein Puls steigt, dann den Scheinwerfern in die Augen, komm schon, und schließlich, ja, einem Menschen. Wahrhaftig steht ihm da ein Mensch gegenüber, wenn auch auf Entfernung. Ohne Zweifel ist es ein Bettler. Verranzt, mit faltigem Angesicht. Mit trauernden Augen hält er einen Blickkontakt, der Zeit verfliegen lassen kann.
Vielleicht kann man aus der Mundform ein lächeln interpretieren, denkt der Grenzgänger sich. Doch nun weiß er, dass er sich getäuscht hat. In allem hat er sich getäuscht.
Er fasst den Entschluss, den er gewiss nicht schließen wollte, geht den Schritt, doch ist von der Freiheit überwältigt.
 

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