Und Gott schuf uns als Mann und Frau

Ruedipferd

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Zehn Jahre waren inzwischen vergangen. Für mich sehr bedeutsame Jahre, in denen ich mein Leben völlig veränderte. Unzählige Fragen schwirrten in meinem Kopf umher und meine Gefühle glichen einem Wirbelsturm, fuhren Karussell in mir. Ich kam nicht zur Ruhe. Was würde mich jetzt im Dorf meiner Kindheit und Jugend nach dieser langen Zeit erwarten? Ich ließ zu, dass sich meine Gedanken verselbständigten, genoss es, einmal nicht am Steuer sitzen zu müssen und bemühte mich stattdessen, neben aller Grübelei, die vorüberziehende Landschaft nicht zu ignorieren. Erinnerung und Lebensrealität vermischten sich. Der Freude, meine Heimat wiedersehen zu dürfen, stand eine unbestimmte, langsam emporkriechende Angst entgegen, je näher wir unserem Zielort kamen.
„Wie fühlst du dich?“ Klaus sah mich etwas besorgt von der Seite an. Er war ein sehr einfühlsamer Mensch, wie ich es von vielen weiblich empfindenden Schwulen, wie auch er einer war, her kannte. Ich lächelte. „Etwas komisch, ist mir schon. Es ist ja sehr viel Zeit vergangen und ich bin gespannt darauf, ob mich noch irgendjemand wieder erkennt.“ Klaus lehnte sich im Sitz etwas zurück und blickte schmunzelnd auf die Straße vor uns, den Tachostand immer im Blick. Er fuhr nicht schnell. Auf der B199 standen bereits in meiner Jugendzeit fest installierte Blitzsäulen. Ich hatte ihn deshalb schon mal vorgewarnt, obgleich das gar nicht nötig war. Mein Freund gehörte zu den umsichtigen und ruhigen Autofahrern. Er schaute zur Ablage. Worte bedurfte es nicht. Mit einem schnellen Griff in die dort abgelegte Tüte, nahm ich ein Zitronenbonbon heraus, wickelte es aus und schob es ihm in den Mund. Danach bediente ich mich selbst. Ein dankbares Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Wir hatten die A7 längere Zeit hinter uns gelassen und kamen auf der Bundesstraße gut voran.

Ich wurde mit der Landschaft, die mir so vertraut war, eins. An den Wäldern, den satten grünen Wiesen und den frisch abgeernteten Äckern, hatte sich nichts verändert. Hin und wieder breiteten sich Felder aus purpurblühender Heide aus. Nadel- und Laubwald wechselten sich ab oder gingen ineinander über. Es war Anfang Oktober und die Blätter des Mischwaldes leuchteten bunt. Meine Augen entspannten sich. Die Vielfalt unzähliger Farben, von sattem Gelb über sämtliche Grüntöne bis Rot und leichtem zarten Braun reichend, drangen in meine Seele ein, gaben mir das Gefühl von Frieden und Geborgenheit aus meinen Kindertagen zurück. Klaus schaltete immer wieder die Gänge runter, wenn eine Ortschaft nahte. Ich kannte die kleinen Dörfer alle, blickte mich mit großen Augen um, um ja nicht ein neues Bauwerk oder eine Umgestaltung zu verpassen.„Es hat sich bisher wenig verändert. Hier stieg Madeleine immer zu. Sie hatte allen Jungen in der Schule den Kopf verdreht. Madeleine Körner. Ihre blonden Haare leuchteten und sie duftete so nach Chanel 5, dass einem schwindelig werden konnte“, fiel mir ein. Klaus lächelte. Mit Frauen konnte er nichts anfangen. Das kleine Dorf mit gerade mal vierhundert Einwohnern, die Grundschule, in die ich als ABC Schütze eingeschult worden war und ja, die Bushaltestelle, in der wir uns später, als wir ins Teenageralter kamen, immer trafen, waren plötzlich wieder allgegenwärtig. Die Zeit blieb auf wundersame Weise stehen, während ich in Erinnerungen versank. Mit dem Bus fuhren wir jeden Morgen in den sieben Kilometer entfernten Nachbarort oder diejenigen, die, wie ich, das Gymnasium besuchten, weiter in die Kreisstadt. Abends traf man sich in der Bushalte zum Klönen, herumtoben und abhängen. Ich rauchte meine erste heimliche Zigarette dort und dachte mit Entsetzen daran, wie sehr mich ein Hustenanfall damals durchschüttelte. Zu trinken gab es auch. Irgendjemand hatte immer irgendetwas dabei. Meistens waren die Flaschen aus den elterlichen Beständen geklaut. Aber unsere Eltern waren ja nicht besser gewesen, wie sie oft selbst bemerkten, wenn sie sich auf Geburtstagen oder Dorffesten trafen. Ich hatte eine unbekümmerte Kindheit erlebt und selbst über meine Jugend konnte ich mich nicht beklagen, wenn da nicht, ja, wenn da nicht ein kleines Problem gewesen wäre.

Ich seufzte laut auf. Klaus drehte den Kopf zu mir herum. Er war ein wunderbarer Freund. Seit vier Jahren lebten wir zusammen mit zwei anderen Kommilitonen in einer WG. Klaus studierte Medienwissenschaften in Köln und ich Sportmedizin. „Als ich das Dorf damals verließ, war ich jemand anderes. Es ist schon merkwürdig, jetzt als Chantale zurückzukehren. Ich finde, der Name passt zu mir. Was sagst du?“ Ein kurzer Blick in den Spiegel signalisierte mir, dass sofortiges Eingreifen nötig war. Ich griff meine Handtasche, die neben meinen Füßen lag und zog mein Schminktäschchen heraus. Klaus lachte. „Du hast Sorgen! Schau mal in die Landschaft. Der Herbst ist so wunderschön. Die vielen bunten Farben der Blätter sind faszinierend, findest du nicht auch? Und damit du mich nicht wieder so vorwurfsvoll ansiehst, ja, du siehst umwerfend aus. Und nein, dich wird niemand erkennen. Sie haben einen fünfzehnjährigen Jungen in Erinnerung. Keiner kommt auf die Idee, was für eine hübsche junge Frau inzwischen aus dir geworden ist.“ Ah, das ging runter wie Öl. Ich zog mir mit stolz geschwellter Brust den Lidschatten nach. Mechanisch nahm ich danach den Lippenstift zur Hand, zauberte ein sanftes Pastellrose auf meinen Kussmund und vergewisserte mich, dass nicht etwa eine dunkle Stelle auf meinem Gesicht den Rest von Bartwuchs verriet, den die Epilation nicht hatte vertreiben können. Brr, ich schüttelte mich, bei der Vorstellung an die vielen schmerzhaften Sitzungen. Um die Barthaare erfolgreich zu entfernen, musste ich eine Zeitlang mit einem Dreitagebart herumlaufen und nach der Behandlung war das Gesicht rot und entzündet. Ich hatte mich damals aus Scham und um nicht aufzufallen wie eine Muslimin angezogen und ein Kopftuch eng um Mund und Nase geschwungen. „Schimmert noch etwas durch?“, fragte ich Klaus ängstlich. Der verneinte, ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Du hast gar nicht richtig hingeschaut“, empörte ich mich. „Ich muss Autofahren und auf die Straße achten. Hier gibt es sehr viel Wild“, meinte er ernst und duldete keinen Widerspruch. Das Wendland war reich an Tieren. Damwild und Rehe tummelten sich zu Hauf in den riesigen Wäldern. Wildschweine überquerten oft die Straße, ohne sich um Verkehrsregeln zu kümmern, getreu nach dem Motto, wir waren schon vor euch Menschen da. Ich schmunzelte in mich hinein und hielt meinen Mund.
Wir fuhren langsam die Elbuferstraße entlang und ich musste gestehen, dass mein Freund Recht hatte. Ich sollte wirklich besser die Landschaft genießen, als mir unnötige Sorgen zu machen. Was geschehen musste, würde ich eh nicht verhindern können und es wäre erst dann an der Zeit, über Reaktionen nachzudenken. Köln und das Wendland, das war wie Feuer und Wasser. Vom Lärm und von der Hektik der Großstadt konnte man in den kleinen beschaulichen Dörfern, durch die wir kamen, nicht viel zu spüren. Wir waren nun beide mit dem Vorstudium fertig geworden und sollten erst im November unsere Praktikumsstellen antreten. Während des Praktikums, welches ich in einer Rehaklinik im Taunus absolvieren sollte, standen auch diverse Hausarbeiten an. Als Klaus mich fragte, ob wir nicht ein paar Tage in den Urlaub fahren sollten, sagte ich deshalb freudig zu. Allerdings diskutierten wir lange über den Ort, den wir unsicher machen wollten. Klaus liebte Wasser und Wälder. Er freute sich auf ausgedehnte Spaziergänge. Mir kam plötzlich die Idee, dorthin zurückzukehren, wo vor fünfundzwanzig Jahren mein Leben begann. Die ersten fünfzehn Jahre verbrachte ich auf dem Land. Mein Vater versah seinen Dienst als Dorfpolizist und meine Mutter verdiente sich durch Putzen und Näharbeiten etwas dazu. Meine Eltern sagten oft, es wären ihre schönsten Jahre gewesen. Die Ruhe und Beschaulichkeit, das freundliche Miteinander der Dorfgemeinschaft, jeder kannte jeden und wusste besser Bescheid über einen als man selbst, fanden sie in der Stadt später niemals mehr wieder. Vater musste in den Innendienst, daher wurde er versetzt. Wir zogen nach Wolfsburg. Ich vermisste irgendwie meine Freunde und auch wieder nicht. Die Stadt bot für einen Fünfzehnjährigen so viel an Abwechslung, dass ich den vorgefundenen Trubel gierig in mich aufsog. Als ich mit neunzehn Jahren mein Abitur in der Tasche hatte, überraschte ich meine Eltern, mit der Eröffnung, mein Leben völlig, von Grund auf, verändern und erneuern zu wollen. Sie ahnten seit etlichen Jahren, dass etwas an mir anders war, als sie es von meinen Spielkameraden kannten, aber sie wollten es entweder nicht wahr haben oder sie interessierten sich nicht weiter dafür. Ich litt derweil nahezu unbemerkt Höllenqualen.
Wir waren nur noch wenige Kilometer von Zuhause entfernt. Ob unser Haus noch existierte? Mein Herz begann merklich schneller zu schlagen. War das aufregend! Klaus musste wieder ein paarmal herunterschalten, ich kannte die gefährlichen engen Kurven gut. Doch nun war die Straße breit und überschaubar. Wald an beiden Seiten und vor uns erschien das Ortsschild.
„Gleich da vorne, fährst du links rein. Du kommst direkt auf den Yachthafen zu. Da können wir parken.“ Klaus tat, was ich sagte und einen Augenblick später stieg ich aus dem Auto. Vor uns lag eine ruhige kleine Wasserfläche, die sich am Ende verlandete und in der Gegenrichtung direkt in einigen Kurven in die Elbe mündete. Der Steg, an dem große und kleine Boote vertäut lagen, war menschenleer. Tief atmete ich die kühle Luft ein. Tat das gut! Krächzendes Geschrei schrak uns aus unseren Gedanken auf. Eine Formation Vögel flog mit lautem Geschnatter über unsere Köpfe hinweg. „Schön ist es hier, so friedlich. Das gibt es in Köln an keiner Stelle. Irgendjemand taucht immer an irgendeiner Ecke auf. So allein, ist man bei uns nie.“ Klaus sah mich dankbar an. Er schien froh darüber zu sein, meinem Drängen mit der Fahrt hierher ins Wendland nachgegeben zu haben. Ich dachte kurz nach, ließ mich dabei von meinen Gefühlen leiten. Ich musste jetzt einfach an einen bestimmten Ort. „Klaus, steig ein. Ich zeig dir meinen Lieblingsplatz, wo wir als Kinder immer gespielt haben. Da ist es noch schöner, als hier“, forderte ich ihn auf. Wir saßen einen Augenblick später wieder im Wagen. Ich lotste ihn eine Querstraße weiter auf einen einsamen Weg und alsbald mussten wir wieder anhalten. Wenn wir weiterfuhren, würden wir unweigerlich nasse Füße bekommen. Vor uns zog nämlich die Elbe gemächlich dahin.

An den Ufern breiteten sich Bäume aus, Äste, morsch und abgestorben lagen umher. Es platschte. Da, ein Fisch war kurz an die Oberfläche geschwommen, um sofort wieder unterzutauchen. An der Stelle kräuselte sich das Wasser noch eine Weile. Eine friedliche Landschaft. Auf der anderen Uferseite, die früher mal zur DDR gehörte, konnte ich, wie damals, die Giebel eines Bauernhauses sehen. „Weißt du, mein Kumpel Martin und ich, wir kamen jeden Tag nach der Schule hierher. Wir ließen selbst gebastelte Schiffe schwimmen, warfen Flaschenpost in die Elbe und träumten uns mit den vorüberziehenden Frachtkähnen in fremde Länder. Irgendwann wollten wir nach Hamburg fahren und dort auf einem Schiff anheuern. Ein Floss hatten wir uns auch gebaut und wären einmal fast abgetrieben. Wir mussten beide ins Wasser springen und schafften es noch gerade, es wieder heil an Land zu bringen. Meine Eltern hätten fürchterlich geschimpft, wenn sie davon erfahren hätten. Mein Vater war ja der Polizist im Ort und verlangte von mir, dass ich mit gutem Beispiel vor den anderen Kindern glänzen sollte. Hihi, das klappte nicht immer.“ „Du und artig? Das kann ich mir auch beim besten Willen nicht vorstellen.“ Klaus neckte mich. Ich ließ es lachend geschehen, knuffte ihm in die Seite. Oh, wie herrlich, wieder zuhause zu sein. Nichts hatte sich verändert. Ja, doch. Die Bank auf der kleinen Anhöhe war neu, die gab es damals noch nicht. Wir alberten herum.
„Ruhe, oder geht’s vielleicht noch lauter! Ihr Turteltauben vertreibt mir die Fische.“ Eine zornige männliche Stimme schimpfte mit uns. Ich erschrak. Zum einen schuldbewusst, aber da war noch etwas anderes. Die Stimme klang mir vertraut. Martin? War das möglich? Ich blickte mich um und erkannte ihn auf der Stelle. Einen Augenblick lang verschmolzen unsere Blicke, trafen aufeinander tief in der Seele und ließen mich erschauern. Ich wollte ihn schon rufen, doch sein Name konnte mir nicht über die Lippen kommen. Stattdessen entschuldigte ich mich. „Tut uns leid, wir wussten nicht, dass hier noch jemand war. Vielleicht haben wir auf diese Weise einem armen Fischchen ja das Leben gerettet. Nicht böse sein.“ Ich lächelte Martin an. Dabei musterte ich ihn von oben bis unten. Er war groß geworden, kräftig von der Statur und seine Gesichtszüge wiesen markante männliche Züge auf. Hey, in meinem Bauch machten sich Schmetterlinge breit. Martin. Sollte ich mich etwa in meinen alten Kumpel verlieben? Auch er starrte mich an. Ich sah, wie sein Gehirn ungläubig arbeitete. Er sagte nichts, sondern ließ seinen Blick auf mir ruhen, der Anflug eines Lächelns zeichnete sich auf seinen Lippen ab, Zärtlichkeit gab seinen Augen plötzlich einen völlig neuen Ausdruck und eigenartigen Glanz. „Tut uns leid, wir wollten Sie nicht stören. Aber wir kommen aus Köln und diese Ruhe ist für uns wie von einem fremden Planeten“, mischte sich nun auch Klaus ein. „Ist schon gut. Wir brauchen Urlauber, um unsere kargen Kassen mit den Einkünften aus dem Tourismus aufzufüllen. Bleiben Sie länger?“, fragte Martin. Er war inzwischen von seinem versteckten Angelplatz aufgestanden und stieg einen kleinen Sandhügel zu uns hinauf. „Eine Woche, im Feriendorf in Krasten“, antwortete Klaus. Ich zischte ihm leise zu, er solle nichts von mir sagen. Klaus schmunzelte. Er hatte verstanden. „Ich hab gehört, dass die Leute hier auch gut feiern können“, warf ich ein und sah Martin dabei keck in die Augen. Er blickte mich belustigt an. „Das stimmt. Morgen ist hier Schützenfest. Um zehn Uhr geht es mit dem Umzug durchs Dorf los. Kommen Sie doch her. Am Abend wird im Zelt getanzt. So ein Dorffest ist für Sie sicher etwas anderes als die Discos in der Stadt. In Köln war ich selbst noch nicht, aber oft in Hamburg. Für uns auf dem Land ist ein Ausflug in die Großstadt eine aufregende Weltreise. Aber ich kann gut verstehen, dass es sich umgekehrt für Städter anders anfühlt.“ Wir standen nun ganz nah beieinander. Ich konnte Martins Atem spüren und zitterte innerlich. Er erkannte mich immer noch nicht. Aber das konnte er wohl auch nicht, denn als wir uns das letzte Mal sahen, waren wir beide zwei fünfzehnjährige Jungen gewesen. Er wusste nichts von meinem Geschlechtsproblem. Ich hatte niemals mit jemandem darüber gesprochen. Ein Junge, der sich als Mädchen fühlte, das wäre in unserem konservativen kleinen Dorf nicht gut angekommen. Und ich vermied es auch, als schwul angesehen zu werden. Deshalb war ich damals insgeheim sehr froh gewesen, als mein Vater meiner Mutter und mir erklärte, wir müssten umziehen. In Wolfsburg würde ich anonymer bleiben können. Das ahnte ich bereits als Jugendlicher. Ich sollte auch Recht behalten. Und nun stand ich meinem Freund aus Kindertagen gegenüber, mit dem ich Freud und Leid geteilt hatte und er erkannte mich nicht. Nur etwas in seinem Blick verriet Irritation. „Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie kämen“, sagte er leise zu mir und strich wie zufällig einmal über meine Hand. „Wo kann man hier gut und günstig essen?“ Klaus störte jäh die zarten Bande zwischen Martin und mir, mit seiner schnöden Frage. Aber so war er eben. Essen gehörte zu seinen Lieblingsbeschäftigungen und das sah man ihm auch an. Martin fühlte sich sofort angesprochen. „Fahren Sie die Straße zurück und gleich rechts kommt ein nettes Lokal“, sagte er. „Tschüss“, ich drehte mich zum Auto um, stieg ein und winkte ihm noch einmal zu, als Klaus den Wagen wendete. „Er sieht dir nach, wer war das?“

„Mein bester Kumpel und Spielgefährte, Martin. Er hat mich anscheinend nicht wieder erkannt.“ „Aber er hat ungeniert mit dir geflirtet!“ „Hat er gar nicht.“ „Hat er doch, ich hab doch keine Tomaten auf den Augen. Hallo Chantalle, hast du dich verliebt? Ich seh’s an deinem Blick. Da ist so ein merkwürdiges Leuchten in deinen Äuglein gewesen, kleine süße Transenmaus.“ Ohje. Wenn Klaus auf meine Transsexualität anspielte, war die Kacke am Dampfen. „Besser Trans als Schwul, ach Kläuschen, du kleines schwuchteliges Mäuschen. Er sieht doch geil aus, oder?“ „Ja, das ist mir nicht entgangen. Vielleicht hat er ja auch zwei Gesichter?“ Ich lachte laut auf, wir waren inzwischen vor dem Lokal angekommen. „Armes Kläuschen, ich glaube eher weniger. Aber, wer weiß. Wir werden es morgen sehen.“ Wir boxten uns noch bis zur Eingangstür. Auch während des Essens neckten wir uns weiter. Als wir später durch unsere Straße fuhren und vor meinem alten Elternhaus kurz anhielten, sah ich Martin auf dem Fahrrad von der Elbe kommen. Ich bat Klaus aufzubrechen. Im Nachbarort würden wir unser Ferienhaus beziehen. Ich wollte Martin nicht zum Grübeln bringen und mein Verweilen vor unserem alten Haus hätte ihn sicher noch mehr verwundert. Etwas wie Angst hatte sich in meinem Innersten gemeldet. Ich wollte ihn nicht verlieren. Was war mit mir geschehen? Wollte ich mehr? Wenn ja, käme ich an meine Grenzen und auch in gefährliches Fahrwasser. Ich war zwar nun rechtlich eine Frau und dank eines sehr guten Arztes auch untenrum weiblich, doch, ganz zu leugnen, wäre meine männliche Vergangenheit wohl nie. Flirten ja, aber wenn‘s ans Eingemachte ging, würde ich ins Schleudern geraten. Spätestens im Bett wäre Endstation mit der Komödie. Ich müsste Farbe bekennen, mich outen. Wie würde jemand wie Martin darauf reagieren? Sein Vater besaß eine Zimmerei, er selbst wollte auch Zimmermann werden. Die Familie galt schon damals als sehr bodenständig. Ich musste schmunzeln. In der Stadt bezeichnete man auf diese Art trottelige Landeier von gestern. Sehr weltoffen und tolerant hatte ich seine Eltern auch nicht in Erinnerung. Ich konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Da kam was auf mich zu!

Wir gingen später am See spazieren. Klaus sagte nichts und genoss die Stille. Ich antwortete ihm auf dieselbe Weise und schwieg, aber aus anderen Gründen. Martins Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich ahnte instinktiv, dass ich mich bereits in ihn verliebt hatte. Unruhig schlief ich kurz vor Mitternacht ein und fühlte mich am anderen Morgen wie gerädert. Klaus stand fröhlich singend in der Tür und warf eine Tüte mit Brötchen auf den Tisch. Er war immer als erster wach. Ich hingegen liebte mein Bett über alles und heute wäre für mich der Tag gewesen, gar nicht erst aufzustehen. Mein Freund zog mir lachend die Bettdecke weg. „Ich, ne, ich will noch schlafen. Wir haben doch Ferien.“ „Nichts da, Morgenstund‘ hat frische Brötchen im Mund. Raus aus den Federn, du Schlafmütze. Wir wollen uns den Umzug vom Schützenfest ansehen, schon vergessen?“ Nein, hatte ich nicht. Wie könnte ich auch! Die halbe Nacht hatte ich wach gelegen und an Martin gedacht. Ich brummelte unverständliches und schlich mich gähnend ins Bad. Nach der Dusche fühlte ich mich zwar immer noch nicht wie neugeboren, aber zumindest frisch. Schön. Kaffee und Frühstück standen bereits auf dem Tisch. Klaus verwöhnte mich ungewollt, das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Eine Stunde später konnten wir aufbrechen. Wir fanden einen guten Parkplatz auf der Wiese und schlenderten zur Hauptstraße. Ich schaute mich interessiert um. Der ganze Ort schien auf den Beinen zu sein. Viele Gesichter kannte ich wieder. Sie musterten auch uns neugierig, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass irgendjemand sich an mich erinnerte.
Als Marschmusik ertönte, blickten wir alle wie automatisiert nach links. Zwei schwere Kaltblutpferde zogen einen Kutschwagen, auf dem die Blaskapelle saß. Der Wagen war mit Zweigen und Ästen geschmückt. Dazwischen hatte man Blumen gebunden und kleine bunte Bänder flatterten im Wind. Jetzt war ich wirklich wieder zuhause. Als Kind und später als Jugendlicher durfte ich immer mitmarschieren. Mein Vater war natürlich im Schützenverein gewesen und hatte mich frühzeitig auch hineingemeldet. Zweimal wurde ich Jugendschützenkönig. Mit vierzehn Jahren sogar zusammen mit meinem Vater, bei den Erwachsenen. Meine Mutter hatte damals den Königinnenschuss nur knapp verfehlt und wurde Zweite. Das ganze Dorf jubelte und Vater stand mit stolzgeschwellter Brust neben mir. Ich lächelte und stupste Klaus an. Hinter dem Wagen marschierten die Schützen. Martin ging in der dritten Reihe. Er sah mich und unsere Augen trafen aufeinander. Er schmunzelte mir zu, nickte verhalten mit dem Kopf. „Aha“, kommentierte Klaus. „Was heißt hier ‚aha‘?“ „Es heißt, was es heißt!“ „Na, denn!“ Unser Zwiegespräch hatte es auf den Punkt gebracht. Auch Martin schien an mir nicht desinteressiert zu sein. Ich dachte an das Spiel mit dem Feuer und war mir sicher, ich würde dazu nicht nein sagen. Wir schlossen uns ganz am Ende des Zuges dem ‚Fußvolk‘ an. Zielsicher lotste ich Klaus ins Schützenhaus, wo wir den Beginn der Wettbewerbe erlebten. Klaus verschwand immer wieder und besorgte Getränke und Bratwurst.
Um 12:30 Uhr war Mittagspause für die Schützen. Martin lag nicht schlecht im Rennen. Klaus hatte sich gerade wieder in Richtung Fischwagen verabschiedet, da ertönte eine vertraute Stimme neben mir.
„Ihr Freund oder Mann scheint sich bei den kulinarischen Genüssen sehr wohl zu fühlen.“ Ich drehte mich um. Martin hielt zwei Gläser Sekt in der Hand und reichte mir eines davon. „Auf Ihr Wohl!“ Ich nahm lächelnd das Glas in die Hand und prostete ihm ebenfalls zu. „Er ist nicht mein Mann. Wir studieren zusammen und wohnen mit zwei anderen Kommilitonen in einer WG. Wir verstehen uns nur recht gut und da wir unser Praktikum während des Studiums erst im nächsten Monat beginnen, wollten wir uns noch ein paar Tage im Urlaub erholen.“ Ich erzählte Martin von unseren Studienfächern. „Eine Ärztin können wir hier dringend gebrauchen. Auf dem Land will kaum ein Arzt mehr praktizieren. Unser alter Landarzt im Nachbardorf ist schon an die Siebzig. Wenn er keinen Nachfolger findet, müssen wir jedes Mal in die Kreisstadt fahren. Das sind die Nachteile des beschaulichen Landlebens“, meinte Martin bedauernd. „Ja, das ist sehr schade. Ich bin auch auf dem Dorf groß geworden. Hier kann man Kinder noch gefahrlos aufziehen. Obwohl,im Jugendalter nachher, in der Bushalte, da haben wir mindestens genauso viel Blödsinn gemacht, wie die Jugendlichen in der Stadt. Selbst Hasch hatte einmal einer mit“, erzählte ich und hielt erschrocken inne. Die Geschichte kannte Martin, wie kein anderer. Denn er war es selbst gewesen, der von einem Urlauber aus Holland ein paar Gramm zum Rauchen bekommen hatte und sich damals damit vor uns aufspielte. Er lachte nur. „Ja, wir waren sicher alle keine Engel, wobei, wenn ich Sie so anschaue, komme ich gar nicht auf die Idee, dass eine so hübsche junge Frau etwas Böses tun könnte“, scherzte er. Ich begann zu glucksen. „Kennst du nicht den Satz: Brave Mädchen kommen in den Himmel, Ungezogene überallhin?“ „Magst du noch einen Sekt?“ Ich nickte. Das Eis und die Förmlichkeit waren gebrochen. Ich überließ mich meinem Schicksal. Was nun kommen sollte, das würde ich so annehmen und mich an unseren gemeinsamen Stunden erfreuen.

Wir gingen zum Getränkestand. Er hatte zärtlich seine Hand um meine Schulter gelegt. „Zwei Sekt, Uwe“, rief er dem Jungen im Pilz zu. Ich bemerkte triumphierend, wie ihn die anderen Männer anerkennend und neidisch ansahen. Zwei davon kannte ich. Rüdiger war ein paar Jahre älter als wir gewesen und etwas eigenbrötlerisch. Ob er ein Mädchen abgekriegt hatte? Seine rechte Hand war frei. Normalerweise trugen die Männer aus dem Dorf ihre Eheringe offen. Neben ihm stand Jan. Jan Tauber, der Sohn des Pastors. Er ging mit mir aufs Gymnasium und musterte mich jetzt auch sehr genau. Ich versuchte, seinem forschen Blick auszuweichen, was mir nur schwer gelang. Martin drückte mir das zweite Glas Sekt in die Hand. Es war sehr früh am Tag und ich hatte noch keine Grundlage in Form eines deftigen Mittagessens zu mir genommen. Wenn das mit dem Sekt so weiterging, würde Martin ein leichtes, ein sehr leichtes Spiel mit mir haben. Als wenn er meine gedachten Worte gehört hätte, fragte er, ob wir nicht etwas essen wollten. Fröhlich und dankbar lächelnd willigte ich ein. Wir gingen zusammen in den angrenzenden Gasthof. Dort gab es für die Schützen ein vorbereitetes Mittagessen. Martin bestellte für uns. „Und dein Begleiter, wie hieß er, Klaus? , ist wirklich nicht eifersüchtig, wenn ich mit dir flirte?“, fragte er, als der Wirt uns zwei Bier und zwei rote Schnäpse hinstellte. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, er hat mit Frauen auch nicht so viel am Hut, wenn du verstehst, was ich meine.“ Das lief alles prächtig für mich. Nun saßen wir schon vertraut zusammen und tauschten Geheimnisse aus. „Ich hatte auch mal solche Anwandlungen, aber das ist lange her. Ein Jugendfreund hatte sie in mir ausgelöst. Doch wir kamen nie zueinander und er zog dann weg. Seitdem bin ich vollständig hetero“, erzählte er. Nein, der Schreck seines Geständnisses war mir durch alle Glieder gefahren. Eine unbedachte Handbewegung und mein Bierglas fiel um. Ich sprang auf. Martin nahm eine Serviette. Er wischte sofort meinen Pullover ab. „Das gibt gottlob keine Rotweinflecke und es ist warm, es wird gleich trocknen. Willst du kurz zur Toilette gehen und es rauswaschen?“ Ich nickte. Mein Gott. Ich Idiot. Und wie hatte ich mich verbogen und verzehrt nach Martin, als wir in die Pubertät gekommen waren. Beide hatten wir einander die größte Komödie unseres Lebens vorgespielt und das alles, wegen irgendwelcher blödsinniger gesellschaftlicher Regeln, von denen keiner wusste, wer sie aufgestellt hatte und warum sie überhaupt vorhanden waren. Ich wusch schnell meinen Pulli ab. Zwischendurch rannen mir Tränen übers Gesicht. Martin, wie sehr liebte ich ihn schon damals. Ein kluger Mensch hatte mal gesagt, die Zeit heilt alle Wunden. Wie schön wäre es, wenn er Recht hätte!
Aber Martins Geständnis erinnerte mich an meine eigene Schummelei. Ich musste ihm so schnell wie möglich die Wahrheit sagen. Wenn ich die Lüge aufrechterhielt, könnte sie eines Tages zwischen uns stehen und alles zunichtemachen. Und nicht nur eines schönen fernen Tages, fiel mir ein. Das würde schon sehr bald der Fall sein. Ich überlegte fieberhaft. Ich musste ihm noch ein wenig mehr auf den Zahn fühlen. Mutig verließ ich das Klo.

Klaus saß neben Martin und die beiden unterhielten sich angeregt. Es ging um Computer und Technik, wie ich feststellte und spürte mit großen Augen, dass ich plötzlich nur noch an zweiter Stelle stand. Die beiden outeten sich als Freaks und führten IT- Fachgespräche. Nein, so was! Das konnte Frau nicht zulassen. „So, ihr zwei Süßen, wenn ihr fachsimpeln wollt, okay, aber dann fahre ich in die Ferienwohnung und lege mich etwas hin. Heute Abend wird getanzt und wehe, ihr unterhaltet euch dann auch noch über Technik, von der ich nichts verstehe.“ „Was dann?“, fragte Martin. Ich spitzte den Mund und zog eine Schnute. „Das werdet ihr schon sehen“, meinte ich. „Du kannst nachher schlafen. Gleich findet das Königsschießen statt. Das wollen wir doch nicht verpassen. Vielleicht wird Martin ja König und du darfst als seine Königin heute Abend mit ihm tanzen, wenn es nicht schon eine Ehefrau, Freundin oder jemand anderes gibt?“ Klaus hatte es auf den Punkt gebracht. Direkt und frei heraus. Ich erschrak. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Wir waren beide fünfundzwanzig Jahre alt. Natürlich müsste Martin Erfahrungen mit Frauen gemacht haben und er sah gut aus. So einen würde sich kein Mädchen im Dorf entgehen lassen. Er lachte. „Nein, da gibt es noch niemand. Ich bin den vielen Flirt-und Anmachversuchen der Damenwelt bisher gekonnt ausgewichen. Ich suche noch nach der Richtigen. Vielleicht habe ich sie ja heute gefunden?“ Er sah mir tief in die Augen, die in diesem Augenblicken nur noch „ja“ schrien. „Wer weiß“, sagte ich. „Der Abend wird sicher lang, oder auch nicht. Lassen wir uns überraschen und nun hol dir die Königswürde. Dein Vater wird jubeln, wenn du in seine Fußstapfen trittst“.
Eine Schrecksekunde hielten wir inne. Ich hatte mich verplappert, denn Martins Vater und mein Vater standen damals regelmäßig in Konkurrenz zueinander. Klar, Vater war Polizist und musste beruflich gut schießen können und Martins Vater war Hobbyjäger gewesen. Die zwei machten die Königswürde fast immer unter sich aus. Ein paarmal kamen auch andere zum Zug, nachdem der Verein eine Sperre eingeführt hatte. „Das möchte ich etwas genauer wissen“, Martin blickte mich fragend an. „Martin, kommst du? Du bist dran!“ Ein älterer Mann rief gerade noch rechtzeitig nach ihm und erlöste mich vorläufig. Wir standen auf.
Während des Königsschießens grübelte ich darüber nach, wie ich Martin die Wahrheit gestehen sollte. Klaus legte seinen Arm um mich. „Überleg dir eine gute Erklärung oder schenk ihm reinen Wein ein. Er ist ein feiner Kerl und hat es nicht verdient, auf den Arm genommen zu werden“, raunte er mir zu. „Ich weiß, ich werde mich bessern.“ Es wurde ein spannendes Duell, das mein Martin jedoch am Ende verlor. Ernst Burmann, ein alter Bauer, wurde Sieger. Alle gönnten es ihm. Auch Martin gratulierte herzlich. Er sah mich entschuldigend an. „Man muss auch verlieren können und die Königswürde kostet zudem eine ganze Menge. Vielleicht will ich ja bald heiraten und da kann ich mein sauer verdientes Geld sicher besser gebrauchen.“
Ich horchte gespannt auf. Beschloss aber, nicht nachzuhaken. Stattdessen schlang ich spontan meine Arme um seinen Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“, hauchte ich ihm zu und ließ mich im Anschluss von ihm küssen. Unsere Seelen verschmolzen und ich wusste, dass ich die Frau war, die er heiraten wollte. Doch vorher war ein Geständnis fällig. Die Stunde der Wahrheit sollte unser Schicksal werden. Ich würde keine eigenen Kinder bekommen können. Und Nachwuchs gehörte zu einer Ehe nun mal dazu. Gerade die Zimmerei seiner Eltern war bereits seit mehr als hundert Jahren im Familienbesitz. Wir müssten uns im Ausland eine Leihmutter suchen oder ein Kind adoptieren. Beides war schwierig. Wie würde sich Martin entscheiden, wenn er erst wusste, wer ich war und dass er eine Transsexuelle heiraten würde? Was sollten wir seinen Eltern erzählen? Ich würde auch nach meinem Studium hier im Dorf bei ihm leben müssen. Alle wären eingeweiht. Mein kleines Geheimnis würde niemals unentdeckt bleiben können. Ich wollte Sportmedizinerin werden und müsste mir als Allgemeinärztin im Dorf eine Praxis aufbauen. Würden mich die Menschen in der ländlichen Umgebung akzeptieren? Da wäre auch Erklärungsbedarf bei meinen eigenen Eltern vonnöten. Vater würde immer wollen, dass die Wahrheit offen auf den Tisch gelegt wird. Er konnte als Beamter gar nicht anders. Martin stand auf der Bühne. Klaus drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Mach dir keine Sorgen. Ich helfe dir heute Abend. Er liebt dich und wo ein Wille ist, ist auch stets ein Gebüsch!“ Dankbar drückte ich seine Hand. Auf Klaus war Verlass.
Die Stunden bis zum Festbeginn verbrachten wir in unserer Ferienwohnung. Ich war tatsächlich eingeschlafen und wachte erst auf, als mir jemand zärtlich über die Wangen strich. Klaus? Das war nicht seine Art. Überrascht öffnete ich meine Augen und blinzelte die Person an, die an meinem Bett saß. Martin blickte liebevoll auf mich herab. „Ich weiß alles. Klaus hat es mir erzählt. Deine Tarnung ist wirklich perfekt. Außer Jan hat keiner auch nur einen blassen Schimmer. Er kam vorhin zu mir und meinte, du wärst nicht die, für die du dich ausgibst. Ich wollte ihm erst nicht glauben, aber dann erinnerte ich mich an deine Worte beim Mittagessen. Unsere Väter waren ja jedes Jahr gegeneinander angetreten. Das war schon legendär im Dorf, bis sie die Statuten änderten. Pierre oder Chantale, wie soll ich dich denn jetzt nennen?“ „Ich bin eine Frau, Martin, Pierre gibt es nicht mehr. Es gab ihn eigentlich nie. Ich war gefangen im Körper eines Mannes. Pierre ist auf dem OP Tisch gestorben. Es ist alles weg. Kein Schniedel, kein Sack. Aber eine schöne Vagina, die tief genug ist, für alle Freuden, die mir ein Mann bereiten will. Nur meine Brüste sind recht klein. Meine Mutter hat mir von Silikon abgeraten und ich muss mit BH-Einlagen etwas aufpuschen.“ „Das macht nichts. Ich bin bisexuell und hätte mit dir auch als Junge gerne etwas angefangen. Aber wir waren wohl damals zu dumm dazu und zu ängstlich. Oder zu gehorsam, wie man es sehen will.“ „Ich hab mich damals auch mehr als Mädchen gesehen und hatte furchtbare Angst vor euch Jungen. Ich konnte dir nichts erzählen. Ach Martin, wir waren wirklich dumm und unerfahren, und vor allem, wenig selbstbewusst, wie richtige Landeier. Ich liebe dich. Wollen wir als Mann und Frau neu anfangen?“ Klaus kam bei meinen letzten Worten herein und stellte uns zwei Gläser und eine Flasche Sekt auf den Tisch. „Ich bin dann mal weg und wenn ich müde werde, schlaf ich am Schützenplatz im Auto. Es ist ja schönes Wetter und ich hab genug Decken zum Träumen. Im Übrigen hab ich einen jungen Mann kennengelernt, der von meiner Couleur zu sein scheint. Macht‘s gut, ihr Turteltauben.“
Martin stand auf und schenkte uns ein. Irgendwann zog er sich Hemd und Hosen aus. Als ich erwachte lag ich nackt in seinen Armen. Aus dem Nachbarhaus drang Musik durchs geöffnete Fenster herüber. „Und als ein Mann sah ich die Sonne aufgehen“, hörte ich und schmunzelte. Nein, das war nicht ganz richtig. Es musste heißen: „Und als Frau…“ Martin brummte Unverständliches und legte seinen Kopf besitzergreifend auf meine Brust. Sollte das meine Zukunft sein? Ich würde sie mit Millionen anderer Frauen teilen, die morgens neben einem solchen Brummbären aufwachten. Meine Augen füllten sich mit Tränen des Glücks, als ich zärtlich zu ihm hinunterblickte und mein Mund formte seinen Namen. Bald würde ich mich vor allen Dorfbewohnern zu ihm bekennen und seinen Ring tragen. Mir war jetzt egal, was die Leute dachten oder sagen würden. Ich liebte meinen künftigen Mann von ganzem Herzen und nur darauf kam es an.
 

 
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