Heidewitzka
Mitglied
Das Mädchen lässt sich mit dem Gesicht nach vorn aufs Bett fallen. Das Licht hat sie nicht angemacht. So liegt sie im Dunkeln. Heiße Tränen steigen in ihr auf. Ist es Wut? Enttäuschung? Verletztheit? Dabei war es eigentlich keine große Sache - zumindest nicht für ihre beste Freundin. Einfach so hatte sie ihr gesagt, dass sie Silvester doch keine Zeit hätte. No front - aber ich kann doch nicht, meinte sie auf dem Rückweg vom Kino. Sie wäre jetzt doch zu der Party eingeladen worden, wo auch der Typ aus Parallelklasse hinginge. Der mit den braunen Locken und den Grübchen, von dem sie schon seit Monaten penetrant schwärmte. Sie hätte auch schon zugesagt. Auffordernd schaut sie die andere an, als solle sie ihr gratulieren. Diese nickt nur stumm und versucht, sich die Enttäuschung, die die eben noch Vorfreude gewesen war, anmerken zu lassen. Wir sehen uns im neuen Jahr, ich erzähl dir dann alles! Ruft die Freundin noch, mit freudig-aufgeregter Stimme, und lässt die andere vor Penny stehen. Eigentlich wollten sie noch für eine Silvester-Binge-Nacht einkaufen. Eis, Chips, Cola, Pizza, Schokolade - hemmungslose Völlerei. Und dazu die schmalzigsten Netflix-Serien. Sie hätten sich totgelacht und wären irgendwann zwischen den aufgerissenen Chipstüten eingeschlafen. Ihre Eltern waren eingeladen, sturmfreie Bude bis um fünf. Ja, ok, vielleicht nicht das coolste Silvester, nichts, was sich ewig in die Erinnerung brennt, aber sie hatte sich seit Wochen drauf gefreut. Weil sie ihre beste Freundin ist. Die, der sie alles erzählt. Mit der sie abends stundenlang telefoniert, um einmal über alle Jungs und die arroganten Zicken in der Klasse zu lästern. Und weil … aber egal. Neben ihrem Gesicht spürte sie das rosa Plüschkissen in Herzform, das hatte sie zum Geburtstag von ihr bekommen. Friends forever stand drauf. Aber friends konnte ja viel heißen: von unzertrennlichen BFFS bis zu wahllosen facebook-friends. Vielleicht war sie selbst nur unter ferner liefen? Auf jeden Fall nicht wichtig genug für die andere, um mit ihr ins neue Jahr zu feiern. Dabei hatte sie die letzten Monate ihr Taschengeld gespart, für einen Freundschaftsarmreif, darauf ihre beiden Namen, verbunden mit einem Unendlichkeitszeichen. Auf TikTok hatten sie es mal gesehen und die Freundin hatte gesagt, dass nur echte beste Freundinnen sowas tragen würden. Sie fühlte sich leer geweint, erschöpft. Wir gehen jetzt, hört sie von unten. Lasst das Haus stehen! Ein elterliches Lachen, dann fällt die Tür ins Schloss. Es ist acht. Und sie ist allein.
***
Ich hatte doch keine Wahl, dachte sie. Eine Einladung zu DER Silvesterparty! Mit IHM, dem Jungen, von dem sie seit dem Sommer jede Minute träumte. Beim Schulfest hatte er sie angelächelt, als sie einen Crepe kaufte. Mit ganz viel Liebe gemacht, sagte er, als er ihr den ziemlich verunglückten Pfannkuchen reichte. Obendrauf hatte er ein Nutella-Herz gepinselt. Wer hätte sich da nicht schockverliebt? Sie hatte ewig vor dem Spiegel gebraucht, Rock, Kleid, Stretchhose, baggy Jeans - am Ende ist es das schwarze Glitzertop und dazu eine lässig-schicke Jogginghose. Haare offen und geglättet, kein Make-up, nur Kajal und Lipgloss. Ihr Herz klopft, ihre Augen glänzen; sie sieht sich mit ihm in einer Ecke der Party stehen, über alles und nichts reden, während sie sich anstrahlen kommen sie sich wie magisch angezogen näher und näher, bis der Kuss unausweichlich ist. Vor dem Spiegel schließt sie die Augen, fühlt schon seine Lippen auf ihren, seine Hand, die sich um ihre Taille legt. Wie oft hat sie davon geträumt, heute könnte es wahr werden. Wie in den Netflix-Serien: Mit ihm, Hand in Hand in der Schule, alle würden sie beneiden. Ok, sie hatte ihrer Freundin ziemlich kurzfristig abgesagt. Extra hinausgezögert hatte sie es, um eine Diskussion zu vermeiden. Nebenbei auf dem Nachhauseweg die Planänderung, no big deal. Nicht grad nice, aber siehätte sich doch mal mit ihr freuen können! Stattdessen steht sie da und nickt nur. Seitdem Funkstille. Aber das muss ja nichts bedeuten. Wahrscheinlich sieht sie jetzt allein ein paar Serien, den Mädels-Abend können sie ja nachholen, man muss sich ja nicht an diesem Datum aufhängen. Und einmalige Gelegenheiten muss man nutzen, eine gute Freundin hätte dafür Verständnis. Nachdem sie sich selbst in ihrem Tun bestärkt hat, fährt sie erwartungsvoll mit dem Fahrrad los. Als sie in die Straße einbiegt, hört sie schon den Lärm. Drinnen drängen sich die Leute, die Tür steht offen, die Party ist in vollem Gange. Es ist schon acht.
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Im Fernsehen kommen nur alte-Leute-Sendungen und Jahresrückblicke. Und warum dieses Dinner for one lustig sein sollte, ist ihr schleierhaft. Wahrscheinlich muss man selbst alt und betrunken sein, um alt und betrunken lustig zu finden. Sie ist weder noch. Danach wühlt sie sich durch den Kleiderschrank und die Kosmetik der Mutter, zieht ein Abendkleid an und umrandet sich die Augen schwarz. Ihr Spiegelbild wirkt fast grotesk, holzschnittartig wie eine Bild von Ludwig Kirchner. Das Kleid hängt in schlaffen Falten über ihrer flachen Brust, die schwarzen Augen wirkten hohl, dazu die schiefe Silhouette. Abgestoßen von sich selbst schmeißt sie das Kleid in die Ecke. Halb elf. Die ersten Böller gehen hoch.
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Mittlerweile ist sie seit über zwei Stunden da und läuft suchend durch die Menge. Kommt er etwa nicht? Die meisten, denen sie begegnet, kennt sie kaum. Die Gastgeberin, lässig und sich ihrer prominenten Stellung in der Schule bewusst, hat sie nebenbei eingeladen, nachdem sie ihr während der Mittagspause Mathe erklärt hat. Dumme Nuss. Es ist eindeutig eine Cool-Kids-Rich-Parents-Party. Während sie sich weiterschiebt, hört sie Satzfragmente über die besten Shoppingmalls von Dubai, die angesagtesten Sneaker von Golden Goose und die schlechte Qualität des Hummers, den es zu Weihnachten gab. Halb elf. Sie fühlt sich immer unwohler.
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Da! Endlich ist er da! Sie hat in der Nähe der Haustür gelauert, um ihn gleich abzufangen. Wie zufällig kreuzt sie seinen Weg, Hey, du auch hier? Im Vorbeigehen drückt sie ihre Push-Up-Brüste an seine Schulter, vorgebend, dass sie in der Menge feststeckt. Er lächelt unverbindlich und windet sich weiter. Sie bemüht sich, lässig zu wirken und macht hier und da SmallTalk, was die meisten eher irritiert. Sie ist kein Teil der It-Crowd. Bei der dritten Runde sieht sie, wie er auf den Balkon geht, wahrscheinlich um sich ein Bier zu holen. Schnell ist sie hinterher. Gibst du mir auch eins? Ja, klar! Ihre Hände berühren sich. Gänsehaut. Jetzt ist der Moment: Übrigens hat der Crepe, den du mir beim Basar gemacht hast, super lecker geschmeckt! Er schaut überrascht, versucht, sich zu erinnern. Schweigen. Kannst du mir das Rezept geben? Sie will in seiner Nähe bleiben, ihn in ein Gespräch verwickeln. Ich habe meiner besten Freundin versprochen, dass wir demnächst Crepes machen, schwindelt sie. Ich hab sie heute versetzt, weil ich lieber hier sein wollte. Zum ersten Mal schaut er sie richtig an. Fühlt er sich geschmeichelt? Warum hast du deine Freundin nicht mitgebracht? Sie druckst herum. Er wartet. Sie ist - naja - anders, behindert. Sie kann nicht richtig gehen, weil ihre Muskeln krampfen. Spastiken, kennst du? Als sie es ausspricht, schämt sie sich schon. Sie blickt auf den Boden. Er schüttelt verständnislos den Kopf und geht wortlos an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Da steht sie - in Glitzertop und ihrer besten Jogginghose. Es ist zehn vor zwölf.
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Vielleicht knutscht sie schon mit ihrem Schwarm. Vielleicht hat sie den ganzen Abend nicht einmal an sie gedacht. Vielleicht sind sie im neuen Jahr keine Freundinnen mehr. Dabei hat sie nur diese. Die letzten Minuten will sie noch zelebrieren. Sie holt das Freundschafsarmband und legt es sich ums Handgelenk. DRückt es an die Wange. Tränen der Trauer. Zehn vor zwölf - der Countdown.
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Während die Böller rechts und links von ihr explodieren, radelt sie durch die Straßen. Im Haus ist noch Licht. Sie schaut durchs Wohnzimmerfenster. Ihre Freundin liegt schlafend auf dem Teppich, im Fernseher läuft lautlos eine Gala. Weil sie beste Freundinnen sind, weiß sie, wo der Terrassenschlüssel liegt. Im flackernden Licht des Fernsehers sieht sie zerlaufene Spuren von Kajal auf dem Gesicht. Als sie sich im Schlaf dreht, zeigt sich auf der Wange der Abdruck eines Unendlichkeitszeichens. Etwas glitzert am Handgelenk. Sanft streicht sie über die Wange der Freundin.
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Ich hatte doch keine Wahl, dachte sie. Eine Einladung zu DER Silvesterparty! Mit IHM, dem Jungen, von dem sie seit dem Sommer jede Minute träumte. Beim Schulfest hatte er sie angelächelt, als sie einen Crepe kaufte. Mit ganz viel Liebe gemacht, sagte er, als er ihr den ziemlich verunglückten Pfannkuchen reichte. Obendrauf hatte er ein Nutella-Herz gepinselt. Wer hätte sich da nicht schockverliebt? Sie hatte ewig vor dem Spiegel gebraucht, Rock, Kleid, Stretchhose, baggy Jeans - am Ende ist es das schwarze Glitzertop und dazu eine lässig-schicke Jogginghose. Haare offen und geglättet, kein Make-up, nur Kajal und Lipgloss. Ihr Herz klopft, ihre Augen glänzen; sie sieht sich mit ihm in einer Ecke der Party stehen, über alles und nichts reden, während sie sich anstrahlen kommen sie sich wie magisch angezogen näher und näher, bis der Kuss unausweichlich ist. Vor dem Spiegel schließt sie die Augen, fühlt schon seine Lippen auf ihren, seine Hand, die sich um ihre Taille legt. Wie oft hat sie davon geträumt, heute könnte es wahr werden. Wie in den Netflix-Serien: Mit ihm, Hand in Hand in der Schule, alle würden sie beneiden. Ok, sie hatte ihrer Freundin ziemlich kurzfristig abgesagt. Extra hinausgezögert hatte sie es, um eine Diskussion zu vermeiden. Nebenbei auf dem Nachhauseweg die Planänderung, no big deal. Nicht grad nice, aber siehätte sich doch mal mit ihr freuen können! Stattdessen steht sie da und nickt nur. Seitdem Funkstille. Aber das muss ja nichts bedeuten. Wahrscheinlich sieht sie jetzt allein ein paar Serien, den Mädels-Abend können sie ja nachholen, man muss sich ja nicht an diesem Datum aufhängen. Und einmalige Gelegenheiten muss man nutzen, eine gute Freundin hätte dafür Verständnis. Nachdem sie sich selbst in ihrem Tun bestärkt hat, fährt sie erwartungsvoll mit dem Fahrrad los. Als sie in die Straße einbiegt, hört sie schon den Lärm. Drinnen drängen sich die Leute, die Tür steht offen, die Party ist in vollem Gange. Es ist schon acht.
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Im Fernsehen kommen nur alte-Leute-Sendungen und Jahresrückblicke. Und warum dieses Dinner for one lustig sein sollte, ist ihr schleierhaft. Wahrscheinlich muss man selbst alt und betrunken sein, um alt und betrunken lustig zu finden. Sie ist weder noch. Danach wühlt sie sich durch den Kleiderschrank und die Kosmetik der Mutter, zieht ein Abendkleid an und umrandet sich die Augen schwarz. Ihr Spiegelbild wirkt fast grotesk, holzschnittartig wie eine Bild von Ludwig Kirchner. Das Kleid hängt in schlaffen Falten über ihrer flachen Brust, die schwarzen Augen wirkten hohl, dazu die schiefe Silhouette. Abgestoßen von sich selbst schmeißt sie das Kleid in die Ecke. Halb elf. Die ersten Böller gehen hoch.
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Mittlerweile ist sie seit über zwei Stunden da und läuft suchend durch die Menge. Kommt er etwa nicht? Die meisten, denen sie begegnet, kennt sie kaum. Die Gastgeberin, lässig und sich ihrer prominenten Stellung in der Schule bewusst, hat sie nebenbei eingeladen, nachdem sie ihr während der Mittagspause Mathe erklärt hat. Dumme Nuss. Es ist eindeutig eine Cool-Kids-Rich-Parents-Party. Während sie sich weiterschiebt, hört sie Satzfragmente über die besten Shoppingmalls von Dubai, die angesagtesten Sneaker von Golden Goose und die schlechte Qualität des Hummers, den es zu Weihnachten gab. Halb elf. Sie fühlt sich immer unwohler.
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Da! Endlich ist er da! Sie hat in der Nähe der Haustür gelauert, um ihn gleich abzufangen. Wie zufällig kreuzt sie seinen Weg, Hey, du auch hier? Im Vorbeigehen drückt sie ihre Push-Up-Brüste an seine Schulter, vorgebend, dass sie in der Menge feststeckt. Er lächelt unverbindlich und windet sich weiter. Sie bemüht sich, lässig zu wirken und macht hier und da SmallTalk, was die meisten eher irritiert. Sie ist kein Teil der It-Crowd. Bei der dritten Runde sieht sie, wie er auf den Balkon geht, wahrscheinlich um sich ein Bier zu holen. Schnell ist sie hinterher. Gibst du mir auch eins? Ja, klar! Ihre Hände berühren sich. Gänsehaut. Jetzt ist der Moment: Übrigens hat der Crepe, den du mir beim Basar gemacht hast, super lecker geschmeckt! Er schaut überrascht, versucht, sich zu erinnern. Schweigen. Kannst du mir das Rezept geben? Sie will in seiner Nähe bleiben, ihn in ein Gespräch verwickeln. Ich habe meiner besten Freundin versprochen, dass wir demnächst Crepes machen, schwindelt sie. Ich hab sie heute versetzt, weil ich lieber hier sein wollte. Zum ersten Mal schaut er sie richtig an. Fühlt er sich geschmeichelt? Warum hast du deine Freundin nicht mitgebracht? Sie druckst herum. Er wartet. Sie ist - naja - anders, behindert. Sie kann nicht richtig gehen, weil ihre Muskeln krampfen. Spastiken, kennst du? Als sie es ausspricht, schämt sie sich schon. Sie blickt auf den Boden. Er schüttelt verständnislos den Kopf und geht wortlos an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Da steht sie - in Glitzertop und ihrer besten Jogginghose. Es ist zehn vor zwölf.
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Vielleicht knutscht sie schon mit ihrem Schwarm. Vielleicht hat sie den ganzen Abend nicht einmal an sie gedacht. Vielleicht sind sie im neuen Jahr keine Freundinnen mehr. Dabei hat sie nur diese. Die letzten Minuten will sie noch zelebrieren. Sie holt das Freundschafsarmband und legt es sich ums Handgelenk. DRückt es an die Wange. Tränen der Trauer. Zehn vor zwölf - der Countdown.
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Während die Böller rechts und links von ihr explodieren, radelt sie durch die Straßen. Im Haus ist noch Licht. Sie schaut durchs Wohnzimmerfenster. Ihre Freundin liegt schlafend auf dem Teppich, im Fernseher läuft lautlos eine Gala. Weil sie beste Freundinnen sind, weiß sie, wo der Terrassenschlüssel liegt. Im flackernden Licht des Fernsehers sieht sie zerlaufene Spuren von Kajal auf dem Gesicht. Als sie sich im Schlaf dreht, zeigt sich auf der Wange der Abdruck eines Unendlichkeitszeichens. Etwas glitzert am Handgelenk. Sanft streicht sie über die Wange der Freundin.
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