Unsere Zungen sind Fische

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Unsere Zungen sind Fische, sie zappeln im kühlen Nass.


Immer wenn er trank, veränderte sich seine Zunge. Sie wurde zu einem kleinen Rotauge, das sich im Wasser bewegte, als wäre es dort zu Hause. Er lernte früh, beim Trinken vorsichtig zu sein, damit er das Tier nicht verletzte. Andere Menschen, sagte man ihm, hätten dieses Problem nicht.


Wenn das Wasser seinen Mund verließ, kehrte die Zunge zurück. Oder etwas, das sich wie Rückkehr anfühlte. Doch jedes Mal blieb ein kaum merklicher Widerstand, als hätte etwas für einen Moment ein eigenes Leben gehabt.


Mit der Zeit begann er zu warten, statt nur zu trinken. Und irgendwann blieb der Fisch einfach da.


Er spuckte das Wasser aus – doch das Rotauge blieb. Es lag auf seiner Handfläche, zitternd, als hätte es den Unterschied zwischen innen und außen vergessen. Seine Zunge war verschwunden.


Er setzte den Fisch wieder an seinen Mund. Ohne Eile, ohne Entscheidung, eher wie eine Wiederholung eines Vorgangs, der nie ganz verstanden worden war. Als er Wasser nachfüllte, begann er wieder zu schwimmen.


Von da an sprach er weniger.


Zuerst bemerkten es nur wenige. Dann fragten Menschen, warum er das Tier nicht „freilasse“. Andere fanden die Frage seltsam, als wäre sie neu, obwohl sie schon lange im Raum stand.


Er antwortete nicht. Nicht aus Verweigerung, sondern weil jede Erklärung das Verhältnis zwischen ihm und dem Fisch verschieben würde.


Mit den Jahren entstanden erste Nachahmungen. Manche hielten es für eine persönliche Eigenheit, andere für eine stille Praxis. Es gab keine klare Grenze zwischen Beobachtung und Übernahme.


Als sein Sohn ihn besuchte, lag der Fisch noch immer im Mund des Vaters.


Der Vater nahm ihn heraus und legte ihn in die Hand des Jungen.


„Halte ihn im Wasser“, sagte er.


„Ich kann dann nicht sprechen“, sagte der Sohn.


Der Vater antwortete erst nach einer Pause: „Vielleicht ist das der Preis.“


Der Sohn zögerte lange. Der Fisch bewegte sich kaum.


Schließlich öffnete er den Mund.


Und in diesem Moment war nicht mehr eindeutig, ob er das Tier aufnahm – oder selbst aufgenommen wurde.




Jahre später sprach niemand mehr von einem Anfang.


Es gab nur noch unterschiedliche Erinnerungen daran, wie es gewesen sein könnte.


Menschen gingen vorsichtiger miteinander um, weil niemand mehr sicher war, wo das Eigene endete.


Manche behaupteten, es sei Mode geworden, etwas Lebendiges im Mund zu tragen. Andere sagten, es sei schon immer so gewesen.


Nur das Sprechen wurde seltener. Und wenn es geschah, klang es, als käme es aus größerer Tiefe als zuvor.
 



 
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