Unsichtbarer Feind

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Eowyn

Mitglied
Sonnenlicht brach sich auf dem taubedeckten Gras, ein Meer aus feinen Wassertropfen, schillernd, leuchtend. Kein Windhauch war zu spüren, die Bäume standen still, die Blätter müde und schwer vom Regen der vergangenen Nacht. Die Luft war noch frisch und erfüllt vom Geruch feuchter Erde. Der Himmel war von leichten Schleiern verhangen, die darauf warteten, dass die Sonne sie auflösten und das Türkisblau dahinter freigaben.
Mira hielt die Leine ihres Hundes fest in der rechten Hand, mit der linken scrollte sie sich durch den Chatverlauf der vergangenen Monate. Sie ließ ihre Beziehung in wenigen Minuten Revue passieren. Worte von Liebe, Pläne für die Zukunft verstrichen, kaum erkennbar in der Hast der Bewegung ihres Daumens. Die Jahre zogen vorüber in einem nahezu unmöglich wahrzunehmenden Rückblick, einem Zeitraffer von Ereignissen.
Erst als ein Ruck durch die Hundeleine ging, wandte sie sich um, suchend, aus den Gedanken gerissen, in einer falschen Zeit und einem noch falscheren Ort. Sie bemerkte Jack, der neben einem Busch stehen geblieben war, die Ohren angelegt, als hätte er eine Gefahr gewittert.
Ungeduldig zog Mira an der Leine, doch der Rüde bewegte sich nicht. Resignierend und mit einem tiefen Schnaufen lief sie die wenigen Schritte zurück und blieb neben Jack stehen. Suchend blickte sie sich nach der Ursache um, die für Jacks Unruhe verantwortlich war. Doch weder konnte sie einen Hasen im Gestrüpp ausmachen, noch ein Reh entdecken, das sich im Schutz der Bäume verbarg. Entweder hatte das Wild längst die Flucht ergriffen oder Jack hatte einzig den Geruch eines fremden Tieres gewittert.
„Komm, Jack!“, befahl sie und wandte sich ab.
Ihr Hund blieb jedoch stur stehen, gab nicht den leisesten Laut von sich und machte auch keine Anstalten sich in Bewegung zu setzen.
Einmal davon abgesehen, dass sie dafür heute nicht die Zeit hatte, musste sie doch später noch zur Arbeit gehen, fehlte ihr heute auch die Geduld für seine störrischen Spielchen.
„Jack, bei Fuß!“, sprach sie energisch, dieses Mal lauter.
Ihr Hund tat, als hörte er sie nicht. Er war schon immer schlecht erzogen gewesen. Nicht, dass es an ihr gelegen hätte. Stefan hatte Jack ausgebildet und stets darauf bestanden, dass sie sich nicht einmischte. Jetzt allerdings musste sie sich mit dem eigensinnigen Charakter des Schäferhundes herumschlagen. Um seine Erziehung noch einmal zu intensivieren, war Jack mittlerweile viel zu alt.
Doch sie wollte den Gedanken, Stefan für das Schlamassel die Schuld zu geben, nicht zulassen. Es würde sie nur wieder an den Rand der Tränen bringen, die in den vergangenen Wochen schon so schwer zu trocknen gewesen waren.
„Bitte!“, flehte Mira, mittlerweile der Verzweiflung nahe.
Doch Jack hatte einen Dickschädel, hatte er von Anfang an gehabt und erfolgreich bis jetzt durchgesetzt.
Seufzend ging Mira neben ihm in die Knie, eine Hand auf seinem Fell, vergrub sie das Gesicht in der anderen Armbeuge. Ein paar mühsame Atemzüge später hob sie den Kopf wieder, blickte auf ihr Handy und die erste Nachricht, die Stefan ihr damals geschickt hatte, darüber das Datum, das mittlerweile vier Jahre zurücklag. Vier Jahre voller Hochs und Tiefs. Vier Jahre voller Glück und Verzweiflung, eine Achterbahn der Gefühle. Sie wollte die Jahre nicht missen und doch hatte das Ende, das viel zu schnell gekommen war, ihre Welt zum Einsturz gebracht. Viel zu nahe an den Rand dessen, was sie zu ertragen im Stande war.
Ein letztes Mal richtete sie den Blick auf die Zeilen.

Hallo schöne Frau!
Du bist mir vorhin nicht das erste Mal aufgefallen, doch habe ich heute zum ersten Mal den Mut gefasst, dich anzusprechen und nach deiner Nummer zu fragen. Vielleicht können wir unser abrupt geendetes Gespräch, weil der Zug deine Haltestelle viel zu früh erreicht hat, bei einem Kaffee fortführen? Ich würde mich sehr freuen.
Stefan


Der Anfang eines Traums, der sich in einen Albtraum verwandelt hatte, als sie am wenigsten damit gerechnet hatte.
Sie zögerte, obwohl sie sich so sicher gewesen war, dass sie es heute tun würde. Der Schritt, so klein er doch sein mochte, fiel ihr ungeheuer schwer, zu lang hatte sie ihn nun schon aufgeschoben. Und doch kam sie nicht umhin, ihn endlich zu wagen, wollte sie weitergehen und nicht auf ewig in der Vergangenheit gefangen bleiben.
Mit Tränen in den Augen, die ihre Sicht verschleierten und es ihr fast unmöglich machten, etwas zu erkennen, drückte sie den entscheidenden Befehl: „Chat-Verlauf löschen.“
Dann schaltete sie das Handy aus und schob es mit zittrigen Händen in ihre Jackentasche.
Schniefend wischte sie die Tränen mit dem Handrücken fort, die feuchte Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen hatten.
Diese letzte Handlung, die sie seit Monaten vor sich hergeschoben hatte, war nötig gewesen. Trotzdem fühlte es sich an, als wäre ein Loch in ihrem Herzen entstanden. Er würde ihr nie wieder schreiben, sein Name nie wieder in der Liste ihrer Nachrichten auftauchen.
Als sie sich halbwegs gefangen hatte, hob sie den Blick und schaute erst zu Jack, der noch immer mit angelegten Ohren auf den Wald vor ihnen starrte, dann richtete sie ihre Augen selbst nach vorn. Es dauerte eine Weile und sie wollte sich schon erheben, da entdeckte sie es doch: Ein Spinnennetz, das sich zwischen dem Busch und dem ausladenden Stamm einer Eiche spannte. Ein filigranes Gespinst, silbrig weiß, ebenfalls von Tautropfen schimmernd umhüllt, als wäre es aus Glas.
In der Mitte hockte eine Spinne, die langen Beine unter dem fetten Leib eingeklemmt, fast so, als schliefe sie.
Bei dem Anblick versteifte sich ihr ganzer Körper. Langsam, die Augen noch immer auf das Netz gerichtet, zog sie sich zurück, ihre Hand dabei an Jacks Halsband. Der Hund gab ein klägliches Jaulen von sich, als sie ihm die Luft abdrückte, dann endlich machte er einen Satz und der Bann war gebrochen, in den ihn die Spinne gezogen zu haben schien.
„Lass uns nach Hause gehen, Jack!“, brachte sie mühsam hervor und wandte sich vom Wald ab.
Der Hund trottete neben ihr her, sein Blick wanderte immer wieder zu ihr hinauf, als wüsste er, worum ihre Gedanken kreisten.
Der Anblick des Spinnennetzes hatte sie an die letzten Jahre mit Stefan erinnert. An den Kampf, den sie ausgefochten hatten. Ein Kampf, gegen einen unbezwingbaren Feind. Die Krankheit, die ihn, den Fäden einer Spinne gleich, ans Bett gefesselt hatte, zur Unbeweglichkeit verdammt, und ihn von Tag zu Tag schwächer werden ließ, als sauge jemand die Kraft aus ihm heraus. Bis er zuletzt den Kampf gegen den Krebs verlor und er ihr den geliebtesten Menschen von der Seite riss.
 

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