Medias Argento
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Er legte die Eierschale wieder dahin, wo er sie gefunden hatte. Die Eierschale war weiß und oben angebrochen. Kleine spitze Ecken säumten die Stelle. Der Himmel war milchig und das flüchtige Blau darin erinnerte ihn an die Overalls der Schwestern.
Noch war keine Krähe in Sicht. Unter der Brücke, am Teltowkanal, wehte eine kühle Brise. Ein schwarzer Schwan überflog die Brücke und hinterließ im Gleitflug Stille. Dann, gewichtig, mit mächtigen Flügelschlägen, ein Fischreiher auf dem Weg zur Schleuse. Ein paar wild flatternde Tauben. Ein Raubvogel in einer abgestorbenen Birke, nah am Wasser, neben der Öffnung in den Bäumen, die den Weg zur Stadt freigab. Die Tauben aber vergaßen, wer da auf der Birke saß und auf die Welt herabschaute. Hinter den Bäumen, auf dem Parkplatz der Ausländerbehörde Teltow-Fläming, fand er die Tauben mit einem münzgroßen Loch in der Brust. Der Raubvogel aß nur die Herzen. Das feine, ausgezupfte Gefieder um das gähnende Loch im Körper des Vogels. Die Krähen sahen das auch.
Die alte Krähe hatte ihn zuerst gesehen. Sie kam mit drei, vier jungen Krähen im Schlepptau, krächzte laut und fordernd. Er wunderte sich, ob er damit gemeint war – oder ob die Krähen ein Ritual vollzogen, Hierarchien durchspielten, etwas von der Welt lernten. Er mischte sich spaßeshalber ein, krächzte mit und lachte bei dem Gedanken, womöglich etwas Anstößiges geäußert zu haben. Wie damals, als er aus der Narkose nach der Operation erwachte und sich derart gut fühlte, dass er unwillkürlich die Schwester fragte: „Das weiße Zeug, das war Propofol, oder?“
Die Schwester bejahte und er hatte nur „Fucking Michael Jackson!“ gesagt, und beide hatten laut gelacht. Ein paar Stunden später kam der Schmerz, aber er sah das voraus.
Er hatte den Krähen Teile seines Sandwiches hingeworfen. Die alte Krähe hatte sich darauf gestürzt, während die Jungen die beiden nervös beäugten. Ihr Gefieder war glänzend, und die Augen darin lebendig und wach. Sie pickten mit, hüpften davon, und die alte Krähe krächzte ihnen lange nach. Er sah das Ganze aus den Augenwinkeln, sah das Blau des Himmels und sah vor seinem geistigen Auge die verdeckte Weite des Weltalls dahinter – rasend, fallend, ewig auseinandertreibend. Er kam zurück, denn die alte Krähe veränderte die Tonart. Sie krächzte nicht mehr. Sie würgte. Sie würgte, und sieh zu, die Jungen kamen wieder heran.
Auch er würgte. Fast würgte er das durchgekaute Sandwich wieder hervor, es machte aber Spaß. Er und die alte Krähe würgten bald im Chor, stimmten ein Lied ein. Er warf ihnen weitere Brotstücke zu, und die alte Krähe plusterte ihr milchig blasses Gefieder immer wieder auf.
Beim nächsten Mal war er vorbereitet. Er hatte Trauben im Marktkauf gekauft, und von zuhause, aus dem Kühlschrank, eine kleine Schweinshaxe mitgebracht. Er war zwar auf dem Weg zur Arbeit und gedankenverloren, drehte aber wieder um und schnitt das Fleisch in winzige Stücke. Dann rannte er zur S-Bahn.
Der Himmel war auch milchig an dem Tag, das Blau und die Sonne jedoch setzten sich immer mehr durch. Der Frühling nahte. Magnolien zeigten schwellende Knospen. Die Luft war anders, feuchter, und es roch mehr nach Gras.
Auf dem Weg zur Brücke fand er eine tote Krähe neben einer Mülltonne. Die Krähe war alt. Da war so etwas wie ein Blitzschlag – und die brennende Erkenntnis, dass der Blitz niemals nach Erlaubnis fragt. Sein Hals wurde trocken. Er trat schief auf. Der Schmerz war wieder da.
Unter der Brücke fand er keine Krähen vor. Er aß sein Sandwich. Hielt Ausschau in den Bäumen. Blickte immer wieder zum Himmel. Doch der Himmel blieb leer und stumm. Nur auf dem Wasser fuhren Boote, langbäuchige Kähne mit polnischen Flaggen. Hausboote. Und Kajakfahrer, vorsichtig paddelnd im schwankenden Nass. Er sah sie nicht. Nichts. Nur Wasser.
Und dann waren sie da, am anderen Ufer, in den kahlen Bäumen. Zunächst eine, die er auch mit einer Handbewegung begrüßte. Er warf ein Brotstück im hohen Bogen, und der Vogel setzte gleitend über das Wasser, griff sich das Stückchen und flog davon. Er warf noch eins, und ein weiterer Vogel kam und schnappte sich das Brot. Er warf ihnen die Trauben und das Schweinefleisch zu. Und er würgte so laut er konnte, während er die Tiere fütterte, und Tränen traten ihm in die Augen. Sie waren alle so jung und aufrichtig in ihrem Betragen.
Er brachte den Krähen hartgekochte Eier mit. Die Krähen waren nicht da, hatten ein Osterei unter der Brücke gelegt, umfasst in einer Halterung aus Plastik. Darin hatten sie gepickt und die Schale in winzigen Stücken drumherum verteilt. Er hatte die Schale begutachtet und dann zurückgelegt. Und hatte ihnen hartgekochte Eier mitgebracht.
Er aß sein Sandwich und dachte daran, dass er erst im Sommer wieder da sein würde. Er kaute und schaute zum Himmel. Der Himmel war blau, die Wolken milchig. Das war vertraut. Aber war es auch wahr? Vielleicht sind nicht nur Schneeflocken einzigartig. Wolken wohl auch. Wie dieser Tag ja auch.
Noch war keine Krähe in Sicht. Unter der Brücke, am Teltowkanal, wehte eine kühle Brise. Ein schwarzer Schwan überflog die Brücke und hinterließ im Gleitflug Stille. Dann, gewichtig, mit mächtigen Flügelschlägen, ein Fischreiher auf dem Weg zur Schleuse. Ein paar wild flatternde Tauben. Ein Raubvogel in einer abgestorbenen Birke, nah am Wasser, neben der Öffnung in den Bäumen, die den Weg zur Stadt freigab. Die Tauben aber vergaßen, wer da auf der Birke saß und auf die Welt herabschaute. Hinter den Bäumen, auf dem Parkplatz der Ausländerbehörde Teltow-Fläming, fand er die Tauben mit einem münzgroßen Loch in der Brust. Der Raubvogel aß nur die Herzen. Das feine, ausgezupfte Gefieder um das gähnende Loch im Körper des Vogels. Die Krähen sahen das auch.
Die alte Krähe hatte ihn zuerst gesehen. Sie kam mit drei, vier jungen Krähen im Schlepptau, krächzte laut und fordernd. Er wunderte sich, ob er damit gemeint war – oder ob die Krähen ein Ritual vollzogen, Hierarchien durchspielten, etwas von der Welt lernten. Er mischte sich spaßeshalber ein, krächzte mit und lachte bei dem Gedanken, womöglich etwas Anstößiges geäußert zu haben. Wie damals, als er aus der Narkose nach der Operation erwachte und sich derart gut fühlte, dass er unwillkürlich die Schwester fragte: „Das weiße Zeug, das war Propofol, oder?“
Die Schwester bejahte und er hatte nur „Fucking Michael Jackson!“ gesagt, und beide hatten laut gelacht. Ein paar Stunden später kam der Schmerz, aber er sah das voraus.
Er hatte den Krähen Teile seines Sandwiches hingeworfen. Die alte Krähe hatte sich darauf gestürzt, während die Jungen die beiden nervös beäugten. Ihr Gefieder war glänzend, und die Augen darin lebendig und wach. Sie pickten mit, hüpften davon, und die alte Krähe krächzte ihnen lange nach. Er sah das Ganze aus den Augenwinkeln, sah das Blau des Himmels und sah vor seinem geistigen Auge die verdeckte Weite des Weltalls dahinter – rasend, fallend, ewig auseinandertreibend. Er kam zurück, denn die alte Krähe veränderte die Tonart. Sie krächzte nicht mehr. Sie würgte. Sie würgte, und sieh zu, die Jungen kamen wieder heran.
Auch er würgte. Fast würgte er das durchgekaute Sandwich wieder hervor, es machte aber Spaß. Er und die alte Krähe würgten bald im Chor, stimmten ein Lied ein. Er warf ihnen weitere Brotstücke zu, und die alte Krähe plusterte ihr milchig blasses Gefieder immer wieder auf.
Beim nächsten Mal war er vorbereitet. Er hatte Trauben im Marktkauf gekauft, und von zuhause, aus dem Kühlschrank, eine kleine Schweinshaxe mitgebracht. Er war zwar auf dem Weg zur Arbeit und gedankenverloren, drehte aber wieder um und schnitt das Fleisch in winzige Stücke. Dann rannte er zur S-Bahn.
Der Himmel war auch milchig an dem Tag, das Blau und die Sonne jedoch setzten sich immer mehr durch. Der Frühling nahte. Magnolien zeigten schwellende Knospen. Die Luft war anders, feuchter, und es roch mehr nach Gras.
Auf dem Weg zur Brücke fand er eine tote Krähe neben einer Mülltonne. Die Krähe war alt. Da war so etwas wie ein Blitzschlag – und die brennende Erkenntnis, dass der Blitz niemals nach Erlaubnis fragt. Sein Hals wurde trocken. Er trat schief auf. Der Schmerz war wieder da.
Unter der Brücke fand er keine Krähen vor. Er aß sein Sandwich. Hielt Ausschau in den Bäumen. Blickte immer wieder zum Himmel. Doch der Himmel blieb leer und stumm. Nur auf dem Wasser fuhren Boote, langbäuchige Kähne mit polnischen Flaggen. Hausboote. Und Kajakfahrer, vorsichtig paddelnd im schwankenden Nass. Er sah sie nicht. Nichts. Nur Wasser.
Und dann waren sie da, am anderen Ufer, in den kahlen Bäumen. Zunächst eine, die er auch mit einer Handbewegung begrüßte. Er warf ein Brotstück im hohen Bogen, und der Vogel setzte gleitend über das Wasser, griff sich das Stückchen und flog davon. Er warf noch eins, und ein weiterer Vogel kam und schnappte sich das Brot. Er warf ihnen die Trauben und das Schweinefleisch zu. Und er würgte so laut er konnte, während er die Tiere fütterte, und Tränen traten ihm in die Augen. Sie waren alle so jung und aufrichtig in ihrem Betragen.
Er brachte den Krähen hartgekochte Eier mit. Die Krähen waren nicht da, hatten ein Osterei unter der Brücke gelegt, umfasst in einer Halterung aus Plastik. Darin hatten sie gepickt und die Schale in winzigen Stücken drumherum verteilt. Er hatte die Schale begutachtet und dann zurückgelegt. Und hatte ihnen hartgekochte Eier mitgebracht.
Er aß sein Sandwich und dachte daran, dass er erst im Sommer wieder da sein würde. Er kaute und schaute zum Himmel. Der Himmel war blau, die Wolken milchig. Das war vertraut. Aber war es auch wahr? Vielleicht sind nicht nur Schneeflocken einzigartig. Wolken wohl auch. Wie dieser Tag ja auch.
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