Untitled (Or the Evening Redness in the West)

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„Und woher haben Sie dann das Veilchen, Herr Mischa?“
„Was für’n Veilchen?“
„Das in Ihrem Gesicht.“
„Ach so, ja das… ist halt mal blöd gelaufen, würd ich sagen.“
„Ich war im Gym, Beine trainieren und so. Wollt dann nach Hause, und in der Straße, in der ich wohne, ist so ’ne Bar. Vincenzo oder so heißt die. Keine Ahnung, ist ja auch egal. Auf jeden Fall hat die so ein großes Fenster, wo man reinschauen kann.
Ich lauf halt ganz chillig vorbei und schau rein, und da sitzen die Mom von ’nem Typen, den ich kenn, und halt der Typ selber, und winken mir zu. Ja, ich wink halt zurück. Sie deuten mir, ich soll reinkommen. Ich deute so Kopf ab. Sie deuten wieder, ich soll reinkommen.
Und dann bin ich halt rein.

Es war halt, glaub ich, grad Faschingsdienstag oder so, und die Bude war voll. Alle waren dicht und der Sound war voll Müll. Ich setz mich zu denen an den Tisch und bestell mir ’n Weißsauer.
Dann ist’s halt schnell gegangen.
Hab halt bissl mit denen gelabert und so, und er, der Sohn, mit dem ich mal zusammengearbeitet hab, zeigte mir die ganze Zeit Fotos auf’m Handy, die er von irgendwelchen Kötern auf der Straße gemacht hatte.
Ich sag mal so: Unsere Bekanntschaft war schon immer ’n wenig kompliziert.
Oder auch nicht
, keine Ahnung.
Kurz gesagt: Wir haben mal zusammengearbeitet und öfter gesoffen, und du weißt ja, wie das ist, wenn man zu viel intus hat. Da wird man manchmal horny, und dann haben wir halt mal miteinander rumgemacht.
Kann ja passieren.
War ja nicht allzu wild.
Trotzdem geil.

Irgendwann hat er dann gekündigt, ist nach Asien abgehauen, und wir haben uns nicht mehr gesehen.
Ob seine Mom davon wusste?
Keine Ahnung, mir auch egal. Aber du weißt ja, wie Mütter so sind – die wissen meistens mehr, als sie sollten.
Ich sag mal: Wenn sie was davon wusste, ließ sie sich nichts anmerken.
Vielleicht hat sie auch gerade deswegen so viel gesoffen.
Keinen Plan, wir wissen’s nicht.

Und so ging’s halt ’n paar Stunden dahin.
Ich wurde immer dichter, die Mukke immer schlechter, die Situation immer cringer, und so oder so war das alles ganz abgefahren.
Ich hab dich so vermisst.
Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich vermisst habe.
Hab ich ihn vollgelabert.
Was natürlich Bullshit war, aber ich war halt hacke.
Und gerade als meine Hand seine berührte, tauchte der Kellner-Dude auf und sagt, wir müssen uns bitte an einen anderen Tisch setzen, da der ab siebzehn Uhr reserviert sei.

Fick Scheiße.

Wir also aufgestanden und an den anderen Tisch zu irgendwelchen Randoms gegangen, und dann ging’s halt richtig los.
Weißsauer, Weißsauer, Tequila, Bier, Sambuca, Weißsauer.
Als ich zum Rauchen rausging, musste ich mir schon ein Auge zuhalten, um überhaupt noch die Zigaretten aus der Packung zu bekommen.
Wie komm ich nur immer wieder in solche Situationen?, hab ich mich gefragt.
Wieso kann ich nicht einfach mal chillig daheim auf der Couch liegen?
Ist das Schicksal?
Oder hab ich einfach komplett die Kontrolle über mein Leben verloren?
Ist das alles überhaupt wichtig?


Wieder drinnen war ich voll auf Autopilot.
Bin hin an die Theke, Rechnung bezahlt, Jacke geholt.
Und weil’s da sowieso schon richtig scheiße wurde, kam mein Entschluss abzuhauen ganz instinktiv.
War schon wieder halb draußen bei der Tür, als seine Mom und er hinter mir standen und mich fragten, wo wir jetzt hingehen würden.
Wär ich schlau gewesen, hätt ich einfach gesagt:
Mir egal, wo ihr hingeht, aber ich geh heim.
War ich aber nicht. Und darum landeten wir in der nächsten Bude, und die war noch viel krasser als die erste.


Die Musik noch beschissener, die Leute noch besoffener, und es war so voll, dass man leichte Selbstmordgedanken bekam.
Mir halt schon voll schlecht geworden.
Aber die Mutti hatte ein Auge auf mich.
DU MUSST TRINKEN WASSER!
TRINK WASSER!
Ich muss auch sagen: Wasser hat wirklich gut geholfen.
Was mich einfach dauernd gekillt hat, war der beschissene Sound.
Der Typ, der aufgelegt hat – ich weiß gar nicht, ob man sowas DJ nennen darf – hat einfach einen Song von Anfang bis Ende durchlaufen lassen.
Dann waren so zehn Sekunden Pause, und dann kam irgendein Lied, das überhaupt nicht zu dem davor passte.
Mein Magen drehte sich bei jedem Übergang. Ich spürte, wie das Tequila-Wein-Gemisch wieder nach oben wollte.
Ich schwör, ich hab so lang wie möglich versucht, es zurückzuhalten, aber irgendwann ging’s halt nicht mehr, und ich bin nach draußen und hab in die Büsche gekotzt.

Shit happens.
Aber keiner hat’s gesehen.
Danach ’ne Kippe angemacht, und wen treff ich auf der Terrasse?
Genau, den Kollegen.
Ich also voll dicht auf ihn zugesteuert und wieder die gleiche Show abgezogen:
Hab dich so vermisst bla bla bla, jeden Tag an dich gedacht bla bla bla, lass uns für immer zusammen sein bla bla bla…
Und ich hab halt gedacht: Scheiß drauf, ich probier’s halt.
Wollt ihm gerade einen nach Kotze und Zigaretten stinkenden Kuss geben, als er sagte:
Du weißt schon, dass ich verheiratet bin.
Und ich so:
What the fuck, Alter? Du? Verheiratet? Mit wem denn?
Er so:
Mit einer Koreanerin.
Koreanerin?
Ja, hab sie auf meinem Trip kennengelernt.
Und die wohnt bei dir oder was?
Nein, in Korea.
Alles klar…
Ja sorry, aber ich hab gedacht… du weißt schon… nach dem letzten Mal, als wir beide miteinander…
Und er nur so:
Ich hab nicht gesagt, dass du aufhören sollst. Ich hab nur gesagt, dass ich verheiratet bin.

Ja Bro, aber da ging bei mir dann schon gar nichts mehr, sorry. Echt. Aber ich will jetzt hier nicht unbedingt auf Ehebrecher machen müssen.
Außerdem bin ich mit meinem Karma sowieso schon auf sau dünnem Eis.
Also tat ich, was jeder andere auch machen würde:
Ich hab ihn beglückwünscht und bin nach drinnen und hab ’n Maß Bier gesoffen.

Dann war ich halt richtig am Arsch.
Mein Plan war wieder, einfach abzuhauen. Dieses Mal hab ich’s sogar geschafft, mit einem Fuß im Freien zu sein, als seine Mom mich fand.
Wieder die gleiche Frage:
Wo gehst du hin?
Wieder Schicksal.
Wieder war ich nicht schlau genug zu sagen:
Ich geh heim.
Wieder bin ich gefolgt, statt geflogen.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich bei den beiden zu Hause auf der Couch chille und wir alle zusammen Tomatensuppe essen.
Ich und mein Ex-Kumpel saßen wie zwei Fremde nebeneinander, die zufälligerweise die gleiche Mutter haben, die für sie kocht.
Wahrscheinlich war’s auch besser so.
Unterbewusst, irgendwo ganz tief drin, war uns allen bewusst, dass es so am besten ist.
Danach bin ich irgendwann eingepennt und mitten in der Nacht aufgewacht, weil mein Handy klingelte. Ich, erschrocken, komplett paranoid und orientierungslos, such das Ding, seh was am Boden blinken, will’s aufheben und schlag mir voll die Fresse an der Tischkante an.
Glück gehabt, dass ich mich nicht aufgespießt hab, echt.
War dann halt nur meine Arbeitskollegin, die mich anschrie und mir sagte, ob ich schon wisse, dass ich morgen siebzehn Uhr Dienstbeginn hätte.
War mir scheißegal.
Hatte andere Probleme.
Zum Beispiel dieses Veilchen hier.“


Und jetzt sitz ich schon seit drei Stunden da.
Erzähl immer und immer wieder die gleiche Story, und der Typ mir gegenüber fragt wieder:

„Würden Sie einem Drogentest zustimmen?“

Wie immer schaut er mir dabei tief in die Augen. Sucht in ihnen Angst, Verzweiflung, Lügen und Hass. Aber ich bleib cool.

„Einen Drogentest?
Auf gar keinen Fall.
Warum sollte ich?“

Es ist ein psychologischer Kampf.
Wer von uns beiden wird als erstes aufgeben?
Er oder ich.

„Weil ich Ihre Geschichte und Ihr Verhalten sehr merkwürdig finde.
Außerdem, wenn Sie – wie Sie bereits behauptet haben – nicht unter dem Einfluss von Drogen stehen, müssen Sie sich vor dem Test auch gar nicht fürchten.“

Guter Angriff.
Aber:

„Ich fürchte mich ja auch nicht.“
„Sondern?“
„Ganz ehrlich: Wie würden Sie sich an meiner Stelle fühlen?
Was würden Sie sagen, wenn ich Sie einfach auf der Straße aufgabeln würde, Sie mit in meine Wohnung nehmen würde und Ihnen dann sagen würde: Pissen Sie in diesen Becher, während ich Ihnen auf den Schwanz schaue?“

Besserer Konter.

„Jetzt hört’s aber langsam auf! Es gehört immerhin zu meinem Job, solche Maßnahmen zu veranlassen!“

Er kann mich nicht brechen.
Ich bin Ahab.
Mein Garten ist Zen.

„Ja, dann würd ich mir an Ihrer Stelle mal Gedanken über meine Berufswahl machen.“
„Ich würd’s ja verstehen, wenn ich mich auffällig benommen hätte, mit ’ner Knarre rumgewedelt oder rumgeschrien hätte oder sonst was.
Aber ich war einfach nur da!
Am Spazieren und hab gemütlich eine geraucht.“

OHM

„SIE HABEN EINEN GERAUCHT!“
„EINEN? EINEN WAS?“
„EINEN JOINT!“
„NIEMALS!“
„ABER WIR KONNTEN DEN SKUNK EINDEUTIG RIECHEN!“
„JA UND VIELLEICHT WAR’S JA GAR NICHT MEIN SKUNK!“

Zen-Garten. Wasserfälle. Blaue Eichen. Weiche Meteoriten

„Also gut, Herr Mischa, fangen wir noch mal von vorne an.
Was machen Sie denn von Beruf?“

„Ich bin Influenza.“
„Influencer?“
„Nein, Influenza. Ich mach people sick.“


Broooow
 
Zuletzt bearbeitet:

Shallow

Mitglied
Hallo @Seufzender Stein,

bei dem Abendrot im Westen werde ich ganz sicher keine Textarbeit vornehmen, nur soviel: Deine story hat mir sehr gefallen. Die Sequenz mit den Großbuchstaben halte ich für unnötig (nicht textlich, in der Formatierung) und auch hier

Oder auch nicht
, keine Ahnung.


würde ich den Absatz wegnehmen.

Sehr gern gelesen!

Schönen Gruß von

Shallow
 

Ubertas

Mitglied
Hallo @Seufzender Stein ,

ich möchte mich direkt Shallows Kommentar anschließen.
Wow! Ich bin wieder wach :) . Ich liebe die Lebendigkeit deiner Zeilen.
Ich lese nochmals mit Begeisterung!!!

Lieben Gruß,
ubertas
 



 
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