Unzerbrechlich – Ein Leben aus Stahl

rolfreist

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Ich erinnere mich an meine Geburt. Es war glühend heiß. Funken flogen, und schwere Schläge formten mich. Sie machten mich hart und gaben mir meine Gestalt. Aus der glühenden Masse wurde ein Stahlrohr. Man rollte mich zum Abkühlen nach draußen.
Wenig später landete ich auf einer Bohrinsel. Tief unter dem Meeresspiegel wurde ich Teil einer langen Leitung, die schwarzes Öl nach oben pumpte.
Anfangs war das spannend. Doch bald wurde es still. In der Tiefe passiert nicht viel. Gelegentlich stupst mich ein Fisch mit der Nase an. Meine Kollegen weiter oben haben es besser. Sie sehen das Licht, spüren die Stürme und hören die Stimmen der Arbeiter. Mein Leben hier unten besteht nur aus Warten.

Blub. Blub. Geduld. Blub. Blub.

Eines Tages holte man uns hoch. Die Bohrinsel wurde abgebaut. Stahl wie ich war nun für den Krieg wichtig. Einige von uns wurden eingeschmolzen und zu Panzerplatten gewalzt, andere wurden zu Kanonen. Die meisten aber wurden zu Granaten verarbeitet. Das war unser Todesurteil. Jeder von uns wusste: Eines Tages würde er irgendwo explodieren und in Millionen Teile zersplittern.
Irgendwann war mein Regal an der Reihe. Doch kurz vor dem Abtransport traf eine Bombe die Fabrik. Die Wucht riss alles mit sich: Menschen, Maschinen und auch mich. Sirenen heulten, Feuer breitete sich aus. Ich lag betäubt unter Trümmern begraben. Es wurde dunkel und still.
Wochen oder Monate später erwachte ich in einer anderen Halle. Man schnitt mich auf. Ich dachte, es sei vorbei. Doch ich wurde flach gepresst und neu geformt. Ich bekam einen Boden, zwei Griffe und einen Deckel. Nach einer Schicht Lack begann mein neues Leben als Stahltonne.
Zuerst stand ich am Straßenrand. Nach dem Krieg verfeuerte man viel Kohle, und ich schluckte die Asche. Ich sah, wie das Leben in die Stadt zurückkehrte. Die Häuser wuchsen, Straßen bekamen Bürgersteige, Bäume wurden gepflanzt. Die Menschen wirkten mit den Jahren fröhlicher, die Autos bunter. Mancher Welpe fand es großartig, mich anzupinkeln.
Doch die Zeiten änderten sich. Moderne Mülltonnen aus Kunststoff verdrängten mich. Ich setzte Rost an, der Lack blätterte. Schließlich landete ich am Stadtrand neben einer Kneipe. Dort trafen sich Cliquen und Betrunkene.
Eines Morgens torkelte ein Mann aus der Kneipe und stieß gegen mich. Er lächelte und sagte: „Weißt du, wer ich bin? Ein Superstar! Ich bin Trommler!“ Er schlug auf mich ein, und zum ersten Mal fühlte ich nicht den Schmerz der harten Arbeit, sondern die Schwingung meiner eigenen Seele. Jeder Schlag erzeugte einen Klang, den ich nie zuvor gehört hatte. „Du stinkst bestialisch“, sagte er, „aber ich mache aus dir ein Instrument.“ Er hielt Wort. Ich bekam leuchtende Farben und wurde innen mit Holz verstärkt. Als Teil einer Band reiste ich um die Welt. Ich sah alles – von Mönchen in Tibet bis zum Karneval in Rio. Meine Schwingungen brachten die Menschen zum Tanzen.
Bei einem Flug nach Asien wurde ich falsch verladen. Ich landete in der Schweiz. Niemand holte mich ab. In den Katakomben des Flughafens fühlte ich mich einsam; ich war süchtig nach der Musik und dem Applaus. Irgendwann entsorgte man mich auf einer Deponie.
Dort herrschte die Stille des Schrotts. Es regnete, mein Glanz verging. Unter Bergen von Gerümpel gab mein Körper unter der Last nach. Ich war verbeult, vom Rost zerfressen und ohne Hoffnung.
Doch eines Tages spürte ich die Sonne. Jemand rollte mich aus dem Müllberg und verlud mich. Die Fahrt ging in Richtung Basel. In einem Atelier wurde ich gereinigt, beschichtet und neu verlötet. Ich wurde Teil eines beweglichen Kunstwerks in einem Springbrunnen, mitten in der Stadt. Gemeinsam mit anderen sprühe ich nun Fontänen in die Luft. Wir sind ein Wahrzeichen geworden. Menschen bleiben stehen, machen Fotos und lächeln.Nach all den Jahren und Verwandlungen habe ich meinen Platz gefunden.


Mein Zuhause.
 

Aniella

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Hallo Rolf,

interessante Perspektive, ich glaube ich habe mal vor Jahrzehnten eine Geschichte über rote Schuhe gelesen. Auch Toy Story geht in diese Richtung, wobei diese Verwandlungen noch ganz andere Ebenen erreicht. Ich mag solche Geschichten, die ein wenig hinter die Kulissen gehen und zum Nachdenken anregen. Viel zuviel nimmt man als selbstverständlich und vergisst gern, wo jedes Teil herkommt.

Gern gelesen!

LG Aniella
 

rolfreist

Mitglied
Hallo Aniella,

danke für deinen Kommentar. Die Höhen und Tiefen des Lebens – was ist daraus geworden? Was geht, was bleibt … Erinnerungen.

Liebe Grüße
Rolf
 



 
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