rubber sole
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Der urgewaltige Schrei passte hier her. Weit und breit keine Menschenseele, die daran Anstoß nehmen könnte. Es folgten in kurzem Abstand zwei weitere, leisere Schreie – dann herrschte Stille. Er atmete ruhig und kräftig durch. Die vorangegangenen Jahre waren für ihn weniger ruhig verlaufen. Marco, leidenschaftlicher Motorradfahrer, litt unter einer Angststörung, einer Agoraphobie, ausgelöst durch bestimmte Orte und Situationen, wie weite Plätze, geschlossene öffentliche Räume, sich in einer größeren Menschenansammlung bewegen, u. ä.. Kürzlich die vorerst letzte Sitzung bei seinem Psychotherapeuten. Er blickte erwartungsvoll in das freundliche Gesicht des Psychiaters, registrierte zugleich dessen skeptischen Blick, als dieser auf seinen Vorschlag antwortete.
„Was Sie da vorhaben, kann ich nicht befürworten. Das wäre zu extrem.“
Eine glatte Absage an Marcos Ankündigung, zur Bekämpfung seiner Panikattacken in die Stadt Sturgis, U.S.A., zu reisen. In diesem ansonsten verschlafenen Städtchen in South Dakota findet jedes Jahr Anfang August das weltweit größte Biker-Treffen statt. Geschätzte fünfhunderttausend Motorrad-Enthusiasten strömen dann in dieses Mekka der Biker, wo die Herzen einige Tage lang im Takt schwerer Harley Davidson-Motoren zu schlagen scheinen.
„Konfrontation. Das haben Sie mir doch auch schon empfohlen.“, erwiderte Marco.
„Aber nicht so. Eher Eingrenzung der Angst durch Desensibilisierung. Konfrontation im Rahmen von Entspannungstechniken.“
Marco: „Die bisher keine wesentliche Verbesserung gebracht haben.“
Er rutschte auf dem Stuhl hin und her, seine Füße suchten unruhig eine feste Position. Er spürte erste Schweißperlen auf der Stirn, eine Hitzewallung stieg den Nacken hoch.
„Ich muss das einfach machen. Therapeutisch, und gleichzeitig meinen Traum verwirklichen. Einmal Sturgis. Der absolute Höhepunkt.“ Kann doch nur gut sein. Sie wissen, wie wichtig Motorradfahren für mich ist“.
Das vertraute Gesicht des Psychologen blieb nachdenklich, auch noch als Marco die Reisedetails erklärte. Selbst als er zwei erfahrene Biker-Freunde erwähnte, die ihn begleiten würden, wiegte der Therapeut skeptisch den Kopf und zögerte, ein Medikament zur Unterstützung in kritischen Situationen zu verordnen. Gestenreich, das Gesicht leicht gerötet, schilderte Marco euphorisch die Vorzüge der Reise-Option Business Class: mehr Platz und unbedenklicher Abstand zu Mitreisenden. Der Therapeut hatte immer noch Zweifel; der Patient blieb angespannt, definierte präzise das minimale Risiko. Schließlich glätteten sich Marcos Gesichtszüge. Der Arzt nickte und überreichte ihm lächelnd das Rezept für ein starkes Sedativum.
„Halten Sie sich genau an die Vorgaben. Und keinen Alkohol. Der kann die Wirkung verstärken.“
Und dann saßen Marco und seine beiden Freunde im Flieger nach Denver, Colorado - die zwei hatten Erfahrung im Umgang mit seinen eventuell auftretenden panischen Reaktionen. Sie scherzten und flachsten mit ihm, sobald sie erste Anzeichen einer Belastungsstörung bemerkten. So überstand Marco den Flug nach Denver in Colorado ohne nennenswerte Beeinträchtigungen. Am Stadtrand Denvers machten sie für zwei Tage Halt, um das Medikament optimal wirken zu lassen. Anschließend eine Fahrt, die jedes Biker-Herz höher schlagen lässt, als sie auf wenig befahrenen Nebenstrecken durch einen grenzenlosen Ozean von wogendem Präriegras fuhren. Dieses entspannte Cruisen zauberte ein Dauerlächeln auf Marcos Gesicht. Schließlich das Ziel, direkt im Epi-Zentrum einer Mega-Party. Marco spürte anfänglich ein leichtes Gefühl der Enge, jedoch das befürchtete Zittern und die Schwindelanfälle blieben aus.
Unzählige schwere Motorrädern hatten die kleine Stadt Sturgis zu einem kaum zu überblickenden Durcheinander ausgelassener Biker werden lassen; alles drehte sich um das Thema Motorrad. Der Ort war voller Staub und lauter Musik; ein tiefes Grollen der schweren Maschinen schuf eine Aura ganz besonderer Art - dazu der Geruch von Benzin und heißem Asphalt. Marco durchströmte das ersehnte Glücksgefühl. Er genoss es, Teil dieses ebenso gigantischen wie inspirierenden Events zu sein. Durch die Wirkung des sedierenden Medikaments, zusätzlich einige Dosen Bier, erlebte er die Party unbelastet – bis zum Nachmittag des nächsten Tages. Und da waren sie wieder. Panikattacken überrollten ihn in Wellen. Die Geräuschkulisse erdrückte ihn fast. All die vielen Gesichter, die Farben und Formen um ihn herum, empfand er als Bedrohung. Sein Herz raste, seine Atmung wurde hektisch. Die Folge: Seine Freunde mussten ihn dort herausschaffen. Stunden später fand er am ausgefransten Rand der Stadt Hilfe bei einer Ärztin mit Erfahrung im Umgang mit 'psychischen Unwuchten'. Nach erster körperlicher Untersuchung kümmerte sie sich um Marcos Seelenleben. Sie machte mit ihm Atemübungen, bis er erkennbar stabil war. Sie empfahl ihm weitere Übungen ähnlicher Art, was Marco eingangs zu trivial erschien. Dann spürte er, wie er allmählich ruhiger wurde, nun auch ohne Sedativum. Er erzählte von seinen Problemen, beschrieb frühere Therapien, worauf die Ärztin erklärte:
„Du siehst die Angst ausschließlich als Feind. Du fliehst vor ihr. Mach es anders. Begegne ihr direkt. Mach sie stärker erkennbar. Das wäre die richtige Art von Konfrontation.“
In den Tagen danach fühlte Marco sich erleichtert. Er intensivierte die ihm zuvor zu simpel erschienenen Maßnahmen, von Meditation und gesprächstherapeutischen Sitzungen ergänzt. Und als er erwähnte, einen ihm früher empfohlenen Urschrei nie herausgebracht zu haben, nickte sie verständnisvoll.
„Ja, in der gewohnten Umgebung funktioniert sowas oft nicht. Das ist normal. Irgendwie ist immer jemand neben einem. Und wenn auch nur in Gedanken. Das hemmt. Die Erwartungshaltung ist einfach zu groß.“
Bald fühlte Marco sich mental gefestigter - stabil genug, um alleine in die menschenleere Prärie am Rande des Badland National Parks zu fahren. Hier, wo er von einem Hügel meilenweit auf ein Meer sich im Wind wiegender Gräser schauen konnte, der entscheidende Impuls. Noch einige spezielle Atemübungen, und er fühlte sich auf einer Welle voller Energie. Dann der befreiende Schrei: archaisch laut und ungehemmt. Tags darauf zurück in Sturgis. Der Ort erschien ihm zunächst wie vorher: unübersichtliche Menschenmengen, laute Motoren und die Straßen eng wie zuvor. Und doch war etwas anders. Er verspürte anfänglich zwar den Anflug eines Angstgefühls, wich diesem aber nicht aus. Marco hielt dagegen, und er ertrug das vorher so stark hemmende Gedränge – ohne Zittern, ohne das Gefühl einer qualvollen Enge.
„Was Sie da vorhaben, kann ich nicht befürworten. Das wäre zu extrem.“
Eine glatte Absage an Marcos Ankündigung, zur Bekämpfung seiner Panikattacken in die Stadt Sturgis, U.S.A., zu reisen. In diesem ansonsten verschlafenen Städtchen in South Dakota findet jedes Jahr Anfang August das weltweit größte Biker-Treffen statt. Geschätzte fünfhunderttausend Motorrad-Enthusiasten strömen dann in dieses Mekka der Biker, wo die Herzen einige Tage lang im Takt schwerer Harley Davidson-Motoren zu schlagen scheinen.
„Konfrontation. Das haben Sie mir doch auch schon empfohlen.“, erwiderte Marco.
„Aber nicht so. Eher Eingrenzung der Angst durch Desensibilisierung. Konfrontation im Rahmen von Entspannungstechniken.“
Marco: „Die bisher keine wesentliche Verbesserung gebracht haben.“
Er rutschte auf dem Stuhl hin und her, seine Füße suchten unruhig eine feste Position. Er spürte erste Schweißperlen auf der Stirn, eine Hitzewallung stieg den Nacken hoch.
„Ich muss das einfach machen. Therapeutisch, und gleichzeitig meinen Traum verwirklichen. Einmal Sturgis. Der absolute Höhepunkt.“ Kann doch nur gut sein. Sie wissen, wie wichtig Motorradfahren für mich ist“.
Das vertraute Gesicht des Psychologen blieb nachdenklich, auch noch als Marco die Reisedetails erklärte. Selbst als er zwei erfahrene Biker-Freunde erwähnte, die ihn begleiten würden, wiegte der Therapeut skeptisch den Kopf und zögerte, ein Medikament zur Unterstützung in kritischen Situationen zu verordnen. Gestenreich, das Gesicht leicht gerötet, schilderte Marco euphorisch die Vorzüge der Reise-Option Business Class: mehr Platz und unbedenklicher Abstand zu Mitreisenden. Der Therapeut hatte immer noch Zweifel; der Patient blieb angespannt, definierte präzise das minimale Risiko. Schließlich glätteten sich Marcos Gesichtszüge. Der Arzt nickte und überreichte ihm lächelnd das Rezept für ein starkes Sedativum.
„Halten Sie sich genau an die Vorgaben. Und keinen Alkohol. Der kann die Wirkung verstärken.“
Und dann saßen Marco und seine beiden Freunde im Flieger nach Denver, Colorado - die zwei hatten Erfahrung im Umgang mit seinen eventuell auftretenden panischen Reaktionen. Sie scherzten und flachsten mit ihm, sobald sie erste Anzeichen einer Belastungsstörung bemerkten. So überstand Marco den Flug nach Denver in Colorado ohne nennenswerte Beeinträchtigungen. Am Stadtrand Denvers machten sie für zwei Tage Halt, um das Medikament optimal wirken zu lassen. Anschließend eine Fahrt, die jedes Biker-Herz höher schlagen lässt, als sie auf wenig befahrenen Nebenstrecken durch einen grenzenlosen Ozean von wogendem Präriegras fuhren. Dieses entspannte Cruisen zauberte ein Dauerlächeln auf Marcos Gesicht. Schließlich das Ziel, direkt im Epi-Zentrum einer Mega-Party. Marco spürte anfänglich ein leichtes Gefühl der Enge, jedoch das befürchtete Zittern und die Schwindelanfälle blieben aus.
Unzählige schwere Motorrädern hatten die kleine Stadt Sturgis zu einem kaum zu überblickenden Durcheinander ausgelassener Biker werden lassen; alles drehte sich um das Thema Motorrad. Der Ort war voller Staub und lauter Musik; ein tiefes Grollen der schweren Maschinen schuf eine Aura ganz besonderer Art - dazu der Geruch von Benzin und heißem Asphalt. Marco durchströmte das ersehnte Glücksgefühl. Er genoss es, Teil dieses ebenso gigantischen wie inspirierenden Events zu sein. Durch die Wirkung des sedierenden Medikaments, zusätzlich einige Dosen Bier, erlebte er die Party unbelastet – bis zum Nachmittag des nächsten Tages. Und da waren sie wieder. Panikattacken überrollten ihn in Wellen. Die Geräuschkulisse erdrückte ihn fast. All die vielen Gesichter, die Farben und Formen um ihn herum, empfand er als Bedrohung. Sein Herz raste, seine Atmung wurde hektisch. Die Folge: Seine Freunde mussten ihn dort herausschaffen. Stunden später fand er am ausgefransten Rand der Stadt Hilfe bei einer Ärztin mit Erfahrung im Umgang mit 'psychischen Unwuchten'. Nach erster körperlicher Untersuchung kümmerte sie sich um Marcos Seelenleben. Sie machte mit ihm Atemübungen, bis er erkennbar stabil war. Sie empfahl ihm weitere Übungen ähnlicher Art, was Marco eingangs zu trivial erschien. Dann spürte er, wie er allmählich ruhiger wurde, nun auch ohne Sedativum. Er erzählte von seinen Problemen, beschrieb frühere Therapien, worauf die Ärztin erklärte:
„Du siehst die Angst ausschließlich als Feind. Du fliehst vor ihr. Mach es anders. Begegne ihr direkt. Mach sie stärker erkennbar. Das wäre die richtige Art von Konfrontation.“
In den Tagen danach fühlte Marco sich erleichtert. Er intensivierte die ihm zuvor zu simpel erschienenen Maßnahmen, von Meditation und gesprächstherapeutischen Sitzungen ergänzt. Und als er erwähnte, einen ihm früher empfohlenen Urschrei nie herausgebracht zu haben, nickte sie verständnisvoll.
„Ja, in der gewohnten Umgebung funktioniert sowas oft nicht. Das ist normal. Irgendwie ist immer jemand neben einem. Und wenn auch nur in Gedanken. Das hemmt. Die Erwartungshaltung ist einfach zu groß.“
Bald fühlte Marco sich mental gefestigter - stabil genug, um alleine in die menschenleere Prärie am Rande des Badland National Parks zu fahren. Hier, wo er von einem Hügel meilenweit auf ein Meer sich im Wind wiegender Gräser schauen konnte, der entscheidende Impuls. Noch einige spezielle Atemübungen, und er fühlte sich auf einer Welle voller Energie. Dann der befreiende Schrei: archaisch laut und ungehemmt. Tags darauf zurück in Sturgis. Der Ort erschien ihm zunächst wie vorher: unübersichtliche Menschenmengen, laute Motoren und die Straßen eng wie zuvor. Und doch war etwas anders. Er verspürte anfänglich zwar den Anflug eines Angstgefühls, wich diesem aber nicht aus. Marco hielt dagegen, und er ertrug das vorher so stark hemmende Gedränge – ohne Zittern, ohne das Gefühl einer qualvollen Enge.