utopia ist anderswo

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T

Trainee

Gast
Lieber Herbert,

ein interessantes Werk, das unverdient im allgemeinen Getümmel untergeht.

utopia ist anderswo

nebel schwaden hängen
nur herum
ohne ziel oder bloß
um sich aufzulösen

zwischendrin rast der eine
oder andere schlitten
zu tal oder über asphalt
weit unter den wolken

himmelwärts reicht
weder schauen noch denken
november kann nicht hölle sein
denn dort wird man gebraten
Es findet an einem beliebigen Novembertag der Gegenwart statt, bleibt aber nicht ohne mythologischen Bezug.
Der Text ist gut rhythmisiert und gliedert sich in vierversige Strophen.
Sprache und Stil sind neuzeitlich, ohne mit Mätzchen zu prunken, wie sie leider vielerorts zu bemerken sind; wenn nämlich Form zum Selbstzweck wird.
Zur Tropik:
Hier fällt die Metapher des Schlittens ins Auge, der einerseits himmlischen, andererseits weltlichen Ursprungs sein kann. Und es gibt ein Unten, die unermüdlich befeuerte Hölle, die hier zu Recht den Gegenpol zum Himmlischen darstellt.
Kommen wir zu den kritischen Aspekten:
Aus meiner Sich teilst du die Speerspitze deines "Gesangs" unnötig.
Hieße es lediglich:

novemberhölle

nebel schwaden hängen
nur herum
ohne ziel oder bloß
um sich aufzulösen

zwischendrin rast der eine
oder andere schlitten
zu tal oder über asphalt
weit unter den wolken

himmelwärts reicht
weder schauen noch denken
wäre es aus meiner Sicht schlüssiger.
Willst du jedoch bei dem schönen Gedanken "Utopia" bleiben, was mir als Thomas Morus-Liebende durchaus verständlich wäre, könntest du so verfahren:

utopia ist anderswo

nebel schwaden hängen
nur herum
ohne ziel oder bloß
um sich aufzulösen

zwischendrin rast der eine
oder andere schlitten
zu tal oder über asphalt
weit unter den wolken

himmelwärts reicht
weder schauen noch denken
[blue][november kann nicht hölle sein
denn dort wird man gebraten]
[/blue]
In diesem Fall nähme ich im Gebläuten direkt Bezug auf sein wunderbares Werk. Da fände sich bestimmt ewas ...

Bei mir überwiegt eine positive Einschätzung des Werks. Gleichwohl hoffe ich, dass sich einige User der Leselupe auf die langjährige Tradition sachbezogener Textarbeit besinnen und die Bereitschaft, gemeinsam an Gedichten zu arbeiten, steigt.
Eine direkte Umsetzung meiner Gedanken zum Text leite ich davon selbstverständlich nicht ab.

Trainee
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Trainee,

danke für die Vorschläge und die Textarbeit.

Ein wesentlicher Vorschlag scheint mir, den Titel nicht ans Ende zu stellen. Das ist durchaus bedenkenswert. Wenn man ihn an den Anfang stellt, geht allerdings der inhaltlicheZusammenhang mit den letzten beiden Zeilen verloren.

Läßt man die letzten beiden Zeilen weg und wählt den Titel Novemberhölle, wird das Gedicht inhaltlich auf den KOpf gestellt. Die entstehende Version ist allerdings auch durchaus stimmig.

Die farbliche Markierung der letzten beiden Zeilen - zur Heraushebung als Kommentar, gewissermaßen - rückt sie trotz der Klammern mehr in den Vordergrund.

Vielleicht sollte man das letzte Quartett in der Mitte in zwei Zweizeiler aufspalten, also so

nebel schwaden hängen
nur herum
ohne ziel oder bloß
um sich aufzulösen

zwischendrin rast der eine
oder andere schlitten
zu tal oder über asphalt
weit unter den wolken

himmelwärts reicht
weder schauen noch denken

november kann nicht hölle sein
denn dort wird man gebraten
Dadurch würde "himmelwärts" mit "hölle" klarer als Gegensatz vorgestellt.

Bliebe noch die Frage zu klären, ob man den "utopischen Titel" diesen Zeilen vor oder nachstellt.

Utopia stammt wohl aus dem Griechischen "ou topos", dem Nirgendort. In meinem Titel ist also der Nirgendort anderswo.

Andererseits ist eine Utopie heute in zwei Richtungen deutbar:
Eine positive Utopie als ein Leitbild und Zukunftsvision, und eine negative Utopie als eine Spinnerei.

Das Gedicht legt sich hier nicht fest. Bewusst. Hierzu passt übrigens auch das "oder" in den beiden Quartetten am Anfang.

Mich würde interessieren, wie die geneigte Leserschaft über diese Themen denkt, das würde mir helfen.

Danke nochmal und herzliche Grüße

Herbert
 

Perry

Mitglied
Hallo Herbert,

für mich kommt der Text erst in der letzten Strophe so richtig in Fahrt, ob Himmel(Utopia) oder Hölle (Distopie) hängt nicht von der Jahreszeit, sondern vom Geschick des Schlittenlenkers ab. Wobei es natürlich nicht leicht ist einen Schlitten himmelwärts zu lenken, außer man hat ein paar fliegende Rentiere zur Hand.:)
Gern mitmanövriert zwischen den Nebelschwaden des Seins.
LG
Manfred
 

Vera-Lena

Mitglied
Lieber Herbert,

mir kommt bei Deinem Text die derzeitige politische Landschaft in den Sinn.

Alles schein nebulös. Der eine und andere Gedanke wird ausgesprochen (rast zu Tal) aber nichts findet einen Ort der Verwirklichung.

"November kann nicht Hölle sein" liest sich für mich, dass dieser quälende Monat der fehlenden Annäherungen nicht das letzte Wort haben wird. Hier keimt Hoffnung.

"Utopia ist anderswo" bedeutet für mich, dass die positiven Entwicklungen zwar in der Welt bestehen, aber am hier aufgezeigten Ort [blue]noch nicht[/blue] angekommen sind.

So gesehen würde ich an dem Text nichts ändern.

Liebe Grüße
Vera-Lena
 

Tula

Mitglied
Hallo Herbert

Mich hat der Abschluss in der Tat etwas verwirrt, eben weil sich 'nicht Hölle sein' und 'Utopia anderswo' logisch zu widersprechen scheinen.
Dann fand ich, überdecken sich zwei Aussagen, der jahreszeitliche Trübsinn und die 'zeitgeistigen Tiefflüge'. Also weder das eine noch das andere animieren Lyri selbst zu irgendwelchen Höheflügen.

Meine ganz ehrliche und sicher persönlich geschmacksbedingte Meinung ist die, das Gedicht nach '... denken' zu beenden. Das lässt Raum genug und himmelwärts behält seine semantische Vielfältigkeit.

LG
Tula
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Herbert,

für mich kommt der Text erst in der letzten Strophe so richtig in Fahrt, ob Himmel(Utopia) oder Hölle (Distopie) hängt nicht von der Jahreszeit, sondern vom Geschick des Schlittenlenkers ab. Wobei es natürlich nicht leicht ist einen Schlitten himmelwärts zu lenken, außer man hat ein paar fliegende Rentiere zur Hand.
Gern mitmanövriert zwischen den Nebelschwaden des Seins.
LG
Manfred
Hallo Manfred,

danke für Deine Gedanken zu diesem Text.
In der Tat ist die letzte Strophe die, die das Gedicht etwas aus dem "poetischen Mainstream" treten lässt. Der Schlittenlenker ist ein schöner Aspekt für die Interpretation. Und da wir jetzt im Dezember sind, sind Rentiere nicht mehr weit. :)

LG

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Herbert,

mir kommt bei Deinem Text die derzeitige politische Landschaft in den Sinn.

Alles schein nebulös. Der eine und andere Gedanke wird ausgesprochen (rast zu Tal) aber nichts findet einen Ort der Verwirklichung.

"November kann nicht Hölle sein" liest sich für mich, dass dieser quälende Monat der fehlenden Annäherungen nicht das letzte Wort haben wird. Hier keimt Hoffnung.

"Utopia ist anderswo" bedeutet für mich, dass die positiven Entwicklungen zwar in der Welt bestehen, aber am hier aufgezeigten Ort [blue]noch nicht[/blue] angekommen sind.

So gesehen würde ich an dem Text nichts ändern.

Liebe Grüße
Vera-Lena
Liebe Vera-Lena,

ich gebe zu, dass ich beim Schreiben nicht an Koalitionsverhandlungen dachte. Aber Utopia oder die Sehnsucht danach sind immer auch politsch zu sehen.

Zu pessimistisch zu sein führt in die "Hölle" der Verzweiflung, und ja, auch im November keimt Hoffnung.

Trotzdem wünscht man sich weg, in eine Utopie, die nicht im Nebel verhangen und verfangen ist, die aber hier noch keinen Ort hat.

Ich werde es beim Text erstmal belassen.
Danke für Deine Interpretation.

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Herbert

Mich hat der Abschluss in der Tat etwas verwirrt, eben weil sich 'nicht Hölle sein' und 'Utopia anderswo' logisch zu widersprechen scheinen.
Dann fand ich, überdecken sich zwei Aussagen, der jahreszeitliche Trübsinn und die 'zeitgeistigen Tiefflüge'. Also weder das eine noch das andere animieren Lyri selbst zu irgendwelchen Höheflügen.

Meine ganz ehrliche und sicher persönlich geschmacksbedingte Meinung ist die, das Gedicht nach '... denken' zu beenden. Das lässt Raum genug und himmelwärts behält seine semantische Vielfältigkeit.

LG
Tula
Hallo Tula,

Beim Abschluss, der Dich etwas verwirrt hat, kann man sich zwischen den Gegensätzen 'nicht Hölle sein' und 'Utopia anderswo' ein 'und dennoch' denken.

Ließe ich alles nach '... denken' weg, würde aus meiner Sicht das "Salz in der Suppe" fehlen.

Danke für Deinen Vorschlag

LG

Herbert
 

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