Hinweis: Alle meine hier im Forum geposteten Texte sind KI-frei entstanden. Sämtliche Kreativität - Idee, Ausarbeitung, Formulierung, Überarbeitung - stammt von mir. Software wurde nur als digitales Schreibwerkzeug sowie zur Rechtschreibprüfung eingesetzt.
Hinweis: Die Serie spielt in den 1960ern in Kanada, weist aber durch Charlottes Zeichengabe eine Mystery-Komponente auf.
Klappentext:
Charlotte freut sich riesig auf den Besuch ihrer Freundin Kylie und deren jüngerer Schwester Pippa. Die drei planen einige Unternehmungen in Vancouver und wollen vor allem eins - Spaß haben! Aber es kommt anders, als eine Anschlagsserie die Stadt überzieht und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Doch die Attacken bleiben für Charlotte und ihre Besucherinnen nicht nur Meldungen in der Presse. Und so sucht auch Charlotte nach einem Muster, um dem Verbrecher, der über Leichen geht, das Handwerk zu legen. Aber wo soll sie ansetzen?
Charlotte ließ sich auf der Liege nieder und rutschte ein wenig hin und her, bis sie eine bequeme Position gefunden hatte. „Ich bin bereit.“
Die Krankenschwester lächelte, desinfizierte die Armbeuge und schob die Kanüle in die Armvene. Nachdem sie deren Sitz sorgfältig geprüft hatte, öffnete sie den Verschluss. Blut floss in eine Glasflasche, die etwas über Bodenhöhe auf einem niedrigen Tisch stand.
„Es wird etwa zehn Minuten dauern“, verkündete die Schwester.
Charlotte nickte nur knapp, denn sie kannte den Ablauf der Blutspende. Sie entspannte sich und schaute zur weißen Decke hinauf. Im Raum mit den sechs Liegen herrschte Stille. Nur wenn jemand auf der Polsterung und dem darübergezogenen Papiertuch herumrutschte, jemand seine Spende beendet hatte und den Raum verließ oder jemand Neues hereinkam, gab es neben den Schrittgeräuschen leises Getuschel zwischen Schwester und Ankömmling.
„Psst!“
Charlotte hob die halb zugefallenen Lider und drehte den Kopf nach links. „Ja?“
Ein dünner Mann unbestimmbaren Alters, der einen struppigen Bart und einen schwarzen, zerknitterten Anzug trug, lag auf der Nachbarliege. Die langen, dunklen Haare klebten an seinem Kopf. Er rutschte an den Rand der Liege, näher in Charlottes Richtung.
„Sie wissen es auch, nicht wahr?“, fragte er leise. Der Kopf blieb ruhig, aber seine Augen sprangen wild im Raum umher. „Aber keine Angst. Wenn Sie es sich nicht anmerken lassen, sind Sie sicher.“
Wovon spricht der Kerl?, fragte sich Charlotte verwundert. Es interessierte sie nicht wirklich, aber sie wollte auch nicht unhöflich sein, und so ging sie auf die unverständliche Äußerung ein.
„Was meinen Sie genau?“
Der Mann versuchte, noch ein Stück näher zu kommen, doch Charlotte hielt ihn auf. „Vorsicht! Sie verlieren Ihre Kanüle und können sich verletzen. Bleiben Sie lieber ruhig liegen.“
Der Mann folgte ihrem Rat. Mit gesenkter Stimme, die ein wenig gehetzt wirkte, wie Charlotte fand, antwortete er: „Die“, er dehnte das Wort ausgiebig, „untersuchen das Blut und wissen dann alles über uns Normale.“
Charlotte verstand und musste ein genervtes Seufzen unterdrücken. Aliens, dachte sie. Klar, was sonst.
Aber sie stellte sich unwissend und konterte mit Fakten. „Das Rote Kreuz untersucht die Spenden nur auf Blutgruppe, Rhesusfaktor und bestimmte Krankheiten, bevor es Verwendung findet. Nur in Ausnahmefällen erfolgen tiefergehende Analysen.“
Der Mann kicherte. „Das wollen die uns glauben machen. Nein, nein, meine Dame, die haben die Möglichkeit, das Blut zu identifizieren und unsere Seele zu durchleuchten. Die wissen alles.“ Wieder kicherte er. „Aber nicht, dass ich weiß, was sie tun.“
Charlotte schaute auf die Uhr. Nur noch ein paar Minuten, dann war sie diesen Verrückten los. Aber es interessierte sie schon, wie weit die kruden Theorien des Mannes gingen. Auch sie senkte ihre Stimme. „Warum spenden Sie dann? Bleiben Sie besser diesem Ort fern.“
„Nein, nein“, antwortete ihr Nachbar. Seine Augen blitzten fiebrig. „Dann würden die auf mich aufmerksam werden. So aber lasse ich sie in dem Glauben, mich mit den Miniaturgeräten, die sie mir in die Blutbahn spritzen, kontrollieren zu können, wenn sie ihren Schlag gegen die Erde führen.“ Wieder folgte das hohe Kichern. „Aber das können sie nicht, denn ich habe die Spione selbst unter Kontrolle.“
Eine Schwester trat zur Liege von Charlottes Nachbarn. „Sie sind fertig. Bitte bleiben Sie noch einen Moment ruhig liegen.“ Dann zog sie die Kanüle heraus, tupfte die Injektionsstelle ab und legte einen Druckverband an. „Folgen Sie mir bitte in den Erholungsraum.“
Der Mann schwang seine Beine von der Liege und warf Charlotte einen verschwörerischen Blick zu. „Reiben Sie ihre Arme mit Distelöl ein. Dreimal jeden Tag für eine Woche, dann sind die Spione inaktiviert.“
„Vielen Dank für den Tip“, erwiderte Charlotte mit todernstem Gesicht.
Mit einem zufriedenen Ausdruck verließ der Mann das Spendezimmer, und Charlotte schloss für die nächsten Minuten wieder die Augen.
***
Chris Sim, der superreiche Besitzer und Chef des führenden Automobilkonzerns des gesamten nordamerikanischen Kontinents, stand am großen Panoramafenster seines Büros im dreizehnten Stockwerk eines riesigen Geschäftsgebäudes und blickte nachdenklich über die Skyline von Vancouver. Die teure Zigarre kokelte im Aschenbecher, der auf dem Mahagonischreibtisch rechts von ihm stand, vor sich hin. Rauchfäden schwebten empor. Sim nahm einen kleinen Schluck des jahrzehntealten Bourbons, den er sich ausnahmsweise einmal gönnte, denn eigentlich war es für ihn eine Wertanlage.
Die Gegensprechanlage knackte. „Sir“, drang die Stimme seiner Sekretärin Mabel aus dem kleinen Lautsprecher, „Mr Collins möchte Sie sprechen. Er sagt, es sei dringend.“
Der Endvierziger mit dem vollen, schwarzen Haar und der leicht zu fülligen Statur stellte das Glas auf dem Tisch ab, ließ sich ächzend in den Ledersessel fallen und drückte den Rufknopf. „Soll reinkommen“, bellte er in den Apparat.
Die mit Schallisolierung verkleidete, schwere Zimmertür öffnete sich, und Sims Assistent trat ein. Er war ein unscheinbarer Mann, der sofort wieder in Vergessenheit geriet, wenn man den Blick von ihm abwendete, was für Collins' Aufgaben nicht selten von Vorteil war. Vor dem Schreibtisch seines Chefs blieb er stehen und zog ein gefaltetes Bündel Papiere aus der Tasche seines Jacketts.
Sim riss ihm die sechs Akten förmlich aus der Hand und überflog rasch die Deckblätter: Ottawa, Edmonton, Halifax, Toronto, Montreal. Als er ‚Vancouver‘ erreichte, huschten seine Augen flink über die mit Maschine dicht beschriebene Auflistung von Namen und Buchstaben-Zahlen-Kombinationen. Chris Sim ballte die Faust, als ihm eine Zeile ins Auge sprang. Geräuschvoll und hastig blätterte er durch die Vancouver-Akte, bis er die Kopie derjenigen detaillierten chemischen Analyse gefunden hatte, welche mit demselben Namen aus der Zeile beschriftet war, die ihn so elektrisiert hatte. Rasch überflog er die Angaben und verglich sie mit dem Übersichtsblatt.
Alles hatte seine Richtigkeit.
Der Plan konnte endlich starten.
Der Geschäftsmann warf die Akte auf den Schreibtisch, wo sie auf einem ungeordneten Haufen anderer Dokumente liegen blieb, dann wuchtete er sich aus dem Sessel hoch. Sich mit der Hand auf der Tischplatte abstützend, ging er langsam zur fensterlosen Seitenwand des Büros und klappte den großformatigen Kunstdruck eines Colville zur Seite, hinter dem ein Tresor zum Vorschein kam. Sim stellte die Zahlenkombination ein und öffnete die schwere, dicke Metalltür mittels des kleinen Drehrades. Geld, Wertpapiere sowie die Pistole ignorierte er, griff stattdessen im untersten Fach nach einem Stapel dünner Akten. Alle, bis auf die dortige Vancouver-Planakte legte er wieder zurück, verschloss den Safe und klappte das Bild zurück.
Nach außen unbeteiligt gab er seine Anweisungen in ruhigem Ton. „Herb, ich benötige sechs Männer, die bereit sind, für Geld alles zu tun. Verständige Peyton. Er und die anderen sollen sich heute Abend, 6 p.m. im alten Lagerhaus versammeln. Dort verteile ich die Arbeiten und die Bezahlung.“
Herb Collins bestätigte und verließ das Büro. Er ließ seine Kontakte zu Vancouvers Unterwelt spielen und leitete alles in die Wege.
Pünktlich zur angeordneten Zeit betrat Chris Sim das Lagerhaus am Hafen, das seine Firma zwar noch besaß, aber seit Jahren nicht mehr nutzte. Ein hoher Drahtzaun umgab das Gelände, und Sim stellte sicher, dass dieser regelmäßig überprüft und instand gesetzt wurde. Das Gebäude sah ein wenig heruntergekommen aus, und der Putz bröckelte, aber Scheiben und Dach waren noch intakt. Der Ort war perfekt geeignet für eine kurze Zusammenkunft, von der niemand Kenntnis erlangen sollte.
Sim zupfte an der grauen Skimaske, die er sich übergezogen hatte. Außer Peyton kannte ihn niemand, und so sollte es auch bleiben. Er war der Boss, er besaß das Geld, das musste für die Handlanger, die er engagieren wollte, genügen. Sein Blick huschte über die sechs, ihm unbekannten Männer, die auf umgedrehten Holzkisten saßen und den Kopf hoben, als er eintrat. Ohne Worte warf Sim sechs Bündel Geldscheine auf eine Werkbank, an der früher Metallarbeiten durchgeführt worden waren. „Das sind jeweils 5.000 Dollar. Ihr bekommt das Gleiche nochmal, wenn ihr eure Aufträge erledigt habt.“
Die Männer griffen blitzschnell nach dem Geld. Gierig ließen sie die Scheine durch die Finger gleiten. Sim wartete ein paar Sekunden, bevor er fortfuhr. „Man hat mir euch empfohlen. Ich benötige Leute, die bereit sind, bis zum äußersten zu gehen. Wer Skrupel hat, soll verschwinden, aber ohne Geld. Also?“
Niemand sprach ein Wort. Peyton kaute mit einem spöttischen Lächeln auf einem Streichholz und ließ sich nicht anmerken, dass er wusste, wer da vor ihnen stand.
Nach einer halben Minute nickte Sim zufrieden. „Gut. Die Aufgaben, die ihr zu erledigen habt, sind recht einfach. Großartiges Equipment braucht ihr nicht. Besorgt euch, was nötig ist. Das geht auf Spesen. Nun aber zum Auftrag an der Capilano.“
Er zog eine Karte von Vancouver aus der Jackentasche und breitete sie auf der Werkbank aus. Seine Finger zeigten auf die Schlucht im Norden der Stadt. „Ein Mann ist ausreichend hier. Der Anschlag soll am Abend erfolgen. Ein paar Opfer genügen. Ob es Todesfälle gibt, spielt keine Rolle.“
Dann erklärte er seinen Plan in allen Einzelheiten. Die sechs Männer nickten hin und wieder. Sie hatten verstanden, und jeder wusste, wann seine Zeit kommen würde. Schließlich verließen sie das Gebäude.
Nur Peyton blieb zurück. Sim zog die Maske vom Kopf und fuhr sich durch die verschwitzten Haare. „Dein Auftrag“, wandte er sich an den Mann und reichte ihm einen großen Umschlag, den der Angesprochene sofort öffnete.
Peyton holte Geld, den Plan des Marktplatzes inklusive angrenzender Gebäude in Mount Pleasant und eine Handvoll Photos hervor, welche er aufmerksam und schweigend studierte.
„Geht klar. Aber das wird teuer.“
„Wieviel?“
„30.000. Das hier“, er wies auf das Geld aus dem Umschlag, „nehme ich als Anzahlung.“
„Spinnst du?“, brauste Sim auf. „Höchstens 20 Mille.“
Peyton stand auf, schob alles wieder in den Umschlag zurück und hielt ihn dem Automogul hin. „Dann such dir einen anderen. 30 Grand sind schon ein Freundschaftspreis, denn ich muss das Terrain sondieren, einen geeigneten Platz ausfindig machen, die Flucht organisieren. Und das alles innerhalb weniger Tage. Wenn's dir nicht passt, ich bin nicht der einzige hier in der Stadt.“
Er wandte sich zum Gehen, doch Sims mühsam beherrschte Stimme hielt ihn zurück. „Einverstanden“, sagte der Milliardär zähneknirschend.
***
Als Charlottes halbstündige Erholungsphase abgeschlossen war, verließ sie das Blutspendezentrum, stieg in ihren Wagen und machte sich auf den Weg zum Internationalen Flughafen. Der Verkehr war erträglich, und so erreichte sie ihr Ziel deutlich vor der Ankunftszeit der Maschine aus Ottawa. Charlotte nutzte die Zeit und schlenderte durch die äußere Ladenpassage, schaute sich die Auslagen an und nahm einen Kaffee in einem Bistro zu sich.
Schließlich ging sie zur Ankunftshalle. Die Buchstabenplättchen rotierten wie wild und zeigten die Flüge an. Menschen hasteten an ihr vorbei, Rufe ertönten aus allen Richtungen. Es herrschte Hektik. Eine Viertelstunde später verriet die Anzeigetafel, dass die Maschine, auf die sie wartete, gelandet war. Charlottes Blick huschte über die Menschenmassen, die durch die diversen Türen aus dem Transitbereich quollen.
Plötzlich hörte sie eine laute Stimme rufen: „Char! Hier sind wir!“
Charlotte blickte in die Richtung, aus welcher der Ruf kam, und ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht. Auch sie winkte, als sie Kylie und Pippa ausgemacht hatte. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis sich die beiden an den anderen Passagieren vorbeigedrängt hatten, dann aber umarmte Charlotte ihre beste Freundin aus Teenagertagen.
„Ich freue mich riesig, dass du hier bist“, sagte sie und drückte Kylie erneut an sich.
„Und was ist mit mir? Soll ich wieder umkehren?“, fragte das Mädchen neben Kylie. Ihre Stimme klang vorwurfsvoll, aber das breite Grinsen verriet, dass sie es nicht ernst meinte.
Charlotte lachte ebenfalls und umarmte Pippa auf die gleiche herzliche Art. „Natürlich nicht, Fast-Patenkind.“ Sie gab der Vierzehnjährigen einen Kuss auf die Wange, dann gingen die drei los in Richtung Ausgang.
„Hast du wieder was Tolles erlebt, Charlotte?“, fragte Pippa und blickte mit leuchtenden Augen zur Privatdetektivin. „Seit der Flugzeugentführung bist du ja in der Presse nicht mehr aufgetaucht. Und am Telefon hast du nie was gesagt.“
Sie hakte sich mit rechts bei Charlotte unter, während die linke Hand den Rollkoffer zog. Charlotte blickte zu Kylie, die etwas gequält das Lächeln erwiderte. „So geht das schon den ganzen Flug. Sie nervt mich fürchterlich mit ihren Fragen: Kylie, meinst du, Charlotte hat nochmal Entführer geschnappt? Meinst du, Charlotte ist vielleicht jetzt gerade auf der Fährte von Goldschmugglern? Meinst du ... Meine kleine Schwester ist sowas von anstrengend.“
Pippa blieb stehen und schnaubte entrüstet. „Das ‚klein‘ verbitte ich mir. Ich bin fast erwachsen und außerdem nur zwei Inch kleiner als du.“ Mit einem wütenden Funkeln in den Augen strich sie sich die knapp schulterlangen, roten Haare zurück. Aber als sie sich wieder an Charlotte wandte, verrauchte ihr Ärger im Nu. „Du, Charlotte, kann ich bei dir in Ausbildung gehen? Ich meine, Firmen bilden doch Lehrlinge aus. Und ich will auch eine berühmte Privatdetektivin werden.“
Bevor Charlotte antworten konnte, warf Kylie ein: „Das ist ihr neuester Spleen. Sie meint das todernst.“
Charlotte lachte laut auf und drückte die quirlige Pippa kurz an sich. „Darüber reden wir, wenn du die Secondary School hinter dich gebracht hast.“
„Warum nicht früher?“, fragte Pippa enttäuscht. „Das dauert ja noch mehr als drei Jahre! Na, ein Glück, dass ich die doofen Collègejahre nicht machen muss.“ Doch dann hellte sich ihr Gesicht schlagartig wieder auf. „Aber solange ich hier bin, darf ich mitmachen, ja? Du nimmst mich doch mit zu den wichtigen Aufträgen?“
„Pippa!“, schritt Kylie ein. „Du bist noch ein Kind, keine Detektivin. Erinnere dich an das, was Maman und Papa gesagt haben.“
Pippa winkte verächtlich ab. „Wenn es nach denen ginge, dürfte ich mir nur Kunstmuseen hier anschauen. Das ist doch total öde.“ Sie stoppte wieder, ließ Charlottes Arm aber nicht los, und kramte mit einer Hand in der Innentasche ihrer Sommerjacke, aus der sie einen zusammengefalteten Zettel hervorzog. Sie schüttelte das Blatt auf und hielt es Charlotte stolz hin. „Das will ich alles mit dir unternehmen. Die doofen Punkte mit dem roten Strich sind diejenigen, die ich machen muss, sonst hätte Maman mir nicht erlaubt, Kylie zu begleiten. Sie meint, Kultur tue mir gut. Pff!“
Laut las Charlotte vor: „Stanley Park, Marine Building, Gastown.“ Sie überflog die nächsten Punkte und fasste zusammen: „Und diverse Museen.“
Pippa stöhnte theatralisch. „Ätzend, nicht? Das Polizeimuseum ist das einzige, das vielleicht noch interessant sein könnte. Und, Charlotte, stell dir vor: Maman wird anrufen und sich bei meiner Schwester erkundigen, ob ich das auch alles gemacht habe. Sie traut mir kein bisschen. Kannst du dir das vorstellen? Wenn ich volljährig bin, dann haue ich auch sofort ab, so wie du!“
Charlotte beugte sich zu ihrer besten Freundin. „Mir scheint, ich habe einen schlechten Einfluss auf die gute Pippa.“
Kylie lächelte. „Nein, ist schon okay so. Sie hat sich nunmal dich als großes Vorbild ausgesucht.“
„Charlotte“, unterbrach Pippa, „die anderen Dinge, die jetzt kommen, die werden aber klasse. Hast du das alles schon gemacht?“ Sie deutete auf die beiden Punkte zum Thema ‚Hängebrücken‘.
„Capilano Bridge, ja, die habe ich überquert. Ist aber ein sehr mulmiges Gefühl, wenn die Brücke schwankt und du in die Tiefe schaust. Also, empfehlen würde ich das nicht.“
Doch Pippa strahlte vor Begeisterung. „Das müssen wir machen. Unbedingt!“
„Sicher.“ Charlotte ging die Liste noch weiter durch, um grob abzuschätzen, ob sie überhaupt noch zu irgendetwas anderem in den drei Wochen kommen würde, die Kylie und Pippa ihre Gäste sein würden. Aber auch sie freute sich auf die gemeinsame Zeit. Die Freundschaft zu Kylie hatte sich wieder vertieft, und auch wenn sie sich nur drei, vier Mal im Jahr sahen, es fühlte sich einfach gut an, dieses Stück der Jugend auf eine gewisse Weise zurückerlangt zu haben. Außerdem mochte sie Pippa sehr, die jedoch alles im jugendlichen Überschwang sah und meist das einfach ignorierte, was ihr nicht in den Kram passte. Aber wozu, wenn nicht zum unbeschwerten Genießen, waren die Teenagerjahre denn da?
„Aber, Pippa, hier steht ‚Eis essen‘ auf deiner Liste. Das passt so gar nicht zu den anderen Dingen. Aufregung kann ich darin nicht erkennen.“
„Mag sein. Aber in meiner Klasse hat das noch nie jemand hier gemacht. Ich habe extra rumgefragt. Tanya ist die einzige, die schon mal in Vancouver war. Und das im Winter. Auf den beiden Hängebrücken war sie schon, aber beim Eisessen bin ich dann die Erste! Toll, nicht?!“
Charlotte fand die Logik etwas wirr, aber wenn Pippa unbedingt irgendetwas als Erste in ihrer Klasse erlebt haben wollte, sollte es ihr recht sein.
Die drei Frauen hatten den Ausgang des Flughafens erreicht und gingen zum Parkhaus, wo Charlotte das Gepäck im Kofferraum ihres Autos verstaute. Dann fuhren sie los.
„Ihr bekommt mein Gästezimmer. Ich habe eine Liege hineingeräumt“, erklärte Charlotte, während sie die Geschwindigkeit auf dem Highway 99 erhöhte.
Pippa saß im Fond, hatte sich aber nach vorn gebeugt und blickte zwischen Fahrer- und Beifahrersitz hindurch. „Kann ich nicht bei dir schlafen, Charlotte?“
Charlotte warf einen fragenden Blick zu Kylie, die ergeben mit den Schultern zuckte.
„Klar kannst du das. Ich räume die Liege in mein Zimmer“, stimmte sie dann zu.
„Super!“, freute sich Pippa.
Die Fahrt zur Main Street dauerte gut eine Stunde, dann hatten sie Charlottes Apartment erreicht. Nachdem die beiden Gäste sich eingerichtet hatten, gingen alle ins Kino.
***
„Boah!“, rief Pippa begeistert. Ihr Gesicht strahlte. Voller Staunen blickte sie auf die über vierhundert Fuß lange Hängebrücke, welche die tiefe Schlucht überspannte.
Es war kurz nach halb sechs Uhr am Abend des folgenden Tages, und der große Touristenansturm an dieser Sehenswürdigkeit schon vorüber. Nur noch fünf Besucher überquerten das Seilkonstrukt, das leicht hin und her schaukelte.
Pippa drehte sich zu Charlotte um und griff sie am Arm. „Komm! Wir gehen zuerst gemeinsam. Und dann jeder einzeln. Ich will davon Photos haben! Tanya wird Augen machen! Und die anderen erst!“
Sie zog Charlotte weiter, bis die beiden den eigentlichen Beginn der Brücke erreichten.
„Pippa, du verhältst dich aber gesittet“, bat Charlotte mit ernster Miene. „Kein Schwingen, kein Springen auf den Bohlen. Du kannst beide Geländerseile ja gut erreichen. Und dort bleiben die Hände auch immer. Und außerdem, und das ist ganz wichtig: Du beugst dich nicht - ich wiederhole, nicht! - über die Seile. Das ist viel zu gefährlich.“
„Jaja“, meinte Pippa wenig beeindruckt und wollte schon den Fuß auf die erste Bohle setzen, als Charlotte sie zurückhielt.
„Ich meine es ernst. Wenn du dich hier falsch verhältst, war es das letzte, das wir in dieser Richtung zusammen unternommen haben. Dann gehen wir nur noch in langweilige Museen.“ Ihre Stimme klang eindringlich und ließ keinen Widerspruch zu. „Du siehst die Tafel mit den Verhaltensregeln?“
Auch Pippa wurde für einen Moment ernst. Sie nickte und versprach: „Du kannst dich auf mich verlassen. Ich tue, was du sagst.“
„Gut“, war Charlotte zufrieden. „Und wir finden bestimmt jemanden, der uns in der Mitte der Brücke photographiert. Alleine lasse ich dich da nämlich nicht drauf, das musste ich Kylie versprechen.“
Pippa machte ein enttäuschtes Gesicht. „Och, es wäre so toll, wenn ich ganz alleine, ohne dass sich sonst noch irgendjemand auf den Bohlen befindet ...“
Doch als sie Charlottes entschiedene, ablehnende Miene sah, brach sie ab. „Okay, wenn's nicht geht, geht's nicht. Aber dann lass uns jetzt rüber, ja? Es ist nur noch einer vor uns, und der hat das Ende gleich erreicht. Photos machen wir beim zweiten Durchgang.“
Die beiden zogen die gepolsterten Fahrradhandschuhe an, um einen besseren Griff auf den Stahlseilen zu haben. Dann betrat Pippa die erste Bohle, legte die Hände an die Seile, die etwas über Hüfthöhe das Geländer bildeten, und ging langsam weiter. Vorsichtig setzte sie einen Fuß nach dem anderen auf die breiten Holzbohlen auf. Durch kleine Spalten dazwischen konnte sie das Wasser des Capilano River in rund zweihundert Fuß Tiefe erkennen. Als die Brücke das erste Mal leicht schwankte, quiekte Pippa schrill auf. Sie drehte den Kopf nach hinten und rief begeistert: „Klasse!“
„Nicht reden und gleichzeitig gehen!“, ordnete Charlotte sofort an. „Nur eins von beiden.“
Pippa lachte. „Geht klar, Maman!“
Der Besucher vor Pippa verließ in diesem Moment die Brücke. Niemand wartete am dortigen Ende, um den Rückweg anzutreten. Pippa stoppte und blickte zurück. Charlotte und dahinter drei weitere Personen folgten ihr in größerem Abstand. Pippa fühlte sich wie die Speerspitze einer wilden Expedition in Neuland. Sie gab freudige Schreie von sich, als die Brücke besonders stark auslenkte. Ihre Finger krallten sich um die Seile, und sie verharrte für einen Moment. Der Wind pfiff um ihre Nase und wehte ihr die Haare ins Gesicht. Instinktiv wollte sie die Strähnen zur Seite wischen, doch sie erinnerte sich noch rechtzeitig an Charlottes Anordnung, nie die Seile loszulassen, und so pustete sie mit vorgestülpter Unterlippe aufwärts und schüttelte leicht den Kopf, bis sie wieder ungehinderte Sicht hatte.
Unter sich glaubte sie, das Rauschen des Flusses zu hören, aber das war wohl Einbildung, denn so schnell floss er nun auch wieder nicht. Pippa hielt sich in der Mitte der Bohlen, die Arme ausgestreckt, und fühlte sich pudelwohl. Angst hatte sie keine. Aber ihre Schritte wurden etwas kleiner, kaum, dass sie eine Bohle überstieg. Nach ungefähr der Hälfte des Weges befand sie sich am Tiefpunkt der Hängebrücke, und sie konnte die Steigung vor sich gut erkennen. Wieder warf sie einen Blick über die Schulter zurück. Auch dort ging es nach oben.
Charlotte kam etwa fünfzehn Fuß hinter ihr. Sie lächelte, aber Pippa meinte zu erkennen, dass Charlottes Haltung nicht wenig angespannt war. „Hast du Angst?“, rief sie und lachte auf, als das nächste Schwingen einsetzte.
„Natürlich“, antwortete Charlotte laut. „Alles andere wäre töricht. Aber es macht schon Spaß.“
Pippa konnte sich nicht sattsehen und blickte weiter über das linke Seil in die Tiefe. „Das ist wie Fallschirmspringen. Das kannst du mir bestimmt auch beibringen, oder?“
„Nee, Pippa, das habe ich nie gemacht. Irgendwo hat jeder seine Grenzen. - Aber, geh mal weiter. Die Leute hinter uns kommen näher.“ Sie blickte an Pippa vorbei, die gerade den Kopf nach vorn drehte. Langsam gingen beide weiter. Charlotte hielt gleichbleibenden Abstand zu dem Mädchen. In ihrem Rücken hörte sie Gesprächsfetzen auf Französisch, achtete aber nicht auf den Inhalt.
Am Ende der Brücke tauchte eine Gestalt aus den Büschen auf und blieb vor der ersten Bohle stehen. Der schlammgelbe Parka, oder was es war, hob sich nur wenig von den Pflanzen der Umgebung ab.
Hoffentlich wartet der, dachte Charlotte. Ein Vorbeiquetschen auf der Brücke in dieser Höhe ist nicht ungefährlich.
Die Gestalt mit der Kapuze machte aber glücklicherweise keine Anstalten, die Brücke zu betreten, und so wandte Charlotte wieder den Blick ab, um die herrliche Aussicht zu genießen. Weit erstreckte sich der Wald in alle Richtungen. Vögel flogen über ihrem Kopf und piepten und kreischten. Vielleicht, so dachte Charlotte, amüsierten sie sich über die ungelenken Menschen, die langsam und bedächtig eine so wackelige Konstruktion benutzen mussten, um über eine Schlucht gelangen zu können, welche die Vögel majestätisch übersegelten.
Zufällig fiel ihr Blick auf das Brückenende. Sie stutzte.
Was machte der Kerl denn da?
***
Kylie Scots lief durch die lärmende Halle von Vancouver Central Station. Menschenmassen schoben und drängten in alle Richtungen, und Kylie wurde mehr als einmal unsanft angerempelt. Das Dröhnen der ein- und abfahrenden Züge und dazu die schlechte Luft - verbraucht und voll von Essensdüften, die sich zu einem unangenehmen Ganzen vermischten -, all das zahlte auf Kylies ohnehin schlechte Laune ein. Der Verwandtschaftsbesuch, den ihre Eltern ihr aufgebürdet hatten und zu dem sie nun unterwegs war, erfüllte sie nicht gerade mit Freude. Den entfernten Cousin hatte sie das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen. Kylie bezweifelte, dass sie sich viel zu erzählen hatten.
Die pochenden Kopfschmerzen, die sie schon seit dem frühen Morgen plagten, nahmen zu, sodass Kylie sich über die Schläfen rieb. Dann hielt sie sich beide Ohren zu, als gleich mehrere Züge auf einmal im Bahnhof ankamen.
Wieder rempelte sie jemand an, doch nun wurde es Kylie zu bunt. Ihre Hände schossen vor, und sie schob den Mann unsanft von sich. „Grand con!“ Aber ihre Verwünschung wurde nicht beachtet, und der Mann hastete, so gut es ging, weiter.
Endlich hatte sie ihr Gleis erreicht. Kylie fluchte unterdrückt, als sie den überfüllten Bahnsteig sah. Jeder schien an diesem Nachmittag die Stadt verlassen zu wollen. Nur in der Längsmitte der Plattform, um die Sitzbänke herum, war noch ein Durchkommen möglich. Kylie kämpfte sich vor, blieb unter der Anzeigetafel stehen und schaute auf die Uhr. Wenigstens würde ihr Zug bald einlaufen. Eine Durchsage krächzte aus den Lautsprechern, aber als Kylie gewahrte, dass es sich um einen späteren Zug als den ihren handelte, hörte sie nicht weiter hin.
Endlich rollte die Diesellok heran. Kylie vermeinte, ein schwaches Vibrieren des Bahnsteigbodens zu spüren. Der Frontscheinwerfer der Lok wurde größer, das Rattern der Räder lauter. Die Gespräche um sie herum erstarben. In ihrem Rücken verspürte Kylie ein Schieben und Stoßen, aber sie gab nicht nach. Noch einmal plärrte eine Ansage durch die Lautsprecher, die aber im Lärm des Zuges unterging.
Kylie drehte den Kopf und blickte, wie fast alle anderen Menschen auch, auf die einfahrende schwarze Lokomotive, die nur noch etwa einhundert Fuß entfernt war und bereits parallel zum Bahnsteig fuhr.
Plötzlich entstand in Kylies Blickrichtung Tumult. Eine Traube Menschen bewegte sich irgendwie sinnlos umher. Kylie hatte den Eindruck, dass dort viele Personen auf einmal stolperten. Leute prallten auf Vorderleute, die sich wütend umdrehten und zurückschoben. Man schien durcheinanderzureden, was jedoch nicht zu verstehen war. Doch die grimmigen Gesichter legten nahe, dass es sich eher um Flüche denn um Nettigkeiten handelte.
Kylie wusste nicht warum, aber ihr fiel eine Gestalt in vielleicht vierzig Fuß Entfernung auf, die sich die Kapuze tief in die Stirn gezogen hatte. Plötzlich riss diese die Hände hoch und gab der Frau vor ihr, die in zweiter Reihe am Bahnsteigrand stand, einen kräftigen Stoß in den Rücken. Und dann der Frau daneben! Und dem Mann links davon auch! In rasender Folge schubste die Kapuzengestalt insgesamt sechs Personen kraftvoll nach vorn. Die Leute stolperten, hielten sich an anderen Fahrgästen fest - und dann stürzten die ersten Menschen mit lautem Geschrei auf das Gleisbett.
Die Lok war nur noch sechzig Fuß entfernt, fuhr aber nur in Schritttempo.
Kylie stand stocksteif da. Entgeistert beobachtete sie das Geschehen. Dann schrien die ersten Menschen nach Hilfe. Wild gestikulierten einige in Richtung der Lok. Eine Frau, die zwischen die Gleise gestoßen worden war, klammerte sich an die Kante des Bahnsteigs. Zwei Männer griffen nach ihren Händen und versuchten, sie hochzuziehen. Der Zugführer schien ebenfalls bemerkt zu haben, was geschah. Bremsen quietschten, aber trotz der langsamen Fahrt war das Unglück nicht mehr aufzuhalten.
Kylie wandte sich ab. Absolut unmenschliche Schreie im Todeskampf übertönten sogar den Lärm des Zuges, der schließlich zum Stillstand kam.
Die Türen der Waggons öffneten sich, und die ankommenden Fahrgäste drängten auf den Bahnsteig hinaus. Fröhliche Stimmen erklangen, Kinder lachten und plapperten, Gepäck wurde die steilen Trittstufen hinuntergereicht. Wer im Zug gesessen hatte, schien noch nicht bemerkt zu haben, welche Tragödie gerade geschehen war. Viele der Wartenden aber hatten sich ebenfalls abgewandt und liefen hastig zum kopfseitigen Ende des Bahnsteigs. Sie wollten weg von diesem Ort des Schreckens.
Die Tür zur Lokomotive öffnete sich, und der Zugführer, dessen Gesicht bleich wie Porzellan war, sprang heraus. Er zwängte sich an den Menschen vorbei und rannte davon.
Sieben Minuten später traf die Bahnpolizei ein. Der Bahnsteig wurde abgeriegelt, aber es war zu spät. Kylie konnte die Kapuzengestalt nirgends mehr sehen. Die sechs Beamten begannen mit den Befragungen und der Aufnahme der Personalien. Um die fünf Menschen, die auf das Gleisbett gestürzt waren, würden sich die Sanitäter kümmern, die jede Minute erwartet wurden. Doch für die meisten kam jede Hilfe zu spät. Nur eine Frau hatte rechtzeitig heraufgezogen werden können.
***
Die Gestalt am Ende der Hängebrücke sank in die Hocke und machte sich irgendwie an den Stahlseilen zu schaffen. Charlotte kniff die Augen zusammen, um das Geschehen in reichlich einhundertundfünfzig Fuß Entfernung besser erkennen zu können. Plötzlich blitzte etwas auf.
Ein Fernglas?, fragte sich Charlotte, verneinte aber sofort. Dann würde sich der Kerl ja etwas vor die Augen halten. Aber ...
Als sie realisierte, was dort drüben im Begriff war abzulaufen, durchfuhr sie eisiger Schreck. Aber die Armbewegungen, welche die Gestalt vollführte, waren eindeutig.
Ein Bolzenschneider! Crap! Der Typ kappt eins der Tragkabel!
Fieberhaft ging Charlotte die Optionen durch, die ihr einfielen. Nach vorn rennen, sich an Pippa vorbeiquetschen, um hoffentlich rechtzeitig zu kommen, um das Durchtrennen von wenigstens ein paar der vier Drahtseile zu verhindern? Aber sobald die Gestalt beide Geländerseile zerschnitten hatte, war das Wort ‚gefährlich‘ schon nicht mehr ausreichend, um zu beschreiben, wie sich die Situation auf der Brücke darstellen würde. Ob sie es rechtzeitig schaffen würde? Und was würde mit Pippa geschehen, wenn diese dann alleine auf der Brücke war? Nein, sie musste es anders angehen. Rückzug war das einzige, das Erfolg versprach.
Hoffentlich.
„Pippa!“, schrie sie. „Sofort zurück! So schnell du kannst!“
Das Mädchen blieb stehen und drehte den Kopf. Überraschung lag auf ihrem Gesicht. Sie schien noch nicht bemerkt zu haben, was am Ende der Brücke passierte. „Was ...“
„Keine Zeit für Erklärungen! Komm zurück! Bitte!“ Sie ließ die Hand am linken Geländerseil los und winkte befehlend.
Diese Geste, die gegen alle Vorsichtsregeln verstieß, schien Pippa zu überzeugen. Sie löste die rechte Hand vom Seil, legte sie neben die linke auf das andere Geländerseil und rotierte den Körper langsam auf der Stelle. Starr blickte sie Charlotte an, die auf sie wartete. Pippas Schritte wurden größer, obwohl die Brücke darauf stark reagierte. Schließlich hatte sie die ältere Freundin erreicht.
„Was ist?“, fragte Pippa erneut. Sie schien zu spüren, dass etwas Ernstes geschehen war, auch wenn sie offenbar immer noch keine Ahnung hatte, was.
„Geh an mir vorbei und so schnell wie möglich zurück! Halte dich mit beiden Händen am linken Seil fest! Links in Laufrichtung! Nur dort!“
„Aber du hast doch ...“, begehrte Pippa auf.
„Jetzt nicht! Tue, was ich sage!“
Pippa marschierte los und quetschte sich an Charlotte vorbei, die sich beim Transit mit beiden Händen an dem Seil festhielt, an welchem die Gestalt arbeitete. Charlotte folgte dem Mädchen dichtauf und schrie laut nach vorn zu den anderen Besuchern: „Drehen Sie um! Die Brücke ist gesperrt!“
„Aber ...“, kam es von einem Mann zurück.
Doch Charlotte schnitt ihm das Wort ab. „Ich bin von der Stadtverwaltung“, log sie. „Bitte, befolgen Sie meine Anordnung.“
Ein enttäuschtes Murren antwortete. Charlotte atmete erleichtert auf, als sie sah, wie sich die drei Personen langsam, genau wie Pippa es vorgemacht hatte, auf der Stelle umdrehten und im Schneckentempo losliefen. Pippa holte schnell auf. Alle Besucher der Brücke befanden sich nun in der ansteigenden Hälfte.
Charlotte warf immer wieder einen Blick über die Schulter zurück und versuchte einzuschätzen, wann das Seil in seiner Spannung nachgeben würde.
Und dann geschah es. Das erste, das rechte Geländerseil war zerschnitten. Das Heulen des Windes um die Brücke, das entfernt an ein Lachen erinnerte, änderte sofort seine Tonlage. Nun glich es nichts mehr, das Charlotte kannte. Aus dem Himmel erschollen Krähenrufe, die so bedrohlich klangen, wie die Lage auf der Hängebrücke sich darstellte.
Charlotte sah das Geländer auf ganzer Länge in sich zusammensacken. Sein Ende fiel neben der Gestalt zu Boden. Die drei Menschen vor Pippa kreischten und blieben stehen.
Auch Pippa schrie panisch auf, als sie es bemerkte. „Charlotte! Was ...“
„Geh weiter, Pippa! Es wird alles gut. Vertraue mir! Schneller, wenn du kannst.“ Sie hob die Stimme. „Sie da vorn, gehen Sie weiter, verdammt noch mal!“ Doch die Leute reagierten im ersten Moment nicht.
„Charlotte!“, rief das Mädchen mit piepsiger, vor Angst zitternder Stimme.
„Ganz ruhig, Pippa! Ich bin bei dir. Tue einfach, was ich sage, ja? Lasse das Seil in keinem Falle los. Schiebe die Hände darüber, und kralle dich immer ganz fest!“
Pippa nickte, hielt den Blick aber fest auf Charlotte gerichtet. Mit angstvoll aufgerissenen Augen starrte sie ihr Vorbild an.
„Blicke auf deine Füße!“, befahl Charlotte. „Immer zwei Bohlen auf einmal. Das schaffst du, nicht wahr?“
Wieder nickte Pippa, und nach kurzem Zögern wandte sie den Blick ab und tat wie ihr geheißen.
Charlotte fixierte wieder den Attentäter, der sich an dem Seil zu schaffen machte, an welchem Pippa sich festhielt. Sie sah, wie die Hebelbewegungen kleiner wurden und rief: „Auf die Knie! Alle! Sofort! Haltet euch weiter am Seil fest!“
Pippa gehorchte sofort. Die Aufmüpfigkeit, die sie sonst an den Tag legte, war vollständig verschwunden. Aber ob die anderen drei taten, was geboten war, darum konnte sich Charlotte nicht kümmern.
Das linke Geländerseil wurde schlaff und fiel ebenfalls auf die Bohlen, hing teilweise darüber, nur von den senkrechten Stützseilen, die Geländer- mit Bodenseil verbanden, gehalten.
Hoffentlich schwankt die Brücke jetzt nicht stark, flehte Charlotte.
Pippa schrie. Dann begann sie zu weinen.
„Krieche weiter, Pippa! Es sind nur noch ein paar Fuß!“
Die Untertreibung des Jahrhunderts, dachte Charlotte sarkastisch. Noch mindestens einhundert.
Aber sie wusste auch, dass sie es nicht schaffen würden. Wenn das nächste Seil zerschnitten war, würde die Hängebrücke zur Seite kippen. Der Saboteur würde weiteren Schaden anrichten, und schließlich würde die Brücke wie ein Pendel auf die andere Seite schwingen und gegen den Berg knallen.
Was tun? Abwarten? Weiterkriechen?
Charlotte musste sich in erster Linie um Pippa kümmern, denn das war wichtiger als alles andere. Dem Mädchen durfte einfach nichts geschehen. So erhöhte Charlotte das Tempo und robbte auf den Knien voran. Im Gegensatz zu dem, was sie Pippa befohlen hatte, löste sie immer eine Hand vom Seil, um sie weit vor sich wieder anzulegen. Sie wusste genau, wieviel sie sich zumuten konnte und würde ein paar Sekunden einhändig hängend überstehen, sollte irgendetwas schiefgehen. Sie zog sich kraftvoll auf dem schaukelnden Bohlensteg voran und hatte bald das Mädchen erreicht. Leises Weinen drang an Charlottes Ohr.
Sie legte eine Hand an Pippas Fußknöchel, um dem Mädchen zu zeigen, dass es nicht alleine war. „Leg dich flach auf die Bohlen. Ganz links. Und lasse das Seil nicht los.“
„Warum?“, schniefte die Vierzehnjährige. Nicht nur ihre Stimme zitterte, sondern ihr ganzer Körper schüttelte sich vor Angst.
„Erschrick nicht, aber du wirst gleich einen Zug nach rechts spüren, so als kippte dich jemand aus einer Schubkarre“, erklärte Charlotte in ruhigem Ton und bemühte sich, das Ganze weit weniger dramatisch darzustellen, als es war. „Die Brücke wird zur Seite kippen und ...“
„Nein!“, bibberte Pippa. „Wir werden sterben!“
„Ganz ruhig“, versuchte Charlotte zu besänftigen. „Wir werden nicht sterben. Ich kenne diese Situation.“ Das war gelogen. „Ich habe einen Plan. Du vertraust mir doch, oder?“
Pippa zog die Nase hoch. „Ja, total. Was soll ich tun?“
„Ich werde deine Knöchel um ein Seil legen, und du drückst dann ganz fest zu, ja?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern nahm eine Hand vom Seil, um Pippas linken Knöchel zu greifen. Langsam zog sie das verkrampfte Bein des Mädchens zu sich, bog es ein wenig nach außen, bis der Fuß um eins der ehemals senkrechten Verbindungsseile des Geländers hing. Dann schob sie das andere Bein von innen dagegen. „Verschränke nun die Knöchel!“
Pippa befolgte den Befehl.
„Schließe nun die Augen! Und erschrick nicht, wenn du glaubst, zur Seite zu fallen. Das passiert nicht. Aber du darfst unter gar keinen Umständen das Seil loslassen! Die Handschuhe helfen dir.“
„Okay“, kam es leise zurück.
Charlotte brachte sich in die gleiche Position und rief nach vorn: „Vorsicht! Die Brücke wird gleich reißen! Am anderen Ende ist ein Saboteur am Werk!“ Das Wort ‚Anschlag‘ vermied sie. Es hätte noch mehr Panik hervorgerufen, als die Menschen hier ohnehin schon verspürten.
Eine Minute später trat ein, was sie erwartet hatte. Die Brücke kippte nach rechts, die Bohlen schienen nach unten zu fallen. Die ganze Konstruktion hing nun nur noch an einem einzigen Drahtseil, dessen Tragkraft zwar darauf ausgerichtet war und ausreichte, aber die Bohlen waren nicht mehr zu nutzen.
Doch diese Situation würde, wie Charlotte vermutete, nicht lange andauern.
Vor ihr ertönte ein gellender Schrei, und wenige Sekunden später platschte etwas Schweres ins Wasser.
„Edward!“, schrillte eine Frauenstimme in Panik.
Auch Pippa schrie, als die Brücke kippte. Charlottes Hand schoss vor und griff den Knöchel des Mädchens. Es war wieder mehr eine Geste des Ich-bin-bei-dir, als dass es einen Sturz Pippas effektiv verhindert hätte, wenn diese das Seil losließ. Aber Pippa brauchte diesen Zuspruch.
Charlotte sah, wie sich die Gestalt im Kapuzenparka am letzten Halteseil zu schaffen machte.
Vielleicht schafften sie noch ein wenig Strecke.
Es war Irrsinn, ultragefährlich. Aber ein Yard konnte vielleicht den Unterschied beim Aufprall auf den Berg ausmachen. Charlottes Gedanke war einfach. Je näher Pippa dem befestigten Ende der Brücke, dem Ankerpunkt des Pendels, war, desto geringer würde die Kraft ausfallen, die auf sie einwirkte, wenn die bald frei schwingende Brücke auf den Berg zuraste und dagegenknallte.
„Pippa, ich schiebe deine Beine nach vorn, bis sie am nächsten Querseil sind. Dort musst du sie dann wieder verschränken. Das bekommst du hin, da bin ich sicher.“
Sie übte etwas Druck aus und bedeutete der Schwester ihrer besten Freundin, die Knöchelverschränkung zu lösen.
„Soll ich wirklich?“
„Ja, ich halte dich.“
Pippas Vertrauen in ihr Idol schien grenzenlos zu sein, denn sie entspannte ihre Muskeln, und Charlotte schob erst das eine Bein, dann das andere ein wenig am Seil nach vorn. Es war erstaunlich, wie lange das Mädchen bereits in dieser Haltung ausharrte. Zwei Minuten waren es bestimmt schon. Offensichtlich verlieh ihr die Angst ungeahnte Kräfte. „Nun wieder zudrücken. - Jetzt dauert es ein wenig, ich muss nachkriechen. Aber es geht gleich weiter.“
Charlotte zog sich am nächsten Querseil nach vorn und verschränkte ebenfalls sofort wieder die Füße um das gerade verlassene Seil. Wieder griff sie nach Pippas Knöchel.
„Traust du dir zu, mit einer Hand am Seil entlang nach vorn zu gleiten, bis du das andere Verbindungsseil erreicht hast? Du weißt schon, die senkrechten Seile, die das Geländer ausmachen. Nicht loslassen, nur entlanggleiten!“
Für ein paar Augenblicke tat sich nichts, dann kam eine leise Antwort. „Ich kann das nicht. Ich habe solche Angst!“
„Atme tief durch! Es kann nichts schiefgehen. Du lässt das Seil ja nicht los, sondern streckst nur den Arm aus.“
Sie spürte, wie Pippas Körper sich bewegte. Das Mädchen tat nun offenbar, was Charlotte ihm vorgeschlagen hatte.
„Jetzt zieh die andere Hand nach. Und dann gleitest du am Querseil vorbei, bis du mit einer Hand auf der anderen Seite bist. Und dann mit der zweiten. Dann robbst du mit dem Oberkörper nach vorn und streckst die Beine.“
Pippa stöhnte vor Anstrengung, aber schließlich hatte sie es geschafft. Ein schrilles, aber leicht triumphierendes Lachen ertönte. „Ich hab's!“
„Sehr schön. Und dasselbe nochmal. Ich schiebe die Beine, und dann nochmal das Gleiten.“
Es gelang ihnen, das gefährliche Kriechmanöver noch zwei weitere Male zu vollziehen, bis sie etwa sechs Fuß zurückgelegt hatten. Dann aber, nach einem schnellen Blick zurück, glaubte Charlotte, dass der Moment der maximalen Katastrophe gekommen war.
„Pippa, stopp! Kommando zurück! Nicht erschrecken! Festhalten und nichts tun! Ich habe alles unter Kontrolle! Die Brücke wird gleich frei schwingen. Wie eine Schaukel! Warte einfach ab, ich mache den Rest!“
Da riss das vierte Seil, und die Hängebrücke fiel wie ein Stein nach unten in Richtung Fluss. Die Tragkabel strafften sich, und aus der Fall- wurde immer mehr eine Halbkreisbewegung. Die Brücke klappte in zunehmender Geschwindigkeit wie ein Scharnier, das losgelassen worden war, auf den Berg zu. Das einzig positive war, dass die Bohlen sich nun aus ihrer gekippten Lage so ausrichteten, dass ihre gesamte Fläche parallel zur Bergwand zeigte. Der Luftwiderstand war enorm und bremste stark. Außerdem würde das abgeschnittene Ende der Brücke in den Fluss fallen und so die freie Pendelbewegung zusätzlich einschränken und verlangsamen.
Panische Schreie füllten die Schlucht und hallten verzerrt von den Wänden wider. Charlotte ließ Pippas Fuß los und hielt sich mit beiden Händen am linken Seil fest, als wäre sie Tarzan im Dschungel. Ihre Beine tasteten an den Bohlen vorbei, dann ließ sie diese baumeln, spannte aber die Muskeln schon vor. Rasend schnell sah sie die Bergwand, an der in Spalten viele kleine Büsche wuchsen, näherkommen. Charlotte spannte den Unterleib an, schwang die Beine in die Waagerechte und wappnete sich für den Aufprall.
„Pippa!“, brüllte sie. „Dreh den Kopf so weit nach hinten, wie du kannst! Und hinter die Bohlen!“
Etwa fünfzig Fuß war sie noch vom sicheren Ende der Brücke entfernt, insofern würde der Impact schmerzhaft, aber auszuhalten sein.
Sie sah die Bergwand auf sich zurasen, während ihr ein unsinniger Gedanke durch den Kopf schoss. Was wäre, wenn der Antrag in der Stadtverwaltung, die Brücke zu einer Art Tunnel zu erweitern, und statt Querseilen maschendrahtzaunartige Trägerelemente zu verwenden, bereits angenommen und umgesetzt worden wäre? Wie hätten dann ihre Rettungsmaßnahmen ausgesehen?
Sekunden später berührten ihre Füße den ersten Strauch. Es knackte, als Zweige brachen. Dann trafen die Schuhsohlen auf den Berg. Charlotte federte in den Knien, wie sie es auch bei Sprüngen tat, um die Wucht aufzufangen, doch ein stechender Schmerz durchzuckte sie. Ihr Körper wurde durchgerüttelt. Charlotte stöhnte auf, als es in ihren Kniegelenken knackte. Pippa schrie, als ihre Schulter auf den Berg prallte. Und auch von weiter oben ertönten Schmerzenslaute. Die Brücke pendelte einen kleinen Winkel zurück, aber der zweite Anprall war kaum mehr zu spüren.
Alle lebten.
Charlotte brüllte hinauf: „Nutzen Sie die Querseile als Strickleiter!“
An Pippa gewandt, befahl sie: „Suche mit den Füßen nach einem festen Halt in den Seilen.“
Vorsichtig tastete Pippa herum, bis sie schließlich mit beiden Schuhen auf einem sich straff spannenden Querseil stand.
„Du musst jetzt nach oben klettern, so wie früher im Garten bei eurem Baumhaus.“
„Ich ... ich traue mich nicht“, weinte das Mädchen. „Ich ... ich habe das Gefühl, nach hinten zu fallen.“
Verdammt!
Charlotte stellte die Füße weiter auseinander, schlang den rechten Ellenbogen um das rechte Geländerseil direkt oberhalb einer Querung und klemmte den Arm fest. Die linke Hand zog mit einer routinierten Bewegung Stift und Block aus der Gesäßtasche. Dann blickte sie nach oben auf Pippas Rücken. Charlotte fixierte den auffälligen Aufdruck - einen riesigen Tigerkopf - und begann zu zeichnen. Die hängende Brücke wackelte, wenn jemand oben eine Stufe hinaufkletterte, aber das störte Charlotte kaum. Es fühlte sich sogar einfacher an als auf der schrecklichen Insel, als sie im Baum gestanden und versucht hatte, mit einer Zeichnung einen Mord zu verhindern.
Das Bild war rasch vollendet, aber Charlotte fuhr die Linien noch einmal nach. Das rechte Auge hatte sich noch nicht vollständig erholt seit den Ereignissen in Calgary, und besaß nur etwa die Hälfte der Kraft ihres linken Auges. Das Überzeichnen war mittlerweile zur Standardmethode geworden.
„Ich bin gleich so weit“, sagte sie nach oben, und überzeichnete die Linien ein zweites Mal. Als sie wieder auf den realen Tigerkopf blickte, glaubte sie, um diesen ein blaues Flimmern wahrzunehmen.
Verdammte Scheinbilder, fluchte Charlotte in Gedanken. Doch die Wahrnehmung verschwand nicht. Es schien im Gegenteil sogar, als ob nun nicht nur der Tigerkopf von einem blauen Leuchten umgeben war, sondern dass der gesamte Aufdruck auf Pippas Sweater aus sich heraus blau strahlte. Aber wenigstens verschwammen die Konturen nicht.
Charlotte signierte das Bild, schob den Stift in die Hosentasche zurück und gab die nächste Anweisung: „Pippa, ich werde dich stützen. Ich drücke auf deinen Rücken, so kann ich verhindern, dass du nach hinten fällst. Dann kannst du dich auf das Hochklettern konzentrieren.“
„Wie willst du das machen? Dann musst du ja einhändig klettern!“ Pippas Stimme überschlug sich fast.
„Ganz ruhig. Ich habe gut trainiert. Du wolltest doch wissen, ob ich was Tolles erlebt habe. In einem Job musste ich viel im Fitnessstudio ermitteln. Da habe ich einiges an Muskelmasse aufgebaut. Für die paar Fuß reicht es, glaube mir.“
„Wirklich?“, fragte Pippa verzweifelt zurück.
Charlotte nahm die Zeichnung zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand und drückte die Finger leicht zusammen. „Spürst du es?“
„Ja.“
Charlotte verstärkte den Druck. „So, jetzt klettere bitte ganz langsam hinauf. Zuerst immer einen Fuß nach oben, der sucht das Querseil, dann den anderen nachziehen. Dann mit einer Hand am Seil nach oben gleiten, aber immer fest zudrücken. Du wirst das höhere Querseil spüren, greifst darum, ziehst die andere Hand nach. So wie wir es eben schon liegend gemacht haben. Und das war viel gefährlicher. Und dann drückst du die Beine durch, ja? Probiere mal eine Stufe, und bleibe dann ruhig stehen, bis ich nachkomme.“
„Soll ich die Augen wieder aufmachen?“
„Nein. Konzentriere dich auf das Tasten mit Händen und Füßen.“
Pippa gehorchte. Zitternd tastete ein Bein umher, fand aber nicht, was es suchte. Charlotte griff danach und positionierte es richtig. Langsam glitten Pippas Hände am Seil entlang nach oben. Schließlich drückte sich das Mädchen hinauf und stand nun eine Stufe höher.
„Sehr schön!“, lobte Charlotte, zog sich mit der linken Hand und mit Unterstützung der Beine nach oben, um dann die rechte Ellenbeuge nachzuschieben, zu lösen und über dem Querseil wieder einzuhaken. Den Druck der Finger auf das Bild verringerte sie keinen Moment.
Sprosse für Sprosse ging es weiter, und das Ziel kam näher.
Von oben schrie ein Mann: „Ich hab's geschafft! Warte, Esther, ich ziehe dich hoch!“ Ein paar undefinierbare Geräusche erklangen, dann brüllte der Mann erneut: „Nein, nicht nach hinten ...“ Es folgte ein Schrei, und zwei Objekte prallten gegeneinander und fielen in die Tiefe.
„Was war das?“, fragte Pippa.
„Geröll, das neben uns herunterprasselte“, log Charlotte, denn sie hatte die zwei Körper im Sturz gesehen. Ob diese auf einem Bergvorsprung lagen oder in den Fluss gefallen waren, konnte Charlotte nicht sagen. Einen Aufprall auf Wasser hatte sie jedenfalls nicht gehört.
Schließlich war Pippa am oberen Ende der Brücke angekommen. Ihre Hand spürte, wie der senkrechte Berg in die Waagerechte überging. „Ich bin gleich oben!“ Ihre Stimme enthielt ein klein wenig Hoffnung.
„Dann mache jetzt die Augen auf, aber blicke nur nach oben. - Kannst du dich hinaufziehen? Nimm die Querseile dazu!“
Pippa ächzte und stöhnte, doch sie schien irgendwie nicht weiterzukommen, obwohl ihr halber Oberkörper schon über Berghöhe ragte und die Hände schon ein Querseil festhielten, das auf dem Boden lag und nicht mehr an der Bergwand herunterhing.
„Schwinge das rechte Bein hoch, winkle es an und lege das Knie auf den Boden auf!“, riet Charlotte. Sie verstärkte den Druck auf die Zeichnung und löste gleichzeitig die linke Hand vom Seil. Nur noch mit Füßen und einem eingeklemmten Seil in der anderen Ellenbeuge hob sie nun den linken Arm und drückte Pippas Po nach oben, während sie gleichzeitig mit Hilfe der durch die Zeichnung übertragenen Kraft verhinderte, dass der Oberkörper des Mädchens sich, nachdem dieses sich einmal nach vorn gebeugt hatte, wieder vom Boden löste. Wie ein umgedrehtes L hing Pippa nun am Rand des Berges.
Das Mädchen zog das linke Bein nach und war schließlich in Sicherheit. Rasch kroch sie wie ein Feuersalamander vom Rand weg. Auch Charlotte befand sich wenig später in Sicherheit. Sie sprang auf und lief zu Pippa, die gar nicht aufhören wollte, vom Abgrund wegzurobben.
„Es ist vorbei.“
Pippa stoppte die Kriechbewegungen, richtete sich auf und schlang die Arme um Charlotte, die das nun hemmungslos weinende Mädchen fest an sich drückte. Beruhigend strich sie ihr immer wieder über das Haar. „Alles ist gut. Du bist gerettet.“
Nach ein paar Minuten der Erholung drängte Charlotte zum Aufbruch. „Komm, wir müssen die Polizei verständigen. Außerdem einen Rettungswagen.“
(Fortsetzung folgt)
Hinweis: Die Serie spielt in den 1960ern in Kanada, weist aber durch Charlottes Zeichengabe eine Mystery-Komponente auf.
Charlottes Blick 10 - Vancouver in Angst
(eine Geschichte basierend auf dem Charakter ‚Vickie‘ der TV-Serie ‚Haven‘ von 2010-2015)
(eine Geschichte basierend auf dem Charakter ‚Vickie‘ der TV-Serie ‚Haven‘ von 2010-2015)
Klappentext:
Charlotte freut sich riesig auf den Besuch ihrer Freundin Kylie und deren jüngerer Schwester Pippa. Die drei planen einige Unternehmungen in Vancouver und wollen vor allem eins - Spaß haben! Aber es kommt anders, als eine Anschlagsserie die Stadt überzieht und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Doch die Attacken bleiben für Charlotte und ihre Besucherinnen nicht nur Meldungen in der Presse. Und so sucht auch Charlotte nach einem Muster, um dem Verbrecher, der über Leichen geht, das Handwerk zu legen. Aber wo soll sie ansetzen?
Charlotte ließ sich auf der Liege nieder und rutschte ein wenig hin und her, bis sie eine bequeme Position gefunden hatte. „Ich bin bereit.“
Die Krankenschwester lächelte, desinfizierte die Armbeuge und schob die Kanüle in die Armvene. Nachdem sie deren Sitz sorgfältig geprüft hatte, öffnete sie den Verschluss. Blut floss in eine Glasflasche, die etwas über Bodenhöhe auf einem niedrigen Tisch stand.
„Es wird etwa zehn Minuten dauern“, verkündete die Schwester.
Charlotte nickte nur knapp, denn sie kannte den Ablauf der Blutspende. Sie entspannte sich und schaute zur weißen Decke hinauf. Im Raum mit den sechs Liegen herrschte Stille. Nur wenn jemand auf der Polsterung und dem darübergezogenen Papiertuch herumrutschte, jemand seine Spende beendet hatte und den Raum verließ oder jemand Neues hereinkam, gab es neben den Schrittgeräuschen leises Getuschel zwischen Schwester und Ankömmling.
„Psst!“
Charlotte hob die halb zugefallenen Lider und drehte den Kopf nach links. „Ja?“
Ein dünner Mann unbestimmbaren Alters, der einen struppigen Bart und einen schwarzen, zerknitterten Anzug trug, lag auf der Nachbarliege. Die langen, dunklen Haare klebten an seinem Kopf. Er rutschte an den Rand der Liege, näher in Charlottes Richtung.
„Sie wissen es auch, nicht wahr?“, fragte er leise. Der Kopf blieb ruhig, aber seine Augen sprangen wild im Raum umher. „Aber keine Angst. Wenn Sie es sich nicht anmerken lassen, sind Sie sicher.“
Wovon spricht der Kerl?, fragte sich Charlotte verwundert. Es interessierte sie nicht wirklich, aber sie wollte auch nicht unhöflich sein, und so ging sie auf die unverständliche Äußerung ein.
„Was meinen Sie genau?“
Der Mann versuchte, noch ein Stück näher zu kommen, doch Charlotte hielt ihn auf. „Vorsicht! Sie verlieren Ihre Kanüle und können sich verletzen. Bleiben Sie lieber ruhig liegen.“
Der Mann folgte ihrem Rat. Mit gesenkter Stimme, die ein wenig gehetzt wirkte, wie Charlotte fand, antwortete er: „Die“, er dehnte das Wort ausgiebig, „untersuchen das Blut und wissen dann alles über uns Normale.“
Charlotte verstand und musste ein genervtes Seufzen unterdrücken. Aliens, dachte sie. Klar, was sonst.
Aber sie stellte sich unwissend und konterte mit Fakten. „Das Rote Kreuz untersucht die Spenden nur auf Blutgruppe, Rhesusfaktor und bestimmte Krankheiten, bevor es Verwendung findet. Nur in Ausnahmefällen erfolgen tiefergehende Analysen.“
Der Mann kicherte. „Das wollen die uns glauben machen. Nein, nein, meine Dame, die haben die Möglichkeit, das Blut zu identifizieren und unsere Seele zu durchleuchten. Die wissen alles.“ Wieder kicherte er. „Aber nicht, dass ich weiß, was sie tun.“
Charlotte schaute auf die Uhr. Nur noch ein paar Minuten, dann war sie diesen Verrückten los. Aber es interessierte sie schon, wie weit die kruden Theorien des Mannes gingen. Auch sie senkte ihre Stimme. „Warum spenden Sie dann? Bleiben Sie besser diesem Ort fern.“
„Nein, nein“, antwortete ihr Nachbar. Seine Augen blitzten fiebrig. „Dann würden die auf mich aufmerksam werden. So aber lasse ich sie in dem Glauben, mich mit den Miniaturgeräten, die sie mir in die Blutbahn spritzen, kontrollieren zu können, wenn sie ihren Schlag gegen die Erde führen.“ Wieder folgte das hohe Kichern. „Aber das können sie nicht, denn ich habe die Spione selbst unter Kontrolle.“
Eine Schwester trat zur Liege von Charlottes Nachbarn. „Sie sind fertig. Bitte bleiben Sie noch einen Moment ruhig liegen.“ Dann zog sie die Kanüle heraus, tupfte die Injektionsstelle ab und legte einen Druckverband an. „Folgen Sie mir bitte in den Erholungsraum.“
Der Mann schwang seine Beine von der Liege und warf Charlotte einen verschwörerischen Blick zu. „Reiben Sie ihre Arme mit Distelöl ein. Dreimal jeden Tag für eine Woche, dann sind die Spione inaktiviert.“
„Vielen Dank für den Tip“, erwiderte Charlotte mit todernstem Gesicht.
Mit einem zufriedenen Ausdruck verließ der Mann das Spendezimmer, und Charlotte schloss für die nächsten Minuten wieder die Augen.
***
Chris Sim, der superreiche Besitzer und Chef des führenden Automobilkonzerns des gesamten nordamerikanischen Kontinents, stand am großen Panoramafenster seines Büros im dreizehnten Stockwerk eines riesigen Geschäftsgebäudes und blickte nachdenklich über die Skyline von Vancouver. Die teure Zigarre kokelte im Aschenbecher, der auf dem Mahagonischreibtisch rechts von ihm stand, vor sich hin. Rauchfäden schwebten empor. Sim nahm einen kleinen Schluck des jahrzehntealten Bourbons, den er sich ausnahmsweise einmal gönnte, denn eigentlich war es für ihn eine Wertanlage.
Die Gegensprechanlage knackte. „Sir“, drang die Stimme seiner Sekretärin Mabel aus dem kleinen Lautsprecher, „Mr Collins möchte Sie sprechen. Er sagt, es sei dringend.“
Der Endvierziger mit dem vollen, schwarzen Haar und der leicht zu fülligen Statur stellte das Glas auf dem Tisch ab, ließ sich ächzend in den Ledersessel fallen und drückte den Rufknopf. „Soll reinkommen“, bellte er in den Apparat.
Die mit Schallisolierung verkleidete, schwere Zimmertür öffnete sich, und Sims Assistent trat ein. Er war ein unscheinbarer Mann, der sofort wieder in Vergessenheit geriet, wenn man den Blick von ihm abwendete, was für Collins' Aufgaben nicht selten von Vorteil war. Vor dem Schreibtisch seines Chefs blieb er stehen und zog ein gefaltetes Bündel Papiere aus der Tasche seines Jacketts.
Sim riss ihm die sechs Akten förmlich aus der Hand und überflog rasch die Deckblätter: Ottawa, Edmonton, Halifax, Toronto, Montreal. Als er ‚Vancouver‘ erreichte, huschten seine Augen flink über die mit Maschine dicht beschriebene Auflistung von Namen und Buchstaben-Zahlen-Kombinationen. Chris Sim ballte die Faust, als ihm eine Zeile ins Auge sprang. Geräuschvoll und hastig blätterte er durch die Vancouver-Akte, bis er die Kopie derjenigen detaillierten chemischen Analyse gefunden hatte, welche mit demselben Namen aus der Zeile beschriftet war, die ihn so elektrisiert hatte. Rasch überflog er die Angaben und verglich sie mit dem Übersichtsblatt.
Alles hatte seine Richtigkeit.
Der Plan konnte endlich starten.
Der Geschäftsmann warf die Akte auf den Schreibtisch, wo sie auf einem ungeordneten Haufen anderer Dokumente liegen blieb, dann wuchtete er sich aus dem Sessel hoch. Sich mit der Hand auf der Tischplatte abstützend, ging er langsam zur fensterlosen Seitenwand des Büros und klappte den großformatigen Kunstdruck eines Colville zur Seite, hinter dem ein Tresor zum Vorschein kam. Sim stellte die Zahlenkombination ein und öffnete die schwere, dicke Metalltür mittels des kleinen Drehrades. Geld, Wertpapiere sowie die Pistole ignorierte er, griff stattdessen im untersten Fach nach einem Stapel dünner Akten. Alle, bis auf die dortige Vancouver-Planakte legte er wieder zurück, verschloss den Safe und klappte das Bild zurück.
Nach außen unbeteiligt gab er seine Anweisungen in ruhigem Ton. „Herb, ich benötige sechs Männer, die bereit sind, für Geld alles zu tun. Verständige Peyton. Er und die anderen sollen sich heute Abend, 6 p.m. im alten Lagerhaus versammeln. Dort verteile ich die Arbeiten und die Bezahlung.“
Herb Collins bestätigte und verließ das Büro. Er ließ seine Kontakte zu Vancouvers Unterwelt spielen und leitete alles in die Wege.
Pünktlich zur angeordneten Zeit betrat Chris Sim das Lagerhaus am Hafen, das seine Firma zwar noch besaß, aber seit Jahren nicht mehr nutzte. Ein hoher Drahtzaun umgab das Gelände, und Sim stellte sicher, dass dieser regelmäßig überprüft und instand gesetzt wurde. Das Gebäude sah ein wenig heruntergekommen aus, und der Putz bröckelte, aber Scheiben und Dach waren noch intakt. Der Ort war perfekt geeignet für eine kurze Zusammenkunft, von der niemand Kenntnis erlangen sollte.
Sim zupfte an der grauen Skimaske, die er sich übergezogen hatte. Außer Peyton kannte ihn niemand, und so sollte es auch bleiben. Er war der Boss, er besaß das Geld, das musste für die Handlanger, die er engagieren wollte, genügen. Sein Blick huschte über die sechs, ihm unbekannten Männer, die auf umgedrehten Holzkisten saßen und den Kopf hoben, als er eintrat. Ohne Worte warf Sim sechs Bündel Geldscheine auf eine Werkbank, an der früher Metallarbeiten durchgeführt worden waren. „Das sind jeweils 5.000 Dollar. Ihr bekommt das Gleiche nochmal, wenn ihr eure Aufträge erledigt habt.“
Die Männer griffen blitzschnell nach dem Geld. Gierig ließen sie die Scheine durch die Finger gleiten. Sim wartete ein paar Sekunden, bevor er fortfuhr. „Man hat mir euch empfohlen. Ich benötige Leute, die bereit sind, bis zum äußersten zu gehen. Wer Skrupel hat, soll verschwinden, aber ohne Geld. Also?“
Niemand sprach ein Wort. Peyton kaute mit einem spöttischen Lächeln auf einem Streichholz und ließ sich nicht anmerken, dass er wusste, wer da vor ihnen stand.
Nach einer halben Minute nickte Sim zufrieden. „Gut. Die Aufgaben, die ihr zu erledigen habt, sind recht einfach. Großartiges Equipment braucht ihr nicht. Besorgt euch, was nötig ist. Das geht auf Spesen. Nun aber zum Auftrag an der Capilano.“
Er zog eine Karte von Vancouver aus der Jackentasche und breitete sie auf der Werkbank aus. Seine Finger zeigten auf die Schlucht im Norden der Stadt. „Ein Mann ist ausreichend hier. Der Anschlag soll am Abend erfolgen. Ein paar Opfer genügen. Ob es Todesfälle gibt, spielt keine Rolle.“
Dann erklärte er seinen Plan in allen Einzelheiten. Die sechs Männer nickten hin und wieder. Sie hatten verstanden, und jeder wusste, wann seine Zeit kommen würde. Schließlich verließen sie das Gebäude.
Nur Peyton blieb zurück. Sim zog die Maske vom Kopf und fuhr sich durch die verschwitzten Haare. „Dein Auftrag“, wandte er sich an den Mann und reichte ihm einen großen Umschlag, den der Angesprochene sofort öffnete.
Peyton holte Geld, den Plan des Marktplatzes inklusive angrenzender Gebäude in Mount Pleasant und eine Handvoll Photos hervor, welche er aufmerksam und schweigend studierte.
„Geht klar. Aber das wird teuer.“
„Wieviel?“
„30.000. Das hier“, er wies auf das Geld aus dem Umschlag, „nehme ich als Anzahlung.“
„Spinnst du?“, brauste Sim auf. „Höchstens 20 Mille.“
Peyton stand auf, schob alles wieder in den Umschlag zurück und hielt ihn dem Automogul hin. „Dann such dir einen anderen. 30 Grand sind schon ein Freundschaftspreis, denn ich muss das Terrain sondieren, einen geeigneten Platz ausfindig machen, die Flucht organisieren. Und das alles innerhalb weniger Tage. Wenn's dir nicht passt, ich bin nicht der einzige hier in der Stadt.“
Er wandte sich zum Gehen, doch Sims mühsam beherrschte Stimme hielt ihn zurück. „Einverstanden“, sagte der Milliardär zähneknirschend.
***
Als Charlottes halbstündige Erholungsphase abgeschlossen war, verließ sie das Blutspendezentrum, stieg in ihren Wagen und machte sich auf den Weg zum Internationalen Flughafen. Der Verkehr war erträglich, und so erreichte sie ihr Ziel deutlich vor der Ankunftszeit der Maschine aus Ottawa. Charlotte nutzte die Zeit und schlenderte durch die äußere Ladenpassage, schaute sich die Auslagen an und nahm einen Kaffee in einem Bistro zu sich.
Schließlich ging sie zur Ankunftshalle. Die Buchstabenplättchen rotierten wie wild und zeigten die Flüge an. Menschen hasteten an ihr vorbei, Rufe ertönten aus allen Richtungen. Es herrschte Hektik. Eine Viertelstunde später verriet die Anzeigetafel, dass die Maschine, auf die sie wartete, gelandet war. Charlottes Blick huschte über die Menschenmassen, die durch die diversen Türen aus dem Transitbereich quollen.
Plötzlich hörte sie eine laute Stimme rufen: „Char! Hier sind wir!“
Charlotte blickte in die Richtung, aus welcher der Ruf kam, und ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht. Auch sie winkte, als sie Kylie und Pippa ausgemacht hatte. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis sich die beiden an den anderen Passagieren vorbeigedrängt hatten, dann aber umarmte Charlotte ihre beste Freundin aus Teenagertagen.
„Ich freue mich riesig, dass du hier bist“, sagte sie und drückte Kylie erneut an sich.
„Und was ist mit mir? Soll ich wieder umkehren?“, fragte das Mädchen neben Kylie. Ihre Stimme klang vorwurfsvoll, aber das breite Grinsen verriet, dass sie es nicht ernst meinte.
Charlotte lachte ebenfalls und umarmte Pippa auf die gleiche herzliche Art. „Natürlich nicht, Fast-Patenkind.“ Sie gab der Vierzehnjährigen einen Kuss auf die Wange, dann gingen die drei los in Richtung Ausgang.
„Hast du wieder was Tolles erlebt, Charlotte?“, fragte Pippa und blickte mit leuchtenden Augen zur Privatdetektivin. „Seit der Flugzeugentführung bist du ja in der Presse nicht mehr aufgetaucht. Und am Telefon hast du nie was gesagt.“
Sie hakte sich mit rechts bei Charlotte unter, während die linke Hand den Rollkoffer zog. Charlotte blickte zu Kylie, die etwas gequält das Lächeln erwiderte. „So geht das schon den ganzen Flug. Sie nervt mich fürchterlich mit ihren Fragen: Kylie, meinst du, Charlotte hat nochmal Entführer geschnappt? Meinst du, Charlotte ist vielleicht jetzt gerade auf der Fährte von Goldschmugglern? Meinst du ... Meine kleine Schwester ist sowas von anstrengend.“
Pippa blieb stehen und schnaubte entrüstet. „Das ‚klein‘ verbitte ich mir. Ich bin fast erwachsen und außerdem nur zwei Inch kleiner als du.“ Mit einem wütenden Funkeln in den Augen strich sie sich die knapp schulterlangen, roten Haare zurück. Aber als sie sich wieder an Charlotte wandte, verrauchte ihr Ärger im Nu. „Du, Charlotte, kann ich bei dir in Ausbildung gehen? Ich meine, Firmen bilden doch Lehrlinge aus. Und ich will auch eine berühmte Privatdetektivin werden.“
Bevor Charlotte antworten konnte, warf Kylie ein: „Das ist ihr neuester Spleen. Sie meint das todernst.“
Charlotte lachte laut auf und drückte die quirlige Pippa kurz an sich. „Darüber reden wir, wenn du die Secondary School hinter dich gebracht hast.“
„Warum nicht früher?“, fragte Pippa enttäuscht. „Das dauert ja noch mehr als drei Jahre! Na, ein Glück, dass ich die doofen Collègejahre nicht machen muss.“ Doch dann hellte sich ihr Gesicht schlagartig wieder auf. „Aber solange ich hier bin, darf ich mitmachen, ja? Du nimmst mich doch mit zu den wichtigen Aufträgen?“
„Pippa!“, schritt Kylie ein. „Du bist noch ein Kind, keine Detektivin. Erinnere dich an das, was Maman und Papa gesagt haben.“
Pippa winkte verächtlich ab. „Wenn es nach denen ginge, dürfte ich mir nur Kunstmuseen hier anschauen. Das ist doch total öde.“ Sie stoppte wieder, ließ Charlottes Arm aber nicht los, und kramte mit einer Hand in der Innentasche ihrer Sommerjacke, aus der sie einen zusammengefalteten Zettel hervorzog. Sie schüttelte das Blatt auf und hielt es Charlotte stolz hin. „Das will ich alles mit dir unternehmen. Die doofen Punkte mit dem roten Strich sind diejenigen, die ich machen muss, sonst hätte Maman mir nicht erlaubt, Kylie zu begleiten. Sie meint, Kultur tue mir gut. Pff!“
Laut las Charlotte vor: „Stanley Park, Marine Building, Gastown.“ Sie überflog die nächsten Punkte und fasste zusammen: „Und diverse Museen.“
Pippa stöhnte theatralisch. „Ätzend, nicht? Das Polizeimuseum ist das einzige, das vielleicht noch interessant sein könnte. Und, Charlotte, stell dir vor: Maman wird anrufen und sich bei meiner Schwester erkundigen, ob ich das auch alles gemacht habe. Sie traut mir kein bisschen. Kannst du dir das vorstellen? Wenn ich volljährig bin, dann haue ich auch sofort ab, so wie du!“
Charlotte beugte sich zu ihrer besten Freundin. „Mir scheint, ich habe einen schlechten Einfluss auf die gute Pippa.“
Kylie lächelte. „Nein, ist schon okay so. Sie hat sich nunmal dich als großes Vorbild ausgesucht.“
„Charlotte“, unterbrach Pippa, „die anderen Dinge, die jetzt kommen, die werden aber klasse. Hast du das alles schon gemacht?“ Sie deutete auf die beiden Punkte zum Thema ‚Hängebrücken‘.
„Capilano Bridge, ja, die habe ich überquert. Ist aber ein sehr mulmiges Gefühl, wenn die Brücke schwankt und du in die Tiefe schaust. Also, empfehlen würde ich das nicht.“
Doch Pippa strahlte vor Begeisterung. „Das müssen wir machen. Unbedingt!“
„Sicher.“ Charlotte ging die Liste noch weiter durch, um grob abzuschätzen, ob sie überhaupt noch zu irgendetwas anderem in den drei Wochen kommen würde, die Kylie und Pippa ihre Gäste sein würden. Aber auch sie freute sich auf die gemeinsame Zeit. Die Freundschaft zu Kylie hatte sich wieder vertieft, und auch wenn sie sich nur drei, vier Mal im Jahr sahen, es fühlte sich einfach gut an, dieses Stück der Jugend auf eine gewisse Weise zurückerlangt zu haben. Außerdem mochte sie Pippa sehr, die jedoch alles im jugendlichen Überschwang sah und meist das einfach ignorierte, was ihr nicht in den Kram passte. Aber wozu, wenn nicht zum unbeschwerten Genießen, waren die Teenagerjahre denn da?
„Aber, Pippa, hier steht ‚Eis essen‘ auf deiner Liste. Das passt so gar nicht zu den anderen Dingen. Aufregung kann ich darin nicht erkennen.“
„Mag sein. Aber in meiner Klasse hat das noch nie jemand hier gemacht. Ich habe extra rumgefragt. Tanya ist die einzige, die schon mal in Vancouver war. Und das im Winter. Auf den beiden Hängebrücken war sie schon, aber beim Eisessen bin ich dann die Erste! Toll, nicht?!“
Charlotte fand die Logik etwas wirr, aber wenn Pippa unbedingt irgendetwas als Erste in ihrer Klasse erlebt haben wollte, sollte es ihr recht sein.
Die drei Frauen hatten den Ausgang des Flughafens erreicht und gingen zum Parkhaus, wo Charlotte das Gepäck im Kofferraum ihres Autos verstaute. Dann fuhren sie los.
„Ihr bekommt mein Gästezimmer. Ich habe eine Liege hineingeräumt“, erklärte Charlotte, während sie die Geschwindigkeit auf dem Highway 99 erhöhte.
Pippa saß im Fond, hatte sich aber nach vorn gebeugt und blickte zwischen Fahrer- und Beifahrersitz hindurch. „Kann ich nicht bei dir schlafen, Charlotte?“
Charlotte warf einen fragenden Blick zu Kylie, die ergeben mit den Schultern zuckte.
„Klar kannst du das. Ich räume die Liege in mein Zimmer“, stimmte sie dann zu.
„Super!“, freute sich Pippa.
Die Fahrt zur Main Street dauerte gut eine Stunde, dann hatten sie Charlottes Apartment erreicht. Nachdem die beiden Gäste sich eingerichtet hatten, gingen alle ins Kino.
***
„Boah!“, rief Pippa begeistert. Ihr Gesicht strahlte. Voller Staunen blickte sie auf die über vierhundert Fuß lange Hängebrücke, welche die tiefe Schlucht überspannte.
Es war kurz nach halb sechs Uhr am Abend des folgenden Tages, und der große Touristenansturm an dieser Sehenswürdigkeit schon vorüber. Nur noch fünf Besucher überquerten das Seilkonstrukt, das leicht hin und her schaukelte.
Pippa drehte sich zu Charlotte um und griff sie am Arm. „Komm! Wir gehen zuerst gemeinsam. Und dann jeder einzeln. Ich will davon Photos haben! Tanya wird Augen machen! Und die anderen erst!“
Sie zog Charlotte weiter, bis die beiden den eigentlichen Beginn der Brücke erreichten.
„Pippa, du verhältst dich aber gesittet“, bat Charlotte mit ernster Miene. „Kein Schwingen, kein Springen auf den Bohlen. Du kannst beide Geländerseile ja gut erreichen. Und dort bleiben die Hände auch immer. Und außerdem, und das ist ganz wichtig: Du beugst dich nicht - ich wiederhole, nicht! - über die Seile. Das ist viel zu gefährlich.“
„Jaja“, meinte Pippa wenig beeindruckt und wollte schon den Fuß auf die erste Bohle setzen, als Charlotte sie zurückhielt.
„Ich meine es ernst. Wenn du dich hier falsch verhältst, war es das letzte, das wir in dieser Richtung zusammen unternommen haben. Dann gehen wir nur noch in langweilige Museen.“ Ihre Stimme klang eindringlich und ließ keinen Widerspruch zu. „Du siehst die Tafel mit den Verhaltensregeln?“
Auch Pippa wurde für einen Moment ernst. Sie nickte und versprach: „Du kannst dich auf mich verlassen. Ich tue, was du sagst.“
„Gut“, war Charlotte zufrieden. „Und wir finden bestimmt jemanden, der uns in der Mitte der Brücke photographiert. Alleine lasse ich dich da nämlich nicht drauf, das musste ich Kylie versprechen.“
Pippa machte ein enttäuschtes Gesicht. „Och, es wäre so toll, wenn ich ganz alleine, ohne dass sich sonst noch irgendjemand auf den Bohlen befindet ...“
Doch als sie Charlottes entschiedene, ablehnende Miene sah, brach sie ab. „Okay, wenn's nicht geht, geht's nicht. Aber dann lass uns jetzt rüber, ja? Es ist nur noch einer vor uns, und der hat das Ende gleich erreicht. Photos machen wir beim zweiten Durchgang.“
Die beiden zogen die gepolsterten Fahrradhandschuhe an, um einen besseren Griff auf den Stahlseilen zu haben. Dann betrat Pippa die erste Bohle, legte die Hände an die Seile, die etwas über Hüfthöhe das Geländer bildeten, und ging langsam weiter. Vorsichtig setzte sie einen Fuß nach dem anderen auf die breiten Holzbohlen auf. Durch kleine Spalten dazwischen konnte sie das Wasser des Capilano River in rund zweihundert Fuß Tiefe erkennen. Als die Brücke das erste Mal leicht schwankte, quiekte Pippa schrill auf. Sie drehte den Kopf nach hinten und rief begeistert: „Klasse!“
„Nicht reden und gleichzeitig gehen!“, ordnete Charlotte sofort an. „Nur eins von beiden.“
Pippa lachte. „Geht klar, Maman!“
Der Besucher vor Pippa verließ in diesem Moment die Brücke. Niemand wartete am dortigen Ende, um den Rückweg anzutreten. Pippa stoppte und blickte zurück. Charlotte und dahinter drei weitere Personen folgten ihr in größerem Abstand. Pippa fühlte sich wie die Speerspitze einer wilden Expedition in Neuland. Sie gab freudige Schreie von sich, als die Brücke besonders stark auslenkte. Ihre Finger krallten sich um die Seile, und sie verharrte für einen Moment. Der Wind pfiff um ihre Nase und wehte ihr die Haare ins Gesicht. Instinktiv wollte sie die Strähnen zur Seite wischen, doch sie erinnerte sich noch rechtzeitig an Charlottes Anordnung, nie die Seile loszulassen, und so pustete sie mit vorgestülpter Unterlippe aufwärts und schüttelte leicht den Kopf, bis sie wieder ungehinderte Sicht hatte.
Unter sich glaubte sie, das Rauschen des Flusses zu hören, aber das war wohl Einbildung, denn so schnell floss er nun auch wieder nicht. Pippa hielt sich in der Mitte der Bohlen, die Arme ausgestreckt, und fühlte sich pudelwohl. Angst hatte sie keine. Aber ihre Schritte wurden etwas kleiner, kaum, dass sie eine Bohle überstieg. Nach ungefähr der Hälfte des Weges befand sie sich am Tiefpunkt der Hängebrücke, und sie konnte die Steigung vor sich gut erkennen. Wieder warf sie einen Blick über die Schulter zurück. Auch dort ging es nach oben.
Charlotte kam etwa fünfzehn Fuß hinter ihr. Sie lächelte, aber Pippa meinte zu erkennen, dass Charlottes Haltung nicht wenig angespannt war. „Hast du Angst?“, rief sie und lachte auf, als das nächste Schwingen einsetzte.
„Natürlich“, antwortete Charlotte laut. „Alles andere wäre töricht. Aber es macht schon Spaß.“
Pippa konnte sich nicht sattsehen und blickte weiter über das linke Seil in die Tiefe. „Das ist wie Fallschirmspringen. Das kannst du mir bestimmt auch beibringen, oder?“
„Nee, Pippa, das habe ich nie gemacht. Irgendwo hat jeder seine Grenzen. - Aber, geh mal weiter. Die Leute hinter uns kommen näher.“ Sie blickte an Pippa vorbei, die gerade den Kopf nach vorn drehte. Langsam gingen beide weiter. Charlotte hielt gleichbleibenden Abstand zu dem Mädchen. In ihrem Rücken hörte sie Gesprächsfetzen auf Französisch, achtete aber nicht auf den Inhalt.
Am Ende der Brücke tauchte eine Gestalt aus den Büschen auf und blieb vor der ersten Bohle stehen. Der schlammgelbe Parka, oder was es war, hob sich nur wenig von den Pflanzen der Umgebung ab.
Hoffentlich wartet der, dachte Charlotte. Ein Vorbeiquetschen auf der Brücke in dieser Höhe ist nicht ungefährlich.
Die Gestalt mit der Kapuze machte aber glücklicherweise keine Anstalten, die Brücke zu betreten, und so wandte Charlotte wieder den Blick ab, um die herrliche Aussicht zu genießen. Weit erstreckte sich der Wald in alle Richtungen. Vögel flogen über ihrem Kopf und piepten und kreischten. Vielleicht, so dachte Charlotte, amüsierten sie sich über die ungelenken Menschen, die langsam und bedächtig eine so wackelige Konstruktion benutzen mussten, um über eine Schlucht gelangen zu können, welche die Vögel majestätisch übersegelten.
Zufällig fiel ihr Blick auf das Brückenende. Sie stutzte.
Was machte der Kerl denn da?
***
Kylie Scots lief durch die lärmende Halle von Vancouver Central Station. Menschenmassen schoben und drängten in alle Richtungen, und Kylie wurde mehr als einmal unsanft angerempelt. Das Dröhnen der ein- und abfahrenden Züge und dazu die schlechte Luft - verbraucht und voll von Essensdüften, die sich zu einem unangenehmen Ganzen vermischten -, all das zahlte auf Kylies ohnehin schlechte Laune ein. Der Verwandtschaftsbesuch, den ihre Eltern ihr aufgebürdet hatten und zu dem sie nun unterwegs war, erfüllte sie nicht gerade mit Freude. Den entfernten Cousin hatte sie das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen. Kylie bezweifelte, dass sie sich viel zu erzählen hatten.
Die pochenden Kopfschmerzen, die sie schon seit dem frühen Morgen plagten, nahmen zu, sodass Kylie sich über die Schläfen rieb. Dann hielt sie sich beide Ohren zu, als gleich mehrere Züge auf einmal im Bahnhof ankamen.
Wieder rempelte sie jemand an, doch nun wurde es Kylie zu bunt. Ihre Hände schossen vor, und sie schob den Mann unsanft von sich. „Grand con!“ Aber ihre Verwünschung wurde nicht beachtet, und der Mann hastete, so gut es ging, weiter.
Endlich hatte sie ihr Gleis erreicht. Kylie fluchte unterdrückt, als sie den überfüllten Bahnsteig sah. Jeder schien an diesem Nachmittag die Stadt verlassen zu wollen. Nur in der Längsmitte der Plattform, um die Sitzbänke herum, war noch ein Durchkommen möglich. Kylie kämpfte sich vor, blieb unter der Anzeigetafel stehen und schaute auf die Uhr. Wenigstens würde ihr Zug bald einlaufen. Eine Durchsage krächzte aus den Lautsprechern, aber als Kylie gewahrte, dass es sich um einen späteren Zug als den ihren handelte, hörte sie nicht weiter hin.
Endlich rollte die Diesellok heran. Kylie vermeinte, ein schwaches Vibrieren des Bahnsteigbodens zu spüren. Der Frontscheinwerfer der Lok wurde größer, das Rattern der Räder lauter. Die Gespräche um sie herum erstarben. In ihrem Rücken verspürte Kylie ein Schieben und Stoßen, aber sie gab nicht nach. Noch einmal plärrte eine Ansage durch die Lautsprecher, die aber im Lärm des Zuges unterging.
Kylie drehte den Kopf und blickte, wie fast alle anderen Menschen auch, auf die einfahrende schwarze Lokomotive, die nur noch etwa einhundert Fuß entfernt war und bereits parallel zum Bahnsteig fuhr.
Plötzlich entstand in Kylies Blickrichtung Tumult. Eine Traube Menschen bewegte sich irgendwie sinnlos umher. Kylie hatte den Eindruck, dass dort viele Personen auf einmal stolperten. Leute prallten auf Vorderleute, die sich wütend umdrehten und zurückschoben. Man schien durcheinanderzureden, was jedoch nicht zu verstehen war. Doch die grimmigen Gesichter legten nahe, dass es sich eher um Flüche denn um Nettigkeiten handelte.
Kylie wusste nicht warum, aber ihr fiel eine Gestalt in vielleicht vierzig Fuß Entfernung auf, die sich die Kapuze tief in die Stirn gezogen hatte. Plötzlich riss diese die Hände hoch und gab der Frau vor ihr, die in zweiter Reihe am Bahnsteigrand stand, einen kräftigen Stoß in den Rücken. Und dann der Frau daneben! Und dem Mann links davon auch! In rasender Folge schubste die Kapuzengestalt insgesamt sechs Personen kraftvoll nach vorn. Die Leute stolperten, hielten sich an anderen Fahrgästen fest - und dann stürzten die ersten Menschen mit lautem Geschrei auf das Gleisbett.
Die Lok war nur noch sechzig Fuß entfernt, fuhr aber nur in Schritttempo.
Kylie stand stocksteif da. Entgeistert beobachtete sie das Geschehen. Dann schrien die ersten Menschen nach Hilfe. Wild gestikulierten einige in Richtung der Lok. Eine Frau, die zwischen die Gleise gestoßen worden war, klammerte sich an die Kante des Bahnsteigs. Zwei Männer griffen nach ihren Händen und versuchten, sie hochzuziehen. Der Zugführer schien ebenfalls bemerkt zu haben, was geschah. Bremsen quietschten, aber trotz der langsamen Fahrt war das Unglück nicht mehr aufzuhalten.
Kylie wandte sich ab. Absolut unmenschliche Schreie im Todeskampf übertönten sogar den Lärm des Zuges, der schließlich zum Stillstand kam.
Die Türen der Waggons öffneten sich, und die ankommenden Fahrgäste drängten auf den Bahnsteig hinaus. Fröhliche Stimmen erklangen, Kinder lachten und plapperten, Gepäck wurde die steilen Trittstufen hinuntergereicht. Wer im Zug gesessen hatte, schien noch nicht bemerkt zu haben, welche Tragödie gerade geschehen war. Viele der Wartenden aber hatten sich ebenfalls abgewandt und liefen hastig zum kopfseitigen Ende des Bahnsteigs. Sie wollten weg von diesem Ort des Schreckens.
Die Tür zur Lokomotive öffnete sich, und der Zugführer, dessen Gesicht bleich wie Porzellan war, sprang heraus. Er zwängte sich an den Menschen vorbei und rannte davon.
Sieben Minuten später traf die Bahnpolizei ein. Der Bahnsteig wurde abgeriegelt, aber es war zu spät. Kylie konnte die Kapuzengestalt nirgends mehr sehen. Die sechs Beamten begannen mit den Befragungen und der Aufnahme der Personalien. Um die fünf Menschen, die auf das Gleisbett gestürzt waren, würden sich die Sanitäter kümmern, die jede Minute erwartet wurden. Doch für die meisten kam jede Hilfe zu spät. Nur eine Frau hatte rechtzeitig heraufgezogen werden können.
***
Die Gestalt am Ende der Hängebrücke sank in die Hocke und machte sich irgendwie an den Stahlseilen zu schaffen. Charlotte kniff die Augen zusammen, um das Geschehen in reichlich einhundertundfünfzig Fuß Entfernung besser erkennen zu können. Plötzlich blitzte etwas auf.
Ein Fernglas?, fragte sich Charlotte, verneinte aber sofort. Dann würde sich der Kerl ja etwas vor die Augen halten. Aber ...
Als sie realisierte, was dort drüben im Begriff war abzulaufen, durchfuhr sie eisiger Schreck. Aber die Armbewegungen, welche die Gestalt vollführte, waren eindeutig.
Ein Bolzenschneider! Crap! Der Typ kappt eins der Tragkabel!
Fieberhaft ging Charlotte die Optionen durch, die ihr einfielen. Nach vorn rennen, sich an Pippa vorbeiquetschen, um hoffentlich rechtzeitig zu kommen, um das Durchtrennen von wenigstens ein paar der vier Drahtseile zu verhindern? Aber sobald die Gestalt beide Geländerseile zerschnitten hatte, war das Wort ‚gefährlich‘ schon nicht mehr ausreichend, um zu beschreiben, wie sich die Situation auf der Brücke darstellen würde. Ob sie es rechtzeitig schaffen würde? Und was würde mit Pippa geschehen, wenn diese dann alleine auf der Brücke war? Nein, sie musste es anders angehen. Rückzug war das einzige, das Erfolg versprach.
Hoffentlich.
„Pippa!“, schrie sie. „Sofort zurück! So schnell du kannst!“
Das Mädchen blieb stehen und drehte den Kopf. Überraschung lag auf ihrem Gesicht. Sie schien noch nicht bemerkt zu haben, was am Ende der Brücke passierte. „Was ...“
„Keine Zeit für Erklärungen! Komm zurück! Bitte!“ Sie ließ die Hand am linken Geländerseil los und winkte befehlend.
Diese Geste, die gegen alle Vorsichtsregeln verstieß, schien Pippa zu überzeugen. Sie löste die rechte Hand vom Seil, legte sie neben die linke auf das andere Geländerseil und rotierte den Körper langsam auf der Stelle. Starr blickte sie Charlotte an, die auf sie wartete. Pippas Schritte wurden größer, obwohl die Brücke darauf stark reagierte. Schließlich hatte sie die ältere Freundin erreicht.
„Was ist?“, fragte Pippa erneut. Sie schien zu spüren, dass etwas Ernstes geschehen war, auch wenn sie offenbar immer noch keine Ahnung hatte, was.
„Geh an mir vorbei und so schnell wie möglich zurück! Halte dich mit beiden Händen am linken Seil fest! Links in Laufrichtung! Nur dort!“
„Aber du hast doch ...“, begehrte Pippa auf.
„Jetzt nicht! Tue, was ich sage!“
Pippa marschierte los und quetschte sich an Charlotte vorbei, die sich beim Transit mit beiden Händen an dem Seil festhielt, an welchem die Gestalt arbeitete. Charlotte folgte dem Mädchen dichtauf und schrie laut nach vorn zu den anderen Besuchern: „Drehen Sie um! Die Brücke ist gesperrt!“
„Aber ...“, kam es von einem Mann zurück.
Doch Charlotte schnitt ihm das Wort ab. „Ich bin von der Stadtverwaltung“, log sie. „Bitte, befolgen Sie meine Anordnung.“
Ein enttäuschtes Murren antwortete. Charlotte atmete erleichtert auf, als sie sah, wie sich die drei Personen langsam, genau wie Pippa es vorgemacht hatte, auf der Stelle umdrehten und im Schneckentempo losliefen. Pippa holte schnell auf. Alle Besucher der Brücke befanden sich nun in der ansteigenden Hälfte.
Charlotte warf immer wieder einen Blick über die Schulter zurück und versuchte einzuschätzen, wann das Seil in seiner Spannung nachgeben würde.
Und dann geschah es. Das erste, das rechte Geländerseil war zerschnitten. Das Heulen des Windes um die Brücke, das entfernt an ein Lachen erinnerte, änderte sofort seine Tonlage. Nun glich es nichts mehr, das Charlotte kannte. Aus dem Himmel erschollen Krähenrufe, die so bedrohlich klangen, wie die Lage auf der Hängebrücke sich darstellte.
Charlotte sah das Geländer auf ganzer Länge in sich zusammensacken. Sein Ende fiel neben der Gestalt zu Boden. Die drei Menschen vor Pippa kreischten und blieben stehen.
Auch Pippa schrie panisch auf, als sie es bemerkte. „Charlotte! Was ...“
„Geh weiter, Pippa! Es wird alles gut. Vertraue mir! Schneller, wenn du kannst.“ Sie hob die Stimme. „Sie da vorn, gehen Sie weiter, verdammt noch mal!“ Doch die Leute reagierten im ersten Moment nicht.
„Charlotte!“, rief das Mädchen mit piepsiger, vor Angst zitternder Stimme.
„Ganz ruhig, Pippa! Ich bin bei dir. Tue einfach, was ich sage, ja? Lasse das Seil in keinem Falle los. Schiebe die Hände darüber, und kralle dich immer ganz fest!“
Pippa nickte, hielt den Blick aber fest auf Charlotte gerichtet. Mit angstvoll aufgerissenen Augen starrte sie ihr Vorbild an.
„Blicke auf deine Füße!“, befahl Charlotte. „Immer zwei Bohlen auf einmal. Das schaffst du, nicht wahr?“
Wieder nickte Pippa, und nach kurzem Zögern wandte sie den Blick ab und tat wie ihr geheißen.
Charlotte fixierte wieder den Attentäter, der sich an dem Seil zu schaffen machte, an welchem Pippa sich festhielt. Sie sah, wie die Hebelbewegungen kleiner wurden und rief: „Auf die Knie! Alle! Sofort! Haltet euch weiter am Seil fest!“
Pippa gehorchte sofort. Die Aufmüpfigkeit, die sie sonst an den Tag legte, war vollständig verschwunden. Aber ob die anderen drei taten, was geboten war, darum konnte sich Charlotte nicht kümmern.
Das linke Geländerseil wurde schlaff und fiel ebenfalls auf die Bohlen, hing teilweise darüber, nur von den senkrechten Stützseilen, die Geländer- mit Bodenseil verbanden, gehalten.
Hoffentlich schwankt die Brücke jetzt nicht stark, flehte Charlotte.
Pippa schrie. Dann begann sie zu weinen.
„Krieche weiter, Pippa! Es sind nur noch ein paar Fuß!“
Die Untertreibung des Jahrhunderts, dachte Charlotte sarkastisch. Noch mindestens einhundert.
Aber sie wusste auch, dass sie es nicht schaffen würden. Wenn das nächste Seil zerschnitten war, würde die Hängebrücke zur Seite kippen. Der Saboteur würde weiteren Schaden anrichten, und schließlich würde die Brücke wie ein Pendel auf die andere Seite schwingen und gegen den Berg knallen.
Was tun? Abwarten? Weiterkriechen?
Charlotte musste sich in erster Linie um Pippa kümmern, denn das war wichtiger als alles andere. Dem Mädchen durfte einfach nichts geschehen. So erhöhte Charlotte das Tempo und robbte auf den Knien voran. Im Gegensatz zu dem, was sie Pippa befohlen hatte, löste sie immer eine Hand vom Seil, um sie weit vor sich wieder anzulegen. Sie wusste genau, wieviel sie sich zumuten konnte und würde ein paar Sekunden einhändig hängend überstehen, sollte irgendetwas schiefgehen. Sie zog sich kraftvoll auf dem schaukelnden Bohlensteg voran und hatte bald das Mädchen erreicht. Leises Weinen drang an Charlottes Ohr.
Sie legte eine Hand an Pippas Fußknöchel, um dem Mädchen zu zeigen, dass es nicht alleine war. „Leg dich flach auf die Bohlen. Ganz links. Und lasse das Seil nicht los.“
„Warum?“, schniefte die Vierzehnjährige. Nicht nur ihre Stimme zitterte, sondern ihr ganzer Körper schüttelte sich vor Angst.
„Erschrick nicht, aber du wirst gleich einen Zug nach rechts spüren, so als kippte dich jemand aus einer Schubkarre“, erklärte Charlotte in ruhigem Ton und bemühte sich, das Ganze weit weniger dramatisch darzustellen, als es war. „Die Brücke wird zur Seite kippen und ...“
„Nein!“, bibberte Pippa. „Wir werden sterben!“
„Ganz ruhig“, versuchte Charlotte zu besänftigen. „Wir werden nicht sterben. Ich kenne diese Situation.“ Das war gelogen. „Ich habe einen Plan. Du vertraust mir doch, oder?“
Pippa zog die Nase hoch. „Ja, total. Was soll ich tun?“
„Ich werde deine Knöchel um ein Seil legen, und du drückst dann ganz fest zu, ja?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern nahm eine Hand vom Seil, um Pippas linken Knöchel zu greifen. Langsam zog sie das verkrampfte Bein des Mädchens zu sich, bog es ein wenig nach außen, bis der Fuß um eins der ehemals senkrechten Verbindungsseile des Geländers hing. Dann schob sie das andere Bein von innen dagegen. „Verschränke nun die Knöchel!“
Pippa befolgte den Befehl.
„Schließe nun die Augen! Und erschrick nicht, wenn du glaubst, zur Seite zu fallen. Das passiert nicht. Aber du darfst unter gar keinen Umständen das Seil loslassen! Die Handschuhe helfen dir.“
„Okay“, kam es leise zurück.
Charlotte brachte sich in die gleiche Position und rief nach vorn: „Vorsicht! Die Brücke wird gleich reißen! Am anderen Ende ist ein Saboteur am Werk!“ Das Wort ‚Anschlag‘ vermied sie. Es hätte noch mehr Panik hervorgerufen, als die Menschen hier ohnehin schon verspürten.
Eine Minute später trat ein, was sie erwartet hatte. Die Brücke kippte nach rechts, die Bohlen schienen nach unten zu fallen. Die ganze Konstruktion hing nun nur noch an einem einzigen Drahtseil, dessen Tragkraft zwar darauf ausgerichtet war und ausreichte, aber die Bohlen waren nicht mehr zu nutzen.
Doch diese Situation würde, wie Charlotte vermutete, nicht lange andauern.
Vor ihr ertönte ein gellender Schrei, und wenige Sekunden später platschte etwas Schweres ins Wasser.
„Edward!“, schrillte eine Frauenstimme in Panik.
Auch Pippa schrie, als die Brücke kippte. Charlottes Hand schoss vor und griff den Knöchel des Mädchens. Es war wieder mehr eine Geste des Ich-bin-bei-dir, als dass es einen Sturz Pippas effektiv verhindert hätte, wenn diese das Seil losließ. Aber Pippa brauchte diesen Zuspruch.
Charlotte sah, wie sich die Gestalt im Kapuzenparka am letzten Halteseil zu schaffen machte.
Vielleicht schafften sie noch ein wenig Strecke.
Es war Irrsinn, ultragefährlich. Aber ein Yard konnte vielleicht den Unterschied beim Aufprall auf den Berg ausmachen. Charlottes Gedanke war einfach. Je näher Pippa dem befestigten Ende der Brücke, dem Ankerpunkt des Pendels, war, desto geringer würde die Kraft ausfallen, die auf sie einwirkte, wenn die bald frei schwingende Brücke auf den Berg zuraste und dagegenknallte.
„Pippa, ich schiebe deine Beine nach vorn, bis sie am nächsten Querseil sind. Dort musst du sie dann wieder verschränken. Das bekommst du hin, da bin ich sicher.“
Sie übte etwas Druck aus und bedeutete der Schwester ihrer besten Freundin, die Knöchelverschränkung zu lösen.
„Soll ich wirklich?“
„Ja, ich halte dich.“
Pippas Vertrauen in ihr Idol schien grenzenlos zu sein, denn sie entspannte ihre Muskeln, und Charlotte schob erst das eine Bein, dann das andere ein wenig am Seil nach vorn. Es war erstaunlich, wie lange das Mädchen bereits in dieser Haltung ausharrte. Zwei Minuten waren es bestimmt schon. Offensichtlich verlieh ihr die Angst ungeahnte Kräfte. „Nun wieder zudrücken. - Jetzt dauert es ein wenig, ich muss nachkriechen. Aber es geht gleich weiter.“
Charlotte zog sich am nächsten Querseil nach vorn und verschränkte ebenfalls sofort wieder die Füße um das gerade verlassene Seil. Wieder griff sie nach Pippas Knöchel.
„Traust du dir zu, mit einer Hand am Seil entlang nach vorn zu gleiten, bis du das andere Verbindungsseil erreicht hast? Du weißt schon, die senkrechten Seile, die das Geländer ausmachen. Nicht loslassen, nur entlanggleiten!“
Für ein paar Augenblicke tat sich nichts, dann kam eine leise Antwort. „Ich kann das nicht. Ich habe solche Angst!“
„Atme tief durch! Es kann nichts schiefgehen. Du lässt das Seil ja nicht los, sondern streckst nur den Arm aus.“
Sie spürte, wie Pippas Körper sich bewegte. Das Mädchen tat nun offenbar, was Charlotte ihm vorgeschlagen hatte.
„Jetzt zieh die andere Hand nach. Und dann gleitest du am Querseil vorbei, bis du mit einer Hand auf der anderen Seite bist. Und dann mit der zweiten. Dann robbst du mit dem Oberkörper nach vorn und streckst die Beine.“
Pippa stöhnte vor Anstrengung, aber schließlich hatte sie es geschafft. Ein schrilles, aber leicht triumphierendes Lachen ertönte. „Ich hab's!“
„Sehr schön. Und dasselbe nochmal. Ich schiebe die Beine, und dann nochmal das Gleiten.“
Es gelang ihnen, das gefährliche Kriechmanöver noch zwei weitere Male zu vollziehen, bis sie etwa sechs Fuß zurückgelegt hatten. Dann aber, nach einem schnellen Blick zurück, glaubte Charlotte, dass der Moment der maximalen Katastrophe gekommen war.
„Pippa, stopp! Kommando zurück! Nicht erschrecken! Festhalten und nichts tun! Ich habe alles unter Kontrolle! Die Brücke wird gleich frei schwingen. Wie eine Schaukel! Warte einfach ab, ich mache den Rest!“
Da riss das vierte Seil, und die Hängebrücke fiel wie ein Stein nach unten in Richtung Fluss. Die Tragkabel strafften sich, und aus der Fall- wurde immer mehr eine Halbkreisbewegung. Die Brücke klappte in zunehmender Geschwindigkeit wie ein Scharnier, das losgelassen worden war, auf den Berg zu. Das einzig positive war, dass die Bohlen sich nun aus ihrer gekippten Lage so ausrichteten, dass ihre gesamte Fläche parallel zur Bergwand zeigte. Der Luftwiderstand war enorm und bremste stark. Außerdem würde das abgeschnittene Ende der Brücke in den Fluss fallen und so die freie Pendelbewegung zusätzlich einschränken und verlangsamen.
Panische Schreie füllten die Schlucht und hallten verzerrt von den Wänden wider. Charlotte ließ Pippas Fuß los und hielt sich mit beiden Händen am linken Seil fest, als wäre sie Tarzan im Dschungel. Ihre Beine tasteten an den Bohlen vorbei, dann ließ sie diese baumeln, spannte aber die Muskeln schon vor. Rasend schnell sah sie die Bergwand, an der in Spalten viele kleine Büsche wuchsen, näherkommen. Charlotte spannte den Unterleib an, schwang die Beine in die Waagerechte und wappnete sich für den Aufprall.
„Pippa!“, brüllte sie. „Dreh den Kopf so weit nach hinten, wie du kannst! Und hinter die Bohlen!“
Etwa fünfzig Fuß war sie noch vom sicheren Ende der Brücke entfernt, insofern würde der Impact schmerzhaft, aber auszuhalten sein.
Sie sah die Bergwand auf sich zurasen, während ihr ein unsinniger Gedanke durch den Kopf schoss. Was wäre, wenn der Antrag in der Stadtverwaltung, die Brücke zu einer Art Tunnel zu erweitern, und statt Querseilen maschendrahtzaunartige Trägerelemente zu verwenden, bereits angenommen und umgesetzt worden wäre? Wie hätten dann ihre Rettungsmaßnahmen ausgesehen?
Sekunden später berührten ihre Füße den ersten Strauch. Es knackte, als Zweige brachen. Dann trafen die Schuhsohlen auf den Berg. Charlotte federte in den Knien, wie sie es auch bei Sprüngen tat, um die Wucht aufzufangen, doch ein stechender Schmerz durchzuckte sie. Ihr Körper wurde durchgerüttelt. Charlotte stöhnte auf, als es in ihren Kniegelenken knackte. Pippa schrie, als ihre Schulter auf den Berg prallte. Und auch von weiter oben ertönten Schmerzenslaute. Die Brücke pendelte einen kleinen Winkel zurück, aber der zweite Anprall war kaum mehr zu spüren.
Alle lebten.
Charlotte brüllte hinauf: „Nutzen Sie die Querseile als Strickleiter!“
An Pippa gewandt, befahl sie: „Suche mit den Füßen nach einem festen Halt in den Seilen.“
Vorsichtig tastete Pippa herum, bis sie schließlich mit beiden Schuhen auf einem sich straff spannenden Querseil stand.
„Du musst jetzt nach oben klettern, so wie früher im Garten bei eurem Baumhaus.“
„Ich ... ich traue mich nicht“, weinte das Mädchen. „Ich ... ich habe das Gefühl, nach hinten zu fallen.“
Verdammt!
Charlotte stellte die Füße weiter auseinander, schlang den rechten Ellenbogen um das rechte Geländerseil direkt oberhalb einer Querung und klemmte den Arm fest. Die linke Hand zog mit einer routinierten Bewegung Stift und Block aus der Gesäßtasche. Dann blickte sie nach oben auf Pippas Rücken. Charlotte fixierte den auffälligen Aufdruck - einen riesigen Tigerkopf - und begann zu zeichnen. Die hängende Brücke wackelte, wenn jemand oben eine Stufe hinaufkletterte, aber das störte Charlotte kaum. Es fühlte sich sogar einfacher an als auf der schrecklichen Insel, als sie im Baum gestanden und versucht hatte, mit einer Zeichnung einen Mord zu verhindern.
Das Bild war rasch vollendet, aber Charlotte fuhr die Linien noch einmal nach. Das rechte Auge hatte sich noch nicht vollständig erholt seit den Ereignissen in Calgary, und besaß nur etwa die Hälfte der Kraft ihres linken Auges. Das Überzeichnen war mittlerweile zur Standardmethode geworden.
„Ich bin gleich so weit“, sagte sie nach oben, und überzeichnete die Linien ein zweites Mal. Als sie wieder auf den realen Tigerkopf blickte, glaubte sie, um diesen ein blaues Flimmern wahrzunehmen.
Verdammte Scheinbilder, fluchte Charlotte in Gedanken. Doch die Wahrnehmung verschwand nicht. Es schien im Gegenteil sogar, als ob nun nicht nur der Tigerkopf von einem blauen Leuchten umgeben war, sondern dass der gesamte Aufdruck auf Pippas Sweater aus sich heraus blau strahlte. Aber wenigstens verschwammen die Konturen nicht.
Charlotte signierte das Bild, schob den Stift in die Hosentasche zurück und gab die nächste Anweisung: „Pippa, ich werde dich stützen. Ich drücke auf deinen Rücken, so kann ich verhindern, dass du nach hinten fällst. Dann kannst du dich auf das Hochklettern konzentrieren.“
„Wie willst du das machen? Dann musst du ja einhändig klettern!“ Pippas Stimme überschlug sich fast.
„Ganz ruhig. Ich habe gut trainiert. Du wolltest doch wissen, ob ich was Tolles erlebt habe. In einem Job musste ich viel im Fitnessstudio ermitteln. Da habe ich einiges an Muskelmasse aufgebaut. Für die paar Fuß reicht es, glaube mir.“
„Wirklich?“, fragte Pippa verzweifelt zurück.
Charlotte nahm die Zeichnung zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand und drückte die Finger leicht zusammen. „Spürst du es?“
„Ja.“
Charlotte verstärkte den Druck. „So, jetzt klettere bitte ganz langsam hinauf. Zuerst immer einen Fuß nach oben, der sucht das Querseil, dann den anderen nachziehen. Dann mit einer Hand am Seil nach oben gleiten, aber immer fest zudrücken. Du wirst das höhere Querseil spüren, greifst darum, ziehst die andere Hand nach. So wie wir es eben schon liegend gemacht haben. Und das war viel gefährlicher. Und dann drückst du die Beine durch, ja? Probiere mal eine Stufe, und bleibe dann ruhig stehen, bis ich nachkomme.“
„Soll ich die Augen wieder aufmachen?“
„Nein. Konzentriere dich auf das Tasten mit Händen und Füßen.“
Pippa gehorchte. Zitternd tastete ein Bein umher, fand aber nicht, was es suchte. Charlotte griff danach und positionierte es richtig. Langsam glitten Pippas Hände am Seil entlang nach oben. Schließlich drückte sich das Mädchen hinauf und stand nun eine Stufe höher.
„Sehr schön!“, lobte Charlotte, zog sich mit der linken Hand und mit Unterstützung der Beine nach oben, um dann die rechte Ellenbeuge nachzuschieben, zu lösen und über dem Querseil wieder einzuhaken. Den Druck der Finger auf das Bild verringerte sie keinen Moment.
Sprosse für Sprosse ging es weiter, und das Ziel kam näher.
Von oben schrie ein Mann: „Ich hab's geschafft! Warte, Esther, ich ziehe dich hoch!“ Ein paar undefinierbare Geräusche erklangen, dann brüllte der Mann erneut: „Nein, nicht nach hinten ...“ Es folgte ein Schrei, und zwei Objekte prallten gegeneinander und fielen in die Tiefe.
„Was war das?“, fragte Pippa.
„Geröll, das neben uns herunterprasselte“, log Charlotte, denn sie hatte die zwei Körper im Sturz gesehen. Ob diese auf einem Bergvorsprung lagen oder in den Fluss gefallen waren, konnte Charlotte nicht sagen. Einen Aufprall auf Wasser hatte sie jedenfalls nicht gehört.
Schließlich war Pippa am oberen Ende der Brücke angekommen. Ihre Hand spürte, wie der senkrechte Berg in die Waagerechte überging. „Ich bin gleich oben!“ Ihre Stimme enthielt ein klein wenig Hoffnung.
„Dann mache jetzt die Augen auf, aber blicke nur nach oben. - Kannst du dich hinaufziehen? Nimm die Querseile dazu!“
Pippa ächzte und stöhnte, doch sie schien irgendwie nicht weiterzukommen, obwohl ihr halber Oberkörper schon über Berghöhe ragte und die Hände schon ein Querseil festhielten, das auf dem Boden lag und nicht mehr an der Bergwand herunterhing.
„Schwinge das rechte Bein hoch, winkle es an und lege das Knie auf den Boden auf!“, riet Charlotte. Sie verstärkte den Druck auf die Zeichnung und löste gleichzeitig die linke Hand vom Seil. Nur noch mit Füßen und einem eingeklemmten Seil in der anderen Ellenbeuge hob sie nun den linken Arm und drückte Pippas Po nach oben, während sie gleichzeitig mit Hilfe der durch die Zeichnung übertragenen Kraft verhinderte, dass der Oberkörper des Mädchens sich, nachdem dieses sich einmal nach vorn gebeugt hatte, wieder vom Boden löste. Wie ein umgedrehtes L hing Pippa nun am Rand des Berges.
Das Mädchen zog das linke Bein nach und war schließlich in Sicherheit. Rasch kroch sie wie ein Feuersalamander vom Rand weg. Auch Charlotte befand sich wenig später in Sicherheit. Sie sprang auf und lief zu Pippa, die gar nicht aufhören wollte, vom Abgrund wegzurobben.
„Es ist vorbei.“
Pippa stoppte die Kriechbewegungen, richtete sich auf und schlang die Arme um Charlotte, die das nun hemmungslos weinende Mädchen fest an sich drückte. Beruhigend strich sie ihr immer wieder über das Haar. „Alles ist gut. Du bist gerettet.“
Nach ein paar Minuten der Erholung drängte Charlotte zum Aufbruch. „Komm, wir müssen die Polizei verständigen. Außerdem einen Rettungswagen.“
(Fortsetzung folgt)
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