Venedig, zweimal

Michele.S

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David betrachtete den Jungen, der am offenen Fenster des Vaporettos saß und den rechten Arm nach draußen hängen ließ. Er war etwa 12 Jahre alt und hatte ein scharf geschnittenes, aber angenehm harmonisches Gesicht unter dichten, schwarzen Haaren. Seine Körperhaltung passte seltsam zu diesem Gesicht: weder verspannt noch eingesunken noch bemüht lässig. „Ein sehr italienischer Junge“, dachte David mit einem leisen Lächeln. Die Fähre war vermutlich noch aus den 60ern, die Farben hier drin waren schon verblichen. Der Motor war träge und trotzdem kraftvoll; eine Kraft, die sich oft erst verzögert zeigte und ab und zu ins Stocken geriet, wenn die Schiffsschrauben ins Leere griffen. Es war bald 23 Uhr und außer ihm waren nur noch fünf oder sechs andere Personen auf dem Schiff. Als er zum ersten Mal nach Venedig gekommen war, hatte er kaum genug Platz zum Stehen gefunden. Damals war er 12 oder 13 gewesen. „Venedig ist halt immer auch Massentourismus, das ist der Nachteil dabei“, hatte seine Mutter gesagt. Aber er war freudig-erregt gewesen und hatte während der Hinfahrt diesen Jungen mit den ungewöhnlich leuchtenden, blauen Augen beobachtet, der ganz vorne an der Reling gestanden hatte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie der Junge seinem kleinen Bruder die Hände auf die Schultern gelegt und ihm auf die Haare geküsst hatte. Die Lichter waren nun immer näher gekommen. Jetzt verstummte der Motor und das Vaporetto glitt noch langsam weiter zur Anlegestelle „San Marco“. David griff nach seinem Koffer.


„Here is bathroom. Toilette, shower. It may take a minute until the water gets warm“, erklärte ihm der junge Mann, der sich als Lorenzo vorgestellt hatte.
„That's okay“, antwortete David. Die Wohnung lag im dritten Stock. Sie war geräumiger und geschmackvoller, als sie auf den Fotos ausgesehen hatte. Venezianisch, aber nicht gewollt altertümlich oder kitschig.
„Just put the keys here on the table before you leave.“ Dann ließ er ihn allein zurück. David ging ins Wohnzimmer und öffnete das Fenster, das auf den Kanal hinausging. Es war Anfang Mai, aber es war schon etwas schwül und roch nach Algen und totem Fisch. Genau so hatte er es in Erinnerung gehabt.
„Die Stadt hat so was Morbides. Genau wie in ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘“, hatte seine Mutter gesagt, und sein jüngerer Bruder hatte begeistert erwidert: „Den Film müssen wir unbedingt mal gucken, während wir hier sind. Und danach gehen wir nachts in den Gassen spazieren.“
David atmete schwer und sein Blick verschwamm. „Ja, Theo, das wäre toll“, dachte er. Er begann, den Koffer auszupacken. Seinen Schlafanzug legte er sorgfältig unter die dünne Bettdecke. Aus dem Seitenfach holte er die Packung Pentobarbital und stellte sie auf das Tischchen neben dem Bett. Sie war noch voll. Es würde genug sein. Dann griff er nach dem Schlüssel und verließ die Wohnung. Er hatte heute noch gar nichts gegessen.


Am nächsten Morgen lag ein feiner Dunst in der Luft, der der Stadt eine weichgezeichnete, etwas verschleierte Erscheinung gab. Diese leichte Verhüllung steigerte die Schönheit der alten Gebäude noch. David stand in San Marco, direkt am Wasser, und betrachtete eine Kirche, die in einiger Entfernung auf einer der vorgelagerten, kleinen Inseln stand. Das Meer plätscherte leise. Es war erstaunlich ruhig hier. Er stand eine Viertelstunde lang am Geländer und versuchte, das Bild auf sich wirken zu lassen. Irgendwo hier in der Nähe musste es gewesen sein, wo Theo damals plötzlich „Wartet kurz“ gerufen hatte. Er hatte sich dann am Geländer festgehalten und ganz schnell geatmet. Es hatte fast wie eine Panikattacke ausgesehen, und dabei war er einfach nur überwältigt gewesen von der Schönheit der Stadt. An genau diese Szene hatte David sehr oft gedacht, hatte immer wieder versucht, sie sich in allen Details in Erinnerung zu rufen. Das war damals tatsächlich Theo gewesen, so deutlich und ungefiltert, wie eine Person überhaupt sie selbst sein kann. Auch David kannte diese Ekstase, die durch Schönheit hervorgerufen wurde. Damals hatte er gelächelt und sich gedacht: „Ja, er ist mein Bruder. Blutsverwandt.“
„Excuse me? Would you take a photo for us?“, hörte er nun eine Frau sagen und wurde so aus seinen Gedanken gerissen. Es handelte sich um eine junge Familie: Mutter, Vater, zwei Söhne. „Yes, no problem.“ Er ließ sich von der Frau das Smartphone in die Hand drücken. Die Familie rückte zusammen. Der ältere der Söhne lächelte nicht, sondern verschränkte die Arme und machte einen gewollt ernsten Gesichtsausdruck. Unwillkürlich musste David lächeln. Er machte vier oder fünf Fotos und gab der Frau dann das Smartphone zurück.
„Thank you so much“, sagte die Frau lächelnd. „You're welcome.“ Die kurze Begegnung hatte ihn aus seiner Starre gerissen und er lief jetzt weiter, direkt am Wasser entlang, wobei er sich immer weiter vom Markusplatz entfernte. Er erreichte langsam die Außenbezirke der Stadt. Hier waren nur noch wenige Menschen unterwegs. Jetzt lief er auf einen jungen Mann zu, der ihn sehr unverhohlen betrachtete. Etwas in seiner Körperhaltung ließ David vermuten, dass der Mann ihn ansprechen würde, und er sollte Recht behalten. „All the action is in the other direction“, sagte er in einer angenehm belegten Stimme und lächelte David mit seinen grünen Augen breit an. Er hatte kurze, tiefschwarze Haare und eine lange, sehr gerade Adlernase, die seinem Gesicht einen Ausdruck von Willenskraft gab.
„I know. I am not the guy for action“, antwortete David und blieb stehen.
„Like most intelligent people, I guess“, sagte der Mann. Er blickte ihm eindringlich in die Augen und sagte dann: „My name is Paolo.“ David merkte, dass Paolo anscheinend an ihm interessiert war. „Do you live in Venice or are you a tourist?“, fragte er.
„I lived in Venice my whole life.“
„You are lucky then.“
Paolo lachte. „I am not sure. For me, it's just a normal city, but very crowded.“
Beide schwiegen eine Weile, während Paolo ihn weiterhin anschaute. „So I can show you the best places here, if you want. We could meet in the evening for dinner.“
David zögerte kurz, dann nahm er das Angebot an und gab Paolo seine Handynummer. Paolo speicherte sie ein, sagte „See you“ und ging davon, nachdem er kurz lässig die Hand zu einem Gruß angehoben hatte. David drehte sich wieder zum Wasser. „So war das eigentlich nicht geplant“, dachte er und zuckte die Achseln. Jetzt waren nur noch die Möwen und ab und zu das Warnsignal eines Schiffes zu hören.


Es war bereits dunkel geworden. David schlenderte ohne Ziel durch die engen Gassen der Stadt. Bis zum Treffen mit Paolo hatte er noch Zeit, sie hatten sich erst auf 22 Uhr verabredet. Nach einiger Zeit fand er die Stelle, die er gesucht hatte. Genau hier hatte er vor über zwanzig Jahren mit seiner Mutter und seinem Bruder gestanden. Theo hatte gerufen: „Ich fasse es nicht! Das ist genau die Stelle, an der John Baxter die Zwergin im roten Mantel verfolgt hat. Genau durch dieses Tor hier gegenüber ist er gegangen.“ Er betrachtete die Stelle nachdenklich. Er hatte den Film schon länger nicht mehr gesehen. Jetzt würde er es auch nicht mehr tun. „Eigentlich schade“, dachte er. Er ging weiter, ungefähr in die Richtung, in der das Lokal liegen musste, in dem er verabredet war. Er überquerte mehrere kleine Brücken. Nur selten kam ihm jemand entgegen. Er lief jetzt durch eine Gasse, die zu beiden Seiten von sehr hohen, schmucklosen Häusern umgeben war. Überall blätterte die Farbe von den Fassaden ab und an vielen, großflächigen Stellen sah man den rohen Beton. Es war eine ausgesprochen hässliche Straße, und doch passte sie zu Venedig. Als er das Ende der Straße erreicht hatte, merkte er, dass es eine Sackgasse war, und musste wieder umdrehen. Er nahm eine sehr enge Abzweigung, die gerade breit genug für eine Person war. Dann ging es einige Treppenstufen herab und jetzt befand er sich an einer überdachten, tunnelähnlichen Stelle, die einfach im Kanal endete. Neben ihm bemerkte er eine Art steinernen Altar mit zwei kleinen Kerzen, die in einem roten Plastikgehäuse standen. Zwischen den Kerzen war ein Bild aufgestellt. Es war eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die eine hübsche junge Frau mit merkwürdig maskulinen Gesichtszügen zeigte. „Maria-Constanza della Anglese. 17.4.1929–26.4.2023.“ Die Frau war vor einer Woche gestorben. Sie war 94 geworden. David betrachtete still das schwache, flimmernde Licht der Kerzen.
„Maria-Constanza della Anglese. Der Name passt gut zu jemandem, der gerade gestorben ist“, dachte er. „Und gleichzeitig klingt er voller Leben. Italienische Namen klingen oft so.“
Ihm war ernst und feierlich zumute. So ähnlich hatte er sich oft als Kind an Heiligabend gefühlt. „Eigentlich ist der Tod nichts Trauriges. Traurig ist er immer nur für die anderen“, dachte er und bekreuzigte sich. Er konnte sich nicht daran erinnern, dies in seinem Leben jemals getan zu haben. Er blieb noch eine Weile stehen, betrachtete das Bild und genoss die Stille. Dann drehte er sich um und lief in die andere Richtung weiter. Er musste irgendwie auf eine der größeren Geschäftsstraßen kommen.


David hatte sich Spaghetti mit einer deftigen Käsesoße kommen lassen, Paolo hatte ein Fischgericht bestellt. „Except for fish, food is lousy and expensive in Venice“, meinte Paolo. „Mine is okay“, antwortete David.
Das Gespräch war bisher schleppend verlaufen. „What do you do for a living?“, fragte Paolo nach einer längeren Pause.
„I studied physics, but I didn't work for the last three years.“ David war das Thema unangenehm. Aber Paolo schien die Antwort zu freuen. „Same for me. I studied sociology, but in Italy a degree is worthless.“
„Yes, I heard so“, sagte David.
„I am 28, but I still live with my parents. My two older brothers live there too, and the oldest is 34“, sagte Paolo kopfschüttelnd.
„I see.“ David nahm einen großen Schluck Rotwein.
„Do you have any siblings?“, fragte Paolo.
David wischte sich mit der Serviette über den Mund. „I used to have a brother.“
„Oh.“ Paolo wurde etwas rot. „If you want to talk about this...“
„Aperol Spritz is only 3€ here, in Germany it's 6€“, wich David aus.
Paolo antwortete nicht darauf und betrachtete ihn stattdessen nachdenklich. „Do you know why I talked to you this morning?“
David schüttelte fragend den Kopf. „Because I thought you look sad, but at the same time like a very nice guy.“
David lächelte. „And I assumed it was because of my breast muscles.“
„Well, that too“, sagte Paolo. Sie lachten beide. David schaute ihm jetzt in die Augen und sagte: „Do you know the movie ‚Don't Look Now‘ with Donald Sutherland?“
Paolo klatschte in die Hände. „Are you serious? That's one of my favourites!“
Während des Rests des Essens war die Stimmung gelöst. Nachdem die Rechnung gekommen war, sagte Paolo: „Do you want to come to my place? My parents sleep and I have my own room.“
David zögerte ganz kurz. „No, Paolo, sorry.“
Paolo schien enttäuscht. „But why not?“
David schaute ihn nachdenklich an. „Because I want it to end just like that.“
Paolo schien kurz über diese Antwort nachzudenken, dann streckte er seine Hand aus: „David, it was a pleasure.“


David lief durch die Stadt. Er nahm an, dass er ungefähr in die Richtung seiner Ferienwohnung ging, aber er hatte es nicht eilig. Er war jetzt auf einer breiten, geschäftigen Straße, die trotz der späten Stunde noch voller Menschen war. Je weiter er ging, desto dichter wurde das Gedränge und jetzt wusste er auch, warum. Er stand direkt vor der Seufzerbrücke. Er ging die breiten, steinernen Treppenstufen hinauf und rempelte dabei immer wieder jemanden an. Niemand machte sich die Mühe, sich extra zu entschuldigen. Dann stand er ganz oben und blickte auf den Canale Grande hinab. Verschwommene Lichter spiegelten sich auf der Wasseroberfläche. Um ihn herum herrschte Stimmgewirr. Er hörte die Stimme eines Jungen: „Mama, wenn du jetzt deswegen die ganze Zeit Stress machst, kann ich den Abend nicht mehr genießen, und ich hab mich so darauf gefreut.“ Hitze stieg ihm ins Gesicht und sein Herz begann schneller zu klopfen. Er drehte sich nach der Stimme um. Sie gehörte zu einem etwa 12-jährigen, blonden Jungen. Er sah überhaupt nicht aus wie Theo. Theo hatte diesen Satz auch nie gesagt, nicht mal etwas Ähnliches. Und doch hätte er genau so von ihm kommen können. Plötzlich waren ihm die ganzen Leute zu viel. Er verließ die Brücke eilig über die andere Seite und bog schnell in eine Nebengasse ab.


„These two are 10€, this is 15€“, erklärte der Händler und zeigte ihm die verschiedenen Modelle.
„I think I'll take this“, sagte David und zeigte auf das bläuliche, kunstvoll bemalte Kerzengehäuse. Es zeigte die Seufzerbrücke und eine Gondel auf dem Kanal in kitschig-idealisierter Form. Der Händler packte es in eine kleine Papiertüte. „Good choice. Is it a present for someone?“
David gab ihm das Geld und nahm die Tüte entgegen. „No, it's for me.“
Er lief weiter die geschäftige Straße entlang. Er hatte keine Lust, die Papiertüte die ganze Zeit mit sich herumzutragen. „Ich geh schnell in die Wohnung und stell das ab, dann komm ich zurück. Mal schauen, was heute Abend noch passiert“, dachte er.
 



 
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