Verdrängung

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renatelonder

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Verdrängung

Der Raum strahlt eine feierliche Ruhe aus. Das blumige Sofa ziert unifarbene Kissen, die perfekt drapiert zum Hinsetzen einladen. Zart gelbe Store bewegen sich sanft in der leichten Brise des Frühlingswindes, der den Duft der erwachenden Natur in das kleine Zimmer bringt. Die meditative Musik im Hintergrund lädt zum Entspannen ein.

Ich beobachte sie beim Schlafen, nehme das leichte Zucken ihrer Gliedmaßen wahr. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich, bis auf ein leichtes Seufzen regelmäßig, die Atmung klingt entspannt. Von was sie jetzt wohl träumt? Ist es die Erinnerung, wie wunderbar sich die Silhouette der Berglandschaft in der Weite des Badesees spiegelte. An die Stunden, in denen wir diese Eindrücke voller Harmonie in uns aufgesogen haben. Es war herrlich, die aufwachende Natur und unsere innige Verbundenheit, machten diesen Ausflug zu einem Seelenleckerbissen, der besonderen Art. Bilder um Bilder der letzten Tage drängen sich vor mein inneres Auge.
Wie friedlich sie da liegt. Das Medikament tut seine Wirkung, nimmt ihr von Minute zu Minute mehr von den quälenden Schmerzen.

Wie sehr sie sich bemüht hat, immer Haltung zu bewahren, mich nichts davon merken zu lassen, ist mir erst heute Morgen klar geworden. Der Ausdruck in ihren Augen als sie sich von ihrem Schlaflager erhebt, lässt mich ahnen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Nein. Ich weiß es im Grunde schon lange. Ich habe den Gedanken einfach bisher nicht zugelassen. Mindestens seit einem Jahr schiebe ich ihn von mir. Es ist meine Art, solche Dinge zu verdrängen. Nicht hinsehen, nicht wahrnehmen, vielleicht geht es dann von selbst wieder weg. Das ist so viel leichter, als den Tatsachen ins Auge zu sehen …
Jetzt rollen die vielen kleinen Zeichen der letzten Wochen mit der Gewalt einer Mure in meine Erinnerung. Die plötzliche Unlust Dinge zu unternehmen, die ihr immer Spaß gemacht haben. Das Verweigern von abendlichen Spaziergängen. Die Appetitlosigkeit gepaart mit der Abneigung, mich bei Regen oder Kälte und Schnee zu begleiten.
Aber da ist noch mehr, was sich vor mein geistiges Auge drängt: Die vielen Seufzer, wenn sie sich im Schlaf gedreht hat. Ihr heimliches Wimmern, wenn sie ihr Unwohlsein vor mir verbergen wollte. Die doch recht häufigen Infekte im letzten Jahr, denen ich viel zu wenig Bedeutung beigemessen habe. Sie nahm doch immer brav ihre Medikamente ein und jedes Mal war eine Besserung zu registrieren.

Ich rücke näher an sie ran, bette ihren Kopf in meinen Schoß. Meine Hände streichen beruhigend über ihren Kopf, spielerisch gleiten ihre Haare durch meine Finger. Leise, um sie nicht zu wecken, rede ich unentwegt mit ihr. Unsinniges, Unzusammenhängendes, einfach irgendetwas. Ich glaube, ja hoffe, dass sie meine Stimme hören will. Hinter den geschlossenen Lidern bemerke ich wie sich ihre Augen bewegen. Sie nimmt mich wahr. Als wolle sie noch näher an mich heran, räkelt sie sich in eine bessere Position. Niemals werde ich diesen Moment vergessen als Minuten später ihr Körper, nach einem letzten tiefen Atemzug, erschlafft.

Mit tränennassen Augen danke ich der Tierärztin für die würdevolle letzte Stunde mit meiner geliebten, treuen Gefährtin.
 
Hallo renatelonder,

eine anrührende, einfühlsam erzählte, leise Geschichte über die Liebe zu einem Tier, das die Erzählerin in ihrem Leben wohl lange begleitet hat und darüber, Unabänderliches nicht wahrhaben zu wollen.

LG SilberneDelfine
 

renatelonder

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Liebe SilberneDefine!
Herzlichen Dank für das schöne Feedback. Ja, genau das war es. Es ist schön, dass ich diesen Gefühlen in einem kurzen Text Ausdruck geben konnte.
 

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