Vergangenes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt

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Ja, er ist wieder da – gleich am unteren Ende der Straße hat er seinen Stand mit Indianerschmuck und bunter Wollkleidung aufgebaut. Seine Haare sind immer noch lang und voll, sein Gesicht glatt und rund. Nur einzelne Haarsträhnen sind grau geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er gelebt hat, seitdem wir ihn das letzte Mal gesehen haben.
„Mit zusätzlicher Schauspielerei und Pantomime“, erklärt meine Tochter. Sie verehrt ihn. Er ist so anders als all die anderen Händler. Das gefällt ihr. Ich stehe abseits und warte, bis sie genug erzählt und gehört und sich verabschiedet hat.

Wir waren jahrelang nicht in unserer Heimatstadt auf dem Weihnachtsmarkt. Dabei gibt es bestimmte Dinge nur hier: Die Straßenbeleuchtung aus Herrnhuter Sternen, die besonderen Kartoffelchips mit zweierlei Soßen, die Lachs- und Forellenbrote vom Fischerverein und dann den Kirsch-Käsesahne-Kuchen im Café, den wir schon seit 30 Jahren essen. Und den südamerikanischen Indianer mit den freundlichen dunklen Augen.

Und dann all die anderen, die wir gut oder nur flüchtig kennen. Wie geht es dir? Was machen deine Kinder? Jeder hat eine Geschichte. Der Sohn ist verunglückt, die Tochter hat geheiratet und erwartet das erste Baby. Der Ehemann sitzt immer noch im Rollstuhl, die Schwiegertochter hat Krebs. Wir haben nicht viel Zeit zur Unterhaltung, jeder eilt weiter, will gucken, was man noch brauchen könnte. Man möchte gesehen werden, will andere Leute begrüßen.
Dann tragen sie ihre Geschenke nach Hause. Ihre Geschichten nehmen sie mit.
Und wir waren nur Gasthörer.
 

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