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Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Wenn ich in Gedanken in meine Kindheit wandere,
denke ich oft an Murmeln.
Besonders gerne an meine 5er.
Ihr Blau glich der Farbe des Meeres.
Luftblasen waren darin eingeschlossen
und zwei verwaschene Linien, die mich an Wellen erinnerten.
Hier, wenn ich mit meinen Freunden wetteiferte,
war ich der König der Schnipper.
In meiner Phantasie hielt ich Pokale in der Hand,
gewann alle Meisterschaften.
Mein Lachen kannte nur diesen Ort.
Aus Glas bestand das Herz dieser Welt.

Zu Hause wartete die Faust meines Vaters.
Er pflegte nicht zu schnippen.
Der Krieg in Afrika hatte ihn ruiniert.
Zurück blieb ein Asbach saufendes Wrack,
dessen Deliriumgespenster ich nachts von seiner Bettdecke pflückte.
Und wehe ich übersah eine der Spinnen, Würmer.
Noch immer fühle ich die Angst meines Schattenbildes,
kehre nur ungern an diesen Ort zurück.
Aber wer kann diese Bilder schon abstreifen?
Aus Stein bestand das Herz dieser Welt.
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Otto,
Besonders gerne an meine 5er.
Ihr Blau glich der Farbe des Meeres.
Luftblasen waren darin eingeschlossen
und zwei verwaschene Linien, die mich an Wellen erinnerten.
An die zwei verwaschenen Linien erinnere ich mich auch, wenn man sie genau ansah, wurden sie tintenblau.
Liebe Grüße,
ubertas
 

monsieur H

Mitglied
Lieber Otto,
als Neuling schreibe ich dir, der du schon ein Vierteljahrhundert in diesem Portals bist. Dieses Thema zeigt, (wenn es von dir handelt, was ich vermute), sehr Persönliches.
Wie so oft, lese ich zu flüchtig und freue mich dann, beim zweiten Mal mehr und wichtiges zu entdecken. So wurde die Betonung der jeweils letzten Zeile der Strophe in mir auf "dieser" gelenkt. Du hast in zwei Welten gelebt.
Die "Faust meines Vaters", das klingt sehr brutal.
Ich selber kannte schon als Ost-Kind die Spirituose "Asbach uralt" aus der Werbung. Mit dem Spruch "wenn einem soviel Schönes wird beschert" - ist es bei mir eingebrannt. Da ist "ein Asbach saufendes Wrack" richtig hart für mich und in deinem Text ähnlich wie die Faust. Mann oh Mann. Vater und Sohn, soviel Schmerz.
Ein richtig starkes Thema.

2 Begriffe kenne ich nicht: "schnippen", ist das mit Murmeln spielen?
Und was ist eine 5er (Murmel?)
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
2 Begriffe kenne ich nicht: "schnippen", ist das mit Murmeln spielen?
Und was ist eine 5er (Murmel?)
Schnippen ist die Bewegung der Murmel, die durch Daumen und Zeigefinger angestoßen wird, halt angeschnippt.
Ist wohl ein Jugendslang unserer Zeit.
Die 5er Murmel: Das ist der Durchmesser in MM der Glaskugel.
Und ja. Leider habe ich das Herz aus Stein so erleben müssen.
 
Das tut weh. Gut, für Schmerz Worte zu haben. Insbesondere für diese Art, die alt ist und immer irgendwo doch noch nachhallt.
Ich sehe eine Gegenüberstellung zweier Bilder. Die Murmeln, das Schöne, das Ding aus Glas, mit Anklängen von Wasser und Luft und etwas irrealem, fast ätherisch klarem, zu schön um wahr zu bleiben.
Und dann das Delirium. Das nahezu unaussprechliche. Aber du hast es benannt. Die Schläge, die Halluzinationen, die Nächte in Ohnmacht.
Ich glaube, wenn man so etwas aussprechen (oder eben schreiben) kann, hat man gewonnen.
Davon abgesehen - ein wohlformuliertes Gedicht. Danke. Finde, es ist eins, zumindest.


So darüber nachzudenken erinnert mich an ein anderes Gedicht: Gottfried Benn, Mutter. Das ist ähnlich trefflich.
 



 
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