verinnerlichungen

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blackout

Mitglied
Karl, der Drang, eine Situation so weit zu "verdichten", wie man den radikal minimierten Schreibvorgang literarisch zu nennen pflegt, verkürzt mitunter allzusehr, was jeglich Atmosphärisches verhindert. Ein Gedicht zu deinem Thema lebt aber von der Atmosphäre. Diese fehlende Atmosphäre verhindert, dass der Leser überhaupt eine Beziehung zu deinem Gedicht aufbauen kann. Ich halte das Thema für wirklich interessant, und die von dir aufgeführten einzelnen Elemente sind zutreffend und gut ausgewählt, aber du kommst dem Leser nicht entgegen, indem du sein Gefühl ansprichst. Damit ist nicht Larmoyanz gemeint, sondern Verständnis des Lesers für die Situation zu wecken. Deine Leser sind im Ausnahmefall Militärs, die mit deinen "Stichpunkten" auch etwas anfangen können. Damit rede ich nicht der Länge eines Gedichts das Wort. Hast du die Befürchtung, du könntest dich zu sehr öffnen, dein Thema "breitlatschen"? In dieser Beziehung habe ich bei dir überhaupt keine Befürchtung. Es ist lange her, dass ich deine Gedichte an anderen Orten fand, und ich hatte den Eindruck, du verschenkst absichtlich. Ich für meinen Teil erkenne einen literarischen Nährwert darin nicht. Du bist sicher an äußerste Rationalität gewöhnt, nicht nur in der Literatur, aber manchmal habe ich schon gedacht, warum gibt er sich nicht weniger rational.

blackout
 
bleibt die uhr nicht stehen
zwischen vergilbten fotos
ungeordnet im verstaubten koffer
stapeln sich schwarz-weiß
verspätete jugendsünden
im halbdunkel verinnerlicht
wollen sie im alter
der vergesslichkeiten
nicht mehr zu mir gehören

aber auf was warte ich noch
 
Hallo Blackout,
es geht mir überhaupt nicht darum, als sonderlich begabter Lyriker zu reagieren. Ich bin mehr als sicher, dass es hier bei der LL Könner gibt, denen ich kaum das Wasser reichen kann. Allerdings ist Verstehbarkeit für mich nicht unbedingt das wesentliche Kriterium, da ich manche Zeilen meiner Lyrik selbst nicht verstehe und mich immer wieder freue, wenn Leser*innen etwas assoziieren, auf das ich vorher nie gekommen wäre.
Meine emotionale Zurückhaltung hat etwas mit meiner Angst zu tun, Kitschiges zu schreiben. Mir ist eher an ungewöhnlichen Wortspielen gelegen. Allerdings erlebe ich meine emotionale Zurückhaltung nicht selten auch als ein gewisses Manko.
Ich danke Dir für deine ausführliche Kritik und grüße Dich herzlich
Karl
 
die uhr blieb nicht stehen
zwischen den vergilbten fotos
ungeordnet im verstaubten koffer
stapeln sich schwarz-weiß
verspätete jugendsünden
im halbdunkel verinnerlicht
wollen sie im alter
der vergesslichkeiten
nicht mehr zu mir gehören

aber auf was warte ich noch
 
die uhr blieb nicht stehen
zwischen den vergilbten fotos
ungeordnet im verstaubten koffer
stapeln sich schwarz-weiß
verspätete jugendsünden
im halbdunkel verinnerlicht
wollen sie im alter
der vergesslichkeiten
nicht mehr zu mir gehören

auf was warte ich noch
 

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