Vernissage

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hein

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Sonntagvormittag in der Kreisstadt. Der örtliche Kunstverein hat zu einer Vernissage eingeladen.

Da die Beköstigung bei derartigen Veranstaltungen allgemein als gut angesehen wird, das Wetter nicht gerade zu einem Familienausflug einlädt und die angekündigte Künstlerin Mitglied des Vereins ist, sind relativ viele Besucher erschienen.

In einer Ecke des Saales drückt sich eine Gruppe von schwarz gekleideten Gestalten. Diese sind bekannt als Mitglieder einer kleinen Freikirche, die derartige Veranstaltungen regelmäßig beobachten um das Geschehen später als ein weiteres Zeichen des allgemeinen moralischen Niedergangs und des nahenden Armageddon anprangern zu können. Sie bleiben unbeachtet.

Einige der überwiegend männlichen Besucher betrachten die ausgestellten Werke. Andere stehen in Gruppen zusammen, sprechen über dieses und jenes, zeigen ihren Kunstverstand oder auch nur ein entsprechendes Gesicht. Eine jugendlich wirkende Frau wandelt zwischen den verschiedenen Gruppen, begrüßt den Einen oder Anderen mit Handschlag und verschiedene sogar mit einem Bussi.

Ein junger Mann steht allein und erkennbar etwas verloren im Saal und hält sich an seinem Glas mit dem hier kostenlos angebotenen Weißwein fest. Er ist der neue Lehrer an der Hauptschule einer dörflichen Gemeinde im Kreisgebiet, eben erst aus der Großstadt zugezogen und jetzt auf der Suche nach Anschluss an die örtliche intellektuelle Elite.

Schließlich rafft er sich auf und schlendert in Richtung der ausgestellten Kunstwerke. Diese bestehen aus einer Reihe von größeren, wie Einmachgläser erscheinenden, Gefäßen. Bei näherer Betrachtung erkennt man darin in einer klaren Flüssigkeit Objekte, die stark an männliche Geschlechtsteile in verschiedenen Stadien der Erregung erinnern.

Seine offensichtliche Verstörung wird durch die ihm bereits aufgefallene Frau unterbrochen. Sie tritt nahe an ihn heran, reicht ihm die Hand und stellt sich vor:

„Hallo, ich bin Ute. Gefallen dir meine Werke?“

Überrascht und einen Moment sprachlos sieht der Angesprochene sie an und bemerkt, dass ihre von Weitem strahlende jugendliche Attraktivität bei näherer Betrachtung doch schon merklich durch den Einfluss fortschreitenden Alters und die Wirkungen der Schwerkraft beeinträchtigt ist. Dieser Eindruck ist auch durch den Einsatz von sommerlich leichter Kleidung, stützender Unterwäsche und der verschwenderischen Anwendung von Make-up nicht vollständig zu kaschieren.

Dann berappelt er sich und entgegnet:

„Götz! Mein Name ist Götz Schriefhermann. Ja, doch! Etwas ausgefallen, aber doch bemerkenswert, diese so naturgetreue Gestaltung. Ich muss sagen, das hätte ich hier nicht erwartet.“

Die Künstlerin kann sich gerade noch für das Kompliment bedanken bevor sie von einem Mann weggerufen wird. Der ältere Herr fordert durch mehrfaches Anschlagen an sein Weinglas die allgemeine Aufmerksamkeit ein und hebt dann zur Laudatio auf die Künstlerin und ihre neuesten Schöpfungen an.

Noch während der Ansprache zeigt ein zunehmendes Raunen im Saal das aufkommende Desinteresse des Publikums an den bekannten Floskeln und Lobpreisungen. Der junge Mann nutzt die Gelegenheit, gesellt sich, uneingeladen, zu einer kleinen Gruppe von Männern und lauscht deren Gespräche. Mit der dargestellten Kunst sind diese scheinbar schon durch, denn die Unterhaltung dreht sich um Fußballergebnisse, neue Automodelle, Urlaubspläne, Häuserpreise und andere wichtige Themen.

Nach einer Weile überwindet er seine Scheu, wendet sich an einen neben ihm stehenden Herrn und raunt diesem zu: „Die Künstlerin ist aber noch gut beisammen, eine wahrlich ansehnliche Person. Und das Werk: es scheint mir, dass hier fast naturgetreue Abbildungen männlicher Geschlechtsorgane gezeigt werden?"

Der Angesprochene dreht seinen Kopf ein wenig in Richtung des Fragenden und flüstert zurück: „Die ausgestellten Stücke sind alle natürlichen Ursprungs, nur konserviert und ein wenig in Form gebracht“. Und dazu, noch etwas leiser: „Der Ehemann der Künstlerin ist sehr eifersüchtig und sorgt für stetigen Nachschub an Objekten von Männern, die seiner Frau körperlich oder auch nur verbal zu nahe treten. Sehen Sie die dezent gekleideten Herren dort in der Ecke? Das sind die ursprünglichen Besitzer der aktuell ausgestellten Kreationen“.

Damit lässt ihn der Sprecher stehen und schlendert zu einem anderen Gesprächskreis. Götz wendet sich ebenfalls ab und holt sich ein neues Glas Wein.

Nach einiger Zeit ist der offizielle Teil der Veranstaltung beendet und das Publikum unterhält sich wieder in alter Lautstärke. Aus der Gruppe, der sich der Gesprächspartner des jungen Mannes zugesellt hatte, erklingt ein lautes Lachen. Kurze Zeit später löst sich ein Herr mittleren Alters aus dieser Runde und schlendert zu dem jetzt wieder allein Stehenden. Eine kleine Weile bleibt er neben Götz stehen, fordert dann mit einem lauten Räuspern dessen Aufmerksamkeit ein und raunt ihm zu: „Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie eben gesprochen haben? Das war der Ehemann unserer Künstlerin. Er hat gerade verkündet, dass er seiner Frau bereits ein weiteres Objekt in Aussicht stellen kann“. Dann schlendert der Sprecher weiter und lässt den Angesprochenen etwas verstört zurück.

Götz blickt noch eine kleine Weile vorsichtig in die Runde, leert dann in einem Zug sein Weinglas und verlässt fast fluchtartig den Saal. Das ihm folgende Gelächter hört er schon nicht mehr.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo hein,

oh, ist das böse. Der arme Kerl hatte doch noch gar nichts getan, aber seine Bemerkung "Die Künstlerin ist aber noch gut beisammen, eine wahrlich ansehnliche Person" war dem Ehemann schon eine verbales Zunahetreten?

Ein kleiner Fehler hat sich aber eingeschlichen: Im allerletzten Satz ist ein kleines 's' zu viel ... ;)

Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

hein

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Hallo Rainer,

danke für den Hinweis auf das kleine "s". Ist berichtigt.

Ja, das mit der "ansehnlichen Person" ist ein wenig dünn. Ich wollte es aber auch nicht zu krass formulieren ("heiße Nummer", "geiler Feger", oder ähnlich).

Vielleicht fällt mir ja noch etwas besseres ein.

LG
hein
 

Ciconia

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Moin Hein,

eine böse kleine Geschichte, die mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Ein paar kleine Stellen könntest du noch ausbessern:
durch den Einfluss fortschreitenden Alters und den die Wirkungen der Schwerkraft beeinträchtigt ist.
Sehen sie Sie die dezent gekleideten Herren dort in der Ecke?
Wissen sie Sie eigentlich, mit wem sie Sie eben gesprochen haben?
Gruß, Ciconia
 

Isbahan

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Objekte, die stark an männliche Geschlechtsteile in verschiedenen Stadien der Entfaltung erinnern.
Ähm … "Entfaltung"? Meinst Du damit die embryonale Entfaltung der Geschlechtsorgane oder die verschiedenen Stadien der Erregung?
Ich fänd` die Story glaubwürdiger, wenn die Künstlerin tatsächlich sehr attraktiv wäre.
Aber sonst: Nette Schmunzelgeschichte!
 
Wer sagt denn, dass eine, sagen wir, unauffällige Erscheinung einer Frau verwehrt, begehrt zu werden? Aber das steht hier, glaube ich, gar nicht so sehr im Vordergrund. Es ist das alleinige Annähern und Ansprechen, was den eifersüchtigen Ehemann auf den Plan ruft.

Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

Ji Rina

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oho....Der arme Götz.....Dabei sollte er doch wissen: Mit vielem kann man spaßen, aber nicht mit Eifersucht.
Und dann wird er auch noch ausgelacht...

(Finde Hein, du hast jetzt einen anderen Schreibstil als früher)
Liebe Grüße ,
Ji
 

hein

Mitglied
@Ciconia

Danke für die Hinweise. Das "sie" in der wörtlichen Rede groß schreibt wusste ich bisher nicht.

@Isbahan

Es sind natürlich die verschiedenen Stadien der Erregung gemeint.

Die Attraktivität der Künstlerin und der Eifersucht des Ehemannes könnte man natürlich auch anders darstellen. Aber ich denke das für die Geschichte Entscheidende kommt rüber.

@Ji Rina

Ich habe lange an dieser Geschichte rumgebastelt. Vielleicht ergibt sich daraus ein anderer Stil. Ursprünglich war es ein wenig lockerer, aber da kam der Inhalt nicht so klar rüber. Und mit jeder Bearbeitung wurde es ein wenig verkrampfter.
 

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