Versuch über das Scheitern

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Tula

Mitglied
Versuch über das Scheitern

nie aufzugeben – es unermüdlich aufs Neue versuchen:
beim undichten Schuh nicht das Wetter verfluchen
denselben auch einmal pro Monat putzen
das Firmenklo nicht fürs Nickerchen nutzen
Gewieher bei zotigen Witzen vermeiden
die Scheiben in kleinere Scheibchen schneiden
nicht acht Gläser trinken, wenn sieben genügen
die Klappe halten, wenn andere lügen
wenn's sakrosankt schwabbelt, nicht heimlich glotzen
nicht durchdrehen, weil wieder mal alles – zum Kotzen …

als Dichter die Sprache noch weiter entwickeln:
das Binsengepinsel daktylisch vernickeln
den Duktus im Dickicht der Distichen tarnen
hermetisch in Hymnen (homerischen!) harnen
dann klar und verständlich, in manischen Festen
(Legende, Traktat, messianisches Mästen)
in dampfenden Jamben den Lorbären fangen
und zähmen, mit alles durchbrechenden Stangen
zuweilen zart-bitteres Herzdampfgebläse
und endlich dein Opus: das Wort in der Fräse

frag dich doch selbst:
..... Usain Bold verbrannte 30 Kalorien beim Sprint, aber
..... wie viele braucht ein geiler Vers?



in diesem Sinne, Euch allen ein "Frohes Scheitern" im Neuen Jahr!
 
Zuletzt bearbeitet:

Anders Tell

Mitglied
Hallo Tula,
vielen Dank für Deinen Neujahrswunsch. Ich werde auch weiterhin freudig scheitern. Das fördert die Selbst Achtsamkeit.
Lieben Gruß
Anders
 
Hallo Tula,
irgendwann beim Lesen, also mittendrin, fiel mir auf, dass es ein Text in Reimen ist. Hat aber gar nicht weh getan! Ein schönes Thema, sich darin gedanklich zu vertiefen.

meint der Clown
 

Tula

Mitglied
Lieber @Anders Tell
So die Absicht. Schreiben scheitert ja immer wenigstens teilweise, denn kein Text, den man nicht noch besser könnte ... Hauptsache, es macht Spaß und man findet Leser, die gar nicht merken, wie 'unperfekt' das Werk eigentlich ist :cool:

Guten Rutsch und Frohes Scheitern im Neuen Jahr!

Tula
 

Tula

Mitglied
Lieber @Clown seiner Klasse
Das sehe ich jetzt positiv, dass das nicht bereits im zweiten Vers zu inneren Ohren- oder gar Zahnschmerzen führte; obendrein kommen die Reime hier in Paaren, was ja eigentlich Sommerlauben-typisch ist :rolleyes:

Aber wie der Titel verrät, es ist ja nur ein Versuch. Der bekannte Weg als Ziel. Über das Thema selbst ließe sich sicherlich noch einiges dichtend sinnieren. Vielleicht ein Vorsatz fürs nächste Jahr.

Guten Rutsch! und LG
Tula
 
G

Gelöschtes Mitglied 24453

Gast
als Dichter die Sprache noch weiter entwickeln:
das Binsengepinsel daktylisch vernickeln
den Duktus im Dickicht der Distichen tarnen
hermetisch in Hymnen (homerischen!) harnen
...
Schönes, gesundes, fruchtbares neues Jahr, Tula!

Mich bringt dieser Strophenteil Deines Gedichtes in eine narzistische Selbstreflexion.
Das daktylische Vernickeln heißt bei dem einzigen Kommentator meines "die autorin"-Gedichtes, dem ich wieder den ursprünglichen Titel "der leser" zurückgeben will, "Leiern",
"Distichen" werden, wo sie unter den "Festen Formen" musealisiert werden absolut konsequent mißachtet, klar doch, wahrscheinlich garnicht mal erkannt, trotz Klammerergänzungserklärung, selber-Schuld des Hexameter-Pentameter-Cupidos,
Homerische Hymnen gehen noch schneller unter, sie sind ja nicht mal durch den metrischen Wechsel der Zweitzeilenpentameter (wo Cupido dem Hexameter einen Fuß weggeschossen hat) zum Tanzen gebracht,

Ja, das ist in der Tat lustig, ich spiegle mich gerne darin, lachend, dankbar,
und vor allem:
Das ist schön flüssig gesungen, hätte ich mehr Daumen, würde ich trampen, mich mitnehmen lassen,
ach was, ich sitze schon längst im Auto.

grusz, hansz
 

Tula

Mitglied
Hallo Hansz
Ich sollte mich ja durchaus schämen, von Dingen zu schreiben, die ich selbst kaum verstehe. Meine eigenen zwei Hexameterversuche liegen längst Jahre zurück. Zur Verteidigung muss ich sagen, dass ich wenigstens noch keine stilistischen BUK-Imitationen geschrieben habe, aber gewiss einige Sonette, was ja nur unter Umständen des übermäßigen Genusses von gutem Wein nicht ganz verwerflich ist.
Irgendwelche Abstürze werden mir gewiss auch in diesem Jahr gelingen.

Dankend lieben Gruß und ein dichterisch kreatives Jahr wünscht
Tula
 
Hübsch,
dennoch, hier ist zu beachten: "das Binsengepinsel daktylisch vernickeln" - Nickel kann Allergien auslösen.
Werde weiterhin gelegentlich unvernickelte Binsenkörbchen flechten.

Freundliche Grüße
Binsenbrecher
 

Tula

Mitglied
Hallo Binsenbrecher
Ich lerne: Vernickeln als billige Form der (inhaltlosen) Veredelung ist der dichterischen Gesundheit nicht besonders zuträglich. Natürlich nur, wenn man es übertreibt. Hängt gewiss auch vom Bierkonsum beim Schreiben ab :rolleyes:

LG Tula
 

wiesner

Mitglied
ausgedruckt und an die Wohnungstür getesat
ist doch langweilig, wenn ständig schon vorab alles gelingt ;)

Gruß
Béla
 

Zensis

Mitglied
frag dich doch selbst:
..... Usain Bold verbrannte 30 Kalorien beim Sprint, aber
..... wie viele braucht ein geiler Vers?
Wundervoll, musste sehr lachen beim Schluss!
Dankeschön für dieses schöne Gedicht mit gedanklicher Tiefe, das sich dennoch nicht zu ernst nimmt.
In dem Sinne, hier auch meine leicht verspäteten Neujahrswünsche: frohes Schaffen!

Lieben Gruß,
Zensis
 

Tula

Mitglied
Lieber Béla
Als Anleitung für weitere Versuche ... da freut sich mein Gedicht :) War also nicht umsonst.

Nochmals beste Wünsche und dankend lieben Gruß
Tula
 

Tula

Mitglied
Hallo @Zensis
Freut mich, deine Erheiterung dazu :cool:

In der Tat, 30 Kalorien (also kcal) hört sich eher wenig an, aber in etwa 10 Sekunden!
Schreiben ist wahrscheinlich eher mit Dauerlauf vergleichbar. Vielleicht so 500 Kalorien pro Stunde und in dieser Zeitspanne entstehen rein dichterisch gesehen kaum mehr als Schnellschüsse. Woran man sieht, dass man beim Dichten, schon um der übermäßigen Abmagerung vorzubeugen, hin und wieder ein Bier trinken sollte.

Dankend lieben Gruß
Tula
 
Natürlich musste ich erst mal g*ln, wer Usain Bold ist. Somit müsste die Dichtkunst superschnell, aber extrem anstrengend sein. Einen solchen Weltrekord-Schnellläufer mit einem Dichter zu vergleichen, das hat ja nun einen kaum zu übertreffenden satirisch-ironischen Effekt (wenn man den Bold kennt und ihn nicht einfach für eine Schriftart hält.)

Am besten gefällt mir die Zeile "in dampfenden Jamben den Lorbären fangen" aber es fällt schwer, den besten Vers zu finden, weil sie alle sowohl eingängig wie hintersinnig sind.

Das sollte doch noch mal gesagt sein!

Freundliche Grüße
Binsenbrecher
 

Tula

Mitglied
Lieber @Binsenbrecher
Dann bin ich wenigstens bei diesem Versuch nicht vollkommen gescheitert :)

Der richtige Sprinter schreibt sich natürlich richtig als Bolt, nicht Bold. Das war zunächst ein Fehler. Dann ließ ich das als Gag und Teil des Scheiterns so stehen.

Dankend lieben Gruß
Tula
 



 
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