verzeih den träumen

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HerbertH

Mitglied
verzeih den träumen
die ungebeten deine nächte schwängern
oft unerkanntes nahes unbewusstes bleiben

sie halten stete ausschau
nach der nächsten brautschau nächtens
und müssen harren wo andere entgeistert flüchten

sie spannen zeiten über räume
und dehnen augen blicke zu jahren
am selben ort selbst über ozeane

bedenke traumes früchte
entbinden später oft und schmerzvoll
und fluchen geistern die entschwinden

verzeih den träumen
sie spannen zeiten über räume
meist auf geborgte nähe harrend
und müssen stete ausschau halten
 
X

xxandros

Gast
lieber herbert,

ich nehme es wörtlich und verstehe es sogar als sehr persönlich:
verzeih den träumen
die ungebeten deine nächte schwängern
oft unerkanntes nahes unbewusstes bleiben
selbst ein autor wie du, dessen offenbarungen so nah und als echt rüberkommen, begeht hier eine "eiskalte" autopsie, seziert fachmännisch die großen hoffnungen, um sich schrecklich zu erklären:
sie spannen zeiten über räume
und dehnen augen blicke zu jahren
am selben ort selbst über ozeane
und hier erscheint mit den folgenden zeilen doch noch einmal ein argument ad hominem, der uns scheinbar fast um entschuldigung bittet:
verzeih den träumen
sie spannen zeiten über räume
meist auf geborgte nähe harrend
und müssen stete ausschau halten
was bei deinen traumbildern und erinnerungsfragmenten noch wichtiger erscheint, neben dem fast collageartigen gefüge, ist doch mehr gabe, wenn sie mit solch startken assonanzen und assoziationen angereichert, und darin dennoch mit alten und neuen formen spielend, in eine schlichtheit überzugehen, die einfach überrascht.

ich spanne zeiten über räume.

ich empfinde etwas stetiges.

ein gedicht, das etwas bewirkt.

vielen dank für diese gabe.

lg xx
 

HerbertH

Mitglied
Lieber xxandros,

es freut mich sehr, dass ich mit diesen Zeilen, die auf die letzten vier hinzusteuern, die mit ähnlichen klingenden Wörtern und Assonanzen spielen und von denen ich vermute, dass sie nicht allen etwas sagen, Dein feines Gespür angesprochen und Dich zu diesem - wie so oft - sehr einfühlsamen Kommentar verleiten konnte :). Ich habe versucht, den eigentümlichen Charakter von Träumen nachzubilden, die oft zwischen Wunsch und Alb changieren... und was sie nicht alles mit uns anstellen können, was oft verschlüsselt, was wir nur schwer ertragen können.

Danke und liebe Grüße

Herbert
 
Liebe Herbert,
Dein Traumgedicht gefällt mir sehr. Auch sprachlich hast Du es als etwas Schwebendes Unreales und doch Vorhandenes und Wirksames hinbekommen.
Gruß
Karl
 

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