Vielleicht hatte sie recht

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Johnson

Mitglied
An einem Zaun
unter einem Holunderstrauch
lagen wir
Vielleicht hatte sie recht damit
und wir waren nie sowas wie
Yin und Yang
und vielleicht hatte sie recht
und da war kein
Sex mehr zwischen uns
Ich trug doch extra meinen
quietschgelben Anzug
mit schwarzer Weste
Schlug eine Ameise tot,
lachte irgendwie,
als eine Fliege auf ihrem linken
Ohr landete
und dann ging sie für immer fort
 
Zuletzt bearbeitet:

sufnus

Mitglied
Hi Johnson!
Das mag ich! Der Holunderstrauch ist schonmal ein wunderbarer Einstieg! Und die Antiklimax des Textes, nämlich von einer Szenerie vogelweidlerischer Qualitäten über eine spirituelle Dehnübung zum fehlendem Sex bis dann zuguterletzt die Handlung im Reich der Kerbtiere versandet, ist sehr schön!
Aber der letzte Satz ist zu viel. Hier lasse ich jetzt mal sogar mal mein übliches "für mich" oder "nach meiner Ansicht" weg - durch diesen unnötig melodramatischen Abgang kommt die ganze Angelegenheit schon rein dynamisch sehr ins Wanken und wird auf der poetischen Ebene quasi luftdicht eingeschweißt. Ich denke ohne den letzten Satz wäre die geschilderte Non-Beziehung genauso trostlos, aber der Text bliebe viel beweglicher, lebendiger.
LG!
S.
 

Johnson

Mitglied
Hi Johnson!
Das mag ich! Der Holunderstrauch ist schonmal ein wunderbarer Einstieg! Und die Antiklimax des Textes, nämlich von einer Szenerie vogelweidlerischer Qualitäten über eine spirituelle Dehnübung zum fehlendem Sex bis dann zuguterletzt die Handlung im Reich der Kerbtiere versandet, ist sehr schön!
Aber der letzte Satz ist zu viel. Hier lasse ich jetzt mal sogar mal mein übliches "für mich" oder "nach meiner Ansicht" weg - durch diesen unnötig melodramatischen Abgang kommt die ganze Angelegenheit schon rein dynamisch sehr ins Wanken und wird auf der poetischen Ebene quasi luftdicht eingeschweißt. Ich denke ohne den letzten Satz wäre die geschilderte Non-Beziehung genauso trostlos, aber der Text bliebe viel beweglicher, lebendiger.
LG!
S.
Danke für deine Hinweise und die Beschäftigung mit dem Text!
 

sufnus

Mitglied
Hi Johnson,
gerne immer wieder! :)
Es wäre dann jetzt natürlich schön, wenn auch noch ein paar andere (idealerweise begründete ;) ) Meinungen kämen. Vielleicht findet ja manche(r) die von mir (etwas unernst-augenzwinkernd gemeint gar mit "objektivem" Anspruch) monierte "ging-für-immer-fort"-Zeile gerade schön. Und vielleicht auch gerade deshalb, weil sie eine gewisse Eindeutigkeit herstellt (die mir jetzt nicht so gemundet hat).
Nebenbefundlich muss ich sagen dass ich mehr Text-bezogene Diskussionsbeiträge bei etwas weniger Dichtergüssen ganz schön fänd. Eine etwas stärker zwischen für und wider wogende Sach-Diskussion wäre doch irgendwie erhellend. Ich reit da jetzt drauf rum, weil gerade hier bei Deinem Gedicht, lieber Johnson (bzw. bei meinem Einwand gegen die letzte Zeile mit dem für immer Fortgehen) die Möglichkeit für grundlegende Abwägungen gegeben wäre: Eindeutigkeit und Leichtverständlichkeit versus Offenheit und Mehrdimensionalität.
LG!
S.
 

revilo

Mitglied
eine wohltat gegenüber dem schauderhaftes zeugs, was hier in der letzten zeit zu lesen ist.......
 

mondnein

Mitglied
erinnert mich an den Affen, der die Fliege auf der Brust des Königs mit dessen Schwert erschlug.

erfolgreich
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber sufnus,

ich teile Deine Einschätzung und die Begründung ist sehr gut - und nachvollziehbar!

Liebe Grüße
Petra
 

sufnus

Mitglied
Hi Petra!
Freue mich, dass Du meine - ja zuweilen doch ins Weitschweifige tendierenden Ausführungen - als nachvollziehbar empfindest! :)
Darüber hinaus ist die Vorliebe für entweder eine eindeutige und klar verständliche Texthaltung oder aber einen mehrdimensionalen und inhaltlich offeneren Angang natürlich eine Frage persönlicher Vorlieben (und es die eine oder andere Möglichkeit steht, um es noch ein bisschen komplizierter zu machen, auch nicht jedem Text gleich gut).
In zwei anderen Foren (eins noch aktiv, das andere nicht mehr) habe ich in dieser Frage immer ein kongeniales Tandem mit Erich Kykal gebildet - er präferiert im Allgemeinen Klarheit, Verständlichkeit, innere Logik und Eindeutigkeit und ich eben tendenziell eher die Offenheit und einen gewissen Anteil von Inkommensurabilität (ein etwas einschüchterndes aber ziemlich cooles Fremdwort, das der alte Goethe (ein wenig provokativ) im Zusammenhang mit Lyrik einmal benutzt hat ("je inkommensurabler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion, desto besser"). :)
LG!
S.
 

fee_reloaded

Mitglied
Servus, johnson!

Jetzt hat der sufnus mir meinen Satz geklaut....ich mag das auch. Sehr sogar! Da schwingt eine Leichtigkeit durch einen an sich gar nicht so leichten Text und erzeugt dadurch eine großartige Spannung. Fast wie ein konstantes Dauersummen auf einer insektenreichen Wiese an einem Zaun unter dem Schatten eines Holunderstrauchs (was, wie auch ich finde, ein ganz großartiger Bildanker für den Einstieg in deinen schönen Text ist).

Zwei Tippfehlerchen hab ich ausgemacht...vermutlich Überbleibsel einer überarbeiteten vorigen Version:

als eine Fliegen auf ihrem linken
Ohr landetet
Mir persönlich fehlt der Übergang von der eben noch auf dem Ohr gelandeten Fliege zu dem "und dann ging sie..." Ich denke aber schon, dass der Text nicht ohne dieses Fortgehen auskommt. Spannend ist, dass mit den Landen der Fliege auf dem Ohr das Grundsummen des Textes abrupt verstummt (also für mich tut es das jedenfalls) - insofern könnte man auf das Verbindende der letzten Zeile jedenfalls verzichten, sondern das Fortgehen für sich allein als Zäsur hinstellen...

Ich hab mal die kürzestmögliche Variante versucht. Das würde auch sprachlich gut zum Rest des Textes passen - da bringst du es ja auch sehr gradeheraus auf den Punkt (was ich sprachlich sehr ansprechend finde und gut zum Inhalt und zur Stimmung passt). Nur so als Veranschaulichung:

schlug eine Ameise tot,
lachte irgendwie,
als eine Fliege auf ihrem linken
Ohr landete
dann ging sie
Es wäre jedenfalls weniger "blumig" als "und dann ging sie für immer fort" - übrigens der einzige Satz, der sprachlich herausfällt, weil eben ganz normaler Alltagssprech oder ein Satz, wie man ihn in einem Aufsatz so fände. Ich bin sicher, dir fällt noch was richtig Cooles ein. Toll ist der Text aber jetzt schon! Ich hab ihn sehr gerne gelesen und das Summen gehört und den Wind im Holunder gespürt.

LG,
fee
 

Johnson

Mitglied
Servus, johnson!

Jetzt hat der sufnus mir meinen Satz geklaut....ich mag das auch. Sehr sogar! Da schwingt eine Leichtigkeit durch einen an sich gar nicht so leichten Text und erzeugt dadurch eine großartige Spannung. Fast wie ein konstantes Dauersummen auf einer insektenreichen Wiese an einem Zaun unter dem Schatten eines Holunderstrauchs (was, wie auch ich finde, ein ganz großartiger Bildanker für den Einstieg in deinen schönen Text ist).

Zwei Tippfehlerchen hab ich ausgemacht...vermutlich Überbleibsel einer überarbeiteten vorigen Version:



Mir persönlich fehlt der Übergang von der eben noch auf dem Ohr gelandeten Fliege zu dem "und dann ging sie..." Ich denke aber schon, dass der Text nicht ohne dieses Fortgehen auskommt. Spannend ist, dass mit den Landen der Fliege auf dem Ohr das Grundsummen des Textes abrupt verstummt (also für mich tut es das jedenfalls) - insofern könnte man auf das Verbindende der letzten Zeile jedenfalls verzichten, sondern das Fortgehen für sich allein als Zäsur hinstellen...

Ich hab mal die kürzestmögliche Variante versucht. Das würde auch sprachlich gut zum Rest des Textes passen - da bringst du es ja auch sehr gradeheraus auf den Punkt (was ich sprachlich sehr ansprechend finde und gut zum Inhalt und zur Stimmung passt). Nur so als Veranschaulichung:



Es wäre jedenfalls weniger "blumig" als "und dann ging sie für immer fort" - übrigens der einzige Satz, der sprachlich herausfällt, weil eben ganz normaler Alltagssprech oder ein Satz, wie man ihn in einem Aufsatz so fände. Ich bin sicher, dir fällt noch was richtig Cooles ein. Toll ist der Text aber jetzt schon! Ich hab ihn sehr gerne gelesen und das Summen gehört und den Wind im Holunder gespürt.

LG,
fee
Danke für das Fehler finden und die Verbesserungsvorschläge an alle.
 

Tonmaler

Mitglied
Mir gefällt diese kurze Szene gut.

Ich finde auch grad den Schlusssatz stark. Warum? Weil er nach all dem vorigen Herumgespringe total unvermittelt zum wichtigen Punkt springt, auf's Äußerste lapidar. Wie ein Hieb.

Wenn ich etwas streichen würde, dann das 'irgendwie' hier:


Schlug eine Ameise tot,

lachte irgendwie,

als eine Fliege auf ihrem linken

Ohr landete

und dann ging sie für immer fort
Schlug eine Ameise tot,

lachte,

als eine Fliege auf ihrem linken

Ohr landete

und dann ging sie für immer fort

Gruß
 

revilo

Mitglied
Das "irgendwie" ist, denke ich, entbehrlich ... oder ...?



@revilo : So langsam vermisse ich Deine "bissigen" Kommentare hier auf der Leselupe ...
Wann endet denn Dein Leselupe-Exil ...?:p

Gruß
Mimi
hallo mimi, schön, dass du an mich denkst.....meine "bissigen" kommentare sind hier nicht gerne gesehen oder besser gesagt gelesen.......mir wurde von der liberalen obrigkeit sehr deutlich gesagt, ich sei hier nicht mehr erwünscht.......diesem frommen wunsche komme ich gerne nach, weil ich ein braver junge bin.....ansonsten ist doch hier alles in bester ordnung........es prasselt sterne und alle haben sich furchtbar lieb.......die (meisten) gedichte tragen einen akkuraten seitenscheitel, gehen jeden sonntag zur beichte und haben nachts artig die hände über der bettdecke........

LG von oliver
 



 
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