Vier Teller

Amo Kamano

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Vier Teller

Später Nachmittag. Leere Straßen. Häuser, eins wie das andere. Keine Stimmen.
Der Mann war auf dem Heimweg. Er bemerkte die Kinder erst, als sie ihn schon eine Weile beobachteten.
„Entschuldigung“, sagte das älteste Mädchen. „Können Sie uns helfen?“
„Unsere Tür geht nicht auf.“
Eigentlich wollte er weitergehen. Doch drei Kinder ließ man nicht einfach vor einer verschlossenen Tür stehen.
Ein Schlüsselbund in kleinen Händen.
„Wo wohnt ihr?“
Sie deutete auf ein Haus in der Straße.
Er hätte weitergehen können. Tat es nicht.
Das Haus war still.
Keine Stimmen. Keine Schritte.
„Mara, gib ihm den Schlüssel.“
„Der hier“, sagte das Mädchen und reichte ihm einen Schlüssel.
Beim dritten Versuch klickte das Schloss.

Die Tür ging auf. Er trat ein.
Die Kinder folgten. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.
Klick.
Er drehte sich um, griff nach der Klinke.
„Warum geht sie nicht auf?“
Keine Antwort.
Sie standen jetzt enger zusammen. Beobachteten ihn.
„Jetzt geht sie nicht mehr auf“, sagte das Mädchen ruhig.
„Wo sind eure Eltern?“
Die Kinder bewegten sich nicht. „Es schickt uns los.“
Drei Paar Schuhe. Keine größeren. Keine Erwachsenenjacken.
„Wie lange seid ihr schon allein?“
„Sie gehen doch nicht gleich wieder, oder?“
„Doch.“
„Bitte nicht. Sie müssen bleiben.“
Das mittlere Kind trat näher. „Wenn Sie gehen, holt es uns.“
„Dann hole ich Hilfe.“
„Nein!“
Alle drei gleichzeitig. Zu schnell. Zu laut.
„Es nimmt uns weg“, sagte das Mädchen leise. „Wir brauchen nur … einen Erwachsenen.“
Er schüttelte den Kopf. „So funktioniert das nicht.“
„Doch.“
Keine Bitte mehr. Nur Gewissheit.
Er ging zur Tür. Rüttelte.
Nichts.
„Am Anfang versuchen das alle“, sagte das mittlere Kind.
Er hielt inne. „Alle?“
Keine Antwort.
Sein Blick glitt ins Wohnzimmer.
Ein Tisch.
Gedeckt.
Vier Teller.
„Habt ihr Besuch erwartet?“
„Ja“, sagte das jüngste Kind.
Es krallte die Finger in seinen Ärmel.
„Ich rufe jemanden“, sagte er.
„Ihr Handy funktioniert hier nicht. Kein Netz.“
„Das ist Zufall.“
„Nein.“
Er wischte sich über die Stirn.
Im Schrank fand er Dinge. Schlüssel. Ein Handy. Eine Uhr.
Und Fotos.
Ein Mann am Tisch. Mit den Kindern. Er lächelte.
Ein anderes Bild. Eine Frau an der Tür mit den Kindern.
Auf jedem Bild vier Personen.
Auf jedem Foto war es ein anderer Erwachsener.
Sein Atem stockte.
„Die Erwachsenen?“, fragte er. „Was ist mit ihnen passiert?“
Auf der Rückseite eines Fotos stand:
Bleib.
„Sie hören auf, gehen zu wollen“, flüsterte das jüngste Kind.

Er rannte zur Tür. Riss daran. Nichts.
Fenster. Stuhl. Schlag. Das Glas zerbrach nicht.
Mara sah ihn an.
„Nicht die Tür hält Sie auf.“
Seine Stimme klang schärfer, als er wollte. „Was denn?“
Er drückte erneut die Klinke.
Diesmal gab die Tür nach.
Dahinter: kein Außen. Kein Himmel.
Ein Flur. Endlos. Grau.
Am Ende bewegte sich etwas.
Ein Flüstern: „Geh nicht …“
Er wich zurück.
Die Tür hinter ihm fiel zu.
Er zwang sich, ruhiger zu werden.
„Ihr kommt hier auch nicht raus, oder?“
Keine Antwort.
Er ließ von der Tür ab, sank an den Tisch und atmete schwer.
„Seit wann seid ihr hier?“
„Wir wissen es nicht mehr.“
„Es lässt uns nicht allein.“
Er musterte die Kinder und bemerkte Maras Zweifel.
„Es hält euch hier.“
Mara sah zum Tisch. Sie zögerte.
„Wir müssen hier raus!“, rief er.
Irgendwo tief im Haus knackte Holz, als würde sich das ganze Gebäude langsam strecken.

Er trat zur Tür. Legte die Hand auf die Klinke.
Widerstand.
„Hilf mir jetzt.“
„Mara, tu es nicht“, riefen die anderen Kinder warnend. „Es wird uns wieder bestrafen.“
Mara zögerte. „Diesmal sind wir nicht allein.“
Sie trat einen Schritt zurück und schluckte. Einen Moment lang rührte sie sich nicht. Dann schloss sie die Augen.
„Es merkt alles.“
Sie legte ihre Hand auf die Klinke.
Ein schriller Druck in seinem Kopf.
Die Tür bewegte sich. Ein Spalt.
Dunkelheit dahinter.
Anders als zuvor. Offen.
Im Flur hinter ihnen Schritte.
Zu schwer. Zu gleichmäßig.
„Es kommt“, flüsterte Mara.
Kälte in seinem Rücken.
Hinter ihnen ein Atemzug. Nicht von ihnen.

„Jetzt!“
Er riss die Tür weiter auf.
Mara lief als Erste. Die beiden anderen folgten ihr.
Wind. Kälte. Zum ersten Mal roch er wieder Regen.
Er wollte folgen. Etwas berührte seine Schulter.
Eine Schwere drückte ihn nieder. Der Weg nach draußen schien plötzlich unerreichbar.
Die Tür begann sich zu schließen.
Mara drehte sich um.
„Nein“, schrie sie. „Bleiben Sie nicht!“
Mara packte ihn und zog. Mit aller Kraft riss er sich los und stolperte nach draußen.
Alle Türen im Haus schlugen zu.
Nur die Straße. Still wie zuvor.
Er ging rückwärts die Straße hinunter.
Erst nach einigen Metern bemerkte er, dass das Haus wieder genauso aussah wie alle anderen.
Er wusste nicht mehr, welches Haus es gewesen war.
Auf dem Tisch standen vier Teller.
 



 
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