volksungetümlich

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da wollen sie mich doch
allzu gern vereinnahmen
die rechten volksgenossen
für ihre ersehnten freiheiten
auf ihrer braunen heimaterde

wollen mir das hetzen beibringen
damit ich für sie feinde gewinne
glauben soll ich an ihre
reinrassigen wahrheiten
und an die wage angst
vor der gefährlichen vielfalt
vor weltbürgern und schwulen
halten sie sich doch
für die wahren dichter
unter den deutschen denkern

als poet habe ich gegen sie
nur worte die sie nicht verstehen wollen
denn wer sich nicht selbst in frage stellt
verpasst die besten antworten
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Karl,
hm, ich werde nicht so recht warm mit diesem Gedicht - vielleicht vor allem deshalb, weil es mir nicht gelingt in die Rolle des LyrI zu schlüpfen?? Soll heißen: Ich fühle, was meine Person betrifft, eine große Distanz zu Begriffen wie "brauner Heimaterde" usw. Du sicher auch, das ist mir schon klar. Aber warum wollen sie mich vereinnahmen? Warum soll ein hier als ich Bezeichneter an ihre Wahrheiten glauben? Weil sie nun sozusagen zu soundsoviel Prozent auch offiziell dieses Land repräsentieren? Meine persönliche Reaktion geht dennoch zunehmend in die Richtung, dass ich allergisch reagiere, wenn ich so'n unausgegorenes, hetzerisches, reißerisches Gesülze höre. Ich werde wütend, womöglich gar angriffslustig, habe aber nicht das Gefühl, vereinnahmt zu werden.
Vielleicht fehlt mir ein inhaltlicher Hintergrund, um das Gedicht besser zu verstehen? Oder mir schwillt einfach zu sehr der Kamm angesichts der zunehmenden Salonfähigkeit reißerischen Getöses (nicht nur in Deutschland ...), das immerzu spalten und trennen will.
So liest es sich für mich zwar "politisch korrekt", aber wirklich berührt fühle ich mich nicht.
Zeile 10: soll bestimmt vage angst heißen?

lg wüstenrose
 
Hallo wüstenrose,
mein Lyr-Ich wird den rechten Versuchungen selbstverständlich auch nicht erliegen. Dennoch bleibt ihm nur die Erkenntnis, dass er mit seinen Mitteln kaum Chancen hat, jene National-Populisten von der Falschheit ihrer Behauptungen zu überzeugen.
Ich bin im 2. Weltkrieg geboren, habe in der Schule noch Lehrer ertragen müssen, die alte Nazis waren und mich entsprechend ihrer "Werte" beurteilten. Auch mein Vater und meine Mutter haben einen Teil ihrer Erziehungsgrundsätze aus der Nazi-Zeit an mir ausgelassen. Somit fühlte ich mich damals als Kind und Schüler entsprechend ausgeliefert...
Vielleicht wird dadurch mein Sozialisationshintergrund deutlich für Dich.
Daher bin ich stets auf der Hut vor den Braunen...
Sei herzlichst gegrüßt
Karl
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Karl,

Ich bin im 2. Weltkrieg geboren, habe in der Schule noch Lehrer ertragen müssen, die alte Nazis waren und mich entsprechend ihrer "Werte" beurteilten. Auch mein Vater und meine Mutter haben einen Teil ihrer Erziehungsgrundsätze aus der Nazi-Zeit an mir ausgelassen. Somit fühlte ich mich damals als Kind und Schüler entsprechend ausgeliefert...
ja, für mich war das jetzt eine sehr wichtige Hintergrundinformation, die mir einen Zugang zu deinem Gedicht eröffnet.
Ich würde es spannend finden, diesen "Hintergrund" eingangs des Gedichtes eingeflechtet zu sehen, aber es würde dann wohl auf ein gänzlich anderes Gedicht hinauslaufen, was dann nicht mehr in deinem Sinne sein dürfte? Aber wie gesagt: Ich würde gern mehr von dieser persönlichen Geschichte (damals das Ausgeliefertsein - und angesichts der Jetzt-Situation wird das LyrI von etwas eingeholt) hören, ich würde diese persönlichere Note begrüßen. In der jetzigen Form höre ich vor allem einen standhaft-souveränen Ton heraus, die dem Thema innewohnende Konflikthaftigkeit vermag ich nicht wahrzunehmen, evtl. andere Leser schon?
lg wüstenrose
 

James Blond

Mitglied
denn wer sich nicht selbst in frage stellt
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Fast möchte man diese Frage dem Dichter selbst stellen:
Zu stereotyp werden die vielfach gehörten Begriffe abgespult, zu selbstverständlich die bekannten Positionen verortet, als dass hier noch etwas infrage gestellt würde, das nicht schon täglich auf die gleiche Weise hundertfach gesagt wurde.

Wo bleibt hier das Lyrische, wo bleibt die tiefere Einsicht, wo bleibt das persönliche Bekenntnis?

Ich kann in diesem gewöhnlichen Redefluss nichts finden, dass derart hohe Noten rechtfertigen würde. Das ist lediglich "LeLu-Art": Gesinnungsnoten für political correctness.

Grüße
JB
 
da wollten sie einst
schon meinen verführbaren vater
allzu gern vereinnahmen
die rechten volksgenossen
für ihre ersehnten freiheiten
auf ihrer braunen heimaterde

jetzt wollen sie mir
das hetzen beibringen
damit ich für sie feinde gewinne
glauben soll ich an ihre
reinrassigen wahrheiten
und an die graue angst
vor der bunten vielfalt
vor weltbürgern und schwulen
halten sie sich doch
für die wahren dichter
unter den deutschen denkern

als poet habe ich gegen sie
nur worte die sie nicht verstehen wollen
denn wer sich nicht selbst in frage stellt
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Hallo James Blond,
deine Kritik halte ich für nicht unberechtigt. Politische Lyrik ist immer wieder in der Gefahr, zu geringe lyrische Tiefe hervorzubringen. Allerdings gibt es wirklich nichts Neues gegenüber jenen ewig Gestrigen. Ein wenig habe ich versucht, aus der Kritik von wüstenrose umzusetzen. Vielleicht kommt das auch deinem Anliegen zugute???
Dank und Gruß
Karl
 

revilo

Mitglied
Hallo Karl, ein interessantes Werk..... ich habs nicht so mit den politischen Gedichten...

was mich aber ziemlich stört,ist der verführbare Vater.....
das klingt so,als wäre Lyri,hätte er zur damaligen Zeit gelebt,auf jeden Fall ein Widerstandskämpfer und mindestens Mitglied der weißen Rose gewesen....aber meistens sind die, die am lautesten schreien,im Ernstfall in der ersten Reihe und sichern ihre Pfründe.....damit meine ich Dich natürlich nicht persönlich....

aber vermutlich wären wir genauso verführbar wie unsere Väter gewesen......

es ist gut, dass du das geschrieben hast, weil es mich zum intensiven Nachdenken anregt....

Lg revilo
 
Lieber Oliver,
natürlich trägt das LyrIch die "sozialen Gene" in der heutigen Zeit in sich und meint daher, sich besonders gegen die braune Dumpfheit wehren zu müssen.
Herzliche Grüße
Karl
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Karl,
da erlaube ich mir noch eine Anregung für einen Einstieg zu liefern, wenngleich ich betonen möchte, dass ich es mir nicht zutraue, einen Vorschlag für das "Gedicht-Ganze" zu machen.
Beim Lesen der veränderten Version ging es mir ähnlich wie revilo - hatte den Eindruck, dass hier allzusehr "aus der sicheren Distanz" betrachtet wird, die Rollen sind allzu klar verteilt: hier die rechten Volksgenossen, da der verführbare Vater und irgendwo das Lyri, das doch eher über den Dingen schwebt.
Könnte die "persönlichere Note" vielleicht auch in diese Richtung gehen:


geboren mit sanftem gemüt
unter einem völkischen stern der zerbarst
kaum dass ich laufen gelernt hatte
doch sein staub seine ideologie
wirkten nach als ich mich
anschickte zu werden



Ich möchte weniger genau diese Wortwahl empfehlen, denn das wird nicht unbedingt dein Ding, deine dir eigene Ausdrucksweise sein, aber die persönliche Heransgehensweise an das Thema wollte ich mal versuchen umzusetzen. Mich beschäftigen diese Fragen: Wie war es für den kleinen Jungen damals? Wie hat es sich für ihn angefühlt? Konnte er sich behaupten angesichts des Schattens, den die Nazi-Ideologie/-Vergangenheit warf? Und was bedrängt ihn - inzwischen alt gewordener Mann - heute?
lg wüstenrose
 
Hallo wüstenrose,
Dein Anliegen verstehe ich. Allerdings fällt es mir äußerst schwer, es entsprechend umzusetzen. Da brauche ich noch ein wenig Zeit...
Danke und herzliche Grüße
Karl
 

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