vom friedhof und anderen familienfesten

HerbertH

Mitglied
vom friedhof und anderen familienfesten

friedvoll mag der platz ja sein, auf dem Deine toten ruhen

wenn sie sich nicht grad im sarg umdrehen,
Dich durch das glas anstarren,
Dir mit lautlosen mundbewegungen etwas mitzuteilen versuchen,
was Du schon zu lebzeiten nicht verstanden hast

aber nicht für mich

selbst jahrzehnte sind hier wie minuten
und sekunden dehnen sich endlos

zwiesprache ist nur der widerhall der eigenen gedanken

gut, wenn du hier nicht oder ganz allein bist
 

HerbertH

Mitglied
Vom Friedhof und anderen Familienfesten

Friedvoll mag der Platz ja sein, auf dem Deine Toten ruhen

Wenn sie sich nicht grad im Sarg umdrehen,
Dich durch das Glas anstarren,
Dir mit lautlosen Mundbewegungen etwas mitzuteilen versuchen,
was Du schon zu Lebzeiten nicht verstanden hast

Aber nicht für mich

Selbst Jahrzehnte sind hier wie Minuten
und Sekunden dehnen sich endlos

Zwiesprache ist nur der Widerhall der eigenen Gedanken

Gut, wenn du hier nicht oder ganz allein bist
 
G

Gelöschtes Mitglied 8846

Gast
Hallo,

ich lese deinen Text nun wiederholt und immer wieder stört mich der Mittelteil.

"Wenn sie sich nicht grad im Sarg umdrehen,
Dich durch das Glas anstarren,
Dir mit lautlosen Mundbewegungen etwas mitzuteilen versuchen,
was Du schon zu Lebzeiten nicht verstanden hast"

Ich versuche zu verstehen, was du damit sagen willst, finde es aber nicht gut geschrieben. Was zum Beispiel ist das Glas, durch welches die Toten sehen? Särge haben doch keine Glasfläche.
Ich kenne den Spruch: ER/Sie würde sich im Grabe umdrehen, wenn er/sie es wüssten, aber für mich passt es so nicht. Ich würde den ganzen Teil umschreiben oder weglassen.

Z. B. In der Stille höre ich, wie sie dir etwas mitteilen, was Du schon zu Lebzeiten nicht verstanden hast. Oder: Ich stelle mir vor, dass sie dir etwas mitteilen...

Auch über den letzten Satz solltest du noch einmal nachdenken, jedenfalls aus meiner Sicht. Ich denke, du möchtest zwei Dinge damit ausdrücken:
-Gut ist, wenn man nicht auf einen Friedhof gehen muss, was ja leider kaum geht, da es in Deutschland eine Beisetzungspflicht gibt.
-Wenn man gehen muss, ist es besser, wenn man dabei nicht allein ist.
Der letzte Satz klingt irgendwie nicht fertig, vielleicht zwei Sätze daraus machen. Vielleicht auch: Gut, wenn du hier nicht bist oder wenigstens nicht allein.

Schau doch bitte auch noch einmal nach der Zeichensetzung, ist dir sicher nur bei der Veränderung der Kleinschreibung untergegangen.

Danke und lieben Gruß
Franka
 

ENachtigall

Mitglied
Hallo Herbert, hallo Franka.

Das großgeschriebene Du deutet darauf hin, dass es um eine konkrete Person geht, die sich - wie mir scheint - ein kleines "Trauerkabinett", eine Andachtsstelle eingerichtet hat, wo vielleicht Fotos der Verstorbenen aufbewahrt werden ("hinter Glas"). Die Anwesenheitspflicht anderer Familienangehöriger und die zu erweisende Haltung und Betroffenheit an diesem Ort wird hier als erdrückende Aufgabe beschrieben, die vom dominanten Du eingefordert wird.
Ich könnte mir vorstellen, dass es sich um das Zimmer einer verstorbenen Person handelt und ein angehöriges Familienmitglied diesen Ort "heilig" zu verhalten versucht; keine Veränderungen, keine Verarbeitung des Verlustes zulässt, sondern den erlebten Verlust tabuisierend "einbetoniert".

Grüße von Elke
 

HerbertH

Mitglied
Hallo Franka,

es gibt Särge aus Glas. Die Vorstellung davon ist so alt wie Schneewittchen. Daher möchte ich den Mittelteil so stehen lassen. Er steht für mich als Bild der "ungetrennten Trennung": Die Sicht ist frei, aber sonst nichts.

Auch den letzten Satz habe ich mir genau überlegt. Durch die eigenwillige Formulierung soll er zum Nachdenken verführen. Die "Langform"

Gut, wenn du hier nicht bist.
Oder wenn Du hier ganz allein bist.

macht den Zwiespalt des LI auch nicht besser klar.

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Vom Friedhof und anderen Familienfesten

Friedvoll mag der Platz ja sein, auf dem Deine Toten ruhen.

Wenn sie sich nicht grad im Sarg umdrehen,
Dich durch das Glas anstarren,
Dir mit lautlosen Mundbewegungen etwas mitzuteilen versuchen,
was Du schon zu Lebzeiten nicht verstanden hast.

Aber nicht für mich.

Selbst Jahrzehnte sind hier wie Minuten
und Sekunden dehnen sich endlos.

Zwiesprache ist nur der Widerhall der eigenen
Gedanken.

Gut, wenn Du hier nicht oder ganz allein bist.
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Elke,

mit

sondern den erlebten Verlust tabuisierend "einbetoniert"
hast Du die Essenz des Textes sehr genau erfasst.

Mit Deiner Deutung, die ich mal als "Totenschrein" betiteln will, hast Du mir eine neue Lesart des Textes vermittelt, die
in sich stimmig ist und für die ich Dir herzlich danke.

Liebe Grüße

Herbert
 

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