Von diesem Tag an

Ava L. Ries

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Ist da jemand oder habe ich mich verhört? War es doch nur das Knacken der Äste, die sich im Wind wiegen und mich verunsichern?

Unbeirrt laufe ich weiter, fühle die niedergefallenen, nassen Blätter und kleine Holzsplitter unter dem Gewicht meiner Beine brechen. Ich lasse die groben Zweige immer wieder meine Haut peitschen, um es zu spüren; um mich zu spüren.

Doch plötzlich tut sich vor mir eine Lichtung auf und ein kleiner Teich. Das fahle Mondlicht spiegelt sich im Wasser, glitzert und glänzt; verlockend, verführerisch.
Ich erkenne, dass ich es nicht geschafft habe. Ich kann meinem Schicksal nicht enfliehen, oder? Ist es das, was du mir damit sagen willst? Lässt mich tagelang laufen und davonrennen in dem Glauben, ich könnte es besiegen und umgehen, doch noch schaffen und mich befreien. Dabei war es an dem Tag besiegelt, als er sich für sie entschieden hat, anstatt für mich.

Da ist etwas in mir, das mich anstoßen will, aber ich stemme meine nackten Füße dagegen, vergrabe die Zehen wie wild in der feuchten Erde, um mir Halt zu geben, Widerstand.
Ich will das nicht und das weißt du. Du weißt es ganz genau, denn DU hast mich doch diese süße Versuchung kosten lassen, die mir nach nur wenigen Sekunden auf der Zunge dahingeschmolzen ist, als wäre es der köstlichste aller Bergkristalle.
Wieso hast du das getan, wenn du mich jetzt wieder zurückholst? Wieso?

Ich überlege nicht lange, ob ich einen letzten Fluchtversuch wagen soll, weil ich weiß, wie es enden wird. Du wirst mich weiter in Kreisen laufen und meine Lunge brennen lassen, nur um schlussendlich wieder hier zu landen, auf der vom Mondlicht beschienenen Lichtung. So war es doch vorgesehen, so war dein Plan.
Und wenn es nicht so ist, wenn ich mich wirklich irre und das alles nur ein blöder Zufall ist, dann sprich jetzt! Dann sag es mir jetzt, bitte! Ich flehe dich an, wie ich es zuvor noch nie getan habe, weil ich es nicht möchte. Ich möchte das nicht tun müssen. Danach wird es kein Zurück mehr geben. Es wird dann vorbei sein. Für immer.

Du bleibst stumm und strahlst dabei eine so unglaubliche Ruhe aus, dass sogar die Grillen aufhören, zu zirpen. Für nur einen kurzen Augenblick ist es vollkommen still.
Das ist mir Antwort genug.

Resigniert lasse ich die Äste los, an denen ich mich festgehalten habe und meine Füße wissen genau, wo sie hinmüssen. Sie treiben mich voran, langsam, aber bestimmt. Sanft tauche ich erst einen, dann den nächsten und immer mehr meiner Zehen in das seichte, warme Wasser und fühle sofort diese Geborgenheit, die du mir versprichst. Ich erkenne, dass ich sie vermisst habe, auch wenn ich das nicht zugeben will. Und doch hörst du, was sich tief in meinem Herzen abspielt, welches das Einzige ist, das mir geblieben ist. Alles andere bist du bereit, mir wegzunehmen, nur das nicht. Dieses eine wirst du mir lassen, das weiß ich.

Sie steigt immer tiefer hinab in das flüssige Silber und mit dem verschwinden ihrer Beine, fängt es an. Jeder weitere Zentimeter lässt sie einsinken, weil es sich ihrer Gliedmaßen eines nach dem anderen annimmt. So wie sie aus ihm geboren wurde, muss sie in ihm vergehen. Ohne Widerrede und Gegenwehr, ohne Widerstand und Geschrei, auch wenn sie es bis zuletzt versucht hat.
Als ihr Kinn die Oberfläche streift, hebt sie ihren Blick hoch zum nachtdunklen Himmel und hofft, oh ja, sie hofft ein allerletztes Mal.
Vergeblich.

Sie zerfällt, löst sich auf, Gänzlich.

Von diesem Tag an geht ein ungewöhnliches Pochen von der Stelle aus, an der Undine verschwand.
 



 
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