Von Lilien und Schwertern

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Es war einer der dunkelsten Tage des Jahres. Dezember der 22, vor allem grau.
Die nahenden Feiertage hängen in der Luft wie eine Bedrohung. Wir haben uns lang nicht mehr gesehen - Dinge haben sich verändert. Du stehst in deiner Ecke und ich vor dir - ich lass dich nicht heraus und du mich nicht hinein. Wir blockieren dass was wir sind wie wir nur können. Das was wir sind - so hoch aneinander gebrannt - geflüchtet in die klebrig süße Betäubung - und trotzdem irgendwie wahr. Wir trinken zu kaltes Dosenbier und rauchen meine widerlichen parfümierten Zigaretten, weil unsere Finger zu kalt sind zum Drehen. Noch ein Schluck - es ist kalt. Wir laufen an der Zugstrecke. Das Gespräch ist kein Gespräch - wir bestätigen nur unsere Ängste. Ich verstehe so wie ich immer verstehe und bin nicht böse. Ich führe das Gespräch mit Routine - ja - lass uns in Kontakt bleiben - ja - wir verstehen uns doch so gut - ja wir sind uns wichtig. Wir nähern uns dem Ende der Bahnhaltestelle an der du einsteigst und fährst, an der Wir enden. Es ist Mitte Dezember und die Erde ist grau und hart - du gehst auf die Knie und deine Hände versuchen verzweifelt etwas aus dem sterbenden Beet am Rande der Straße zu ziehen - die Wurzeln sind zu stark- du versuchst es an anderer Stelle und hast Erfolg. Deine müden Augen - dein Lachen ist vergangen - stehst du da mit einem Bündel Dreck in der Hand. 'Schwertlilie' fügst du erklärend hinzu. Deine Hände dreckig und klamm. Wir nähern uns dem Ende.

Setzen uns noch auf die Bank - leere kaltes Dosenbier - erdige Hände und immer noch die elendigen Fertigzigaretten. Ich muss pinkeln - du drückst mir den Klumpen Erde in die Hand und sagst, dass ich gut rieche, während du mich ein letztes mal so umarmst als wären wir nicht nur Freunde.

Taub und voller kluger Sätze kehre ich zurück. Mit einem Klumpen Erde in der Hand. Das ist es was geblieben ist. Ich stecke ihn in irgendeinen Topf und stürze mich in den Rausch - die Tage danach sind dunkel - ich trinke viel - schlafe wenig und vergesse alles- vor allem mich und auch deine Lilien und Schwerter. Das alte Jahr stirbt. Du suchst Kontakt - ich merke dir an aus welchen Gründen. Du machst dir Sorgen, weil du einen Zahn meiner Monster blitzen siehst und hast ein schlechtes Gewissen. Deine Ambivalenz - deine Lilien und deine Schwerter machst du dir zum Vorwurf. Ich verstehe dich. Verstehe uns und beruhige dich. Die Tage werden wieder länger - die Sonne scheint -. Ich tauche aus dem chaotischen Nichts auf und atme. Und plötzlich sehe ich sie - Die Lilie sie wächst - steckt ihre neuen Triebe aus der Erde und wird jeden Tag größer. Ein Chronometer. Ich pflege sie, gieße sie und bin dabei so traurig. Möchte sie mit beiden Händen rausreißen um sie loszuwerden und bleibe stumm. Was, wenn sie doch anfängt zu blühen? Wir treffen uns. Jede meiner Fasern zieht zu dir.

Die Lilie wächst. Die Richtung unklar.
 
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