Medias Argento
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Sie saß am Küchentisch und vor ihr lag der Führerschein. Der Führerschein war neu, eine matt schimmernde Plastikkarte mit ihren persönlichen Daten und einem Foto von ihr, das blass und nichtssagend war. Sie durfte darauf nicht lächeln. Ihre Haare hatte sie nach hinten stecken müssen. Die Brille musste sie auch abnehmen. Ihr Gesicht sah trüb aus und viel zu rund für ihren Geschmack.
Draußen war es Sommer und ihr Vater werkelte im Keller. Ihre Mutter war einkaufen und ihr Bruder noch in der Schule. Sie roch am Führerschein: nicht anders als ihre Gym- oder Bankkarte. Ein Stück Plastik. Zwei Anläufe bei der praktischen Prüfung. Ein ganzes Jahr samstags früh aufstehen, um in der Bäckerei auszuhelfen. Und eine Tante, die auch etwas dazu beigesteuert hatte und jetzt erwartete, herumkutschiert zu werden.
Sie hörte den Ford Fiesta ihrer Mutter in der Einfahrt. Sie steckte die Plastikkarte ein. Sie zog ihre Schuhe an, blickte noch einmal in den Spiegel im Flur und öffnete die schwere Haustür. Ihre Mutter war gerade dabei, den Kofferraum zu leeren.
„Hi, Mom“, sagte sie.
„Pack mit ein“, sagte die Frau.
Sie trugen Plastiktüten mit Lebensmitteln ins Haus, stellten sie auf der Küchenablage und auf dem Tisch ab. Die Tüten waren weiß und ohne Aufdruck. Die Mutter kam vom Wochenmarkt.
„Was ist mit den Getränken?“, fragte sie.
„Lass die Männer das machen. Wo ist dein Vater? Gerd!“
„Ich mach das schon“, sagte sie. Sie lief zum Auto und schnappte sich zwei große Tetrapacks mit Sprudelwasser, trug sie vor die Kellertür und stellte sie dort ab. Dann kam sie mit Apfelsaftschorle zurück, und zum Schluss trug sie noch die Kiste Schultheiss ins Haus.
Sie stand draußen vor dem leeren Kofferraum. Die Sonne brannte auf ihre Haut, und sie sagte: „Ich bin dann weg.“ Sie konnte noch ihre Mutter hören, die von drinnen rief: „Pass auf dich auf!“, aber da hatte sie bereits den Rückwärtsgang eingelegt, und der Wagen rollte langsam die Einfahrt hinaus.
Sie fuhr den Weg zur Hauptstraße, und um diese Tageszeit war die Hauptstraße voller Verkehr. Sie bremste früh vor dem Stoppschild, ein wenig abrupt, und wartete dann darauf, dass sich eine Lücke im endlosen Strom der Wagen auftat. Sie fuhr nach rechts, Richtung Magdeburg, und die Pfosten an der Hauptstraße waren mit Wahlplakaten übersät. Die Hauptstraße war eine gerade Linie. Der Verkehr stockte. Es war Freitagvormittag.
Sie sah ihn ein wenig außerhalb des Ortes. Sie sah seine schwarze Kleidung und den voluminösen Rucksack. Er ging zu Fuß. Sie blinkte, fuhr an den Straßenrand und sagte: „Hey, du. Dich kenne ich.“
„Hi“, sagte er. „Ich kenne dich auch.“
Um sie herum fuhren laut die Wagen. Ein Reisebus dröhnte an ihnen vorbei.
Sie sagte: „Soll ich dich ein Stück mitnehmen? Wo willst du hin?“
Er hob die Hand in die Höhe, zwei Finger ausgestreckt. Er streckte die Zunge heraus.
„Wacken.“
„Yeah, Wacken“, sagte sie. „Komm, steig ein.“
Er griff nach der Tür und warf den Rucksack nach hinten. Der schwarze Armeerucksack roch nach Bier, und er selbst nach Deodorant.
„Du kannst rauchen, wenn du willst.“ Sie öffnete den Aschenbecher und zeigte auf die Zigaretten darin. „Das ist der Wagen meiner Mutter. Sie raucht auch.“
„Wo fährst du eigentlich hin?“
Sie überlegte, was sie sagen sollte. Seine Hände waren schmal und die Finger lang. Sie waren gleich alt, er hatte aber sein Abitur schon letztes Jahr gemacht. Sie blinkte wieder, schaute in den Rückspiegel und wartete, bis sich eine Lücke im Verkehr auftat.
„Ich fahr nur rum“, sagte sie. „Chillen.“
„Du kannst mich bis zur Autobahnauffahrt mitnehmen. Von dort sind wir letztes Jahr auch zum Festival gefahren.“
„Wo sind deine Buddies?“, sagte sie.
„Die sind gestern schon losgefahren.“ Dann sagte er: „Ich hatte zu Hause Stress, weißt du? Aber jetzt ist alles klar.“
Sie nickte und dachte daran, die Spur zu halten. Die Fahrbahn war leicht geneigt, und sie war bemüht, nicht zu weit von der Mittellinie abzukommen.
„Ich bin Jonas“, sagte er.
„Ja“, sagte sie. „Ich weiß.“
Sie zeigte Jonas, wie er den Sitz verstellen konnte, und Jonas zog an dem Hebel unter seinem Sitz und streckte die langen Beine ein wenig aus.
„Wir kennen uns aus der Schule, oder?“
„Ja“, sagte sie. „Wir waren zusammen in der achten.“
„Da sind wir hierhergezogen.“
„Ich weiß“, sagte sie. „Wir waren nur ein halbes Jahr zusammen in der Klasse.“
„Was ist passiert?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin sitzengeblieben.“
Jonas schaute nach draußen, und draußen eilten die Bäume an ihnen vorbei. Hinter den Bäumen streckte sich die flache Landschaft weit aus. Große Felder. Die Schweinefarm von Tönnies. Ein Windpark.
„Das stimmt nicht“, sagte er. „Sie waren nicht nett zu dir, die aus der Klasse.“
„Nein, das waren sie nicht“, sagte sie.
„Ich war nicht dabei“, sagte er.
„Du warst nicht dabei“, sagte sie.
Sie ließ das Lenkrad los und versuchte mit der linken Hand, die Sonnenschutzblende auszurichten. Die Autos aus dem Gegenverkehr waren schnell, sie rüttelten an dem Fiesta, und Jonas hatte das Fenster heruntergekurbelt. Sie standen im Stau.
„Mein Vater …“, sagte er. „Ich kenne das von ihm.“
„Mach dir keine Sorgen“, sagte sie. „In der neuen Klasse war es viel besser. Ich war dann Klassenbeste. Ich kannte ja den Stoff, weißt du? Und das ging weiter so. Ich hab ein Einserabitur gemacht.“
„No way“, sagte er.
„Doch. Wie war es bei dir?“
„Sage ich nicht“, sagte er.
„Komm jetzt“, sagte sie.
„Zweikommaeins.“
Sie sog Luft zwischen die Zähne.
„Und jetzt?“
„Jetzt warte ich immer noch auf den Studienplatz.“
„Wo?“
„Fachhochschule in München.“
„Na dann, viel Spaß.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung, und Jonas sagte, die Bands dieses Jahr seien außergewöhnlich. Er schloss sein Telefon an das Bluetooth des Autos an, sie hörten einige Klänge, dann warf das Bluetooth sein Telefon wieder raus. Sie fuhren jetzt parallel zur Autobahn, und die Autos darauf blitzten gelegentlich hell auf.
„Wenn du willst“, sagte sie, „fahre ich dich bis zur Raststätte. Da findest du bestimmt eine Mitfahrgelegenheit.“
„Echt cool“, sagte Jonas. „Ich bin dir was schuldig.“
Sie winkte ab.
Sie nahm die Auffahrt zur Autobahn, und ihre Hände drückten das Lenkrad fest. Ein anderer Wagen fuhr vor ihr, und sie konnte gut die Spur halten. Doch dann war sie auf der offenen Fläche der breiten Autobahn, und das Auto begann zu rütteln. Jonas kurbelte das Fenster zu und sagte etwas. Sie hörte ihn nicht. Sie spürte nur das schneller werdende Rattern unter ihren Rädern, den Wind, der gegen das Auto von der Seite blies. Sie spürte die Sonne, die das Innere des Wagens erwärmte. Sie hörte ein langgezogenes Heulen, und ein teures Auto schoss an ihnen vorbei. Sie drückte das Lenkrad noch fester.
Sie fand die richtigen Gänge und drückte aufs Gaspedal. Sie sah, wie Jonas seine langen Beine nach vorne stemmte und sein Rücken in den Sitz drückte. Sie setzte den Blinker und wechselte auf die linke Spur. Sie sahen nur noch die Straße und dunkles Grün an den Rändern. Vor der Raststätte drosselte sie die Geschwindigkeit.
Ihre Wangen brannten noch, als sie ihn rausließ. Er bedankte sich und verschwand zwischen den geparkten LKWs. An der Raststätte roch es nach McDonald’s.
Sie fuhr langsam zurück, nahm die Landstraße, und die Sommerluft war warm. Ihre Tante begann, sich zu beschweren. Sie half der schweren alten Frau ins Auto.
Sie sagte: „Wenn ich fahre, gehe ich nicht ans Telefon ran.“
Sie fuhr mit ihrer Tante nach Hause. Sie ging nach oben und schaute sich Videos von Wacken an.
Sie sah die jungen Leute im Regen feiern. Sie sah die Pfützen, den Schlamm, die Ausgelassenheit. Die Leute waren nass und wälzten sich auf dem Boden. Sie tranken Bier und sangen mit.
Am Abend fuhr sie mit ihrer Mutter und der Tante zum Kaufland. Die Schwester ihrer Mutter schnaufte und bewegte sich langsam.
Sie stand an der Kasse und war gerade dabei, den Einkauf auf das Band zu legen. Sie sah ihn, zwischen den Gängen, mit einer Milchpackung in der Hand.
Sie winkte ihn zu sich und sagte: „Hey, ich dachte, du wärst jetzt in Hamburg.“
„Mein Vater“, sagte er, „hatte einen Schlaganfall.“
„Es tut mir leid“, sagte sie.
Er sah anders aus. Er trug andere Kleidung.
„Was ist passiert?“
„Er war länger krank. Das geht schon eine Weile mit ihm so.“
„War es sein Gewicht?“, fragte ihre Mutter.
„Vielleicht“, sagte er zu der Mutter, aber er schaute sie dabei an.
Er zahlte mit der Karte und stand nur da.
Auf dem Band stapelten sich die Einkäufe. Es gab runde Schalen mit Kartoffel- und Nudelsalat. Die Schweinesteaks, die ihrem Vater so gut schmeckten. Die Pizzen, die vielen gesüßten Plastikbecher mit Joghurt. Und viel Knabberzeug. Ganz hinten legte ihre Mutter die Coladosen auf das Band.
Jonas sah nicht auf.
Er ging dann, und sie begann, das ganze Essen in den Einkaufskorb zu schichten, und der Korb wurde nur voller und voller, und am Ende blieb nichts außer einer langgezogenen, nassen Spur auf dem dunklen Kassenband.
Draußen war es Sommer und ihr Vater werkelte im Keller. Ihre Mutter war einkaufen und ihr Bruder noch in der Schule. Sie roch am Führerschein: nicht anders als ihre Gym- oder Bankkarte. Ein Stück Plastik. Zwei Anläufe bei der praktischen Prüfung. Ein ganzes Jahr samstags früh aufstehen, um in der Bäckerei auszuhelfen. Und eine Tante, die auch etwas dazu beigesteuert hatte und jetzt erwartete, herumkutschiert zu werden.
Sie hörte den Ford Fiesta ihrer Mutter in der Einfahrt. Sie steckte die Plastikkarte ein. Sie zog ihre Schuhe an, blickte noch einmal in den Spiegel im Flur und öffnete die schwere Haustür. Ihre Mutter war gerade dabei, den Kofferraum zu leeren.
„Hi, Mom“, sagte sie.
„Pack mit ein“, sagte die Frau.
Sie trugen Plastiktüten mit Lebensmitteln ins Haus, stellten sie auf der Küchenablage und auf dem Tisch ab. Die Tüten waren weiß und ohne Aufdruck. Die Mutter kam vom Wochenmarkt.
„Was ist mit den Getränken?“, fragte sie.
„Lass die Männer das machen. Wo ist dein Vater? Gerd!“
„Ich mach das schon“, sagte sie. Sie lief zum Auto und schnappte sich zwei große Tetrapacks mit Sprudelwasser, trug sie vor die Kellertür und stellte sie dort ab. Dann kam sie mit Apfelsaftschorle zurück, und zum Schluss trug sie noch die Kiste Schultheiss ins Haus.
Sie stand draußen vor dem leeren Kofferraum. Die Sonne brannte auf ihre Haut, und sie sagte: „Ich bin dann weg.“ Sie konnte noch ihre Mutter hören, die von drinnen rief: „Pass auf dich auf!“, aber da hatte sie bereits den Rückwärtsgang eingelegt, und der Wagen rollte langsam die Einfahrt hinaus.
Sie fuhr den Weg zur Hauptstraße, und um diese Tageszeit war die Hauptstraße voller Verkehr. Sie bremste früh vor dem Stoppschild, ein wenig abrupt, und wartete dann darauf, dass sich eine Lücke im endlosen Strom der Wagen auftat. Sie fuhr nach rechts, Richtung Magdeburg, und die Pfosten an der Hauptstraße waren mit Wahlplakaten übersät. Die Hauptstraße war eine gerade Linie. Der Verkehr stockte. Es war Freitagvormittag.
Sie sah ihn ein wenig außerhalb des Ortes. Sie sah seine schwarze Kleidung und den voluminösen Rucksack. Er ging zu Fuß. Sie blinkte, fuhr an den Straßenrand und sagte: „Hey, du. Dich kenne ich.“
„Hi“, sagte er. „Ich kenne dich auch.“
Um sie herum fuhren laut die Wagen. Ein Reisebus dröhnte an ihnen vorbei.
Sie sagte: „Soll ich dich ein Stück mitnehmen? Wo willst du hin?“
Er hob die Hand in die Höhe, zwei Finger ausgestreckt. Er streckte die Zunge heraus.
„Wacken.“
„Yeah, Wacken“, sagte sie. „Komm, steig ein.“
Er griff nach der Tür und warf den Rucksack nach hinten. Der schwarze Armeerucksack roch nach Bier, und er selbst nach Deodorant.
„Du kannst rauchen, wenn du willst.“ Sie öffnete den Aschenbecher und zeigte auf die Zigaretten darin. „Das ist der Wagen meiner Mutter. Sie raucht auch.“
„Wo fährst du eigentlich hin?“
Sie überlegte, was sie sagen sollte. Seine Hände waren schmal und die Finger lang. Sie waren gleich alt, er hatte aber sein Abitur schon letztes Jahr gemacht. Sie blinkte wieder, schaute in den Rückspiegel und wartete, bis sich eine Lücke im Verkehr auftat.
„Ich fahr nur rum“, sagte sie. „Chillen.“
„Du kannst mich bis zur Autobahnauffahrt mitnehmen. Von dort sind wir letztes Jahr auch zum Festival gefahren.“
„Wo sind deine Buddies?“, sagte sie.
„Die sind gestern schon losgefahren.“ Dann sagte er: „Ich hatte zu Hause Stress, weißt du? Aber jetzt ist alles klar.“
Sie nickte und dachte daran, die Spur zu halten. Die Fahrbahn war leicht geneigt, und sie war bemüht, nicht zu weit von der Mittellinie abzukommen.
„Ich bin Jonas“, sagte er.
„Ja“, sagte sie. „Ich weiß.“
Sie zeigte Jonas, wie er den Sitz verstellen konnte, und Jonas zog an dem Hebel unter seinem Sitz und streckte die langen Beine ein wenig aus.
„Wir kennen uns aus der Schule, oder?“
„Ja“, sagte sie. „Wir waren zusammen in der achten.“
„Da sind wir hierhergezogen.“
„Ich weiß“, sagte sie. „Wir waren nur ein halbes Jahr zusammen in der Klasse.“
„Was ist passiert?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin sitzengeblieben.“
Jonas schaute nach draußen, und draußen eilten die Bäume an ihnen vorbei. Hinter den Bäumen streckte sich die flache Landschaft weit aus. Große Felder. Die Schweinefarm von Tönnies. Ein Windpark.
„Das stimmt nicht“, sagte er. „Sie waren nicht nett zu dir, die aus der Klasse.“
„Nein, das waren sie nicht“, sagte sie.
„Ich war nicht dabei“, sagte er.
„Du warst nicht dabei“, sagte sie.
Sie ließ das Lenkrad los und versuchte mit der linken Hand, die Sonnenschutzblende auszurichten. Die Autos aus dem Gegenverkehr waren schnell, sie rüttelten an dem Fiesta, und Jonas hatte das Fenster heruntergekurbelt. Sie standen im Stau.
„Mein Vater …“, sagte er. „Ich kenne das von ihm.“
„Mach dir keine Sorgen“, sagte sie. „In der neuen Klasse war es viel besser. Ich war dann Klassenbeste. Ich kannte ja den Stoff, weißt du? Und das ging weiter so. Ich hab ein Einserabitur gemacht.“
„No way“, sagte er.
„Doch. Wie war es bei dir?“
„Sage ich nicht“, sagte er.
„Komm jetzt“, sagte sie.
„Zweikommaeins.“
Sie sog Luft zwischen die Zähne.
„Und jetzt?“
„Jetzt warte ich immer noch auf den Studienplatz.“
„Wo?“
„Fachhochschule in München.“
„Na dann, viel Spaß.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung, und Jonas sagte, die Bands dieses Jahr seien außergewöhnlich. Er schloss sein Telefon an das Bluetooth des Autos an, sie hörten einige Klänge, dann warf das Bluetooth sein Telefon wieder raus. Sie fuhren jetzt parallel zur Autobahn, und die Autos darauf blitzten gelegentlich hell auf.
„Wenn du willst“, sagte sie, „fahre ich dich bis zur Raststätte. Da findest du bestimmt eine Mitfahrgelegenheit.“
„Echt cool“, sagte Jonas. „Ich bin dir was schuldig.“
Sie winkte ab.
Sie nahm die Auffahrt zur Autobahn, und ihre Hände drückten das Lenkrad fest. Ein anderer Wagen fuhr vor ihr, und sie konnte gut die Spur halten. Doch dann war sie auf der offenen Fläche der breiten Autobahn, und das Auto begann zu rütteln. Jonas kurbelte das Fenster zu und sagte etwas. Sie hörte ihn nicht. Sie spürte nur das schneller werdende Rattern unter ihren Rädern, den Wind, der gegen das Auto von der Seite blies. Sie spürte die Sonne, die das Innere des Wagens erwärmte. Sie hörte ein langgezogenes Heulen, und ein teures Auto schoss an ihnen vorbei. Sie drückte das Lenkrad noch fester.
Sie fand die richtigen Gänge und drückte aufs Gaspedal. Sie sah, wie Jonas seine langen Beine nach vorne stemmte und sein Rücken in den Sitz drückte. Sie setzte den Blinker und wechselte auf die linke Spur. Sie sahen nur noch die Straße und dunkles Grün an den Rändern. Vor der Raststätte drosselte sie die Geschwindigkeit.
Ihre Wangen brannten noch, als sie ihn rausließ. Er bedankte sich und verschwand zwischen den geparkten LKWs. An der Raststätte roch es nach McDonald’s.
Sie fuhr langsam zurück, nahm die Landstraße, und die Sommerluft war warm. Ihre Tante begann, sich zu beschweren. Sie half der schweren alten Frau ins Auto.
Sie sagte: „Wenn ich fahre, gehe ich nicht ans Telefon ran.“
Sie fuhr mit ihrer Tante nach Hause. Sie ging nach oben und schaute sich Videos von Wacken an.
Sie sah die jungen Leute im Regen feiern. Sie sah die Pfützen, den Schlamm, die Ausgelassenheit. Die Leute waren nass und wälzten sich auf dem Boden. Sie tranken Bier und sangen mit.
Am Abend fuhr sie mit ihrer Mutter und der Tante zum Kaufland. Die Schwester ihrer Mutter schnaufte und bewegte sich langsam.
Sie stand an der Kasse und war gerade dabei, den Einkauf auf das Band zu legen. Sie sah ihn, zwischen den Gängen, mit einer Milchpackung in der Hand.
Sie winkte ihn zu sich und sagte: „Hey, ich dachte, du wärst jetzt in Hamburg.“
„Mein Vater“, sagte er, „hatte einen Schlaganfall.“
„Es tut mir leid“, sagte sie.
Er sah anders aus. Er trug andere Kleidung.
„Was ist passiert?“
„Er war länger krank. Das geht schon eine Weile mit ihm so.“
„War es sein Gewicht?“, fragte ihre Mutter.
„Vielleicht“, sagte er zu der Mutter, aber er schaute sie dabei an.
Er zahlte mit der Karte und stand nur da.
Auf dem Band stapelten sich die Einkäufe. Es gab runde Schalen mit Kartoffel- und Nudelsalat. Die Schweinesteaks, die ihrem Vater so gut schmeckten. Die Pizzen, die vielen gesüßten Plastikbecher mit Joghurt. Und viel Knabberzeug. Ganz hinten legte ihre Mutter die Coladosen auf das Band.
Jonas sah nicht auf.
Er ging dann, und sie begann, das ganze Essen in den Einkaufskorb zu schichten, und der Korb wurde nur voller und voller, und am Ende blieb nichts außer einer langgezogenen, nassen Spur auf dem dunklen Kassenband.
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