Wahnsinnsliebe

Rei

Mitglied
1, Provozieren

Das Bild, dieses schreckliche Bild, das er ihr immer zeigte, wenn sie die Augen öffnete. Das schreckliche Bild, das sich in die Innenseiten ihrer Augen gebrannt hatte, so dass sie es immer sah. Schrecken, Gewalt, Blut, das war alles, was von ihm übrig geblieben war. Mehr gab es von ihm nicht mehr, nicht, seit er die Sache in die Hand genommen hatte. Seitdem sie hier war.

Er sagte, er liebt sie, bevor er ging, bevor er sich ihr näherte, bevor er die scheuernden Handschellen anlegte. Was hatte ergefühlt, als er ihr das Liebste in ihrem Leben genommen hatte, das, was er auf dieses schreckliche Bild verbannt, es in ihm verewigt hatte? Sie wollte nicht daran denken, sie wollte an gar nichts denken. Aber das Bild war da. Die aufgerissen braunen Augen, die immer so sanft waren. Der entstellte Mund, der sie immer so sanft geküsst hatte. Die gebrochenen Finger, die sie immer so sanft gestreichelt haben. Die tiefe Stimme, herausgeschnitten. Alles vorbei, alles verbannt auf dieses Bild, das in ihrem Hirn abgespeichert war, immer verfügbar.

Nie hätte er sie bekommen, hätte er nicht das unaussprechliche begangen, das, was sie jeden Tag sehen musste. Ihre Liebe hätte sie beschützt, behütet. Er hatte ihn ihr genommen.

Die Handschellen drückten ihr das Blut ab. Die Finger schliefen ihr ein. Würde das ein Liebender zulassen? Warum hatte er das getan?

Sie wusste noch, wie es begonnen hatte, damals, als sie gücklich mit ihm hatte sein wollen, doch dann kam er und zerstörte ihr Glück, ihre Liebe. Drängte sich zurück in ihr Leben, aus dem sie ihn Jahre zuvor verbannt hatte. Doch er war wieder da. Stärker, entschlossener, brutaler. Hatte ihn überrascht, ihn eiskalt ermordet, dieses Foto gemacht, mit dem er sie jetzt jeden Tag konfrontierte.
Er sagte, er kann das auch mit ihr machen, aber er tat es nicht. Er liebte sie. Er tat gar nichts, außer sie anketten, damit sie nicht weglief.
Das Bild hätte längst jeden Schrecken verloren haben müssen, aber das hatte es noch lange nicht. Immer wieder war etwas neues da, was sie erneut erschreckte, schockierte. Die Tränen waren längst versiegt, tief in ihr begraben. Das machte ihm Sorgen, aber er wollte sie nicht zwingen. Er zwang sie zu gar nichts, nur zu den Dingen, die gut für sie waren. Darum hatte er ihr ihn ja auch genommen. Er war der Mann in ihrem Leben, nicht der andere. Jetzt jedenfalls nicht mehr.

Sie hob ihren Kopf, als der Schlüssel in der Tür ging. Er war wieder da. Er verbannte die Erinnerungen, machte sie wieder zu einem Niemand. Sie wollte weinen, konnte nicht. Alle ihre Tränen waren bei ihrer Liebe. Nie sollte er eine davon abbekommen! Sie spuckte ihn an, provozierte ihn. Er machte die Handschellen los. Er sagte, dass er sie liebt. Er sagte, dass er es nicht dulden würde, wenn sie so zu ihm sei. Das Fenster kam näher, ihr Kopf hing über die Brüstung. Sie tat ihm weh, reizte ihn immer mehr, sie wollte, dass er es tat. Und er tat es.

Die Erinnerungen kamen wieder, als der Wind durch ihre Haare fuhr. Ihre Tränen kamen wieder. Ihre Empfindungen kamen wieder. Sie lebte wieder.


2, Kennen lernen

Sie ist auf den Weg zu ihrem ersten Tag als Azubi, nervös, aufgeregt, trockene Kehle. Was sie wohl erwartet? Das Gebäude ragt groß vor ihr auf, macht ihr Angst. Sollte sie weglaufen? Sie öffnet entschlossen die Tür und geht hinein. Weißer Marmor an den Wänden, auf dem Boden dunkler Marmor. Helle Möbel, bequeme Sessel, ein Tisch mit Zeitungen. Die Empfangsdame, blond, gutaussehend, vielleicht Ende zwanzig, lächelt. Sie lächelt zurück.
Sie sagt, sie ist die Azubine. Die Stimme zittert. Wieso denn?
Die Empfangsdame lächelt weiterhin, hebt den Telefonhörer. Sie verweist auf einen der bequemen Sessel, sie setzt sich, blättert in der FAZ. Langweilig. Keine Comics?
Der Fahrstuhl geht auf. Ein Mann, klein, dunkelhaarig, gutaussehend, steigt aus.
Er sagt, er ist ihr Ausbilder. Lächelt. Macht man das in der Arbeitswelt? Sie lächelt auch, folgt ihm in den Fahrstuhl, winkt der Telefondame. Die lächelt.
Er sagt, das seien ihre Azubikollegen. Vor ihr stehen drei junge Männer. Einer ist blond, einer dunkelhaarig, einer hat fast eine Glatze. Azubi1, Azubi2, Thorsten. Sie lächeln, also lächelt sie auch. Was nun? Sie zieht die Jacke aus und steht in der Gegend herum. Blicke kreuzen sich, man mustert sich gegenseitig. Der Ausbilder ist weg, jetzt ist die Situation entspannter. Aber sie lächeln immer noch, gezwungen, ganz unnatürlich. Sie seufzt, lässt das Lächeln verschwinden, die anderen auch. Sie unterhalten sich. Wieso hier Azubi? Hobbies? Familie? Angst?
Thorsten redet mit ihr, die anderen scheinen sich zu kennen. Sie haben viel gemeinsam, zu viel, wie sie unwillkürlich denkt. Aber er ist nett, sehr nett.
Der Ausbilder kommt wieder, Führung durch die Büroräume, offizielle Vorstellung und Begrüßung durch den Geschäftsführer.


3, Lieben lernen

Thorsten ist da, immer. Er ist dort, wo sie ist. Er ist nett, sehr nett. Zu nett? Sie weiß es nicht, fühlt sich aber nicht unwohl. Sie mag ihn, sehr sogar. Zu sehr? Sie weiß es nicht, fühlt sich aber nicht unwohl. Sie redet gern mit ihm, über ihre Gemeinsamkeiten, ihre verschiedenen Auffassungen des Lebens. Heile Welt gegen Wirklichkeit. Bisher hat sie immer gewonnen mit der Realität. Thorsten ist zu gut behütet, findet sie. Aber sie streitet nicht mit ihm, dazu ist er nicht stark genug. Er verträgt sie Wahrheit nicht, streitet sie ab, hält seine Erfahrungen dagegen. Welche Erfahrungen? Sie lacht laut, wenn er das sagt, ärgert ihn mit seiner Weltfremdheit, er lässt sich das gefallen. Er gesteht ihr, dass er sie liebt. Sie kennen sich doch gar nicht, sagt sie. Er lacht, sagt wieder, dass er sie liebt. Sie lacht, will ihn nicht. Oder doch? Sie lacht lauter, unsicher, was sie tun soll. Seine Weltfremdheit kann doch Liebe nicht zulassen, fragt sie. Er ist beleidigt. Sie streiten sich, reden nicht mehr miteinander. Sie braucht ihn. Sie liebt ihn? Sie weiß es nicht, fühlt sich aber nicht unwohl. Sie fühlt sich alleine ohne ihn, liebt sie ihn doch? Sie vertragen sich wieder, sind Freunde. Er sagt, dass er sie liebt. Sie weiß es nicht, fühlt sich aber nicht unwohl. Er sagt, dass er sie über alles liebt. Wird sie weich werden? Wenn ihr doch jemand zuhören würde! Sie sagt, dass sie ihn liebt. Wieso? Gibt sie nach? Sie küssen sich, er ist glücklich. Aber sie auch? Sie weiß es nicht, fühlt sich aber nicht unwohl. Sie küssen sich wieder, er ist immer noch so weltfremd. Wieso sollten seine Eltern sich nicht trennen dürfen? Wieso sollten sie auf ihren weltfremden, behüteten Sohn hören? Sie streiten sich immer öfter, er küsst sie, sie will nicht. Will sie ihn noch? Sie weiß es nicht, fühlt sich langsam unwohl. Woher kommt das Gefühl? Er küsst sie nicht mehr, will, dass sie ihn küsst. Aber sie tut es nicht.


4, Schluß machen

Sie will ihn nicht mehr. Sie beendet die Beziehung, hofft, dass sie trotzdem noch Freunde bleiben. Aber er will nicht, er will sie. Er ruft an, schreibt Briefe, Emails. Nervt einfach nur. Sie verbrennt sich beim Weihnachtsplätzchenbacken die Finger, er redet weiter auf sie ein. Sie will ihn nicht mehr, sieht er das nicht? Seine Weltfremdheit bricht durch. Sie hatte gehofft, sie besiegt zu haben. Aber Erziehung ist schwer zu ändern. Er sagt, sie darf nicht Schluß machen. Sie fragt wieso. Er weiß es nicht, sagt, dass er sie liebt. Deshalb. Sie sagt, das ist kein Grund, er soll sie in Ruhe lassen. Er will nicht. Sie schmeißt ihn raus, hofft, endlich Ruhe zu haben. Ein Paket kommt, ein Tagebuch. Sie sei Schuld, wenn er sich das Leben nähme. Das ist sie nicht! Sie weiß es, jeder weiß es. Aber er tut es nicht. Er sagt, er traut sich nicht. Das ist ihr recht. Sie will die Schuld nicht in die Schuhe geschoben bekommen, sie ist nicht schuld. Egal, was passiert. Er lässt sie in Ruhe, allein. Er sagt, sie soll nachdenken. Über sich und ihn, über ihre Liebe. Sie soll wieder zu ihm finden. Sie sei so fremd geworden. Sie lacht laut, unsicher, was sie tun soll. Ist sie schuld? Nein, sie ist nicht schuld. Er mit seiner Weltfremdheit!


5, Lieben

Ihr neuer Freund, blond, blaue Augen. Thorsten liegt hinter ihr, lässt sie ihn Ruhe, lässt sie ihr Leben leben. Sie ist alleine mit ihm und ihrem Glück. Aber es wird wieder gestört. Durch Adrian, den Bruder von Freund, dunkelhaarig, braune Augen. Er will sie, sie will ihn. Sie lieben sich. Sie spielt Freund etwas vor, belügt ihn. Wieso? Sie weiß es nicht, aber sie fühlt sich nicht unwohl. Adrian erfüllt sie, ist ihr Leben, ihr Glück. Wieso kann sie ihn nicht haben? Weil er der Bruder ist. Sie weiß es und fühlt sich unwohl. Schlechtes Gewissen? Nein, nur keine Idee, wie sie ihn haben kann. Heimlichkeiten, Tuscheleien, erste Vermutungen der Mutter. Nein, sagt sie, da ist nichts. Nein, sagt Adrian, da ist nichts. Mutter ist beruhigt, sie nicht. Woher weiß sie etwas? Gewissensbisse? Nein, nur ein Verlangen nach Adrian, ihrer Liebe. Sie sind heimlich zusammen, immer darauf bedacht, nicht gesehen zu werden. Niemand ahnt etwas, sie fühlen sich sicher in ihrer Liebe und ihrem verlogenen Spiel mit Freund. Schlechtes Gewissen? Nein, nur erfüllt von Liebe und Sehnsucht.


6, Beobachten

Ein Brief, von wem? Kein Absender, aber ein handbeschriebener Zettel. Thorsten! Ihr wird flau im Magen, übel, sie muß sich übergeben. Er schreibt, dass er alles weiß, alles gesehen hat. Beweise anbei. Ein, zwei Fotos. Sie und Adrian. Eindeutig. Ihr ist übel, sie übergibt sich noch mal. Er macht nicht ernst, denkt sie. Der Brief landet im Mülleimer, ein neuer Brief im Briefkasten. Er schreibt, er will es Freund sagen. Ob er das tut? Sie weiß es nicht, fühlt sich unwohl. Gewissensbisse? Nein, nur Liebe. Er blufft, sie weiß es. Der Brief landet im Mülleimer, ein weiterer in Freunds Briefkasten. Sie fängt ihn knapp ab. Herzklopfen. Er schreibt, dass er Beweise hat, aber keine Fotos dabei. Erst beim nächsten Brief. Sie schwitzt, sagt es Adrian. Er schwitzt, will die Sache beenden, aber er liebt sie doch! Sie sagt, sie sind schon zu weit drinnen, als dass sie sich jetzt trennen könnten. Er sagt, er sieht es ein. Er sagt, er liebt sie. Schlechtes Gewissen? Nein, nur Angst.


7, Fotographie

Er ist weg, Adrian ist weg. Schon seit drei Tagen. Keine Nachricht, kein Anruf, nichts. Sie macht sich Sorgen, vermisst ihn. Polizei? Keine Spur, niemand hat ihn gesehen. Sie will ihn selbst suchen, geht an ihre Geheimplätze, findet ihn nicht. Sie schreit nach ihm, ruft seinen Namen, aber er antwortet nicht. Nur der Briefkasten mit einem Brief. Nur ein Foto, ein schreckliches Foto. Adrian! Was ist passiert? Sie übergibt sich den ganzen Tag, zerreißt das Foto, verdrängt es aus ihrem Gehirn, schiebt es vor sich her, tritt darauf herum, will es vergessen. Ihre rotgeweinten Augen sind geschwollen, können nicht mehr ohne Tränen sein. Wem soll sie es sagen? Dann muß sie auch gestehen. Sie will nicht gestehen. Sie will ihre Farce aufrecht erhalten, will mit Freund und Eltern trauern. Polizei findet ihr nicht, gibt auf. Nur sie weiß etwas, sagt nichts. Sie will nichts sagen. Sie will vergessen, sie weint heimliche Tränen, ihre letzten.


8, Gefangen

Da ist er, hinter ihr: Thorsten. Sie bemerkt ihn nicht, geht ihren Weg zur Arbeit. Er greift nach ihr, zieht sie weg von der Straße, verbindet ihr die Augen, haucht seinen stinkenden Atem in ihr Gesicht. Sie kann nicht weinen, will nicht. Mit Adrian ist auch ihr Leben gegangen. Sie ist passiv, sagt nichts, tut nichts. Thorsten ist nervös, aufgekratzt, er hat sie wieder! Er sagt, er liebt sie. Sie weiß es, sie hat es immer gewusst, aber sie will seine Liebe nicht. Nicht, nachdem er ihr genommen hat, was sie so sehr geliebt hat. Er schubst sie aus dem Auto, stolpert mit ihr Treppen hinauf, stößt eine Tür auf. Die Augen sind frei, sie sieht nichts, es ist dunkel. Das Licht flammt auf, er schließt die Tür. Kein Teppich, kahle Wände, ein klappriges Bett, eine zerschlissene Couch, ein alter Fernseher. Sie weiß nicht, ob er arbeitet. Sie hat ihn so lange nicht gesehen, er ist aus ihrem Leben verschwunden, bis zu diesem Tag... Sie hat Angst, sieht ihn an. Sieht in seinen Augen den Wahnsinn glühen, den er als Liebe bezeichnet. Sie zittert. Er sagt, er freut sich, dass sie wieder bei ihm ist. Ob das Foto ihr gefallen hat? Er sagt, das war nur für sie, nur, damit ihr verdrehtes Hirn wieder weiß, was los ist. Daß sie wieder weiß, wohin sie gehört. Sie will nicht, sie schreit, er schlägt zu. Als sie aufwacht, spürt sie die scheuernden Handschellen.


9, Ende

Die Straße raste auf sie zu, Details wurden genauer, die Mutter mit Kinderwagen starrte mit offenem Mund zu ihr hinauf. Die Bremsen der Autos quietschten, Schreie und Rufe drangen an ihr Ohr. Das Leben schenkte ihr Aufmerksamkeit.
Ihre Empfindungen wurden schwächer, ihr Blick trüber. War sie jemals richtig geliebt worden?
Die Erinnerungen waren weg. Sie hatte sie zum letzten Mal gedacht.

Ó Rei 20. September 2000
 

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