Wahrscheinlich Narkolepsie

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Wer das Pech hat, im Bahnhof von *** eine knappe Stunde auf seinen Anschlusszug warten zu müssen, dem stehen in der Halle dort sage und schreibe 2 – in Worten: zwei – Sitzplätze zur freien Auswahl. Einer davon war neulich abends schon von einem jungen Mann belegt. Ich ließ mich rasch auf dem anderen nieder. Mein Nachbar sah mich von der Seite an, ich nahm es aus dem Augenwinkel wahr.

Die beiden unbequemen Holzstühle, fest zusammenmontiert, stehen gerade hinter einer dicken Säule. Sie ist quietschbunt und hat seltsame Schwellungen wie Tumore - gebauter Schwulst. Man kann nicht immerzu auf sie starren. Wohin also den Blick richten? Blicke ich links an der Säule vorbei, fixiere ich den jungen Mann – geht nicht. So kam es, dass mein Blick fortwährend nach rechts ging, in die Mitte der Halle. Ihr Baumeister war dafür bekannt, den rechten Winkel von ganzem Herzen zu hassen. Aber wie viele rechte Winkel gibt es trotzdem hier und von ihm so ungeschickt garniert mit lauter Verlegenheitskurven … Ich begann sie zu zählen.

Da tat sich links von mir etwas. Ein Mann in mittleren Jahren, Bahnbediensteter unterwegs in den Feierabend, rüttelte meinen Nachbarn an der Schulter, sprach auf ihn ein. Und das Sonderbare: Der junge Mann reagierte überhaupt nicht, schien jetzt einfach nur tief zu schlafen, stark vornübergebeugt, Arme auf die Knie aufgestützt. Der Eisenbahner zu mir: „Sehen Sie, dem ist das Handy runtergefallen.“ – „Ja, was soll man da machen? Wenn Sie ihn schon nicht wach kriegen …“ Der Ältere ging hinüber zur Dame am Infostand, schien mit ihr den Fall zu bereden. Ich sah weiter an der Säule vorbei auf die rechten Winkel.

Minuten später stürzte der junge Mann neben mir zu Boden. Mit dem Kopf auf den Fliesenboden knallen und schon instinktiv die rechte Hohlhand schützend um den Hinterkopf legen, das war eins und sprach für eine gewisse Vertrautheit mit solchen Stürzen. Dann lehnte er den Rücken gegen die Säule, die nun endlich eine Funktion erhielt, und schlief weiter, die Beine lang ausgestreckt. Passanten wunderten sich. Die Dame am Infostand telefonierte hektisch. Bald würde die Bundespolizei kommen, nahm ich an.

War es Narkolepsie? Ich kannte Gus Van Sants Film „My Own Private Idaho“ mit dem narkoleptischen Stricher, den River Phoenix so ausdrucksvoll gespielt hat. Ich hatte auch einiges über die Symptome gelesen. In diesem Fall würde abzuwarten sich empfehlen …

Fünf Minuten später regte er sich, streckte sich, saß auf und sah zu mir herüber, durchaus wach. Er war älter als bisher von mir angenommen, schon Ende zwanzig. Er sprach mich an: „Alles okay?“ – „Bei mir schon. Aber was ist mit Ihnen?“ Ich wollte auch wissen, wohin er müsse, ob er einen Zug versäumt habe usw. Er begann lange und viel auf eine wolkige Weise zu reden - nur kam dabei nichts heraus. Er mischte ständig deutsche und, wie mir schien, polnische Sprachbrocken in einer Weise, dass kein einziger Satz irgendetwas aussagte. Dabei lächelte er selbstbewusst und sich mir offenbar überlegen fühlend. Sein Lächeln schien sich tatsächlich auf mich zu beziehen und es verstärkte sich mit jeder Frage, die ich ihm stellte, um herauszufinden, ob er denn Hilfe benötige. In der Tat, er kannte sich mit der Situation aus und ich war irritiert und hilflos. Gestrandet kam er mir dennoch vor.

Mein Zug ging bald, ich musste zum Bahnsteig. Und wie bringe ich diese begonnene Geschichte hier zu einem befriedigenden Ende? Es gibt keins. Nicht einmal ein Bundespolizist ließ sich blicken, sagte: Ach, Sie sind die hilflose Person, die in Warschau vermisst gemeldet wurde … Kommen Sie doch bitte mal mit zur Bahnhofsmission. – Vielleicht war er gar nicht hilflos, vielleicht ist er bald darauf in den Zug nach Hannover gestiegen. Oder irgendeiner hat sich nach Mitternacht seiner erbarmt.
 

Vera S

Mitglied
Lieber Arno, ich würde diesen Text zu den Kurzgeschichten zählen, trotz oder ob der kurz vor dem Ende gestellten Frage. Auf jeden Fall eine interessante Episode, deren offene Enden mir gefallen...
Viele Grüße
Vera
 
Danke, Vera, für die erfreuliche Reaktion. Ja, wenn man will, kann man den Text auch dem Genre Kurzgeschichte zuordnen. Aber er hat ebenso Züge einer ausgearbeiteten Tagebucheintragung, was er tatsächlich ja auch ist.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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