Warten

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pseudodelic

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Er saß auf seinem Sessel, rauchte eine Selbstgedrehte und ließ die Asche neben dem Aschenbecher auf eine braune Bananenschale fallen. Er wartete. Das einzige was er tat war zu rauchen und stur auf die Wand zu starren, sein Blick schweifen zu lassen, dann wieder auf einem Punkt zu verharren. Er schaute auf die Uhr, aber es war lange noch nicht soweit.
Der Druck auf seiner Blase wurde unerträglich, wie das Warten selbst, und er bahnte sich einen Weg durch die Unordnung seiner Wohnung. Er stolperte über Magazine, Kippenstummel, einem Buch aus der Bibliothek, das schon lange Zeit überfällig ist, eine kaputte Lampe, Unterhosen mit Rest, eine ranzigen Haarbürste, Holz von einem Beistelltisch, der dem letzten Saufgelage zum Opfer fiel.
Er machte sich nichts draus mit seiner Socke in Urinspritzern zu stehen, es könnten seine sein, und fügte noch einige dazu. Als er wieder zu seinem Sessel schlürfte, stieß er sich den Zeh an seinem Nachttisch, der ungewollt in der Mitte des Raumes stand. Er fiel zurück in seine Ausgangsposition und steckte sich eine Zigarette an. Er wartete weiter. Sein Blick fiel auf seine Uhr, der Zeiger kriecht. Neben ihm stand ein Glas gefüllt mit trüben Leitungswasser, er warf es vom Couchtisch. Es blieb im Ganzen, aber das Wasser ergoss sich über den Fußboden. Eine große Rauchwolke kroch aus seinem Mund, langsam, und flog in seine Nase.
Sein Telefon schrillte.
Er hob nicht ab, denn er wusste wer es war.


Nachdem es aufhörte zu klingeln, zog er das Kabel aus der Wand, welches er bequem im Sitzen erreichte, und lehnte sich wieder zurück. Sein Blick blieb auf dem Bücherregal hingen mit den Klassikern. Vieles noch ungelesen, er hat zu wenig Zeit. Wer hat schon die Zeit sich mit einem Buch wochenlang rumzuschlagen. Er wartete.
Sein Magen grummelte, seine letzte Mahlzeit hatte er am Vortag. Aber Essen war jetzt eine Nebensache. Was soll's, er zündete sich gleich noch eine Kippe an. Sein Blick fiel auf das Wasserfleck auf dem Teppichboden, dann auf das eingetretene Obst mit Schimmel, und dann zurück auf das frische Nass. Sein Mund war trocken.
»Ich brauch was zu trinken!«. Er schnaufte kurz durch und erhob sich. In seinem Kühlschrank stand Bier und eine Packung Käse mit drei Scheiben. Eine aß er gleich, die Packung nahm er mit zum Tisch, genau wie das Bier. Er nahm den ersten Schluck und es war lauwarm, wie der Käse. Es war Hochsommer. Trotzdem stellte er alles in den stromlosen Kühlschrank. Alte Gewohnheit. Sein Blick fiel auf die Uhr, und er wartete.
Die leere Flasche warf er vor sich, den Käse hatte er aufgegessen. Er schaute auf die Uhr, er klopfte auf das Glas des Zifferblattes, der Sekundenzeiger tickt so müde wie er selbst ist. Er überlegte ein Buch aus dem Regal zu nehmen, entschied sich aber dagegen, er hatte wenig Zeit. Der Geschmack in seinem Mund wurde fast unerträglich, nach den Zigaretten. Er wollte eine Cola trinken, kalt, mit Eiswürfel und Zitrone- aber ihm blieb nur das Leitungswasser. Er behielt seinen Geschmack im Mund und rauchte noch eine Zigarette. Neben ihm lag die kostenlose Zeitung von letzter Woche. Er schlug sie auf, fing an einen Artikel zu lesen, riss ihn raus und knüllte es zu einem praktischen Klumpen, dann zündete er es an. Als es brannte, musste er grinsen. Er zündete sich eine Zigarette an der bläulichen Flamme an und nahm einen tiefen Zug. Er schaute auf die Uhr, stand auf, zog sich den Reißverschluss zu und machte sich auf den Weg zu seiner Arbeit- er musste auf seinen Bus warten.
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Das Psychogramm eines Zeitgenossen, der aus dem Tritt gekommen ist. Du lässt den Grad seiner Verwahrlosung offen:

Ist er ein Messie, ein Alki oder einfach nur mit seiner Situation total überfordert? Das ist legitim und stört die Dramaturgie dieser Kurzgeschichte nicht.

Was mir fehlt, ist der rote Faden, der am Ende die Phantasie beflügeln hilft. Was war mit dem Telefon? Hat er seine Wohnung angezündet? Warum geht er seelenruhig auf Arbeit? Was willst du dem Leser überhaupt vermitteln? Für mich mehr Fragen als Antworten, die meine Vorstellungskraft und mein Verständnis an ihre Grenzen bringt.

Gut geschrieben, mit morbiden Ansätzen, aber leider im Ganzen für meinen Geschmack im Handlungsablauf zu inkonsistent und zu lahm am Ende.

Sorry, aber da wäre mehr drin gewesen. Gruß vom Ironbiber
 

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