Warten

Er wartet.
Und wartet.
Am Anfang wurde der Parkplatz noch von der Sonne beschienen.
Und er wartet einfach weiter.
Die unterschiedlichsten Leute kommen vorbei. Menschen in alten Autos, die gemütlich zur Arbeit fahren. Und Menschen in schicken, schnellen Autos, die zur Arbeit rasen.
Er beobachtete sie. Denkt sich, dass sie wohl ziemlich verstockt sein müssten und wartet einfach weiter.
Nach einer Zeit hält ein Bus. Menschen steigen aus. Schüler der Realschule, Schülerinnen des verhassten Gymnasiums.
Er betrachtet alles stoisch, als wäre er nur ein Betrachter und nicht Teil der Welt.
Ihm ist keine Unruhe anzumerken. Er betrachtet die verschiedenen Gruppen, die sich auf dem Parkplatz bilden.
Die braven, die nicht lange verweilen, sondern direkt weiter zum Unterricht eilen.
Die Punks, die Passanten anpöbeln und mit Schlägen drohen.
Und die aus der Nordstadt, die mit ihren E-Rollern kleine Kinder jagen, wie die Löwen die Gazelle.
Alles wie immer.
Nur er fiel aus dem Bild, wie er da dastand und wartet. Niemand wusste, auf was er wartet.
Doch er weiß es.
Er hat sich schon seit Wochen darauf gefreut. Er will sie endlich wiedersehen. Und deshalb wartet er.
Doch so langsam weicht die unerschütterliche Ruhe einer Unruhe, die sich in ihn hineinschleicht.
Er schaut auf sein Handy.
Nichts, das Display schweigt.
Er sieht auf die Uhr.
Sie tickt unermüdlich weiter.
Er denkt an sie.
Sie hatte ihm geschrieben, dass sie kommen wird und er hatte kein Grund ihr nicht zu vertrauen.
Er wartet und er bleibt dort stehen. Er steht dort wie ein Gebirge, das sich langsam abträgt.
Erst beginnt er mit dem Ring an seinem Finger zu spielen und dreht ihn und betrachtet ihn, als sähe er ihn zum ersten Mal.
Dann wandert sein Blick über den Parkplatz. Er hält Ausschau nach der vertrauten Silhouette.
Doch er findet nichts. Mit einem Seufzer wendet er den Kopf wieder zu den Gruppen hin.
Da zerreißt ein lautes Bling die Blase der Stille um ihn herum.
Er schaut auf sein Handy.
Eine Nachricht.
Von ihr.
Freude steigt in ihm auf, wie Blasen in einem Strudel.
Er entsperrte das Gerät und schaut.
Sie schreibt, dass sie noch unsicher sei, ob sie heute kommen konnte und das spontan entscheiden würde.
Mit barbarischer Anstrengung unterdrückt er seine aufkommende Wut und meint, dass es ihm nichts ausmache und er weiter warten wird.
Er hat unbewusst die Hand zur Faust geballt und lockert sie wieder.
Nach einiger Zeit kam eine weitere Nachricht.
Er liest sie nur auf dem Sperrbildschirm und überlegt, ob es sich noch lohnt für sie, dass sie kam. Sie will noch kommen.
Er wartet also weiter und betrachtet die Gruppen erneut.
Die aus der Nordstadt haben jetzt Stress mit den Punks und die kleineren Kinder stoben davon, wie die Heuschrecken, wenn die Raben kämpfen.
Interessiert schaut er dem Treiben zu, als es erneut von einem Nachrichtenton unterbrochen wird. Sie kommt doch nicht.
Doch ehe er sich schon enttäuscht zum Gehen wenden konnte, kam die nächste Nachricht an.
Sie kommt vielleicht doch, wisse es aber nicht.
Er ist inzwischen schon hohl und morsch im Inneren.
Er steht noch eine Zeit lang da und dachte an sie und daran, dass er jetzt gehen sollte.
Eine Träne erkämpft sich den Weg aus seinem Auge und macht sich auf den beschwerlichen Weg durch sein Gesicht.
Doch nur eine.
Dann verbirgt er sein Gesicht in seiner Kapuze und geht.
Er bemerkt weder die Rufe seines Namens, noch reagiert er auf das Winken. Er war weg.
Und schließlich steht sie an seinem Ort und wartet.
Und wartet.
Und wartet.
Darauf, dass er sich nochmal umdreht
 

jon

Mitglied
DAS gefällt mir, lieber Basti. Das hat Rhythmus, das erzeugt einen gewissen Sog und das Ende funktioniert (außer: Sobald er außer Sicht ist, hört sie auf mit Warten - die Wiederholung passt also nicht).

Ein paar Hinweise:
  • Achte darauf, dass du in einer Zeitform (hier: Gegenwart) bleibst.
  • Achte bei Bildern und Metaphern auf die Sinnhaftigkeit. Berge/Gebirge werden in der Tat mit der Zeit abgetragen - gutes Bild. Aber warum sollten Heuschrecken auseinanderstieben, wenn Raben kämpfen? Oder warum sollte der Weg der Träne beschwerlich sein?
  • Der Satz „ Am Anfang wurde der Parkplatz noch von der Sonne beschienen." suggeriert, dass es inzwischen Abend ist. (Ja ich weiß, das muss nicht sein, aber das wäre der einzige Grund, warum die Sonne überhaupt in dieser Form erwähnt wird.) Was dann kommt, klingt aber eher nach einer Situation am Morgen.
  • Die Sachen, die er beobachtet, klingen nach einer Bushaltestelle am Morgen (vor Unterrichtsbeginn). Ich verstehe aber nicht, warum sie die Option hat, nicht zu kommen. Bzw. als sie kommt, warum sie dann rumsteht, statt (ihm folgend) in die Schule zu gehen. Sind die beiden keine Schüler? (Ich dachte, sie sind Realschüler, weil da was von „verhasstem“ Gymnasium steht). Wenn sie es nicht sind, vielleicht kannst das irgendwie frühzeitig vermitteln.
  • Am Anfang:
    Er beobachtete sie. Denkt sich, dass sie wohl ziemlich verstockt sein müssten …
    Wie kommt er auf diesen Gedanken?
  • Und: Achte auf die Perspektive. Das allermeiste ist personell erzählt, dann platzen aber Formulierungen rein, die zu einem externen Beobachter gehören. Die stören den schönen Lesefluss.
 
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