Wartezeit

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strumpfkuh

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Tag 1

Ich sitze in einem winzig kleinen Zimmer. Wahrscheinlich war das früher einmal die Besenkammer. Oder es ist einfach ein Stückchen Raum, das nach Umbaumaßnahmen übrig geblieben ist. Es ist ungefähr zwei Meter breit und genauso lang dafür aber bestimmt drei Meter hoch. Deshalb schaue ich in meiner Verzweiflung nach oben, weil da der meiste Platz ist für meine Blicke, die in alle anderen Richtungen zu schnell abprallen, sich nirgends verlieren können, dabei sind sie verloren.

Ich sitze in einem Wartezimmer für Angehörige von Patienten der Intensivstation des Stadtkrankenhauses. Hierhin hat mich vorhin eine Krankenschwester gebracht. Sie war sehr freundlich gewesen, hat sich mir mit Namen vorgestellt, leider habe ich den Namen aber schon wieder vergessen.
Sie hat gesagt, daß es meinem Mann sehr schlecht ginge, daß er wahrscheinlich einen Herzinfarkt gehabt habe und noch immer schwere Herzrhythmusstörungen habe. Der Arzt und ein Krankenpfleger seien bei ihm. Mehr könne sie mir im Moment noch nicht sagen, aber sobald Zeit dafür sei, würde der Arzt kommen und mir alles genau erklären. Es täte ihr leid, daß sie keine besseren Nachrichten für mich hätte, und ob sie mir vielleicht etwas zu Trinken bringen könne.
Sie war sehr verständnisvoll gewesen, aber diese Worte, die mich völlig zu Boden warfen, kamen ihr flüssig von den Lippen, wahrscheinlich hatte sie das Gleiche schon zu vielen Anderen sagen müssen.

Wenigstens bin ich alleine in diesem Raum. Ich könnte es nicht ertragen, die knappe Luft, die mir zum Atmen bleibt, mit einem Fremden teilen zu müssen. Ich hoffe, es dringt niemand ein in meine Verzweiflung, die dieses Zimmer vollständig ausfüllt, die mit jeder Minute, die ich hier warten muß, wächst und wächst. Gleich schreie ich, denke ich, dabei sitze ich hier auf einem der vier Wartestühle ganz ruhig, fast bewegungslos, und starre einfach nur Löcher in die Decke. Ich schreie, oder ich platze, oder vielleicht platzt sogar der ganze mit meiner Verzweiflung angefüllte Raum. Aber nichts passiert. In Wahrheit bin ich sogar unfähig, mich zu bewegen. Mein Körper fühlt sich an wie betäubt, ich bin zu keinem Schrei fähig. Zu keinem jedenfalls, den man hören könnte, denn in meinem Kopf schreit es unaufhörlich. Es schreit, daß dies Alles nicht wahr sein kann. Es schreit, daß ich es nicht aushalten kann. Es schreit Hilfe, Hilfe, Hilfe, hilf mir doch irgend Jemand. Mach doch irgend Jemand, daß mein Mann wieder gesund wird. Wolfgang, werde bitte, bitte, bitte wieder gesund. Lass mich nicht alleine.

Durch die halboffene Tür entdeckte ich eine Uhr an der Wand im Flur. Es ist 14:03h.
Um genau 12:54h hatte ich zu Hause das Telefongespräch mit der Polizei beendet. Aus irgendeinem Grund hatte ich danach auf die Uhr im Telefon geschaut. Als ob die Zeit noch eine Wichtigkeit hätte. Der Polizist, der mich über das Unglück informiert hatte, hatte mir geraten, ein Taxi zu rufen, auf keinen Fall selbst Auto zu fahren. Das hatte ich getan. Es hatte ewig gedauert, bis das Taxi gekommen war. Wie lange war ich jetzt schon hier? Wie lange versuchten sie schon, meinem Mann zu helfen? Der Polizist hatte mir erzählt, eine junge Frau habe sein Auto mitten auf einer Landstraße vorgefunden, mit ihm auf dem Fahrersitz, pulslos und ohne Atmung. Sie habe dann sofort mit ihrem Handy den Notarzt benachrichtigt, ganz alleine meinen Mann aus dem Auto auf die Straße gezerrt und mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen. Danach war ich nicht mehr fähig zuzuhören. ‚Pulslos und ohne Atmung, Wiederbelebungsmaßnahmen‘ das bedeutete doch, daß Wolfgang tot war. Tot. Wolfgang tot!
Der Polizist hatte den Namen des Krankenhauses drei Mal wiederholen müssen, bis ich ihn verstanden hatte.

Die Uhr auf dem Gang zeigt 14:05h. Ich versuche meinem Körper zu befehlen, daß er aufstehen soll. Aber es gelingt mir nicht. Ich würde gerne einen Blick in das Zimmer meines Mannes werfen, nur um zu sehen, ob er noch lebt, ob er ‚wieder lebt‘, ob er wach ist, ob er Schmerzen hat, ob er Angst hat. Aber ich weiß nicht einmal, wo sein Zimmer ist. Statt dessen versuche ich, mich auf die Geräusche, die von Außen zu mir vordringen, zu konzentrieren, in der Hoffnung, sie könnten mir eine Information über Wolfgang geben. Aber dem ist nicht so. Ich höre ein entferntes Gespräch, viel zu leise, um die Worte zu verstehen. Ich höre elektronische Pieptöne und ein Telefon, das läutet. Je länger ich zu höre, desto lauter scheint mir die Geräuschkulisse, die ich vorher überhaupt nicht wahr genommen hatte. Ein furchtbar lautes Brummen, dreimal kurz hintereinander, erschreckt mich fast zu Tode, aber es hat meinen Körper immerhin dazu gebracht aufzustehen, wenn jetzt auch meine Hände zittern, und mein Herz wie wild schlägt. Ich mache die Tür vorsichtig ein Stück weiter auf, sehe den Flur, durch den ich vorhin gelaufen bin, zum ersten Mal, gehe ein Stück, langsam, weil auch meine Beine zittern. Ein junger Mann in Blau kommt mir entgegen mit einer Urinflasche in der Hand. Er beachtet mich gar nicht, das gibt mir Mut weiter zu gehen. Die nächste Tür steht auf, ich schaue in das Zimmer. Da sitzt ein anderer Mann an einem Computer, er hat auch diese blaue Kleidung an. Er schaut sofort zu mir hin, fragt mich, ob er mir helfen kann. Ich muß mich erst zweimal räuspern, bevor es mir gelingt, ihn zu fragen, ob er vielleicht wüßte, wie meinem Mann gehe.
„Wenn sie mir sagen, wer ihr Mann ist“ antwortet er mir lächelnd, aber es gelingt mir nicht, zurück zu Lächeln.
Ich entschuldige mich statt dessen, sage: „Wolfgang Hall. Er ist vor ungefähr einer halben Stunde mit dem Notarzt zu ihnen gekommen.“
Der Pfleger steht auf, erzählt, daß sein Herzrhythmus jetzt stabil sei, daß der Arzt ihm gerade einen zentralen, venösen Zugang legen würde, und daß dann bald jemand zu mir kommen würde. Er führt mich derweil wieder zurück in den Warteraum, setzt sich aber zu mir. Fragt mich nach meiner Telefonnummer, schreibt sie in ein großes Buch, in dem bestimmt schon viele unglückliche Menschen ihre Nummer hinterlassen haben. Ich frage mich ob das Buch wohl ‚Nummern des Leides‘ heißt. Ich kann irgendwie keinen einzigen sinnvollen Gedanken fassen, hätte so viele Fragen, und keine einzige kommt mir wirklich über die Zunge. ‚Sein Rhythmus ist stabil‘ bedeutete das jetzt, daß er lebte, daß er über den Berg war?
Der Pfleger schaut mich an, scheint meine Gedanken zu erraten, sagt, man könne jetzt noch nicht viel sagen, mein Mann wäre noch nicht bei Bewußtsein, das Herz sei geschwächt, sie würden ihm Medikamente geben müssen, die den Blutdruck unterstützen. Dann steht er auf, legt mir kurz eine warme, kräftige Hand auf die Schulter und verspricht mir zu schauen, ob der Arzt fertig sei.
Ich bin wieder alleine, aber nicht lange. Der Arzt kommt kurze Zeit später. Ich erkenne ihn an seinem weißen Kittel. Er setzt sich mir gegenüber, auf den gleichen Stuhl, auf dem vorher der Pfleger gesessen hatte, und stellt sich vor. Die Tür hat er geschlossen. Jetzt wirkt der Raum noch kleiner.
„Guten Tag. Ich bin hier der zuständige Stationsarzt. Mein Name ist Berthold. Sie sind die Ehefrau von Hrn. Hall?“
Ich nicke und betrachte sein Gesicht. Aber ich kann darin nicht lesen, ob es gut ist oder schlecht, was er mir zu sagen hat. Mir fällt nur auf, daß es ein sehr hübsches sehr junges Gesicht ist. Ich staune wieder über die Sinnlosigkeit meiner Gedanken, die sich seit dem ich hier bin, einfach nicht dazu bringen lassen, sich auf das einzig Wichtige zu konzentrieren.
„Ihr Mann hatte mit ziemlicher Sicherheit einen Herzinfarkt, als er heute mittag mit dem Auto unterwegs war.“ sagt er und macht eine Pause, wahrscheinlich um abzuwarten, ob ich verstanden habe.
Ich nicke wieder. Ich habe verstanden, das hatte mir die Schwester auch schon gesagt.
„Er hatte Glück. Es kam nicht zu einem Unfall. Sein Auto kam auf der Straße zum Stehen. Eine junge Frau hat ihn gefunden.“
Es ist gut, daß er ganz von vorne beginnt, mir alles noch einmal erzählt. Ich habe das Gefühl, ich werde es noch viel öfter hören müssen, um es wirklich zu verstehen.
„Er hatte mit großer Wahrscheinlichkeit einen Herz- und Atemstillstand, sie hat gleich mit der Wiederbelebung begonnen.“
Diesmal nickte ich nicht. Ich würde gerne fragen, ob das denn bedeute, daß er tot gewesen war, aber ich kann dieses Wort nicht aussprechen. Außerdem glaube ich, die Antwort zu kennen, und ich will sie gar nicht hören.
„Der Notarzt mußte ihrem Mann einen Schlauch durch den Mund in die Lunge schieben, um ihn künstlich beatmen zu können. Er mußte sein Herz auch mit Strom behandeln, also ddefibrillieren, weil er Kammerflimmern hatte. Das ist eine Herzrhythmusstörung, die dem Herzstillstand gleichkommt.“
Ich nicke und stelle mir vor, wie Wolfgangs Körper unter dem Strom zusammen zuckt. Ich hatte das im Fernsehen schon öfter gesehen.
„Wir mußten ihn hier auf Station auch defibrillieren, weil er die gleiche Rhythmusstörung noch einmal hatte. Außerdem ist sein Blutdruck sehr niedrig, er braucht Medikamente, damit der Kreislauf überhaupt aufrecht erhalten werden kann.“
Er wartet kurz, dann fragt er: „Ist bei ihrem Mann eine Herzerkrankung bekannt?“
Ich schüttle den Kopf: „Nein. Er war bisher kerngesund.“
„Wer ist der Hausarzt?“
„Er hatte keinen. Er war nie bei einem Arzt.“
Dr. Berthold notiert sich das. „Gibt es in der Familie Herzerkrankungen?“
Ich erzähle, dass Wolfgangs Vater jung an einem Herzinfarkt verstorben ist.
„Gibt es andere Erkrankungen in der Familie, Bluthochdruck zum Beispiel, Asthma oder Diabetes?“ fragt er weiter.
Ich antworte: „Nicht das ich wüsste.“
„Sind Allergien bekannt?“
Ich schüttle wieder den Kopf: „Nein keine.“
Wir schweigen kurz.
Ich frage: „Wie sind seine Chancen?“
Der Arzt überlegt kurz. Dann antwortet er: „Unter unserer Behandlung sind sein Blutdruck und sein Rhythmus jetzt einigermaßen stabil. Wir werden versuchen, die verschlossene Herzarterie mit einem Katheter wieder aufzudehnen, sobald das Herzkatheterlabor frei ist. Dadurch können wir die Durchblutung des Herzmuskels verbessern und den Schaden möglichst gering halten. Es kann aber während der Aufdehnung zu Komplikationen kommen, wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen oder Blutungen, denn wir müssen ihm gerinnungshemmende Medikamente geben.“
Er macht wieder eine kurze Pause, dann fragt er: „Eine Schilddrüsenfunktionsstörung ist auch nicht bekannt?“
Ich sage: „Nein.“
„Hat ihr Mann schon mal ein Kontrastmittel für eine Röntgenuntersuchung gespritzt bekommen?“
„Ich glaube nicht. Meines Wissens war er nur einmal in ärztlicher Untersuchung, und das war wegen seiner Sterilität. Er hatte wohl in der Jugend eine schwere Gürtelrose und konnte deswegen keine Kinder zeugen.“
„Nierenerkrankungen sind auch nicht bekannt?“
„Nein. Auch das nicht.“
Die erneute Pause nutze ich, um noch einmal zu fragen: „Hat er eine Chance, wieder gesund zu werden?“
Dr. Berthold antwortet ausweichend: „Ich kann dazu jetzt nicht viel sagen. Natürlich hat er eine Chance, sonst würden wir nicht all das mit ihm machen...“
In seinem Gesicht lese ich jetzt doch Besorgnis. Ich warte auf das Aber, und es kommt sofort.

„Aber wir wissen nicht, wie lange ihr Mann schon tot war, bis die junge Frau ihn gefunden hat. Sein Gehirn war in dieser Zeit nicht durchblutet. Es ist möglich, daß er eine Hirnschädigung hat.“
Jemand klopft an die Tür. Die junge Schwester, deren Namen ich vergessen habe, steckt ihren Kopf herein. Mir fällt auf, daß sie schielt.
Sie lächelt mir kurz zu, entschuldigt sich bei mir für die Störung, sagt dann zu dem Arzt, daß der Oberarzt angerufen habe, sie könnten jetzt kommen.
Der Arzt steht sofort auf. Sagt, ich könne ganz kurz mitkommen zu meinem Mann, denn sie würden ihn jetzt in das Herzkatheter- Labor fahren, um das verschlossene Herzkranzgefäß, das den Infarkt verursacht habe, wieder zu eröffnen, oder es zumindest zu versuchen.
Wir laufen durch den Flur. Ich sehe die Uhr. Es ist 14:15h.
Wir betreten zusammen ein großes Zimmer. Es ist überfüllt von Pieptönen und Pumpgeräuschen. Zuerst sehe ich nur Maschinen und Pflegepersonal, das geschäftig hin und her läuft, immer noch mehr Geräte bringt und Medikamente, alles an einem Bett befestigt, wo ohnehin schon kein Platz mehr ist. Doch dann entdecke ich Wolfgang. Zwischen Schläuchen, Kabeln, Infusionsflaschen, großen Spritzen in Pumpen liegt er in diesem Bett.
Ich darf kurz zu ihm hintreten, traue mich nicht, ihn zu berühren, weil ich Angst habe, irgend etwas kaputt zu machen. Sehe, daß seine Augen geöffnet sind, aber sie blicken nur geradeaus, bewegen sich nicht. Auch seine Lider bewegen sich nicht. Er sieht aus, als ob ihn das Alles um ihn herum nichts anginge. Ein dicker Schlauch steckt in seinem Mund. Er ist um den Kopf herum festgebunden. Über diesen Schlauch drückt ihm eine Schwester mit einem Beutel Luft in die Lungen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich dabei periodisch. Ansonsten ist sein Körper bewegungslos. Etwas fällt mir noch auf. Es macht mir Angst. Wolfgang sabbert. Aus seinem Mund läuft der Speichel in einer dicken blutig durchsetzten Spur bis auf das Kopfkissen unter ihm.
Jemand sagt: „Tut uns sehr leid. Aber wir müssen jetzt los. Je früher das Blutgefäß wieder eröffnet wird desto besser. Sie können später nochmal zu ihm.“
Das Bett setzt sich in Bewegung, mit ihm Wolfgang. Er gehört jetzt ganz diesen Menschen und den Maschinen, denke ich. Dann ist er weg. Der leere Platz um das Bett herum sieht aus wie ein Schlachtfeld. Kabel hängen auf den Boden herunter. Müll liegt überall herum. Elektronische Geräte piepen laut und aufdringlich, andere sind ausgestellt. Auf dem Boden sind Blutflecke, auf einem Wagen liegen Spritzen und Nadeln, sie sehen benutzt aus. Hier hat wirklich eine Schlacht stattgefunden. Die Frage ist nur: Wer hat sie gewonnen?
Eine Schwester, die Schielende, nimmt mich am Arm, führt mich aus dem Zimmer heraus.
„Können wir vielleicht jemanden für sie anrufen, damit sie nicht so alleine warten müsse?“ fragt sie.
„Ja“, antworte ich „meine Tochter“. Eigentlich hatte ich noch warten wollen, bis ich bessere Nachrichten für sie hätte, aber diese Hoffnung habe ich aufgegeben.
Die Schwester führt mich in den Raum, in dem vorher der Pfleger am Computer gesessen hatte. Sie fragt mich nach der Telefonnummer. Ich gebe ihr die Nummer von Tanjas Arbeitgeber. Sie wählt für mich und reicht mir den Hörer. Es klingelt, Freizeichen.
„Foto Scheuermann. Scheuermann“ meldet sich Tanjas Chef.
„Ja, hier Hall. Kann ich bitte meine Tochter sprechen?“ frage ich unter äußerster Anstrengung. Dann höre ich die freundliche Stimme meiner Tochter.
„Mama, was gibt’s? fragt sie besorgt, denn ich rufe üblicherweise nicht auf ihrem Arbeitsplatz an.
„Tanja, es ist etwas Schlimmes passiert. Wolfgang hatte einen Herzinfarkt. Es geht ihm sehr schlecht“ sage ich, und dann fange ich an zu Weinen. Ich kann nichts mehr sagen. Die Schwester nimmt mir den Hörer aus der Hand, telefoniert kurz mit Tanja. Dann nimmt sie mich in den Arm und drückt mich sanft auf einen Stuhl. Ich weine und kann nicht mehr aufhören. Die Schwester riecht nach Rauch.
„Ihre Tochter kommt sofort“ sagt sie, als ich mich endlich beruhigt habe.
„Wie lange wird das dauern, dieser Herz...?“
„Herzkatheter?“
„Ja.“
„Das ist unterschiedlich. Aber eine Stunde bestimmt“ antwortete die Schwester.
„Vielleicht möchten sie jetzt doch einen Kaffe trinken?“ fragt sie.
Ich nicke.
Dann bringt sie mich wieder in den Warteraum. Ich frage sie nach ihrem Namen.
„Schwester Karin“ sagt sie.
Diesmal will ich ihn mir merken.
Dann bin ich wieder alleine. Eine Tasse Kaffee steht neben mir auf einem kleinen Tisch. Er schmeckt furchtbar, aber ich trinke ihn trotzdem. Ich habe das Bild von Wolfgang in meinem Kopf. Wolfgang mit starrem Blick. Wolfgang, wie er sabbert. Ich muß an etwas Anderes denken, sonst werde ich verrückt. Also denke ich zurück an die Zeit, in der ich Wolfgang kennenlernte. Es scheint mir eine Ewigkeit her zu sein.





























Mai 1978



Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Die knapp hundert Kilometer lange Fahrt auf meinem Motorrad hatte zwar meinen Körper trotz des Sonnenscheins durchgekühlt, aber meine Stimmung war dank des strahlend blauen Himmels gestiegen. Ich überlegte, als ich meinen Geburtsort erreichte, doch nicht erst an der ehemaligen Wohnung meiner Eltern vorbei zu fahren, wie ich das ursprünglich geplant hatte. Statt dessen fuhr ich gleich zu dem neuen Haus, das ich noch als leerstehende Ruine in meiner Erinnerung hatte. Mein Vater hatte es vor Jahren zu einem Spottpreis gekauft, und seit dem davon geträumt, eines Tages dort einzuziehen. Trotzdem war es für mich eine große Überraschung gewesen, als meine Mutter mir vor einem Monat am Telefon erzählt hatte, sie seien umgezogen, und ich solle kommen und das neue Haus bewundern. Sie hatte, glaube ich, damit gerechnet, dass ich mich mit ihnen freuen würde, aber ich war erst einmal vollkommen entsetzt gewesen. Ich hatte mich um mein Zuhause betrogen gefühlt. Nicht einmal Abschied hatte ich nehmen können von der Wohnung, in der ich aufgewachsen war. Nun, dachte ich, als ich in die Straße einbog, in der meine Eltern von nun an beheimatet waren, mein zu Hause war jetzt schließlich auch die kleine Bude von der ich gerade kam. Ich war es gewesen, die unbedingt hatte ausziehen wollen, um selbständig zu sein. Meine Eltern hatten mir keine Steine in den Weg gelegt, warum also hatte ich mich nicht mit ihnen freuen können? Ich nahm mir gerade vor, mich zu entschuldigen, als ich das Haus erblickte, das ich schon jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Ich musste rechts anhalten, so groß war mein Erstaunen. Das kleine Häuschen sah wunderhübsch aus. Es war nicht mehr wieder zu erkennen. Der Außenputz erstrahlte weiß in der Sonne, durchsetzt von Fachwerk, das wie neu aussah. Im ersten Stock gab es einen kleinen Balkon, der mir vorher nie aufgefallen war, darauf standen bereits blühende Topfpflanzen. Der ehemals überwucherte Garten war gepflegt, auch hier blühten die ersten Blumen. Es wurde mir richtig warm um das Herz. Wann hatten meine Eltern dieses Wunder vollbracht? Ich wusste, sie hatten im letzten Jahr eine kleine Erbschaft gemacht, aber damit hatte ich trotzdem nicht gerechnet.
Ich fuhr weiter und parkte mein Motorrad. Das große benachbarte Grundstück mit den zwei Gebäuden war eine Schreinerei. Meine Mutter hatte so begeistert von den neuen Nachbarn, einem Ehepaar Hall, erzählt. Sie waren etwa im gleichen Alter, und schon jetzt waren sie Freunde geworden, die mehrmals in der Woche einen Abend gemeinsam verbrachten. Auch heute abend hatten meine Eltern die Nachbarn zum Essen eingeladen, damit ich sie gleich kennen lernen konnte.
Ich ging die wenigen Schritte bis zu der Haustür, und als auf mein Klingeln niemand öffnete, benutzte ich den Schlüssel, den mir meine Mutter gleich nach dem Telefonanruf per Post geschickt hatte. „Damit du dich wie zu Hause fühlst“, hatte sie geschrieben. Wahrscheinlich hatte sie meinen Ärger gespürt.
Das Haus war von innen ein einziger Traum. Fachwerk, Rauputz an den Wänden, Parkettboden, Holzmöbel und ein paar Teppiche, das alles schaffte eine Gemütlichkeit, um die ich meine Eltern fast beneidete. Ich ging durch das ganze Gebäude. Es gab ein kleines Arbeits-, ein Schlaf-, ein Badezimmer mit Dusche und WC im ersten Stock, außerdem ein weiteres Zimmer mit einem Bett und einer Sitzecke, von dem ich annahm, dass ich mich hier häuslich niederlassen sollte. Im Erdgeschoss waren die Küche mit offenem Wohn- und Essbereich, ein weiteres Badezimmer, das aussah, als sei es gerade erst fertig gestellt und ein Abstellraum untergebracht. Alles war perfekt, allerdings fehlten im Essbereich, oder was ich dafür hielt, der Tisch und die Stühle. Ob wir heute abend wohl auf dem Boden essen würden?
Meine Eltern hatte ich nirgends finden können, aber ich war auch früher gekommen als erwartet. Sie würden sicher bald kommen. Ich entschloss mich, die Wartezeit mit einem schönen warmen Bad zu überbrücken, denn mir war immer noch kalt von der Fahrt. Meine Motorradjacke und den Helm brachte ich nach oben in das Zimmer, das ich für meines hielt. Meine Tasche nahm ich mit in das Badezimmer im Erdgeschoss.

Ich hatte bestimmt eine halbe Stunde in der Wanne gelegen, als ich jemanden in das Haus kommen hörte. Schnell verließ ich das sowieso nur noch lauwarme Wasser, denn ich brannte darauf, meine Eltern endlich zu dem neuen Heim zu beglückwünschen. Ich wollte mir ein Handtuch umbinden, aber ich fand keines in dem Badezimmer, vielleicht war ich ja tatsächlich die Erste, die hier gebadet hatte. So ging ich nass und nackt, wie ich war, in das große offene Wohn- Esszimmer, um meine Eltern zu begrüßen und fand mich statt dessen einem mir völlig fremden Mann gegenüber. Er hatte offensichtlich gerade den vorhin noch fehlenden Tisch gebracht. Jedenfalls stand er neben einem solchen, und starrte mich an, als ob er noch nie eine nackte Frau gesehen hätte, und ich starrte zurück, weil mir auch nichts einfiel, das ich in einem solchen Moment hätte sagen können. „Ich bin die Tochter“ schien mir genauso unpassend wie „Wissen sie vielleicht, wo ein Handtuch ist?“.

Er war groß, hatte die Arbeitskleidung eines Handwerkers an, sah aber ansonsten eher aus wie ein männliches Fotomodell, denn er war der schönste Mann, den ich je gesehen hatte, auch wenn er bestimmt mindestens 5 Jahre älter war als ich. Und ich war immerhin schon 20.

„Entschuldigung“ sagten wir beide gleichzeitig, und dann fingen wir an zu lachen. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als mich umzudrehen und, mir seiner Blicke auf mein nacktes Hinterteil bewusst, in das Badezimmer zurück zu kehren. So nackt vor diesem fremden Mann zu laufen war schwieriger, als einfach nur nackt vor ihm zu stehen. Aber im Bad waren wenigstens meine Kleider, wenn auch kein Handtuch. Schnell wie der Blitz zog ich mich an, allerdings nicht ohne vorher noch einen prüfenden Blick in den Spiegel zu werfen. Schließlich steht man nicht alle Tage nackt vor so einem Bild von einem Mann. Aber ich war zufrieden. Mein Körper war der einer wohlgeformten jungen Frau, und auf mein Gesicht hatte er ja sowieso kaum geachtet, nahm ich an.
Er war noch da, als ich endlich fertig war. Aber noch immer fiel es mir schwer, die richtigen Worte zu finden.
„Schöner Tisch“ sagte ich, und ärgerte mich, dass mir das nicht schon vorher eingefallen war, denn da wäre es wirklich lässig gewesen.
„Schöne Frau“ gab er mir zur Antwort, und ich wurde puterrot im Gesicht. Da hatte ich es gemeistert nackt vor ihm zu stehen und nackt vor ihm her zu laufen, ohne meinen Stolz zu verlieren, und jetzt wurde ich doch rot wie eine Vorpubertäre.
Doch meine Schamesröte schien ihm zu gefallen, denn er lächelte mich an, sagte er hieße Wolfgang. Ich sah in seine braunen Augen, meine Blicke schienen darin unterzugehen, sagte ich hieße Sabine und war verliebt, wie noch niemals vorher in meinem Leben.
Ich half ihm, die noch fehlenden Stühle von der benachbarten Schreinerei zu holen, und erfuhr dabei, dass er der 28 jährige Sohn der Halls, ebenfalls Schreiner von Beruf war und vor Kurzem die Meisterausbildung beendet hatte.
Er hatte sich gerade verabschiedet, als meine Eltern mit Einkaufstüten beladen das Haus betraten. Nachdem wir uns begrüßt hatten, bestaunten wir gemeinsam die neue Essecke. Mein Vater erzählte mir, dass die Halls sie ihnen zum Einzug geschenkt hatten. Eigentlich hatte er ein so teures Geschenk gar nicht annehmen wollen, aber sie hatten darauf bestanden, meine Eltern hatten nur das Material bezahlt.
Später stand ich gemeinsam mit meiner Mutter in der Küche und half ihr beim Kochen. Ich war so nervös, dass mir nichts gelang, obwohl ich immer gerne und gut gekocht hatte. Ich ließ die Klöße zerkochen, würzte die Soße zu scharf, dann warf mich meine Mutter aus der Küche. Ich hätte doch zu gerne erfahren, ob Wolfgang auch zum Essen kommen würde, aber ich traute mich nicht zu fragen, weil ich meine Gefühle nicht verraten wollte.
Irgendwann war es schließlich soweit. Die Gäste kamen. Ich saß auf einem der neuen Stühle und lauschte auf die Stimmen, die von der Eingangstür zu mir drangen. Es waren viele, aber ob die von Wolfgang mit dabei war konnte ich nicht erkennen. Meine Finger trommelten unruhig auf der Tischplatte, nur um das Zittern zu unterdrücken. Ich war sitzen geblieben, weil ich meinen Beinen nicht traute. Es war unglaublich, wie nervös mich dieser Mann machte, obwohl ich ihn doch fast gar nicht kannte. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt, und ich ärgerte mich über meine Unsicherheit. Wie sollte ich Eindruck auf ihn machen, wenn ich mich benahm wie ein Schulmädchen?
Zuerst kam eine freundliche, warmherzige Frau Anfang 60, gab mir die Hand und stellte sich als Ursel vor. Gleich danach schüttelte ich die Hand ihres Mannes, Hans, von ihm hatte Wolfgang sein gutes Aussehen geerbt, das sah man sofort. Und dann endlich kam Wolfgang, nickte mir kurz zu und stellte mir Angelika vor.
Ich konnte gar nicht erst auf die Idee kommen, dass diese Frau seine Schwester wäre, denn sie legte gleich besitzergreifend ihren Arm um seine Hüfte.
Der Abend war für mich gelaufen.

Die Gäste blieben bis nach Mitternacht. Danach ging ich sofort in mein Bett, denn ich wollte nur noch alleine sein. Dort lag ich bis in die frühen Morgenstunden wach und dachte über den vergangenen Tag nach. Natürlich hatte ich kaum davon ausgehen können, dass solch ein Mann sein Leben lang nur auf mich gewartet hatte. Er war ja schon fast 30 Jahre alt. Aber trotzdem hatte ich keine Sekunde damit gerechnet, gleich am selben Abend seiner Lebensgefährtin vorgestellt zu werden. Immerhin, ich hatte mich gut gehalten. Man hatte mir bestimmt nichts anmerken können. Ich war sogar besonders freundlich zu Angelika gewesen, die ich eigentlich vom ersten Augenblick an nicht hatte leiden mögen. Sie war eine Puppe, aufgedonnert, unnatürlich, ohne jeden Charme. Was konnte Wolfgang nur an ihr finden? Allerdings hatte ich das Gefühl, dass er das eigentlich selbst nicht mehr so genau wusste. In jedem Fall hatte er auf alle Versuche von ihr, Körperkontakt aufzunehmen, abweisend reagiert. Statt dessen hatte er mich immer wieder beobachtet. Ich war mir ganz sicher. Ich hatte seine Blicke gespürt. Nur leider hatte ich mich nicht getraut, zurück zu schauen. Dabei hatte ich mich so danach gesehnt, noch einmal in diese wunderschönen, rehbraunen Augen zu blicken.
Ich grübelte und grübelte. Kurz bevor ich schließlich doch noch einschlief, war ich zu folgendem Ergebnis gekommen:
Punkt 1: Ich hatte den Mann meines Lebens kennen gelernt, daran gab es nicht den geringsten Zweifel!
Punkt 2: Über seine Gefühle war ich mir nicht im Geringsten im klaren. Ich vermutete, dass ich ihm auch ein kleines Bißchen gefiel, aber das konnte auch nur Wunschdenken sein.
Punkt 3: Angelika war in jedem Fall nicht die Richtige für ihn, und ich würde alles dazu tun, damit er das auch einsehen würde.


Punkt 3 erwies sich allerdings schon nach dem Aufwachen als gar nicht so einfach, denn Wolfgang war mit Angelika unterwegs, und ich musste nach Hause, bevor die beiden wieder zurück waren. Es war Sonntag, das Wochenende war vorbei.





Tag 1 Wolfgang


Tanja ist da. Sie nimmt mich in den Arm. Tröstet mich wie eine Mutter ihr Kind.
Dann fragt sie: „Was ist mit Papi?“
Ich sage: „Es geht ihm sehr schlecht.“ Und dann erzähle ich alles von Anfang an. Wiederhole die Worte des Arztes des Arztes, so gut ich kann. Ich merke, ich habe alles soweit verstanden, auch das mit dem Herzkatheter. Aber das Schlimmste habe ich noch nicht erzählt.
Während ich erzähle, wird mir auf einmal klar, dass ich es von Anfang an gewusst habe. Seit dem Telefongespräch mit dem Polizisten hatte ich versucht, der Wahrheit nicht in die Augen sehen zu müssen. Der Herzinfarkt meines Mannes ist alleine schon schrecklich genug. Ich kann kaum das verarbeiten, denn es bedeutet vielleicht seinen Tod. Aber es ist sogar noch schlimmer gekommen. Noch schlimmer als das Schlimmste.
‚Aber wir wissen nicht, wie lange ihr Mann schon tot war, bis die junge Frau ihn gefunden hat. Sein Gehirn war in dieser Zeit nicht durchblutet. Es ist möglich, dass er eine Hirnschädigung hat’ hatte der Arzt gesagt.
Ich weiß die Worte auswendig, weil es die Worte sind, die ich nicht hatte hören wollen, obwohl ich gewusst hatte, dass sie gesagt werden würden.
Und jetzt muss ich sie an meine Tochter weitergeben, die sie genauso wenig ertragen kann wie ich. Ich tue es, wie eine Maschine. So wie der Arzt kurze Zeit vorher.

Ich schweige. Tanja schweigt. Ich kann das Echo unseres Schweigens hören. Wir hüllen uns ein in unserem Schweigen, als könnte es uns schützen vor dem, was noch kommen würde.

Sie weint nicht. Ich habe auch nicht gleich geweint. Es dauert, bis etwas so Schreckliches vordringt in deinen Kopf. Ich habe jetzt auf einmal wahnsinnig viele Fragen.

Ich möchte Tanja so gerne helfen. Ihr etwas tröstliches sagen. Aber es gibt nichts tröstliches.

Schwester Karin kommt. Sie sagt, mein Mann sei wieder auf Station, wir könnten gleich zu ihm gehen, in etwa 5 Minuten.

Ich versuche Tanja zu beschreiben, wie Wolfgang aussieht, damit sie vorbereitet ist. Kann man jemand darauf vorbereiten, einen Menschen, den er liebt, daliegen zu sehen wie ein hilfloses Baby?

Meine Tochter nimmt mich wieder in den Arm. „Er ist der beste Vater, den ich mir wünschen kann“ meint sie. Ihre Worte tun mir gut. Sie geben mir das Gefühl, es wäre alles noch so, wie es war, als wäre das hier überhaupt nicht passiert.
Sie sagt: “Mama, egal was passiert, ich habe die besten Eltern der Welt, und wir stehen das jetzt hier gemeinsam durch“, und sie drückt mich fest dabei. Ich frage mich, woher sie die Kraft hat. Merke, dass wir die Rollen vertauscht haben. Sie ist die Tröstende. Ich bin die Schutzsuchende. Ich frage mich, wann sie so erwachsen geworden ist. Und warum ich das bisher nicht gemerkt habe. Aber es fällt mir eine Last von den Schultern. Ich hatte Angst gehabt, dass sie zusammenbrechen würde. Ich bin unglaublich stolz auf sie, und auf Wolfgang, denn er hat ihr viel gegeben.
Wir dürfen zu ihm. Wir stehen auf. Gehen gemeinsam den Weg zu seinem Zimmer. Es ist jetzt ein anderes, fällt mir auf. Es ist kleiner als das erste, und es liegt noch ein anderer Patient im Zimmer, hinten am Fenster. Aber ich konzentriere mich nur auf Wolfgang. Der Speichelfaden ist verschwunden. Die Schwester führt uns an sein Bett, sagt, wir sollen ruhig mit ihm sprechen, vielleicht würde er unsere Stimmen hören und erkennen. Tanja stellt sich auf die andere Seite des Bettes, streicht ihrem Vater über die Stirn, als ob er schon immer all die Schläuche in sich gehabt hätte. Sie spricht mit ihm, fragt ihn, wie es ihm ginge, ob er Schmerzen hätte. Wolfgang reagiert überhaupt nicht. Ich nehme seine Hand in meine und bin erleichtert, dass sie warm ist. Über seinem Bett hängt ein Monitor. Eine gelbe Linie wandert unaufhörlich in Zacken darüber hinweg. Ich bin sicher, das ist sein Herzschlag. Daneben steht eine Zahl, sie schwankt zwischen 55 und 65. Eine weitere rote, kurvenförmige Linie ist darunter und noch eine Dritte und noch mehr Zahlen. Ich weiß nicht, was sie bedeuten. Der Schlauch, der aus seinem Mund kommt, ist nun verbunden mit einem sehr großen Gerät. Es pumpt jetzt die Luft in seine Lungen. Atmet er nicht alleine? Seine Lungen sind doch gesund, oder nicht?
Da sind noch Schläuche in seiner Nase, an seinem Hals, in seinem Arm. Ein weiterer kommt unter der Decke hervor, den ich als Urinkatheter erkenne, denn er befördert eine gelbe Flüssigkeit in einen Beutel, der an seinem Bett befestigt ist.
Ich nehme dieses Bild in mir auf, ich weiß dass ich es niemals vergessen werde. Es ist wie ein Foto in meinem Kopf. Dann beuge ich mich an sein Ohr und flüstere: „Ich liebe dich!“. Ich bekomme einen Stuhl gebracht.

Dr. Berthold kommt herein, stellt sich Tanja vor und klärt uns über den Befund des Herzkatheters auf. Er zeigt uns ein Photo, auf dem sich Wolfgangs Herzkranzgefäße wie kleine Würmer entlang schlängeln. Das Blutgefäß, das den Herzinfarkt verursacht hat, ist aufgedehnt worden, erklärt er. Aber da sei noch eine weitere Engstelle im Hauptstamm, das sei ein sehr großes Gefäß, und die müsse man operieren, wenn es meinem Mann wieder besser ginge.
Schon wieder ein ‚Aber’. Ich will kein ‚Aber’ mehr hören. Sie legen sich um mein Herz und drücken es zusammen, diese ‚Abers’.
Der Arzt will wieder den Raum verlassen, aber diesmal nehme ich all meinen Mut zusammen, frage mich dabei, warum ich überhaupt so viel Angst habe, und sage, dass ich noch ein paar Fragen hätte. Er bleibt stehen und wartet auf meine Fragen. Irgendwie hätte ich angenommen, dass wir in ein anderes Zimmer gehen würden. Aber so frage ich eben hier: “ Glauben sie denn, dass es meinem Mann wieder besser gehen wird?“
„Das kann man jetzt noch nicht sagen“ antwortet der Arzt, „wir geben ihm jetzt alle erforderlichen Medikamente, und ansonsten können wir nur abwarten, wie es sich weiter entwickelt“. Es ist die Antwort, mit der ich gerechnet hatte.
Ich frage weiter: „Was für eine Operation ist das?“
Diese Antwort fällt dem Arzt leichter. Sie kommt ohne Zögern: „Eine Bypass- Operation. Man entnimmt ein Stück Vene aus dem Oberschenkel und überbrückt damit die verengte Herzarterie.“
Davon hatte ich schon gehört. Es ist eine große Operation, die sicher nicht ungefährlich ist.
„Wie lange wird es dauern, bis er wieder wach wird?“ fragt Tanja.
„Auch das kann man noch nicht sagen, tut mir leid. Es kann bald sein, es kann auch Tage und Wochen dauern. Wir wissen nicht einmal, ob er überhaupt wieder wach wird.“
Tanja schweigt.
„Kann er denn nicht alleine atmen?“ frage ich.
„Das werden wir später versuchen“ sagt Dr. Berthold, „wenn ein Bißchen mehr Ruhe eingekehrt ist.“
Viele Fragen, keine Antworten. Der Arzt kann nichts dafür, er war einfach nur ehrlich.


Dr. Berthold ist gerade gegangen, da kommt der Pfleger. „Mein Name ist übrigens Bernhard, ich glaube, ich habe mich vorhin noch nicht vorgestellt“ sagt er zu mir. Ich weiß nicht, ob das sein Vor- oder Nachname ist.
„Ich muss ihrem Mann noch mal Blut abnehmen“. Er füllt ein Röhrchen mit Blut aus dem Schlauch an Wolfgangs Arm. Ich registriere, dass er mit ihm nicht gesprochen hat.

Tanja und ich sind wieder allein an Wolfgangs Bett.
„Gestern hat er meinen Computertisch fertig gemacht“ sagt sie.
Ich kann nur nicken.
„Papa, du musst wieder wach werden!“
Jetzt weint sie, leise, legt ihren Kopf dabei auf seine Schulter. Ich gehe um das Bett herum und lege meinen Arm um ihre Schultern. Wir weinen beide. Ich bin froh, dass sie hier ist. Ich bin froh, dass ich sie habe. Ich sage ihr das.

Wir wollen Wolfgang nicht alleine lassen, besprechen, dass ich die Nacht über hier bleiben werde, und sie mich morgen früh ablösen kommt. Es ist schon fast 17:00h. Wir fragen Schwester Karin, ob ich die Nacht hier auf Station verbringen darf. Ich darf. Tanja fährt nach Hause. Sie muss Wolfgangs Mutter, meinem Vater und ihrem Freund Alex noch die traurige Nachricht überbringen. Wolfgangs Mutter, Ursel, ist 83 Jahre alt und geistig schon sehr verwirrt, wir beschließen, ihr nur zu sagen, dass er im Krankenhaus liege, weil er einen kleinen Herzinfarkt gehabt habe.

Um ungefähr 18:00h werde ich aus dem Zimmer geschickt, weil Karin und Bernhard (Hr. Bernhard?) meinen Mann auf die Seite drehen wollen. Das wäre wichtig, damit er sich nicht wund liegen würde. Ich warte vor der Tür. Ich höre sie miteinander sprechen, kann aber nicht verstehen, was sie sagen, aber ich glaube, sie sprechen auch mit Wolfgang.

Ungefähr 2Stunden später: Das Pflegepersonal bringt mir einen bequemeren Stuhl und ein Badetuch als Decke. Man kann den Stuhl sogar ein wenig nach hinten kippen. Es sind alle sehr freundlich hier zu mir.

Wolfgang hat sich während dieser ganzen Zeit nicht einmal bewegt und auch sonst nicht reagiert. Seine Augen sind immer noch offen. Er starrt weiterhin gegen die Decke. Jemand hat ihm Salbe in die Augen gemacht. Ich weiß nicht, wie ich mit ihm sprechen soll. Sein Anblick tut mir weh, so furchtbar weh, es ist unbeschreiblich.

Kurz vor Mitternacht kommt der Nachtdienst, zwei Krankenschwestern. Sie wollen ihn noch mal auf die andere Seite drehen. Ich darf im Zimmer bleiben. Vorher saugen sie Schleim aus seiner Lunge. Plötzlich fangen seine Arme an zu zucken. Erst denke ich, er würde sich bewegen, aber ich erkenne sehr schnell, daß es keine normalen Bewegungen sind. Der Monitor über seinem Bett macht einen Höllenlärm, und auch die Beatmungsmaschine gibt Alarm. Ich bekomme schreckliche Angst, daß etwas Schlimmes passiert ist. Eine Schwester eilt aus dem Zimmer, sie kommt mit einem Arzt zurück, der ein Medikament in den Schlauch an Wolfgangs Hals spritzt. Die andere Pflegekraft schiebt während dessen mit Gewalt einen Keil zwischen seine Kiefer, weil er den Schlauch in seinem Mund zubeißt. Danach drückt sie verschiedene Tasten an der Beatmungsmaschine, und das Gerät hört endlich auf zu piepsen. Der Arzt sagt zu mir, daß Wolfgang einen Krampfanfall habe. Das käme von dem Sauerstoffmangel, den sein Gehirn erlitten habe. Es würde gleich vorüber sein. Mir erscheint es endlos, bis die Zuckungen wieder aufhören. Seine Lippen sind aufgeplatzt, Blut läuft aus seinem Mund, als sie den Keil wieder entfernen.


Das Personal hat das Zimmer verlassen. Auf der Station scheint Ruhe einzukehren. Es ist nicht mehr ganz so laut und hell wie vorher.
Eine der beiden Krankenschwestern hat mich gefragt ob ich das Gefühl habe, dass er irgendwie auf mich reagieren würde. Ich hätte gerne ‚Ja’ gesagt, damit sie ihn nicht aufgeben.

Wenn ich meine Augen schließe, erschrecken mich die Geräusche um mich herum noch viel mehr. Wieder entfliehen meine Gedanken in die Vergangenheit.














































1978 – 1981



Ich konnte meine Eltern unmöglich so schnell wieder besuchen fahren, ohne dass es aufgefallen wäre. Normalerweise war ich nicht öfter als einmal im Monat bei ihnen zu Besuch, wenn nicht noch seltener. Ich hatte ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet, in dem ich mich bis zu diesem Tag sehr wohl gefühlt hatte. Doch jetzt dachte ich nur noch an Wolfgang. Von morgens bis abends klang dieser Name in meinen Gedanken, gleich nach dem Aufstehen als erstes und vor dem Einschlafen als letztes dachte ich an ihn.
So rief ich wenigstens einmal in der Woche meine Mutter an, um zu hören, ob es irgend etwas neues gab. Aber wenn ich nach den Halls fragte, erfuhr ich meistens nur langweilige Dinge über seine Eltern, Ursel und Werner. Aber eines hörte ich doch auch von Wolfgang. Er und Angelika wünschten sich wohl schon seit längerer Zeit ein Kind, aber sie wurde nicht schwanger. Diese Information trug nicht gerade zu meinem Wohlbefinden bei, und so kam es, dass ich es nach knapp 3 Wochen nicht länger aushielt, eine Woche Urlaub nahm und wieder in mein Heimatdorf fuhr. Meine Eltern freuten sich riesig, dass ich mich eine ganze Woche bei ihnen einquartieren wollte. Sie hatten natürlich keine Ahnung davon, dass ich eine Mission zu erfüllen hatte. Wolfgang musste von dieser Angelika befreit werden, bevor es zu spät war.
In meiner Wohngemeinschaft wohnten außer mir zwei Frauen und ein Mann. Eine von ihnen, Sybille, war meine Freundin. Sie studierte Psychologie im 4. Semester. Sie hatte Henna- rote, lange Haare trug immer ihren Palästinenser Schal wie ein Markenzeichen und war wirklich eine ganz liebe Person. Ihr hatte ich selbstverständlich gleich von Wolfgang erzählt. Zuerst war sie der Meinung gewesen, dass solch ein Spießer (Schreinermeister) niemals wirklich zu mir passen würde, aber dann hatte ich sie davon überzeugen können, dass auch ich in der Tiefe meines Herzens nicht unspießisch war (Ich war gerade dabei, eine Ausbildung zur Bürokauffrau zu beenden), und seit dem stand sie völlig auf meiner Seite. Was ich unbedingt brauchte, hatte sie gesagt, sei ein Foto von Wolfgang und Angelika, das wir gemeinsam in feierlicher Zeremonie entzweiteilen könnten, um anschließend Angelikas Antlitz in offenem Feuer zu verbrennen. Aus diesem Grund gab mir Sybille eigens ihren Fotoapparat mit auf die Reise, den ich natürlich dankend annahm. Allerdings hatte ich nicht vor diese schreckliche Angelika damit aufzunehmen. Ich wollte rehbraune Augen, sonst nichts.
So machte ich mich also auf die Reise, gewappnet mit Foto und den besten Klamotten, die unsere WG zu diesem Zeitpunkt zu bieten hatten, einschließlich der zerfetzten Lewis- Jeansjacke von Andreas, unserem männlichen Mitbewohner. Sybille hatte stundenlang auf ihn eingeredet, um sie ihm zu entlocken. Ich bezweifelte allerdings, dass ich damit großen Eindruck machen würde auf Wolfgang, den der war kein pickeliger Jüngling mehr, nein der war ein echter Mann in den besten Jahren. Wolfgang, oh Wolfgang, dachte ich, ob du genauso auf mich wartest, wie ich auf dich?

Die Fahrt war mir endlos erschienen, aber irgendwann war sie zu Ende. Ich war zwar nicht bei IHM, aber immerhin ein Haus daneben. Es war Freitag mittag. Acht verheißungsvolle Tage lagen vor mir. Ich war glücklich.

Doch die Tage vergingen nicht wie erhofft im Fluge, sondern sie zogen sich endlos dahin wie Kaugummi, denn ich bekam keine Gelegenheit, Wolfgang zu sehen. Es war eine Qual, ihn so nahe zu wissen und doch keine Möglichkeit zu haben, ihn zu treffen. Ich zermarterte mir das Hirn, aber es fiel mir einfach keine weitere Ausrede ein, der Schreinerei einen Besuch abzustatten. Gleich am ersten Tag war ich morgens zum Bäcker gegangen und hatte für die Familie Hall ein paar Brötchen mit eingekauft, die ich ihnen dann persönlich überbrachte. Aber so sehr ich mich auch angestrengte, Wolfgang konnte ich nirgends entdecken, wahrscheinlich hatte er ausgerechnet an diesem Tag außerhalb zu tun. So fand ich mich dann seiner Mutter bei einer Tasse Kaffee gegenüber und wusste schon nach kurzer Zeit nicht mehr, über was ich noch mit ihr sprechen könnte. 10 Minuten später saß ich wieder in meinem Zimmer und beobachtete den benachbarten Hof durch das Fenster. Immerhin hatte ich den Ausblick nach dieser Seite, und das war besser als nichts. Manchmal sah ich ihn im Hof Autos be- oder entladen. Ich beobachtete ihn dann heimlich durch den Vorhang durch. Er war unbeschreiblich gut aussehend. Seine Haare waren dunkelblond und gerade so lang, dass sie sich in seinem Nacken ein klein wenig lockten. Das Gesicht war fast viereckig, es erinnerte mich an Paul Newman, nur das Wolfgang die schöneren Augen hatte. Und dann sein Körper. Das war Sex pur. Wenn ich ihm beim Arbeiten zusah, glaubte ich seine Muskeln durch die Kleidung hindurch zu erkennen. Sein Po schien überhaupt nur aus Muskeln zu bestehen. Aber das schönste an ihm waren seine Arme. Sie sahen aus, wie die eines Südeuropäers, mit ihrer zart schimmernden, gebräunten Haut und der leichten, dunklen Behaarung, nur waren sie eben auch noch so kräftig, wie die eines deutschen Schreiners. Er war perfekt. Und ich war so unglücklich.
Nachdem ich schon volle 3 Tage dort war und ihn noch immer nicht zu Gesicht bekommen hatte, war ich der Panik nahe. Ich musste mir einen Plan ausdenken. Dem Zufall konnte ich mein Glück nicht überlassen. Soviel stand fest. Also schnappte ich meinen Helm und meine Jacke und widmete mich meinem Motorrad.
Einen Lappen in den Luftfilter wollte ich nicht legen, das hätte er zu schnell durchschaut. Auf keinen Fall wollte ich Benzin in den Öltank füllen, denn ein Kolbenfresser wäre erstens zu teuer gekommen, und zweitens liebte ich mein Motorrad dafür viel zu sehr. Ich entschied mich dazu, ein Zündkabel zu opfern. Erst fuhr ich ein paar Straßen von zu Hause weg, auf keinen Fall wollte ich bei meinem Vorhaben beobachtet werden. Als ich mich sicher fühlte, nahm ich einen Stein, knickte das Zündkabel um und haute mit dem Stein auf diesen Knick ein, bis die Maschine nach dem Starten hörbar nur noch auf einem Zylinder lief. Zufrieden fuhr ich zurück. Mein Vater war nicht zu Hause, er war arbeiten, und meine Mutter hatte gleich die Idee, nebenan um Hilfe zu fragen. Mein Plan funktionierte. Wolfgang kam sofort, und er nahm mich zur Begrüßung sogar kurz in den Arm. Meine Lederjacke hatte ich dank des warmen Tages schon ausgezogen, und so fiel die Umarmung alles andere als brüderlich aus, wenn sie vielleicht auch so gemeint war. Es war ein himmlisches Gefühl, meinen Körper an seinem zu spüren, und er roch so gut. Für einen winzig kurzen Moment sahen wir uns am Ende der Umarmung in die Augen, und ich war mir ganz sicher, auch in seinem Blick etwas zu lesen, das Angelika ganz und gar nicht gefallen hätte. Was verrät die Verliebtheit in einem Blick? Es ist der Scham, der darin verborgen ist, weil man an etwas gedacht hat, das nicht der Gelegenheit entsprach.
Er war Handwerker. Und Handwerk ist Handwerk. Es dauerte viel zu kurz, bis er das defekte Kabel entdeckt hatte, denn wir saßen während dieser Zeit romantisch nebeneinander auf den warmen Pflastersteinen, und ich tat mein Möglichstes dazu bei, dass sich unsere Schultern hin und wieder berührten. Aber gerade als er den Fehler bemerkt hatte, kam auch Angelika, die uns mißtrauisch beobachtete und mich keinesfalls stürmisch begrüßte, und die Romantik wäre sowieso vorbei gewesen. Wolfgang bot mir an, mich zu dem nächsten Honda Händler zu fahren, worauf Angelika gleich einwarf, sie würde auch mitkommen. Ich dachte schon, der schöne Tag wäre jetzt zu Ende, aber Wolfgang sagte, er wäre eigentlich gerne mal wieder mit seinem Motorrad gefahren, worauf sie beleidigt von dannen schwebte. Ich war vollkommen überrascht. Schon alleine, weil ich gar nicht gewusst hatte, dass er auch ein Zweirad fuhr. Und dann haute mich die Vorstellung, gleich hinter ihm auf dem Sattel zu sitzen, fast um. Es gab kaum etwas erotischeres, als die Mitfahrerin eines attraktiven Mannes auf dem Motorrad zu sein. Liebend gerne hätte ich auf die Lederjacke verzichtet. Aber das wäre dann vielleicht doch zu auffällig gewesen. Trotzdem wurde es eine traumhaft schöne Fahrt. Ich war so nah an ihn herangerückt, wie es nur irgend ging, und er war ein wunderbarer Fahrer. Im Ort fuhr er vorsichtig und rücksichtsvoll, aber auf der Landstraße drehte er auf, und unsere Körper zerschmolzen zu einem, wenn wir uns in die Kurven legten. Als wir bei dem Händler abstiegen, sagte er, ich sei der beste Mitfahrer den er je gehabt habe, und ich hätte fast geantwortet, dass sicher auch kein anderer je so verliebt in ihn gewesen sei. Statt dessen lächelte ich nur, mein bestes Lächeln, und er lächelte zurück, das beste Lächeln, das es gab.
Auf dem Heimweg bog Wolfgang überraschend in einen kleinen Nachbarort ab und stoppte an einer Eisdiele, die ich noch nicht kannte, sie musste neu sein. Ich war im siebten Himmel, als ich ihm gegenüber an einem kleinen, gemütlichen Tisch Platz nahm, nachdem der Inhaber, ein sympathischer Mann Mitte vierzig, schätzte ich, meinen Begleiter mit Schulterschlag begrüßt hatte.
„Welche hübsche kleine Frau bringst du denn da mit?“ fragte der Chef des Ladens, als er mit zwei Eiskaffees an unseren Tisch kam.
„Sabine, meine neue Nachbarin“ sagte Wolfgang und zu mir gewandt: „Herbert, ein Freund von mir“.
Nun, seine Freunde sollten auch meine Freunde sein, und so fragte ich Herbert interessiert, wie lange er denn diese Eisdiele schon habe. Begeistert nahm der gleich an unserem Tisch Platz, und wir sprachen über dieses und jenes. Viel lieber wäre ich mit Wolfgang alleine gewesen, aber ich hoffte durch meine Geselligkeit, Eindruck auf ihn zu machen. Irgendwann stand Herbert dann auf, weil andere Gäste kamen. Wir schwiegen für einen kurzen Moment und sahen uns wieder in die Augen. Seltsam, wie nahe ich mich dabei fühlte, ihm nur in die Augen zu schauen. Mit anderen Männern, oder eher Jungs, verglichen mit Wolfgang, war ich viel intimer geworden, ohne ihnen so nahe zu sein.
„Ich fürchte Angelika ist sauer“ sagte er und zerstörte damit, wahrscheinlich absichtlich, den Moment.
„Aber wir haben doch nichts Schlimmes getan“ warf ich unbeholfen ein.
„Sie ist im Moment etwas empfindlich“ versuchte er, sie zu verteidigen.
Ich dachte schon, er würde mir jetzt mitteilen, dass sie schwanger sei, aber er fuhr fort: „Sie wünscht sich so sehr ein Kind. Aber sie wird einfach nicht schwanger.“
Er schaute mich an. Aber mir fiel nichts ein, das ich dazu sagen könnte.
„Sie tut mir leid“ sagte er deshalb.
Ich nickte. Sie tat mir auch leid, aber das war doch kein Grund, mit ihr zusammen zu bleiben, wenn er das vielleicht gar nicht mehr wollte.
„Das ist bestimmt schwer“ sagte ich.
Diesmal nickte er nur.
„Wie alt ist sie eigentlich?“ fragte ich.
„30“ antwortete er.
„Und du?“ fragte ich, in dem ich all meinen Mut zusammen nahm, „wünschst du dir auch ein Kind?“
Er dachte nach. „Am Anfang schon. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Außerdem, vielleicht liegt es ja auch an mir.“
„Habt ihr das schon mal testen lassen?“
„Bisher noch nicht.“
„Wie lange seit ihr denn schon zusammen?“
„Im Winter werden es 5 Jahre.“
Das war eine lange Zeit dachte ich. Ich hätte das Gespräch gerne in eine andere Richtung gelenkt, aber ich spürte, das es nicht richtig gewesen wäre.
Wir schwiegen wieder, und dann lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung, denn er nahm meine Hand in seine. Es war für mich vollkommen überraschend.
Ich blickte zu Herbert, aber Wolfgang sagte: „Der ist in Ordnung, der sagt nichts.“
Ich überlegte kurz, woher er sich da so sicher war, und ob er schon öfter hier so mit anderen Frauen gesessen hatte, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Dann dachte ich: „Sei nicht so blöd und genieße den Moment“ und konzentrierte mich auf Wolfgangs Hand. Es war eine rauhe Hand, eine kräftige Hand mit viel Hornhaut. Ich stellte mir vor, wie diese Hand mich an anderen Stellen meines Körpers berührte, und eine Hitzewelle durchströmte mich, ausgehend von meinem Schoß. Ich war so unglaublich erregt, nur weil er meine Hand genommen hatte, wie würde das wohl sein, mit ihm ins Bett zu gehen?
Doch genauso plötzlich, wie er meine Hand genommen hatte, lies er sie auch wieder los.
„Es tut mir leid“ sagte er.
„Was?“ fragte ich, „was tut dir leid?“
„Es war ein Fehler..., ich glaube es ist besser, wir fahren jetzt wieder.“
Damit stand er auf. Wir gingen, ohne zu bezahlen. Herbert lachte mir noch aufmunternd zu, nachdem Wolfgang schon draußen war. Aber das half mir wenig. Meine Gefühle waren innerhalb kürzester Zeit von einem Extrem in das andere gefallen. Ich fühlte mich, wie ein Häufchen Elend. Die Heimfahrt wurde nicht annähernd so schön wie die Hinfahrt. Im Gegenteil. Mir tat alles so weh. Dabei presste ich meine Oberschenkel gegen Wolfgang, als würde mein Leben davon abhängen.
Zuhause bedankte ich mich bei ihm. Er sagte: „Keine Ursache, soll ich dir noch helfen, das Kabel zu wechseln?“
„Ich denke, das kriege ich alleine hin, schließlich habe ich es auch alleine kaputt gemacht.“
Wolfgang stutzte, dann sagte er, das glaube er einfach nicht, lächelte aber dabei, und mein Herz schmerzte noch viel, viel mehr.
„Wie lange bleibst du?“ wollte er wissen.
„Ein paar Tage“ antwortete ich.„Es war ein schöner Tag“ sagte er und ließ mich alleine.
Ich weiß nicht mehr, wie ich den Benzinschlauch wechselte, denn in Gedanken war ich ganz woanders. Wolfgang war auch verliebt in mich, das war mir jetzt klar. Aber trotzdem erschien er mir unerreichbarer als vor diesem Tag. Er würde sich niemals von seiner Freundin trennen, das hatte ich begriffen. Vielleicht würde dieser kurze Moment, in dem er meine Hand gehalten hatte, das einzige bleiben, das uns miteinander verband.

Ich blieb noch zwei Tage, in denen ich ihn nicht mehr sah, ich traf mich mit alten Freunden, nur um mich irgendwie zu beschäftigen. Schließlich packte ich Sybilles Fotoapparat, die zerfetzte Jeansjacke von Andreas, beides hatte ich nicht gebraucht, und meine eigenen wenigen Sachen in meine Tasche und fuhr wieder nach Hause. Dort verbrachte ich die nächsten Wochen damit, mir die Augen auszuheulen. Dann war der schlimmste Schmerz zu einem dumpfen Gefühl der Leere zusammen geschmolzen, und ich war wieder fähig, am normalen Leben teilzunehmen. Ich konzentrierte mich auf meine Arbeit, und das war auch gut so, denn die Abschlussprüfung stand kurz bevor. Abends ging ich im Stadtpark joggen, ich rannte immer so schnell und so lange, bis ich kurz vor dem Zusammenbrechen war, denn der körperliche Schmerz lenkte mich von meinem seelischen Kummer ab und war wesentlich leichter zu ertragen.
Die Zeit verging. Nach der Prüfung lud ich meine Eltern zu mir in die WG ein. Sie kamen mich für zwei Tage besuchen, brachten schöne Grüße mit von den Halls und einen herzlichen Glückwunsch. Meine Mutter erzählte mir in einer stillen Minute, Wolfgang würde oft von mir sprechen. Ich merkte, dass sie meine Gefühle erahnte, aber das hatte ich mir schon gedacht, einer Mutter konnte man nichts verheimlichen.

Meine Firma übernahm mich nach der Ausbildung. Die Arbeit machte mir zwar keinen Spaß, aber ich hatte nicht die Kraft, mich um irgend etwas anderes zu bemühen. Außerdem hatte ich sowieso an Nichts Freude. Mein Leben tropfte einfach so dahin. Mit den Monaten wurde Wolfgang nur noch zu einer fernen, verschwommenen Erinnerung, aber vergessen konnte ich ihn nicht. Noch immer spürte ich nach jedem Telefonanruf, der nicht von ihm war, eine grenzenlose Enttäuschung, dabei hatte er mich kein einziges Mal angerufen. Unzählige Male war ich kurz davor, mich bei ihm zu melden, aber ich ließ es jedes Mal bleiben, denn es hätte doch nichts geändert. Er hätte den ersten Schritt tun müssen, aber er tat es nicht. Von meiner Mutter erfuhr ich am Telefon, dass die ärztlichen Untersuchungen ergeben hatten, dass Wolfgang zeugungsunfähig war. Ich dachte nur, dass mich das eigentlich gar nichts anginge, war aber doch froh, dass sie es mir erzählt hatte. Meine Eltern kamen in stiller Übereinkunft jetzt immer mich besuchen, ich wollte ihn nicht mehr sehen müssen. Über ein Jahr verging. Ich dachte schon, ich würde mich nie mehr verlieben. Dann lernte ich Ralf kennen.

Sybille war es, die mich mit auf diese Party schleppte. Sie selbst hatte zwar eigentlich gar keine Lust dort hinzugehen, weil nur verklemmte Leute dort seien würden, aber da ich ja offensichtlich auf Spießer stehen würde, ließ sie keinen Widerspruch zu. Ich holte mir ein Bier nach dem anderen, machte Konversation mit Ingenieuren und Architekten, als mir auffiel, dass irgendwie einer von ihnen nicht mehr von meiner Seite wich. Also betrachtete ich ihn mir näher und stellte fest, dass er gar nicht so schlecht aussah. Er war mittelgroß und schlank und hatte einen fast spöttischen Ausdruck im Gesicht, der ihn unheimlich attraktiv machte. Er schien auch nicht einen Augenblick an seinem Erfolg zu zweifeln, jedenfalls legte er schon seinen Arm um mich, bevor wir uns mit Namen vorgestellt hatten. Ich nannte ihn dann einfach Architekt 12, weil er ungefähr der 12. Architekt dieses Abends war, mit dem ich mich unterhalten hatte. Seinen Arm ließ ich wo er war, denn die Berührung tat mir unerwarteter Weise richtig gut. Ein wenig später küsste er mich, und noch ein wenig später erfuhr ich, dass er Ralf Sennenfelder hieße und wahnsinnig verliebt in mich sei.
Ich genoss seine Komplimente und die Zärtlichkeiten, mit denen er mich überwarf, aber zu mehr war ich an diesem Abend nicht bereit. Er akzeptierte das sofort und imponierte mir dadurch sehr.
Wochen nach dieser Party rief er mich täglich an, wir gingen oft miteinander essen oder trafen uns bei ihm zu Hause, einer kleinen modernen und aufgeräumten Wohnung in einem Altbau. Nur bei mir, in der WG, fühlte er sich nicht wohl, aber er passte da auch wirklich nicht hin. Sybille mochte Ralf überhaupt nicht und sagte, da wäre sogar der Schreiner bestimmt hundert Mal besser gewesen. Ich widersprach ihr nicht, aber mir gefiel Ralf von Tag zu Tag mehr. Ihm schien alles im Leben einfach zu gelingen. Er hatte immer gute Laune. Aber das Wichtigste war, er schien tatsächlich richtig verliebt in mich zu sein, und das genoss ich unheimlich. Wenn ich ihn besuchen kam, erwarteten mich langsame Musik, Kerzenlicht und ein gutes Essen vom Italiener um die Ecke.
Wir besuchten zusammen meine Eltern in ihrem neuen Haus. Irgendwann musste ich mich dem stellen, und an Ralfs Seite schien es leichter. Aber ich war wahnsinnig nervös. Meine Mutter schien sich zu freuen, dass ich wieder einen Freund hatte, aber ich glaubte, so richtig sympathisch war er auch ihr nicht. Unser Zusammensein war etwas steif, keiner schien sich wirklich wohl zu fühlen, doch schließlich musste man sich auch erst einmal kennen lernen. Ich schlug vor, für den Abend die Nachbarn zum Essen einzuladen und war über meinen eigenen Mut erstaunt. Ich wollte unbedingt Wolfgang wiedersehen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf ihn reagieren würde.

Sein Anblick gab mir einen mächtigen Stich in mein Herz. Er sah noch immer genauso gut aus, und in meinen Augen verblasste Ralf neben ihm zu einem Schatten. Aber die zwei kamen prima miteinander aus, zumindest hatte es den Anschein. Ralf belegte Wolfgang mit Beschlag, sobald der zur Tür herein kam. Ich unterhielt mich mit Angelika, die mir auf einmal gar nicht so unsympathisch vorkam und beobachtete derweil die beiden Männer, um die sich mein Liebesleben drehte. Vielleicht konnten wir ja wenigstens Freunde werden, dachte ich und spürte, wie der Schmerz in meinem Herzen zum ersten Mal nicht einfach nur betäubt war, sondern wirklich nachließ. Das hatte ich Ralf zu verdanken. Ich hatte ihn wirklich aufrichtig gerne.
Tags darauf ging ich rüber in die Schreinerei, um mich zu verabschieden. Ich traf zuerst Wolfgangs Vater, der am Eingang der Werkstadt stand und seinem Sohn dabei beobachtete, wie er eine Holzplatte zusägte. Ich stellte mich neben ihn. Wie zu sich selbst sagte Hans: „Es ist schön, alt zu werden und zu wissen, dass hier alles auch ohne dich läuft“. Ich wunderte mich über die Worte, aber seinen Stolz über seinen Sohn konnte ich nachvollziehen. Ich sagte Hans, er solle alle noch von mir grüßen und verabschiedete mich.
Als wir bei Ralf zu Hause ankamen, schliefen wir miteinander. Ich dachte an Wolfgang. Es würde vergehen, mit der Zeit, glaubte ich.
Ich zog in Ralfs Wohnung. Es tat mir leid, die WG zu verlassen, aber ich war doch kaum mehr dort gewesen. Es begann eine schöne leichte Zeit. Ralf und ich unternahmen viel gemeinsam, wir hatten keine Geldsorgen, denn wir verdienten beide und hatten nur eine Miete zu bezahlen. Wir hatten jeder seine Freunde und auch mittlerweile ein paar gemeinsame.
Fast unmerklich schlich sich der Alltag ein. Mit ihm verschwanden die langsame Musik und auch die Kerzen. Statt dessen erwarteten mich jetzt schmutzige Socken, wenn ich nach Hause kam. Mein Freund war auch nicht mehr immer gut gelaunt, sondern mehr und mehr mürrisch und unzufrieden. Er schimpfte über seinen Arbeitsplatz in einem Architekturbüro, und auch die Komplimente und Aufmerksamkeiten blieben aus.
An einem Morgen sagte ich zu Ralf: „Wir müssen uns über Verhütung unterhalten.“
„Wieso? Du nimmst doch die Pille?“
„Aber ich vergesse sie immer, und dann bekomme ich sofort meine Periode. Mittlerweile habe ich bald jede Woche eine Blutung. Das geht so nicht mehr weiter.“
„Dann musst du eben daran denken, sie zu nehmen.“
„Glaubst du etwa, das hätte ich nicht versucht.“
„Dann geh eben zum Frauenarzt und erkundige dich, was du sonst noch machen kannst.“
Ich ärgerte mich maßlos. Als ob das allein mein Problem wäre. Ich hatte einen Chauvinisten zum Freund.
Ich beschloss, überhaupt nicht mehr zu verhüten. Als er das nächste Mal mit mir schlafen wollte, sagte ich, das ginge nicht, weil ich nicht mehr verhüten würde. Darauf verließ er beleidigt die Wohnung. Die nächsten Wochen gifteten wir uns nur an. Jeder lebte sein Leben neben dem anderem her. Ich wusch nur meine Wäsche, kochte nur für mich Essen und ließ seine Unordnung einfach liegen, wenn ich aufräumte. Ich konnte überhaupt nicht einsehen, warum ich alles alleine machen sollte, denn so hatte es sich mit der Zeit ergeben. Als ob ich nicht, genauso wie er, auch arbeiten ginge. Wir wurden beide immer unfreundlicher. Es war kaum mehr zum Aushalten. Dann sagte er, wir müssten uns unterhalten, womit er natürlich Recht hatte, nur dass sicher unsere Vorstellungen von dieser Unterhaltung unterschiedlich waren.
„Ich weiß nicht, was ich dir getan habe, dass du nicht mehr mit mir schlafen willst“ eröffnete er das Gespräch. Ich hatte es von ihm nicht anders erwartet. Als ob das unser Problem wäre, und alles andere sich von selbst bereinigen würde, wenn wir nur wieder miteinander im Bett wären. Ich war vollkommen niedergeschlagen, weil ich das Gefühl hatte, ihm mit keinen Worten dieser Welt erklären zu können, wie es in mir aussah.
Ich sagte nur zornig: „Du hast überhaupt kein Anrecht mit mir zu schlafen.“
Er schaute mich verständnislos an. Das machte mich noch zorniger.
„Ich koche dir dein Essen, putze deine Wohnung, wasche deine scheiß Strümpfe und Unterhosen, und zur Belohnung soll ich dann noch jeden Abend freudig in dein Bett hüpfen?“ giftete ich los. Jetzt war es draußen. Ich hatte meinem Zorn Luft verschafft.
Ralf war ganz blass geworden. Mit offenem Mund saß er da. Dann sagte er traurig: „Wenn du es so siehst.“
Ich hatte gehofft, dass er auch wütend werden würde, denn ich hätte mich gerne so richtig schön gestritten. Statt dessen stand er auf, nahm mich in den Arm und flüsterte mir in mein Ohr: „Ich liebe dich doch.“
Dann begann er aufzuräumen.
Am nächsten Tag hatte er Pariser gekauft. Und er kochte für mich. Es schmeckte grausam. Danach schliefen wir zusammen. Wir vergaßen die Kondome.



Ein paar Tage später rief meine Mutter an.
„Hans ist gestorben“ sagte sie weinend, „er hatte einen Herzinfarkt. Wolfgang hat ihn in der Werkstatt gefunden. Er lag am Boden, und sein Körper war schon kalt.“
„Um Gottes Willen“ brachte ich nur hervor. Das war unsagbar schrecklich.

Ich fuhr auf die Beerdigung, alleine, ohne Ralf. Er hatte Hans ja noch weniger gekannt als ich. Am Grab umarmte ich zuerst Ursel, sagte ihr, wie unendlich leid mir das täte. Was sollte ich sonst sagen? Sie war ganz gefasst, wahrscheinlich, weil sie die Beerdigung nicht überstanden hätte, wenn sie sich hätte gehen lassen. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich Wolfgang gegenüber stand. In diesem Moment liebte ich ihn so sehr. Ich wollte nur, dass er wieder glücklich wäre, ganz unabhängig von mir. Es tat mir so leid, ihn so traurig zu sehen. Ich nahm ihn in den Arm, und wir standen ganz lange so. Ich spürte, dass er meinen Trost wollte. Aber ich spürte auch, wie gut unsere Körper zusammen passten. Nicht sexuell. Einfach nur Liebe war da und übertrug sich von mir auf ihn. Aus den Augenwinkeln nahm ich Angelika wahr, die traurig neben Wolfgang stand. Deshalb ließ ich ihn los.
Bei dem folgenden Leichenschmaus erzählte ich Wolfgang von dem, was mir sein Vater kürzlich in der Werkstatt erzählt hatte, als ich mich verabschieden wollte. Ich konnte mir denken, dass er sich Sorgen machte, wie es jetzt mit der Schreinerei weiterginge. Ich wollte, dass er wusste, dass sein Vater ihm voll vertraut hatte. Wolfgang weinte, als er die Worte seines Vaters hörte. Ich war genauso unglücklich wie er. Ich fragte mich, ob ich auch mit Ralf so mitfühlen würde, aber ehrlich gesagt, konnte ich mir das nicht vorstellen. In diesem Moment dachte ich darüber nach, mich von Ralf zu trennen. Es würde ihm das Herz brechen, denn trotz all unserer Schwierigkeiten rechnete er damit überhaupt nicht.

Eine Woche später kam ich mit Ralf zusammen wieder. Ich wollte sehen, wie es den Halls ginge. Es war furchtbar. Ursel kam mit dem Tod ihres Mannes überhaupt nicht zu recht. Sie weinte viel, und war nicht fähig den Haushalt zu erledigen. Den machte statt dessen Wolfgang auch noch mit. Es hing jetzt alles an ihm. Die Firma, mitsamt der Büroarbeiten, seine Mutter, die vollkommen fertig war, und zumindest der Haushalt von Ursel. Ich hoffte inständig, dass Angelika wenigstens den von ihr und Wolfgang alleine erledigte, denn arbeiten ging sie zumindest meines Wissens nicht.
Ich schaute mit Ursel zusammen alte Fotos von ihrem Mann an, und sie erzählte mir dabei viel von ihm. So lernte ich ihn wenigstens im Nachhinein ein wenig kennen, die paar Male, wo ich ihn gesehen hatte, hatte ich ja nur Augen für seinen Sohn gehabt. Ich begann Respekt vor Hans zu haben. Er hatte viel geleistet und viel durchgemacht. Er war im Krieg gewesen, dann in russischer Gefangenschaft, damals musste er ein ganz junger Mann gewesen sein. Wie konnte man damit fertig werden, nach Hause kommen und schon kurze Zeit später eine Firma aufbauen? Ich dachte an meine eigenen Gefühle wegen Wolfgang damals, als es mir so schlecht ging, und wie gelähmt ich gewesen war, ich hätte nichts fertig bringen können. Was war denn schon mein bißchen Liebeskummer gegen einen Krieg? Woher hatte ich das Recht genommen, mich so gehen zu lassen? Und Wolfgang jetzt, wie er schaffte und schaffte und sich nichts anmerken ließ, von seinem eigenem Schmerz, wie er seine Mutter tröstete, mit ihr redete bis sie abends eingeschlafen war. Nie mehr würde ich so ein Waschlappen sein. Ich schwor mir, egal, was noch auf mich zukäme im Leben, ich würde versuchen, stark zu sein.
Ralf verstand nicht, warum ich so viel Zeit mit den Nachbarn meiner Eltern verbrachte. Natürlich sei es schlimm für sie, aber ich würde die Leute doch kaum kennen, sagte er zu mir, kurz bevor wir wieder nach Hause fuhren. Ich antwortete nicht, wir waren einfach zu verschieden.

Dann kam der Abend, an dem Ralf mir eröffnete, dass er eine Stelle in Singapur bekommen könnte. Er müsse nur noch den Vertrag unterschreiben. Man würde dort eine internationale Schule bauen, und er wäre der Bauleiter.
„Was hältst du davon?“ fragte er mich.
Ich war völlig überrascht. „Was soll ich jetzt davon halten?“
„Ich meine, könntest du dir vielleicht vorstellen, mit mir zu kommen?“
Nein. Nein. Nein. Das konnte ich mir nicht, absolut nicht vorstellen.
„Das kommt jetzt ziemlich plötzlich“ sagte ich.
„Ich weiß. Wir haben auch drei Monate Zeit, uns zu entscheiden. Bitte, denk mal drüber nach.“
Ich musste nicht darüber nachdenken. Meine Entscheidung stand sofort fest. Außerdem hatten wir keine drei Monate Zeit, denn Ralf musste schon 4 Wochen später den Vertrag unterschreiben. Es war genau das Richtige für ihn. Auf so eine Chance hatte er immer gewartet. Er wollte der Chef sein. Ich konnte ihm diese Gelegenheit nicht nehmen, aber ich konnte auch nicht mit ihm fahren. Ich erzählte ihm nichts davon, dass meine Tage lange überfällig waren, und er unterschrieb den Vertrag. Er wollte so oft nach Hause fliegen, wie möglich. Und ich könnte ihn ja auch besuchen kommen. Er glaubte tatsächlich, dass er beides haben könnte, mich und diese Stelle. In Wahrheit hatte er mich längst verloren, und mit seiner Unterschrift hatte er das besiegelt.
Ralf gab ein paar Tage vor seinem Abflug ein großes Abschiedsfest für all seine Freunde. Ich trank kaum einen Schluck Alkohol an diesem Abend, obwohl ich schon wusste, es würde auch meines sein. Ich hatte ebenfalls vor, umzuziehen, wenn auch nicht nach Singapur. Ich würde nach Hause fahren, zu meinen Eltern. Ich war im 4. Monat schwanger. Ralf hatte ich noch immer nichts davon erzählt.

Sybille und Andreas aus meiner ehemaligen WG halfen mir bei all dem, was zu erledigen war. Ich kündigte den Mietvertrag von Ralfs Wohnung, das Telefon und mein Bankkonto. Die Möbel, die alle ihm gehörten, stellten wir bei einem Freund von Andreas unter, der einen riesigen Keller hatte. Auch meine Arbeit musste ich kündigen, obwohl ich damit auf den Mutterschafts- Urlaub verzichtete. Aber ich wollte keinen Tag länger, als unbedingt nötig mehr hier bleiben. Es war nicht Wolfgang, warum ich unbedingt zu meinen Eltern wollte, diesmal war es tatsächlich meine Mutter. Ich war schwanger, ich war alleine, und ich brauchte Hilfe. Ich wollte zu einem Menschen, den ich liebte, und der sich mit mir zusammen auf dieses Kind freuen würde.
Ich feierte meinen Abschied in meiner ehemaligen WG. Am nächsten Morgen fuhr ich, nur eine Tasche auf dem Gepäckträger, mit meinem Motorrad nach Hause. Meine Eltern wussten noch nichts von ihrem Glück.



Diesmal traf ich zuerst auf Wolfgang, der gerade aus der Tür meines Elternhauses kam.
„Sabine.. !“ rief er begeistert.
„Wolfgang“ sagte ich genauso überrascht und einfallslos wie er.
„Wie lange bleibst du?“ wollte er gleich wissen, er schien sehr in Eile.
„Lange.“ Mehr wollte ich zwischen Tür und Angel nicht zu ihm sagen.
„Diesmal darfst du aber nicht einfach so sang- und klanglos wieder verschwinden, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Du brichst mir jedes Mal das Herz.“
Ich versprach es, glücklich über die warmherzige Begrüßung. Ich hätte ihn schon früher mal überraschen sollen. Die Freude stand ihm wirklich im Gesicht geschrieben. Er sah mit seinen 30 Jahren aus, wie ein kleiner Bub kurz vor Weihnachten. All meine Probleme schienen sich in Luft aufzulösen. Es hatte sich nichts geändert, mein Wohlbefinden hing allein von der Zuneigung dieses Mannes ab. Wenn er mich schon als Frau nicht wollte, musste ich mich eben damit begnügen, ein Freund zu sein. Aber wie hatte ich nur glauben können, mit Ralf glücklich zu werden?
„Wir sehen uns später.“ sagte er.
„Versprochen?“ Nichts war mir lieber.
„Versprochen!“ gab er lachend zurück, dann eilte er davon.
Alles würde gut werden, wenn der Tag so freudig begann. Ermutigt trat ich ins Haus. Mein Vater kam mir schon entgegen. Es war Samstag, er hatte frei. Ich umarmte ihn. So lange hatte ich überlegt, wie ich ihnen diesen Schlamassel beibringen könnte, sie wussten ja nicht einmal, dass ich kommen würde. Aber auch Papa schien sich wahnsinnig zu freuen, mich zu sehen. Ich hielt ihn noch in meinem Arm und sagte einfach: „Ich bin schwanger.“. So war schon mal das Wichtigste gesagt, ohne dass ich ihm dabei in das Gesicht sehen musste.
„Das gibt’s doch nicht!“ stotterte er.
„Doch.“
„Weiß es Mutter schon?“ fragte er und rief, ohne meine Antwort abzuwarten nach meiner Mutter: „Monika, komm doch mal. Sabine ist schwanger.“
Mama kam, mit völlig verdutztem Gesicht. Sie hatte bisher nicht mal meine Ankunft mitbekommen, wie es schien.
„Schatz, was machst du denn hier?“
„Sabine ist schwanger.“ wiederholte mein Vater aufgeregt. Er schien ganz außer sich.
Meine Mutter brauchte nur einen kurzen Augenblick, dann erschien auf ihrem Gesicht ein breites Lachen, und sie nahm mich in den Arm, um mich ganz fest zu drücken. Die erste Hürde war genommen.
Ich kochte mit Mama zusammen das Mittagessen. Das hatten wir schon so oft gemacht, und es war immer eine prima Gelegenheit, sich miteinander zu unterhalten.
Ich musste mich nicht sehr anstrengen mit dem Erzählen, denn sie erfragte von sich aus alles, was wichtig war.
„Weiß es Ralf schon?“
„Nein, um ehrlich zu sein.“
„Wie? Nein? Wie weit bist du denn schon?“
„Im 4.Monat.“
„Und er weiß es noch nicht? Habt ihr euch getrennt?“
„Er ist in Singapur.“
„In Singapur? Wo in aller Welt ist das denn, und was macht er da?“
„Er ist dort Bauleiter bei einem Projekt. Sie bauen eine internationale Schule.“
„Du musst es ihm sagen. Er kommt bestimmt zurück.“
„Mama, ich will nicht, dass er zurück kommt.“
„Habt ihr euch doch getrennt?“
„Noch nicht. Aber ich werde mich von ihm trennen.“
„Um Gottes Willen, das Kind ist doch von ihm, ...?“
„Ja, das Kind ist von ihm.“
Meine Mutter legte eine kurze Verschnaufpause ein. Das musste sie erst einmal verarbeiten.
„So richtig gemocht habe ich ihn eigentlich nicht.“ begann sie das Gespräch von Neuem.
„Ich weiß.“
„Vielleicht ist es besser so.“
„Es ist besser so.“
„Aber wie willst du ihm das Alles beibringen?“
„Ich hoffe, ehrlich gesagt, dass es sich von alleine erledigt, wenn er erst mal eine Zeit da unten ist.“
„Wie meinst du das?“
„Er wird eine andere kennen lernen.“
„Meinst du?“
Ich nickte.
„Aber das Kind. Du musst es ihm sagen.“
„Ja, das muss ich wohl. Ich weiß nur noch nicht, wann und wie.“
Wir verstummten erneut für einen kurzen Moment. Bis Mama die nächste Frage einfiel.
„Aber was hast du denn jetzt vor?“
Jetzt kam das Schwierigste. „Also... , wenn ihr nichts dagegen hättet, würde ich..., also nur, wenn das für euch nicht zu viel wäre, ihr müsst es ehrlich sagen, ich würde gerne... „
Nun war es meine Mutter, die nach meinem Vater rief. „Werner, Werner, Sabine kommt zurück. Sie will bei uns bleiben.“. Und mit diesen Worten lief sie nach oben, wo mein Vater in dem kleinen Arbeitszimmer saß und die Zeitung las. Ich atmete auf, es sah so aus, als ob sie sich über diese Neuigkeit freuen würde. Und wenn sie sich freute, dann freute Papa sich auch. Ich legte meine Hände auf meinen Bauch. Er war schon ein ganz klein wenig vorgewölbt. Ich legte eine Hand auf meine linke Brust, sie war größer als sonst und ganz prall. Mein Körper fühlte sich gut an. Er fühlte sich ganz wahnsinnig gut an. Es war Zeit, sich auf das Kind zu freuen. Ich fing an zu Heulen.




Nach dem Mittagessen ging meine Mutter zu Ursel, um nach ihr zu schauen. Es ging ihr immer noch nicht gut. Seit dem Tod ihres Mannes war sie zunehmend zerstreut, dabei war sie erst Anfang 60. Zwar konnte sie die täglichen Arbeiten mittlerweile wieder alleine verrichten, und Essen bekam sie bei Angelika und Wolfgang, aber hin und wieder vergaß sie, die Kaffeemaschine auszuschalten, oder Waschmittel in die Waschmaschine zu füllen oder ähnliches, so dass man des Öfteren nach ihr schauen musste. Das hatte Mama übernommen, um Wolfgang zu entlasten. Angelika könnte man Ursel nicht zumuten, hatte meine Mutter gesagt, die würde immer unausstehlicher. Natürlich könne sie einem leid tun, wo sie sich doch so ein Kind gewünscht hatte, aber warum hatte sie denn dann keines adoptiert?
‚Oder warum haben sie sich nicht einfach getrennt?’ fügte ich im Stillen hinzu.
Ich begleitete meine Mutter, denn ich wollte Ursel auch gerne wiedersehen. Bei ihrem Anblick erschrak ich, sie sah gut 10 Jahre älter aus, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Aber immerhin erkannte sie mich und wusste auch gleich meinen Namen. Wir erzählten ihr vorerst noch nichts von meiner Schwangerschaft, denn sicher litt auch sie darunter, dass Wolfgang, ihr einziges Kind, keine Kinder bekommen konnte. Ursel kochte uns Kaffee, wir sprachen mit ihr über Politik. So schien sie geistig vollkommen fit zu sein. Es war schwer zu verstehen, woher ihre Zerstreutheit kam, und auch die Ärzte wussten es nicht. Man hatte alle möglichen Untersuchungen gemacht, aber nichts gefunden. Ursel selbst litt sehr darunter, denn sie war sich dieses Problems sehr wohl bewusst. „Wenn Hans noch leben würde...“ sagte sie immer dann, wenn sie wieder einmal etwas Wichtiges vergessen hatte, beendete aber ihren Satz nie, so dass keiner wusste, ob sie damit meinte, dass ihr dann diese Dinge nicht passieren würden, oder ob sie sich vor ihm schämen würde.
Am Nachmittag ging ich eine Runde Joggen. Ich wusste nicht, wie lange ich dazu noch in der Lage sein würde. Bisher ging es mir körperlich gut. Ich litt nicht unter Übelkeit und hatte auch ansonsten keinerlei Beschwerden. Das wollte ich ausnutzen, so lange es ging. Ich wählte eine Strecke durch den nahe gelegenen Wald. Das Laufen war wunderbar, obwohl es schon ziemlich kalt war, denn es war November. Aber ich genoss die Ruhe im Wald. Ich hörte nichts anderes, als das Geräusch meiner Schuhe auf dem Weg und mein eigenes Atmen. Und ich war ganz alleine im Wald unterwegs, niemand begegnete mir, und auch das liebte ich. Ich fühlte mich eins mit der Natur, und ich dachte an das Kind in meinem Bauch und fühlte mich auch eins mit ihm. Alle unangenehmen Gedanken wollte ich bis auf Weiteres von mir schieben. In ein paar Tagen, oder sogar Wochen, würde auch noch Zeit sein, sich damit auseinander zu setzen.

Wolfgang saß mit meinem Vater in der Küche, als ich nach Hause kam.
„Ich halte meine Versprechen.“ sagte er lächelnd. Ich setzte mich zu ihnen. Sie tranken Bier, mein Vater ging in den Keller, um auch mir eines zu holen.
Ich nutzte die Gelegenheit und sagte: „Ich ziehe bei meinen Eltern ein.“
„Wann?“ fragte Wolfgang.
„Ab jetzt.“
„ Oh,...Ralf auch?“
„Nein. Wir werden uns trennen.“
„Das... tut mir sehr leid.“
„Das muss dir nicht leid tun, mir tut es das auch nicht.“
„Oh, na dann, dann freue ich mich, dass du hier bleibst.“
„Ich bin schwanger.“ Ich wollte ihm gleich alles erzählen, solange wir noch alleine waren.
„Oh! Das... freut mich auch, wenn es dich freut.“. Er schaute mich fragend an.
„Mich freut es. Ich bin selbst überrascht, wie sehr es mich freut. Ich glaube, ich bin noch nie in meinem Leben so glücklich über etwas gewesen, wie über diese Schwangerschaft.“
Er lächelte und fragte, ob man denn schon etwas sehen könne, dann stand er auf, ging um den Tisch herum auf mich zu, und legte seine große Hand ganz sachte auf meinen Bauch. Es war fast, als ob er der Vater wäre, und mir schossen schon wieder die Tränen in die Augen. Schnell nahm er seine Hand weg, als er das sah.
„Hat sie dir schon die große Neuigkeit erzählt?“ fragte mein Vater, der in diesem Moment wieder zu uns kam.
„Ja, ich freue mich auch für euch.“ Wolfgang legte Papa einen Arm um die Schulter. Mein Vater war ganz stolz, dass er bald Opa werden würde. Die beiden fingen schon an, sich Namen für das Ungeborene auszudenken. Soweit hatte ich noch nicht einmal gedacht. Wolfgang schien sich wirklich aufrichtig mit mir zu freuen. Leider verließ er uns gleich nach dem Bier. Er hatte noch Büroarbeiten zu erledigen.
Ich ging früh zu Bett und dachte mal wieder über den vergangenen Tag nach. Alles hätte nicht besser laufen können. Nur eines war schwerer als gedacht. Und das waren meine Gefühle für Wolfgang. So oft hatte ich sie betäubt, niedergedrückt, versucht zu vergessen. Aber sah ich ihn auch nur einmal wieder, egal wie kurz das war, schienen sie sofort noch stärker aufzuleben, als je zuvor. Wie würde das werden, wenn ich ihn von nun an so oft sehen würde?
Kurz vor dem Einschlafen hatte ich eine Idee. Ich würde ihm im Büro helfen. Ich hatte ja jetzt viel Zeit.
Es war, als ob ich mich selbst quälen wollte.



Am nächsten Morgen weckte mich meine Mutter sehr früh. Ralf war am Telefon, hatte gefragt, ob ich hier sei. Unter unserer Nummer sei niemand mehr zu erreichen. Das wunderte mich nicht, denn den Anschluß hatte ich abgemeldet. Noch müde ging ich an den Apparat.
„Hallo Ralf.“
„Hallo Sabine. Wieso ist unser Telefon abgemeldet?“
Seine Stimme klang erstaunlicher Weise ganz nah, als lägen nicht fast 10000 km zwischen uns. Ich hatte keine Ahnung, was ich ihm jetzt sagen sollte und zögerte daher einen Moment.
„Wieso bist du bei deinen Eltern?“
Irgend etwas mußte ich ihm antworten. Warum nicht gleich alles erzählen? Dann hatte ich es wenigstens hinter mir.
„Ich bin hierher gezogen, weil ich im 4.Monat schwanger bin. Ich habe es dir noch nicht eher gesagt, weil ich schon länger in unserer Beziehung nicht mehr glücklich war. Ich muß über vieles nachdenken und brauche Zeit.“
Wums. Das war’s. Hatte ich das tatsächlich so gesagt? Einfach so am Telefon? War ich ein Ungeheuer? Das hatte Ralf wirklich nicht verdient. Er konnte ja eigentlich gar nichts dazu.
Schweigen am anderen Ende der Leitung, am anderen Ende der Welt.
„Ralf? Es tut mir so verdammt leid...!“
Immer noch Schweigen.
„Ich wollte dir nicht weh tun.“
„Ist das Kind von mir?“
„Natürlich, was denkst du denn?“
Wie konnte er nur daran zweifeln?
„Ich komme sofort heim, ich meine zu deinen Eltern, wir reden über alles. Laß uns noch einmal ganz von vorne beginnen.“
„Nein. Ich möchte das nicht. Es tut mir leid. Ich möchte im Moment nichts als meine Ruhe und alleine sein.“
„Warum hast du es mir nicht vorher gesagt? Ich hätte doch diese Stelle niemals angenommen.“
„Dann hätte ich mich irgendwann von dir getrennt, und du hättest gar nichts mehr gehabt.“
„Aber es ist doch auch mein Kind.“
„Es ist doch noch nicht mal auf der Welt.“
Pause.
Dann sagte Ralf sarkastisch:
„Ich, ... ich brauche auch Zeit. Ich melde mich wieder. Meine Handy- Nummer hast du ja auch, falls du doch einmal das Bedürfnis haben solltest, mit mir über irgend etwas zu sprechen, was mich genauso viel angeht wie dich. Mach’s gut.“
Die Verbindung war unterbrochen, bevor ich mich verabschieden konnte.
Er war stinksauer und zutiefst getroffen, und das vollkommen zu Recht. Ich hatte mich ihm gegenüber benommen wie ein Schwein. Was war nur in mich gefahren. Er konnte doch wirklich nichts dafür, daß ich ihn nicht liebte. Ich ging wieder in mein Zimmer, und weinte und weinte. Ich konnte nicht mehr aufhören damit. Meine Mutter kam und wollte mich trösten, aber ich wollte das nicht. Ich wollte alleine sein, nicht darüber reden müssen. Ich erinnerte mich wieder, warum ich damals vor vielen Jahren unbedingt hatte ausziehen wollen. Ihre mütterliche Fürsorge hatte mich erdrückt.
Sie sagte, er würde mich schon verstehen mit der Zeit, und wir würden uns einig werden über alles. Ich glaubte nicht daran. Ich war hundsgemein gewesen. An seiner Stelle würde ich mir nicht verzeihen, niemals.

Die nächsten Tage war ich niedergeschlagen. Ich merkte sogar, daß ich Ralf vermisste, jetzt wo ich seine Liebe verspielt hatte für alle Zeiten. Manchmal war ich tatsächlich kurz davor, ihn anzurufen, weil ich mir wünschte, er wäre hier bei mir. Aber ich wußte, dass dieses Gefühl nicht lange anhalten würde und rief ihn nicht an. Statt dessen schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich ihn aufrichtig um Entschuldigung bat. Ich versuchte ihm zu erklären, wie es in mir ausgesehen hatte die letzte Zeit, und warum ich mich von ihm trennen wollte. Ich war sehr ehrlich, wenn auch nicht ganz, denn ich schrieb nichts von Wolfgang. Ich erklärte, dass ich ihm sein Kind nicht wegnehmen wollte, und dass ich hoffte, wir würden eine Möglichkeit finden, uns zu einigen, schon alleine dem Kind zu Liebe. Der Brief war am Ende mehrere Seiten lang. Ich brachte ihn gleich zur Post. Danach ging es mir ein wenig besser. Ich hoffte, er würde nicht allzu lange unterwegs sein, ich hatte ihn per airmail geschickt. Vielleicht konnte Ralf mir doch noch verzeihen.

Ob die Schwangerschaft dazu beitrug, dass ich in letzter Zeit so unter Stimmungsschwankungen litt? Von oberster Glückseligkeit bis hin zu echten Depressionen hatte ich alles erlebt. Nie wußte ich, wie es mir auch nur 5 Minuten später gehen würde. Manchmal sah ich ganz optimistisch in die Zukunft und war fest davon überzeugt, alles würde gut werden. Dann wurde ich auch schon wieder von Sorgen übermannt und fühlte mich einsam und kraftlos. Es waren genügend Probleme da, über die ich mir den Kopf zerbrechen konnte. Alleine die finanzielle Seite war schon schwierig genug. Ich hatte ein bißchen Geld gespart, seit ich mit der Ausbildung fertig gewesen war. Vorerst konnte ich umsonst bei meinen Eltern wohnen und essen, so dass ich kaum Geld benötigte, aber das war kein Dauerzustand. Wenn das Kind erst einmal da war, wollte ich mich nach einer Stelle hier in der Nähe umsehen, aber ich hatte ja auch noch nichts für das Kind. Und ein Auto würde ich ebenfalls brauchen. Ich konnte schließlich schlecht mit einem Baby Motorrad fahren.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als alles auf mich zukommen zu lassen. Im Moment konnte ich nichts ändern. Kommt Zeit kommt Rat, dachte ich mir. Es war ein schwacher Trost.


Vorerst mußte ich mich zumindest irgendwie beschäftigen. Ich hatte schon meine alten Freunde alle mehrmals aufgesucht, vor allem die wenigen, die selbst mittlerweile Kinder hatten. Aber das ständige Rumsitzen oder Spazierengehen ging mir mittlerweile mächtig auf die Nerven. Ich wollte etwas Sinnvolles tun. Daher ging ich eines Abends in die Schreinerei. Ich wußte, dass Wolfgang um diese Tageszeit immer in dem kleinen Büro neben der Werkstatt arbeitete, und wollte meine Idee von neulich in die Tat umsetzen, ihm bei der kaufmännischen Arbeit zu helfen. Als ich dann tatsächlich neben ihm stand, war ich sehr nervös. Im Bett, in Gedanken, war es mir ganz einfach erschienen, ihn zu fragen. Jetzt kamen mir Bedenken. Was war, wenn er es gar nicht wollte?
Aber er war sofort ganz angetan von meinem Vorschlag. Ich würde ihm damit einen riesigen Gefallen tun, sagte er und holte einen Stuhl, den er neben sich an den Schreibtisch stellte. Dann zeigte er mir, wie sie ihre Angebote, Rechnungen und Mahnungen schrieben. Es war alles ganz einfach, ich fand mich sofort gut zu Recht.
Schon bald lies Wolfgang mich alleine an seinem Schreibtisch und ging hinüber, um die Werkstatt zu säubern. Ich hatte gut eine Stunde zu tun, Wolfgang war schon gegangen, nachdem er mich mehrmals gefragt hatte, ob das auch wirklich in Ordnung sei. Danach schloss ich das Büro mit dem Schlüssel ab, den er mir gegeben hatte. Ich war mächtig stolz.
Jeden Morgen arbeitete ich seitdem knapp zwei Stunden in dem kleinen Büro. Oft war Wolfgang zu dieser Zeit nebenan in der Werkstatt beschäftigt. Manchmal auch Klaus, ein Schreiner, den Hans vor mehr als 10 Jahren angestellt hatte. Wir drei kamen prima miteinander aus. Wenn ich zur Arbeit kam, kochte ich als erstes Kaffee für die Frühstückspause der Männer. Manchmal putzte ich sogar die Toilette. Abends kam ich manchmal in die Werkstatt und half Wolfgang beim Aufräumen. Ab und zu fuhr ich sogar mit einem kleinen LKW Material holen. Ich machte alles das freiwillig und gerne, was ich bei Ralf als Zumutung empfunden hätte. Ich hätte sogar Wolfgangs Socken gewaschen, aber das machte ja Angelika.
Nach ein paar Wochen kam er zu mir in das Büro. Er hatte eine Abrechnung über meine Arbeitszeit bei sich und wollte mir Geld geben, das ich aber nicht annehmen wollte. Er bestand darauf mich zu bezahlen, und ich wollte auf keinen Fall Geld von ihm haben. Zum ersten Mal, seit wir uns kannten, bekamen wir Streit. Das war nun wirklich das Letzte, was ich gewollt hatte. Es ging soweit, dass Wolfgang sagte, er könne meine Hilfe nicht mehr annehmen, und ich erwiderte, dann käme ich eben nicht mehr.
Plötzlich verstummten wir. Wie zwei Boxer nach der ersten Runde, standen wir uns in seinem Büro gegenüber. Mir kam der absurde Gedanke, ihn zu küssen.
Bei Ralf hatte ich immer jede körperliche Berührung abgelehnt, wenn wir uns gestritten hatten. Jetzt hatte ich ein geradezu schmerzhaftes Verlangen, Wolfgang zu berühren.
„Ich möchte aber gerne, dass du weiter machst.“ sagte er vollkommen unerwartet, und ich dachte: „Mein Gott, wie ich diesen Mann liebe.“
„Weißt du überhaupt, wie viel Spaß mir das hier macht?“ fragte ich ihn.
Er trat einen Schritt näher, sagte: „Du musst aber auch mich verstehen. Ich kann deine Hilfe nicht annehmen, wenn ich sie nicht bezahlen darf. Außerdem ist es doch nicht mein Geld, es ist von der Firma.“
Wir einigten uns darauf, dass er mir täglich die zwei Stunden Büroarbeit bezahlte. Wenn ich aber abends mit aufräumte, war das freiwillig und unbezahlt.
Wir waren verschiedener Meinung gewesen, wir waren laut geworden, wir hatten einen richtig handfesten Streit gehabt, aber wir hatten uns unterhalten, wir hatten uns geeinigt, und es war überhaupt nicht schwer gewesen. Das hatte ich in meinem Leben bisher nicht mit vielen Menschen zu Stande gebracht.
Am nächsten Abend war Wolfgang noch am Arbeiten, als ich aufräumen wollte. Er schreinerte ein Babybett.



Meine Eltern hatten ihren Abstellraum im Erdgeschoss ausgeräumt. Er war gerade so groß, dass ihr Bett herein passen würde. Ich sollte mit meinem Baby den gesamten ersten Stock zur Verfügung haben. Ich war zu Tränen gerührt. Es war bald Weihnachten. Ich war im sechsten Monat schwanger. Mein Kind würde Tanja oder Martin heißen.

Ich rief Ralf an. Er hatte sich nicht mehr gemeldet, seit unserem letzten Gespräch.
Er meldete sich geschäftsmäßig: „Sennenfelder speaking, hallo“
„Hallo, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht.“
Sein Tonfall änderte sich schnell. Er wurde ärgerlich, traurig, ich konnte es nicht so genau sagen: „Sabine...“
„Was macht der Job?“ fragte ich, nur um etwas zu sagen.
Aber er antwortete nicht auf meine Frage. „Wie geht es dir?“ fragte er zurück.
„Gut. Es ist alles in Ordnung mit der Schwangerschaft.“
„Ich komme im Januar. Eigentlich wollte ich dich überraschen.“
Ich wollte etwas Nettes erwidern. „Das ist gut. Ich freue mich, dann können wir über alles sprechen.“
„Wie siehst du aus? Ist dein Bauch schon sehr rund?“
Wie sah ich aus? Ich hatte mir wenig Gedanken darum gemacht. „Die Hosen passen nicht mehr.“
Ich benutzte zur Zeit einen Haargummi, um sie zu verschließen, aber lange würde auch das nicht mehr funktionieren.
„Hast du meinen Brief schon bekommen.“
„Ich lese ihn jeden Tag.“
„Und wie geht es dir?“
Er antwortete ehrlich: „Nicht sehr gut.“
„Ist denn wenigstens die Arbeit so, wie du sie dir vorgestellt hast?“
„Es ist sehr stressig.“
Mir fiel nichts mehr ein, was ich noch zu ihm sagen könnte. Dabei stand so viel ungesagtes zwischen uns.
Es war seltsam, am Telefon zu schweigen. Man hatte immer das Gefühl, etwas sagen zu müssen.
„Ja dann,“ beendete Ralf schließlich das Gespräch, „wir sehen uns im Januar.“
„Ich freue mich.“ meinte ich nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Ich hatte eher Angst davor.
„Ich mich auch. Lass es dir gut gehen.“
Ich nahm an, auch er fürchtete sich davor, wenn er ehrlich war.


Weihnachten verbrachte ich mit meinen Eltern alleine. Es waren sehr ruhige Tage. Ich war froh, als die Feiertage vorüber waren, und die Firma Hall ihren Betrieb wieder aufnahm.
An Silvester feierte Sybille ein großes Fest in der WG. Es waren viele nette Leute da. Wir diskutierten und tanzten bis zum nächsten Morgen. Das hatte ich schon lange nicht mehr gemacht, und es tat gut, sich mal wieder so richtig jung zu fühlen. Das Jahr 1981 hatte begonnen. Mein kleines Kind in mir wuchs prächtig heran. Ich konnte seine Bewegungen schon fühlen.

Der Januar kam und mit ihm Ralf. Ich hatte keine Ahnung, wie lange er bei uns bleiben wollte, bis er da war. Als sich dann heraus stellte, daß er uns schon am gleichen Tag wieder verlassen wollte, war ich mehr als erleichtert, obwohl ich mich dafür schämte. Aber in seiner Gegenwart fühlte ich mich wie ein Schwerverbrecher. Es war mittag als er kam, wir gingen zusammen in eine Pizzeria am Ort, damit wir uns ungestört unterhalten konnten.
Gleich nach dem wir uns gesetzt hatten sagte er: „Gut siehst du aus.“
Ich konnte das Kompliment nur zurück geben. Er war von der Sonne gebräunt und attraktiver als je zuvor. Ich dagegen mit meinem Bauch kam mir eher vor wie ein Schwerlasttransporter, als wie eine hübsche junge Frau.
Wir bestellten eine Cola und die Speidekarte.
„Ich werde wahrscheinlich für länger als geplant in Singapur bleiben. Ich denke, daß ich nicht vor dem nächsten Jahr zurück kommen kann.“
Er wartete, bis ich nickte. Dann fuhr er fort.
„Ich hoffe, wenn ich wieder hier bin, eine Rolle in dem Leben meines Kindes spielen zu dürfen.“
Wie steif er sprach. Wahrscheinlich hatte er diesen Satz auswendig gelernt.
„Selbstverständlich, ich möchte das auch. Ich will weder dem Kind den Vater, noch dem Vater das Kind wegnehmen.“
„Das hast du aber.“
Er wollte mich verletzen, wie ich ihn verletzt hatte.
Ich antwortete darauf nichts, denn mit einem Streit wären wir in der Situation sicher nicht fertig geworden.
Also sprach er weiter: „Ich möchte deine Kontonummer. Ich werde dir Geld überweisen. Da wir nicht verheiratet sind, werde ich wohl kein gemeinsames Sorgerecht bekommen. Ich hoffe, du bringst das Kind nicht gegen mich auf?“
Das waren drei Punkte auf einmal. Ich überlegte, worauf ich etwas erwidern sollte. Ich entschied mich für den ersten Punkt, weil er mir am Wichtigsten war.
„Ich möchte kein Geld von dir.“
Er wurde sofort aggressiv: „Du kannst mir nicht verbieten, für mein Kind zu bezahlen, das Geld ist ja nicht für dich.“
Irgendwie drängten mir in letzter Zeit alle Geld auf, das ich nicht haben wollte. Aber in diesem Fall spürte ich, daß er Recht hatte. Ich entschloss mich im Stillen, über dieses Geld Buch zu führen und es sogar möglichst für später, wenn Tanja größer war, zu sparen. Ihm gab ich nur zur Antwort: „OK. Wenn du darauf bestehst. Ich will nur, daß du weißt, daß es nicht sein muß. Wenn du also mal knapp bei Kasse bist...“
„Lass das mal meine Sorge sein.“ entrüstete er sich sofort.
Es tat mir sehr weh, wie er mich behandelte. „Er hasst mich.“ dachte ich traurig.
Aber dann änderte er sein Verhalten in das genaue Gegenextrem.
Er entschuldigte sich bei mir und nahm dabei meine Hände in seine. Er hatte Tränen in den Augen. „Wenn du es sagst, kündige ich sofort. Ein Wort von dir, und wir wären eine richtige kleine Familie.“
Offensichtlich war mein Brief nicht deutlich genug gewesen. Ich wollte ihm nicht noch mehr weh tun müssen. Mir stiegen auch die Tränen in die Augen, weil ich ihn schon wieder verletzen mußte.
„Nein, Ralf. Mach dir keine Hoffnungen mehr. Das wird niemals passieren.“
Er nickte, blickte für einen kurzen Augenblick auf meine Hände herab, die er noch immer festhielt, dann ließ er sie los, holte ein kleines Buch und einen Kugelschreiber aus seiner Jackentasche.
„Schreibst du mir deine Bankverbindung auf?“ fragte er wieder eisig.
Ich schrieb. Er steckte den Zettel ein. Er stand auf und ging. Wir waren kaum eine Stunde hier gewesen. Ich hatte keine Ahnung, wo er jetzt hinwollte. Mir war schlecht. Ich stand auch auf, bezahlte und ging nach Hause. Wir hatten nicht mal gegessen.


Im Februar war das Arbeitszimmer meines Vaters ausgeräumt. Er baute es für mich zu einer kleinen Küche aus. Bei dem Ausbau des Hauses hatten meine Eltern, für den Fall dass ich jemals wieder bei ihnen einziehen wollte, Wasseranschlüsse in dieses Zimmer verlegen lassen. Auch hatte ich mittlerweile einen eigenen Telefonanschluss und eine eigene Klingel. Ich konnte bei meinen Eltern wohnen und doch relativ selbständig sein. Niemals vorher war ich ihnen so dankbar gewesen.
Wolfgang kam und brachte das Babybett. Als er es aufgebaut hatte tranken wir Kaffe zusammen in meinem Zimmer. Wir saßen uns unsicher gegenüber. Es war das erste Mal, dass wir wirklich alleine und ungestört waren. Selbst in seinem Büro konnte jederzeit jemand zur Tür herein kommen. Ich dachte daran, wie oft ich mir gewünscht hatte, mit ihm alleine zu sein. Jetzt saß ich dickbäuchig da und kam mir in etwa so erotisch vor, wie Helga Fedderson bei der Fußpflege. Plötzlich begann Tanja heftig gegen meine Bauchdecke zu treten.
Ich sagte: „Autsch!“, und Wolfgang fragte erschrocken, was denn sei.
„Komm mal her und leg deine Hand dahin.“
Ich zeigte mit einem Finger auf die Stelle an meinem Bauch, wo eine kleine Beule entstanden war.
Er kniete sich neben mich auf den Boden, legte seine Hand genau auf die Beule, und das Baby trat im gleichen Moment wieder zu.
„Das ist ja..., ist das ein Fuß?“
Ich bejahte. Wir schauten uns lachend an. Seine Hand lag noch auf meinem Bauch, aber jetzt war Ruhe eingekehrt. Ich dankte meinem Kind im Stillen, daß es noch einmal getreten hatte. Dann legte ich meine Hand auf Wolfgangs.
Es war ein so unbeschreiblich friedlicher Moment, wie wir da so saßen. Die Zeit hätte einfach stehen bleiben sollen. Nichts hätte schöner sein können. Wolfgang lehnte seinen Kopf an meine Seite, ich hielt seine Hand ganz fest an meinem Bauch. Aber es war uns nicht lange gegönnt. Das Telefon klingelte. Zum ersten Mal, seit ich es hatte, wurde ich angerufen, und ich erschrak dermaßen, daß die Stimmung zerstört war.
Ich stand auf und ging an den Apparat. Es war jemand, der mich wegen eines gebrauchten Polos zurückrufen sollte. Ich machte mit ihm einen Termin für sofort aus.
Wolfgang bot sich an, mitzufahren. Ich nahm es dankbar an, denn ich hatte keine Ahnung von Autos.
Wir kauften das Auto, aber nicht bevor er den Preis um 500 Mark runter gehandelt hatte. Ich fuhr gleich damit zur Zulassungsstelle und meldete es um. Jetzt hatte ich ein Auto, wenn es auch schon uralt war.
Am nächsten Tag war Kinderflohmarkt bei uns im Dorf. Meine Mutter und ich kauften einen Babysitz für das Auto, einen Kinderwagen und Wäsche, die wahrscheinlich sogar für Zwillinge ausreichen würde. Das Wichtigste hatte ich nun beisammen. Es waren noch drei Wochen bis zu dem Geburtstermin. Alles wäre perfekt gewesen, wenn sich Angelika einfach in Luft aufgelöst hätte. Ich war nicht nur verliebt in Wolfgang. Ich liebte ihn, liebte ihn von Tag zu Tag mehr. Es war nicht zu ändern.






Am 11. März um 6:54h kam meine Tochter Tanja auf die Welt. Ich hatte nur ungefähr zwei Stunden Wehen gehabt, aber die waren so schmerzhaft gewesen, dass ich alle Frauen dieser Welt bewunderte, die das stundenlang aushalten mussten. Als ich aber dieses kleine, süße Wesen in meinem Arm hielt, und als es später das erste Mal zart an meiner Brust saugte, wurde ich für alles tausendfach entschädigt. Dieses Baby war so klein und hilflos, die Mutterliebe strömte durch meinen ganzen Körper, sogar Wolfgang schien nicht mehr wirklich wichtig zu sein.
Im Krankenhaus brachte sie mir Tanja aber nur stundenweise, deswegen wollte ich so schnell wie möglich nach Hause. Ich fühlte mich wie amputiert, wenn ich ohne sie war. Immerhin hatte ich sie ja neun Monate lang in mir gehabt. Also packte ich unsere Sachen schon nach wenigen Tagen, und wir fuhren heim. Die nächsten Wochen gehörten ausschließlich Tanja und mir. Von morgens bis abends und auch die halbe Nacht schmuste ich mit ihr. Ich konnte gar nicht genug davon kriegen. Solch eine Wärme, eine Verbundenheit, solch ein riesiges Glück hatte ich nicht erwartet. Das Alltäglichste der Welt erschien mir wie das aller größte Wunder, das es je gegeben hatte. Sie war das liebste Kind, das ich mir vorstellen konnte, und auch das hübscheste. In meinen Augen sah sie ihrem Vater sehr, sehr ähnlich. Sie hatte seine blonden Haare, seine Grübchen und auch seine blauen Augen geerbt, falls die Farbe sich nicht doch noch ändern würde. Es störte mich nicht, sie war so schön. Wenn sie weinte, gab ich ihr die Brust. Ihr kleiner Mund suchte dann blind und unter Schreien in allen Himmelsrichtungen nach der Milchquelle. Wenn er sie endlich gefunden hatte, ging das hartnäckige Schimpfen über in ein zufriedenes Saugen und Schlucken, und mir wurde das Herz warm. Am allerliebsten stillte ich sie, wenn ich alleine war. Manchmal drehte ich die Heizung auf, und gab ihr nur in Unterhose bekleidet die Brust. Ich deckte auch sie dabei nur leicht mit einer Decke zu, so dass ich ihre Haut auf meiner Haut spüren konnte. Es war unbeschreiblich schön. Schon bald zuckte ihr Mundwinkel, wenn sie satt war, fast wie bei einem Lächeln, dann schlief sie ein. Ich hielt sie dann noch ewig in meinem Arm und konnte mich gar nicht satt sehen an ihrem winzigen Gesichtchen, den klitzekleinen Fingerchen, den süßesten Füßchen, die es je gegeben hatte.
Ich dachte, das war es also, warum die Natur eine Frau dazu brachte, sich zu verlieben, warum unsere Triebe uns immer wieder in die Arme eines Mannes lockten. Ich konnte überhaupt nicht mehr verstehen, dass ich jemals mit einem Mann schlafen konnte, ohne schwanger werden zu wollen, und ich glaubte, dass ich, nun wo ich Tanja hatte, nie mehr einen Mann vermissen würde. Ich war so zufrieden ja befriedigt in dieser Zeit, dass ich auf einmal für Angelika alles Verständnis der Welt hatte. Und ich schwor mir, mich von Wolfgang fernzuhalten. Sie tat mir so leid. Ich hatte sie nicht oft getroffen, seit ich wieder bei meinen Eltern wohnte. Jetzt wollte ich mich ein bißchen mehr um sie bemühen.
Ein paar Wochen verließ ich meine Wohnung im Ersten Stock nur ganz, ganz selten. Ich bekam außer Tanja nur meine Eltern zu Gesicht, die sich schon beschwerten, dass sie ihr Enkelkind nicht öfter zu sehen bekamen. Aber sie ließen mich in Ruhe, ich rechnete ihnen das sehr hoch an. Für meine Mutter musste das wirklich schwer gewesen sein. Aber schließlich drängte es mich doch, meine vier Wände wieder zu verlassen. Vor dem Fenster wurde es Frühling. Ich packte Tanja in ihrem Kinderwagen warm ein, und begann, täglich mit ihr spazieren zu gehen und Freunde zu besuchen. Ich wollte mein Wunderkind jedem zeigen, vor allen anderen Wolfgang.



































Tag 2


Es ist kurz nach 5 Uhr. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ständig war da dieses Brummen und Piepen gewesen, das mich aufschrecken lies, weil ich jedesmal dachte, es könnte Wolfgang betreffen. Aber er hatte immer nur dagelegen, wie am Tag zuvor, als wäre er aus Stein gemeißelt. Nichts hatte sich verändert.
Eine der Nachtschwestern, sie heißt Simone und ist etwa in meinem Alter, ist gekommen und saugt ihn wieder ab, zuerst im Mund und in der Nase, dann in der Lunge. Es dauert ziemlich lange, in den letzten Stunden hat sich viel Sekret gesammelt. Sie erklärt mir alles, was sie macht. Zwischendurch spricht sie auch mit meinem Mann, berührt in sachte an der Schulter, beobachtet sein Gesicht. Sie erklärt mir auch die Kurven am Monitor, als ich sie danach frage. Das EKG, der Blutdruck und die Sauerstoffanreicherung im Blut werden dort überwacht. Ich möchte gerne alles wissen, nicht weil ich denke, daß es Wolfgang irgend etwas nutzen könnte, aber die vielen Schläuche und Kabel erscheinen mir weniger bedrohlich, wenn ich ihren Sinn verstehen kann.
Ich würde sie gerne nach ihrer Meinung, ihrem Gefühl fragen, denn sie scheint mir sehr erfahren zu sein, aber ich habe nicht den Mut. Meine Angst, Wolfgang könnte für immer bewußtlos bleiben, ist grenzenlos geworden. Sein wunderschönes Gesicht ist so ohne jedes Leben, daß es fast fremd auf mich wirkt, und der Verstand, der Geist dahinter ist unerreichbar. Der Herzinfarkt, die notwendige Bypassoperation, die Rhythmusstörungen, die Medikamente, die er zur Kreislaufunterstützung benötigt, das alles macht mir nicht halb so viel Angst, wie die Tatsache, das sein Gehirn Schaden genommen hat. Ich möchte wissen, wie es in seinem Kopf aussieht, ob er vielleicht doch etwas mitbekommt, ob er leidet. Immer wenn ich ihn anschaue, tue ich es in der Hoffnung, daß er sich plötzlich bewegt, daß seine Augen mich fixieren, daß es versucht zu sprechen, aber nie werden sie erfüllt.
Simone dreht ihn diesmal ganz alleine auf die Seite, schiebt eine Decke hinter seinen Rücken, damit er nicht zurückfallen kann, vorsichtig wegen der Kabel. Die Beatmungsmaschine gibt Alarm, der Schlauch ist abgeknickt, so daß Wolfgang keine Luft mehr bekommt. Die Schwester behebt es sofort, der Alarm erlischt. Mein Herz rast, wie nach jedem Piepen oder Brummen, Simone ist ganz ruhig und routiniert.
Zu letzt hebt sie seine Arme und zieht eine dünne Decke bis an die Achseln. Er ist darunter ganz nackt. Diese Nacktheit verdeutlicht seine Hilflosigkeit. Er ist dem Krankenhaus vollkommen ausgeliefert, kann sich nicht wehren, selbst wenn er wollte.
Ich weiß nicht, ob seine Seele noch in seinem Körper wohnt.
Die Nachtschwester geht, sagt, sie würden jetzt bald Übergabe machen, danach käme der Frühdienst. Ich verabschiede mich von ihr. Ich möchte mit den Menschen die hier arbeiten gut auskommen, denn ich weiß, daß auch ich ihnen ausgeliefert bin.
Meinen Stuhl rücke ich wieder so an Wolfgangs Bett, daß ich seine Hand halten kann. Es gibt mir ein größeres Gefühl der Nähe zu ihm, als wenn ich mit ihm spreche. Ich lege meinen Kopf vorsichtig neben unsere Hände auf die Matratze.
Bis der Frühdienst kommt, bin ich doch noch eingeschlafen.


Wieder ein neues Gesicht, ein neuer Pfleger.
Er stellt sich mir nicht vor, sagt nur: „Guten Morgen. Sie müßten jetzt mal das Zimmer verlassen, weil ich Hrn. Hall waschen möchte. Sie können im Warteraum Platz nehmen, bis ich sie wieder rufe.“
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als hinaus zu gehen.

Ich muß über eine Stunde warten. Diesmal bin ich nicht alleine. Ein junger Mann sitzt neben mir. Wir sprechen nicht miteinander. Er sieht sehr unglücklich aus.
Karin läuft im Flur an uns vorbei. Sie grüßt freundlich, als sie mich erkennt. Kurze Zeit später kommt sie wieder, bringt uns jedem einen Kaffee. Die Wärme tut gut. Sie lässt mich meinen eigenen Körper spüren, hilft gegen das Gefühl der Lähmung und Taubheit. Er ist auch einfach eine Geste der Menschlichkeit für die ich sehr, sehr dankbar bin.

Als Tanja kommt, ist gerade Arztvisite bei Wolfgang. Ich sitze schon wieder im Wartezimmer. Ich kenne jeden Fleck an den Wänden. Wir beschließen ein paar Schritte nach draußen zu gehen. Die frische Luft würde mir gut tun.
Unterwegs fragt sie als Erstes: „Wie geht es ihm? Ist er wach geworden?“
Ich erzähle ihr traurig und müde von dem Krampfanfall.
Wir laufen durch eine Gartenanlage. Sie ist sehr schön, aber meine Beine schmerzen, und mein Rücken auch.
Keine von uns spricht viel, es gibt nicht viel zu sagen. Unsere dunkelsten Ahnungen sind wir noch nicht bereit, auszusprechen, und Positives ist nichts mehr geblieben.
Tanja erzählt mir, dass sie die ganze Woche Urlaub bekommen habe. Ihr Chef wäre sehr verständnisvoll gewesen, sie solle erst wieder kommen, wenn sie arbeiten wolle.
Dann fragt sie unvermittelt: „Mama, warum fährst du nicht einfach heim, und legst dich ein bißchen hin? Ich bin ja jetzt hier, und wenn sich irgend etwas verändert, rufe ich dich sofort an.“
Tanja hat Recht. Ich verabschiede mich, und fahre mit ihrem Auto nach Hause, weil ich einfach keine Kraft mehr habe, mich noch länger auf den Beinen zu halten.

Als ich daheim ankomme, fühle ich mich noch einsamer, alles erinnert mich hier an Wolfgang. In meiner Vorstellung sehe ich in im Hof stehen, wie er einen Schrank in einen LKW hebt, ich sehe ihn in dem Büro sitzen, in der Küche kochen, unter der Dusche. Egal wohin ich blicke, überall spüre ich ihn. Die Vorstellung, dass er nie mehr hier sein könnte, ist mir unerträglich. Ich liebe ihn so sehr. Ich hatte mir niemals Gedanken darüber gemacht, ohne ihn alt werden zu müssen. Er ist erst 52 Jahre alt, ich bin 44. Da denkt man nicht über das Sterben nach. Warum hatte ich nicht vorher darauf bestanden, dass er zu einem Arzt ginge? Gerade weil sein Vater mit 60 verstorben war. Vielleicht wäre er jetzt noch hier bei mir? Ich mache mir schreckliche Vorwürfe.
So wie ich bin, lege ich mich in unser Bett, nachdem ich kurz mit meinem Vater gesprochen habe. Ich lege mich auf Wolfgangs Seite. Es riecht noch nach ihm. Mein Telefon stelle ich auf den Nachttisch. Ich schließe meine Augen und sehe ihn vor mir im Krankenhausbett, unbeweglich und sabbernd. Die vielen Schläuche, die in seinen Körper dringen, werden in meinem Gedanken zu Schlangen, die ihn würgen und beißen, er wehrt sich nicht dagegen, und ich stehe zu weit entfernt, um ihm zu helfen. Eine Krankenschwester hält mich fest, lässt mich nicht zu ihm, sagt, dass dies jetzt wichtig für ihn wäre.
Ich bin irgendwo zwischen Wachen und Schlafen, Träume und Phantasien gehen übergangslos ineinander über. Ich nehme die Geräusche des Tages um mich herum wahr, ohne sie richtig einordnen zu können.
Drei Stunden später schaue ich auf die Uhr. Es ist 14:30h. Ich bin überrascht, dass es nicht schon später ist.
Ich fahre wieder in das Krankenhaus. Zu Hause kann ich doch auch keine Ruhe finden. Ich will bei ihm sein.


Tanja sitzt an seinem Bett, als ich ankomme.
„Er hat wieder einen Krampfanfall gehabt.“ begrüßt sie mich traurig. Immer nur schlechte Nachrichten.
Ich betrachte meinen Mann, gebe ihm einen Kuss auf die Wange, der Schlauch in seinem Mund berührt dabei mein Gesicht.
Der Patient, der neben Wolfgang liegt, hat auch Besuch. Eine alte Frau sitzt neben seinem Bett. Ich blicke über einen Vorhang hinweg, der beide Betten voneinander trennt. Zum ersten Mal sehe ich mir den anderen Patienten bewusst an. Er ist bestimmt schon über 80, wird auch von einer Maschine beatmet, aber er scheint wach zu sein, er bewegt seine Arme und blickt mir in die Augen, als ich ihn anschaue. Ich sehe schnell weg. Ich wollte nicht neugierig sein.
Ich setze mich zu Tanja.
Sie erzählt weiter: „Vorhin war eine Krankenschwester hier. Sie hat die Beatmungsmaschine umgestellt, so dass Papa alleine atmen konnte. Aber er atmet nicht richtig, nur ganz unregelmäßig. Sie sagt, das käme auch von dem Sauerstoffmangel. Sein Gehirn würde die Atmung nicht mehr richtig steuern.“
Ich nehme ihre Hand. Alles erscheint hoffnungslos. Vielleicht wäre es besser gewesen, man hätte ihn einfach sterben lassen. Ich erschrecke über meine eigenen Gedanken.
Meine Blicke werden von dem Monitor angezogen. Ich sehe, dass sein Puls über 100 ist, auch das macht mir Angst. Dafür ist sein Blutdruck besser geworden, glaube ich zu Mindest. Ich weiß, dass diese vielen Werte mich nur verwirren, aber ich beobachte sie trotzdem. Es hängen jetzt auch noch mehr Infusionsflaschen und Spritzen neben seinem Bett.
Plötzlich brummt der Monitor wieder, aber diesmal noch lauter und schriller als sonst, die Kurven auf ihm sehen ganz anders aus, ich blicke zu Wolfgang, um zu sehen, ob seine Arme wieder zucken, aber das ist nicht der Fall, ich will hinaus rennen und Hilfe holen, aber es kommt schon ein Pfleger gerannt mit einem roten Gerät im Arm. Er schubst uns beiseite, brüllt nach dem Arzt, aber auch Dr. Berthold steht schon im Zimmer. Eine Krankenschwester schiebt mich und meine Tochter hinaus auf den Flur, auch die andere Besucherin muss nach draußen, sie schaut mich im Vorbeigehen mitleidig an, nehme ich wahr. Ich bin der Panik nahe, ich habe schreckliche Angst, dass Wolfgang stirbt.
Ich bete zu Gott, dass das nicht passiert, lieber möchte ich ihn als Pflegefall und ohne Bewusstsein bei mir zu Hause haben. Nur soll er nicht sterben. Vorhin hatte ich noch ganz anders gedacht.
Tanja und ich halten uns an den Händen, so fest dass es fast weh tut. Im Zimmer brüllt jemand: „Weg vom Bett!“, ein mir bisher unbekannter Alarmton ist zu hören, dann sagt er: „Sinusrhythmus. Wie ist der Druck?“
Eine andere Stimme: „70 zu 40, ich stell das Arterenol hoch.“
Es dauert endlos lange Minuten, bis Dr. Berthold aus dem Zimmer kommt. Er nimmt uns mit in das Arztzimmer.
„Ihr Mann hatte wieder Kammerflimmern. Wir mussten ihn defibrillieren.“
Ich kann nichts dazu sagen, Tanja auch nicht. Immer noch wird es schlimmer und schlimmer. Es ist die Hölle auf Erden.


Gegen Nachmittag fährt Tanja nach Hause zu ihrem Freund. Ich bin froh, dass sie nicht alleine sein muss. Wolfgang geht es schlechter als gestern. Die Blutdruck- steigernden Medikamente mussten immer weiter erhöht werden. Ein Röntgenbild von der Lunge hatte ergeben, dass sich Wasser in seiner Lunge angesammelt hatte. Das käme von der Herzschwäche, hatte mir Hr. Bernhard erklärt, der Pfleger, der auch schon am Vortag da gewesen war. Bernhard war sein Nachname, Karin hatte ihn mit Michael angesprochen, hatte ich zufällig gehört.
Ich bleibe bis abends, dann fahre auch ich nach Hause, mit dem Bus, denn ich habe kein Auto hier. Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen, und nur ein paar Schlucke Wasser getrunken, die mir der Pfleger gebracht hatte.
Meine Hände zittern, und wenn ich aufstehe, wird mir schwindlig. Ich muss nach Hause, um ein wenig zu schlafen und etwas zu essen. Wolfgang wird es nicht helfen, wenn ich hier zusammen breche. Aber ich habe große Angst, dass er in meiner Abwesenheit verstirbt. Ich verabschiede mich mit einem schlechten Gefühl.

In der Nacht träume ich, ich laufe durch einen endlos langen Flur. Zu beiden Seiten sind Türen, und von irgendwoher höre ich Wolfgang um Hilfe schreien. Ich öffne jede einzelne Tür, um ihn zu finden, aber überall sind nur große, leere Räume. Sein Schreien wird immer lauter, je mehr Türen ich öffne. Auf dem Gang kommen mir fremde Menschen entgegen, die ich beiseite schieben muss, um weiter gehen zu können. Sie lächeln mich an. Ich muss Wolfgang finden, er scheint furchtbare Schmerzen zu haben, so wie er schreit. Irgendwann schreie ich auch, und werde davon wach. Es ist mitten in der Nacht. Ich rufe auf der Intensivstation an, frage, wie es ihm geht. Unverändert, heißt es.
Ich bin nassgeschwitzt und friere. Die Dunkelheit, die Erinnerung an den Traum und die schreckliche Realität schaffen in mir ein Gefühl des Horrors. Ich denke über die Situation nach. Stelle mir vor, er würde den Herzinfarkt überleben, aber für immer bewusstlos bleiben und überlege, wie ich Wolfgang helfen könnte, denke über Möglichkeiten nach, sein Leiden zu beenden, und bin im gleichen Augenblick entsetzt über meine Gedanken. Im Stillen entschuldige ich mich bei meinem Mann dafür, dass ich fähig bin, über so etwas auch nur nachzudenken.
Kurz darauf entschuldige ich mich, dass ich niemals fähig wäre, es zu tun. Ich könnte ihn nicht töten, selbst, wenn er mich darum anflehen würde.

Den Rest der Nacht kann ich nicht mehr schlafen. Ich lege mich in die Badewanne, um mich aufzuwärmen, denke an den Tag, an dem wir uns kennen lernten, damals hatte ich auch gebadet. 24 Jahre ist das her. 24 Jahre, auf die ich niemals verzichten will. Schöner hätte die Zeit nicht sein können, das ist mehr, als andere Menschen haben, denke ich.
Um 4:30h fahre ich wieder in das Krankenhaus.




















Tag 3


Um 7h kommt Schwester Karin. Sie hat heute Frühdienst und pflegt meinen Mann. Ich darf bei fast allem, was sie macht im Zimmer bleiben, und auch sie erklärt mir alles. Ich kann nicht verstehen, wie man freiwillig so einen Beruf ausüben kann, aber ich bewundere sie für die Herzenswärme, die sie ausstrahlt. Sie spricht auch mit Wolfgang, erklärt ihm immer wieder, wo er ist, berührt ihn dabei an der Schulter oder an den Händen. Ich bin froh, dass sie heute hier bei Wolfgang ist, und nicht wieder der Pfleger von gestern vormittag, der mich zum Waschen hinaus geschickt hatte.
Sie ist fast ununterbrochen mit meinem Mann beschäftigt, verbindet die Zugänge in seine Vene und Arterie neu, wechselt die Infusionen, dreht ihn von einer Seite auf die andere, saugt ihn ab, kontrolliert immer wieder seine Werte, gibt ihm flüssige Nahrung über den Schlauch, der durch die Nase in seinen Magen führt.
Einmal sagt sie zu mir: „Er ist ein gut aussehender Mann.“
Ich freue mich, dass ihr das aufgefallen ist. „Ja sage ich, ein sehr gut aussehender.“
Dann fange ich an, zu erzählen, von seinem Beruf, von unserem Leben. Sie hört interessiert und geduldig zu. Es tut mir gut, ihr zu schildern, was für ein Mensch Wolfgang ist. Er soll nicht einfach nur ein Patient mit einem Herzinfarkt und einem Sauerstoffmangel für sie sein, sondern ein Mensch, der fühlt, der denkt, der liebt, eben einer, der lebt und nicht tot ist.
Ich bedanke mich bei ihr, dass sie mir zugehört hat, sie lächelt und sagt, das sei doch selbstverständlich.
„Nein“, denke ich, das ist es nicht. Ich bin froh, dass es Menschen wie sie gibt. Es macht meine schreckliche Welt erträglicher.
Mittags ist dann doch der Pfleger vom Vortag da, der mir so unsympathisch ist. Ich frage ihn nach seinem Namen. Er heißt Brand. Während des ganzen Nachmittags spricht er kaum ein Wort mit mir und auch nicht mit Wolfgang, soweit ich das mitbekomme. Dafür wird er um so freundlicher, als Tanja kommt, kein Wunder, sie ist eine hübsche, junge Frau. Ich denke, dass dies nicht der richtige Ort ist um zu flirten, vor allem ist meiner Tochter kaum danach. Sie behandelt ihn abweisend, wirkt unangenehm berührt von seiner übertriebenen Freundlichkeit. Als er das merkt wird er wieder kurz angebunden. Er ist hier fehl am Platz, auch wenn ich keine Ahnung von Medizin habe, bin ich sicher, er kann kein guter Pfleger sein.
Dr. Berthold hat auch wieder Dienst. Ich freue mich über sein bekanntes Gesicht. Als ich ihn frage, ob es etwas Neues gebe, nimmt er mich und Tanja wieder mit sich in das Arztzimmer.
„Es geht ihrem Mann nicht gut. Im EKG sieht es so aus, als ob das Blutgefäß, das mit dem Herzkatheter aufgedehnt worden wurde, wieder zugegangen ist. Der Oberarzt hat eine Ultraschalluntersuchung des Herzens gemacht. Er hat eine ausgeprägte Herzschwäche. Der Herzmuskel ist vergrößert, wahrscheinlich litt er schon länger unbemerkt unter Bluthochdruck. Das Herz ist so schwach, das sich schon Wasser in die Lunge zurückstaut. Wir müssen ihm jetzt mehr Sauerstoff und etwas zur Entwässerung geben, auch braucht er hohe Dosen, von dem Blutdruck- unterstützenden Medikament.“
Es ist dem Arzt sichtlich schwergefallen, das alles mitzuteilen, er holt tief Luft und fährt fort:
„Außerdem wird er nicht wach, mit jedem Tag, der vergeht wird die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sein Gehirn sich wieder erholt. Für morgen haben wir eine Computertomographie des Schädels geplant, um unsere Diagnose des Sauerstoffmangels abzusichern. Das ist eine schichtweise Röntgenuntersuchung des ganzen Kopfes.“
Wir haben keine weiteren Fragen, es gibt nichts zu fragen, es ist alles gesagt.
Der Arzt sagt zum Abschied, wir könnten uns jederzeit bei ihm melden, wenn wir doch noch eine Frage hätten. Er wirkt sehr mitfühlend.


Tag 4


Wieder eine unruhige Nacht. Mit wie wenig Schlaf kann ein Mensch auskommen? Diese Nacht habe ich Kerzen angezündet und gebetet, obwohl ich nie sehr gläubig gewesen bin. Vielleicht warte ich auch nur auf ein Wunder.
Hr. Bernhard pflegt meinen Mann, heute morgen. Ich bin froh darüber, ich habe Vertrauen zu ihm.
Auf die Frage, wie es meinem Mann geht, bekomme ich von ihm zum ersten Mal etwas positives zu hören.
„Der Blutdruck wird besser. Wir konnten mit dem Arterenol runtergehen. Den Sauerstoff haben wir auch reduziert.“
„Heißt das, es geht ihm besser?“ frage ich gleich überschwenglich, ich bin so überrascht, einmal kein ‚Aber‘ oder ‚Leider‘ zu hören.
Hr. Bernhard antwortet mit einem vorsichtigen Ja. „Der Kreislauf hat sich stabilisiert.“
Ich weiß, dass es nicht angebracht ist, aber ich freue mich wahnsinnig über diese Nachricht, gehe zu Wolfgang, gebe ihm einen Kuss, werde nass von seinem Speichel, der aus dem Mundwinkel heraus läuft.
Der Krankenpfleger steht auf der anderen Seite des Bettes, zerstört meine Euphyrie, in dem er sagt: „Wacher ist er noch nicht geworden.“
Über mittag fahre ich nach Hause. Ich will mit Klaus sprechen, dem Schreiner aus Wolfgangs Firma. Ich muß auch die Büroarbeit machen. Das Leben geht weiter.
Tanja und ich essen zusammen eine Fertigpizza.
Sie sagt: „Er wird wieder nach Hause kommen.“
Ich müßte ihr widersprechen, um sie auf das Schlimmste vorzubereiten, statt dessen stimme ich ihr zu: „Ich hoffe das auch immer noch.“
Gegen 15:00 Uhr fahren wir gemeinsam wieder zu Wolfgang. Sie haben die Computertomographie gemacht. Die Untersuchung hat ihre Diagnose bestätigt, sein Gehirn war von dem Sauerstoffmangel geschädigt. Tanja und ich, die an ein Wunder geglaubt hatten, nehmen es zur Kenntnis. Im Stillen frage ich mich, wann sie ihn aufgeben werden.





















Tag 5


So einfach ist das nicht mit dem Aufgeben, erfahre ich im Gespräch mit Hrn. Bernhard, der wieder Frühdienst hat.
„Halten sie es für möglich, dass er noch wach wird?“ frage ich ihn resigniert.
Der Pfleger antwortet, dass er mir etwas zeigen will, geht zu der Beatmungsmaschine, drückt mehrere Tasten, und ich merke, wie die Atmung meines Mannes sich verändert. Das gleichmäßige Heben und Senken seines Brustkorbes bleibt aus. Ich denke schon, er atmet überhaupt nicht, da fängt er plötzlich an, ganz tief Luft in sich einzusaugen, wie nach einem Marathonlauf. Dann werden die Atemzüge immer flacher, bis sie schließlich ganz ausbleiben. Nach einer Pause, die mir endlos erscheint, fangen wieder die tiefen Atemzüge an. Das geht immer so weiter.
Hr. Bernhard sagt: „Das nennt man eine Cheyne- Stokes- Atmung. Sie ist in diesem Fall Zeichen einer Hirnschädigung.“
Er stellt die Beatmungsmaschine wieder um, nimmt einen kleinen Watteträger und berührt damit Wolfgangs Auge.
„Sehen sie, er reagiert gar nicht. Normaler Weise müssten sich seine Augenlider schließen, das ist ein Schutzreflex.“
Jetzt fährt er mit dem gleichen Watteträger an der Fußsohle meines Mannes entlang. Wolfgangs Zehen verkrümmen sich seltsam.
„Das ist ein Reflex, der krankhaft ist, bei einem Gesunden ist er nicht vorhanden. Man nennt ihn Babinski. Auch er ist Zeichen einer massiven Hirnschädigung.“
Er schaut mich an. Ich bin zu keiner Antwort fähig.
„Das alles deutet darauf hin, dass ihr Mann nie mehr so werden wird, wie er einmal war.“
Ich schlucke, diese Antwort bestätigt meine schlimmsten Befürchtungen.
„Macht das Alles denn dann überhaupt noch einen Sinn?“ frage ich ihn und meine Blicke deuten auf die Beatmungsmaschine, die Infusionen, all die vielen Geräte und Medikamente.
Er überlegt kurz, antwortet dann: „Ich glaube, diese Frage kann ihnen niemand wirklich beantworten. Es ist eine Frage, die wir alle uns hier sehr oft stellen, und auf die es viele verschiedene Antworten gibt, die alle gleich richtig und falsch erscheinen.“
Ich will von ihm wissen: „Wie lange werden sie die Behandlung weiterführen?“
„Solange, es nötig ist. Wir dürfen zum Beispiel das Beatmungsgerät gar nicht einfach so ausstellen. Es wäre aktive Sterbehilfe, und die ist in Deutschland verboten.“
„Dann bleibt er vielleicht für immer an dieser Maschine?“ frage ich entsetzt.
Der Pfleger antwortet: „Nein das glaube ich nicht. Seine Atmung ist zwar unregelmäßig, aber wenn das Wasser aus seiner Lunge verschwunden ist, wird sie ihm wahrscheinlich zum Leben reichen.“

Ich blicke meinen Mann an. Es fällt mir auf, wie dünn er geworden ist. Seine Muskeln sind merklich weniger geworden und die Haut wirkt ausgetrocknet. Er blickt noch immer starr in die Luft. Ist das überhaupt noch Wolfgang? Oder ist es nur noch ein menschlicher Körper, der langsam zerfällt, weil schon lange kein Leben mehr in ihm wohnt?
Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Es ist mir keine Hoffnung geblieben, nicht das kleinste, winzigste Stückchen ist mehr da. Die Leere in mir wird nur durch grenzenlose Verzweiflung verdrängt.

Ich betrachte den Pfleger, er ist ungefähr Ende 30, groß und kräftig, hat kleine Lachfältchen um die Augen. Wie kann man nur an einem solchen Ort arbeiten? Ich frage ihn das.
„Ich vergesse durch meine Arbeit niemals, wie glücklich ich bin, dass ich und meine Familie gesund sind. Außerdem bekomme ich viel Anerkennung, und es sind ja auch nicht alle Patienten so schwer krank, wie ihr Mann.“
Es überzeugt mich nicht. Wenn das alles hier vorbei war, würde ich keinen Fuß freiwillig auf eine solche Station setzen.
Am Abend nehme ich meinen Vater mit zu Wolfgang. Er bleibt nicht lange im Zimmer, drückt ihm nur kurz die Hand, spricht ein Paar Worte, geht dann mit Tränen in den Augen nach draußen. Auf mich wirkt es, als nehme er Abschied.











































Tag 6

Wolfgang hat Fieber, über 40 Grad Celsius. Der Blutdruck ist wieder schlechter. Das Wasser in der Lunge ist mehr geworden.
Er bekommt Antibiotika, erklärt mir eine Krankenschwester, die ich noch nicht kenne.
Auch die Ärztin, die heute Dienst hat, habe ich bisher nicht gesehen. Sie heißt Ahrenz, und spricht mit mir so mitleidig, wie mit einem Kind, das sich weh getan hat.
Ich bin mit Tanja zusammen hier. Sie sieht schlecht aus, hat Ringe unter den Augen vom vielen Weinen. Wie ich selbst aussehe, weiß ich gar nicht. Ich habe schon tagelang nicht mehr in einen Spiegel gesehen.

Kurz bevor wir nach Hause gehen wollen, dröhnt der Monitor los. Er hatte schon so oft Alarm gegeben, und meistens war es nichts Schlimmes, so dass ich mich schon fast daran gewöhnt habe, aber dieses Mal ist es wieder dieses laute Dröhnen, und fast gleichzeitig kommen zwei Schwestern mit dem roten Gerät in das Zimmer gelaufen. Wolfgang hat wieder Kammerflimmern.
Tanja und ich gehen hinaus in den Flur, wie das letzte Mal, und ich habe schreckliche Angst.
Als ob ich nicht wüßte, dass es für Wolfgang das Beste wäre, wenn er einfach sterben würde.
Eine der Schwestern ruft nach der Ärztin. Ich höre sie ärgerlich sagen: „Wann kommt denn die endlich?“
Fr. Ahrenz rennt an uns vorbei in das Zimmer. Da brüllt die Schwester auch schon: „Weg vom Bett“ und der mir schon bekannte Signalton des Defibrilators ertönt.
Im Zimmer fällt etwas zu Boden, es macht einen Höllenlärm.
„Entschuldigung.“ höre ich die Ärztin sagen.
„Sinusrhythmus“ sagt eine der beiden Schwestern.
Fr. Ahrenz: „Ich hol eine Ampulle Cordarex.“
„Das läuft doch schon.“ antwortet die andere Schwester.
Die Ärztin kommt aus dem Zimmer. Sie erklärt uns kurz die Situation, aber wir wissen schon Bescheid. Sie zittert, merke ich, als ich vor ihr stehe.
Wenn es nicht hoffnungslos wäre für Wolfgang, würde ich jetzt vor Angst sterben. Zu dieser Ärztin habe ich kein Vertrauen.

Tanja und ich bleiben doch noch bis der Nachtdienst kommt. Dann fahren wir nach Hause

Um 1:30 Uhr klingelt mein Telefon.
















1981

Ich schob den Kinderwagen mit Tanja als erstes in die Werkstatt. Dort traf ich auf Wolfgang und Klaus, die Schubladen für einen Schreibtisch zusammen bauten. Es schien ziemlich kompliziert, jedenfalls bemerkten sie mich eine ganze Zeit lang nicht, so dass ich sie einfach bei der Arbeit beobachtete. Dabei wurde mir bewusst, wie sehr ich Wolfgang vermisst hatte. Alleine seine Stimme zu hören tat mir so gut, dass ich den Entschluss fasste, schon am nächsten Tag wieder im Büro zu arbeiten, wenn er damit einverstanden war.
Nach wenigen Minuten entdeckte mich Klaus, und er kam gleich auf mich und Tanja zu, um mir zu gratulieren. Auch Wolfgang wurde jetzt auf uns aufmerksam. Er stand da, eine Schublade in den Händen, und lächelte glücklich.
Er sagte nur: „Endlich!“, dann ging er auf mich zu, nahm mich in den Arm und flüsterte mir in mein Ohr: „Ich wäre dich besuchen gekommen, aber Angelika, hat mir gedroht, auszuziehen, wenn ich es tun würde. Sie ist ganz schrecklich eifersüchtig auf dich und dein Baby.“
Er beugte sich über den Kinderwagen und betrachtete Tanja.
„Sie wird genauso hübsch, wie ihre Mutter.“ erklärte er überzeugt.
Und schon waren all meine guten Vorsätze dahin. Meine Sehnsucht nach diesem Mann war so groß wie eh und je. Ich verabschiedete mich und ging spazieren, denn ich wollte nicht, dass er meine heftige Reaktion auf seine Worte mitbekam.

Einen Tag später traf ich Angelika auf der Straße. Sie tat so, als ob sie mich nicht sehen würde und ging einfach weiter. Ich konnte es ihr nicht verübeln, denn es war schlimm genug für sie, daß sie mich um Tanja beneidete, sie kannte auch meine Gefühle für Wolfgang, dessen war ich mir sicher.
Die Situation war unerträglich geworden. Auf Dauer konnte es so nicht bleiben, das war mir klar. Aber, selbst wenn ich bereit dazu gewesen wäre, weg zu ziehen, ich hätte mir doch gar keine Wohnung leisten können, und auch auf das Geld, das ich bei Wolfgang verdiente, konnte ich nicht ohne Weiteres verzichten, verteidigte ich mich selbst.
Ich war doch nicht schuld an meinen Gefühlen, und außerdem konnte eine so reine, aufrichtige Liebe, wie ich sie empfand, doch nichts Schlechtes sein.
Ich jedenfalls war nicht bereit, mich dafür zu schämen. Aber mit jeder Minute, die ich mit ihm verbrachte, wuchs unsere Nähe zu einander. Auch Wolfgang mußte das spüren. Meine Sehnsucht nach seiner körperlichen Nähe war bis ins Unendliche gewachsen, und ihm ging es genauso. Ich wußte das, weil er sich kaum mehr Mühe gab, es zu verbergen. Da mußte ich nur an den Tag zuvor denken, oder an diesen Morgen, als ich das erste Mal wieder im Büro gearbeitet hatte. Er war fast ständig bei mir gewesen, hatte immer wieder eine Möglichkeit gefunden, mich zu berühren.
Wir gehörten zusammen. Es war einfach so.

Mehrere Wochen vergingen. Tanja wuchs, und sie war unglaublich süß. Meine Eltern, meine Freunde, jeder bot mir an, auf sie aufzupassen. Ich solle ruhig mal was für mich alleine machen. Aber ich hatte kein Interesse daran. Ich nahm sie überall mit hin, auch zur Arbeit. Wenn sie einmal unruhig wurde, stillte ich sie, und schon war sie wieder zufrieden.
Es gab seit Kurzem einen Lehrling in der Firma Hall. Er hieß Marco, war 18 Jahre alt, und ich hatte von dem Moment, wo wir uns kennen lernten, das Gefühl, dass er ein wenig verliebt in mich sei. Erst lächelte ich darüber, denn er erschien mir wie ein Kind mit seinen 18 Jahren, dabei war ich selbst erst 23. Mit der Zeit aber begann mir seine kleine Schwärmerei zu gefallen, wenn ich sie auch niemals ernst nahm oder gar erwiderte. Er war ein wirklich netter Junge und schien auch ein guter Schreiner zu werden. Oft baute er in seiner freien Zeit Möbel, die er selbst entworfen hatte, und sie waren ausnahmslos gut, wenn auch für meinen Geschmack ein bißchen zu modern.
Eines Morgens, ich saß im Büro und stillte Tanja, kam er schüchtern zu mir und fragte mich, ob er ein Foto von mir machen dürfte.
Überrascht antwortete ich: „Wenn du einen Moment wartest, bis ich hier fertig bin.“
Aber er wollte mich gleich fotografieren, mit Tanja an meiner Brust, hier an meinem Schreibtisch. Ich überlegte einen kurzen Augenblick und dachte dann: „Warum nicht?“
Das Ganze dauerte dann fast eine halbe Stunde, denn Carlo baute zu meinem Erstaunen erst einmal ein Stativ und eine Art Studio- Beleuchtung auf. Er schob meine Schreibmaschine hin und her, forderte mich auf, Tanja ein wenig nach links, dann wieder nach rechts zu halten, meinen Kopf zu drehen und noch vieles mehr, bis er endlich zufrieden war. Ich konnte meine Tochter kaum mehr zum Trinken bringen. Endlich schaute Carlo durch die Linse, sagte: „Das ist es. Jetzt schau deinem Baby in die Augen. Ja gut. Prima.“ Das Foto war gemacht.
Es war das schönste Bild, das ich jemals von mir gesehen hatte, und es drückte etwas aus, das man kaum in Worte fassen konnte. Es war eine stillende Mutter an ihrem Arbeitsplatz, die Zeit schien still zu stehen, so innig waren Kind und Mutter miteinander verbunden. Das Bild war eine Schwarz- Weiß- Aufnahme, aber eine ganz weiche Beleuchtung schien auf mein Gesicht. Man konnte darin die Liebe zu meinem Kind erkennen, er hatte sie fest gehalten mit diesem Bild. Ich wollte es unbedingt haben. Er schenkte mir mehrere verschieden große Abzüge.
„Es ist unglaublich gut.“ sagte ich ihm, und er wurde rot. Es war das erste Mal, dass ich das bei einem Mann gesehen hatte. Ich fand es rührend.
Auch Wolfgang wollte einen Abzug. Er steckte ihn in einen Umschlag in seine Jackentasche.
Am gleichen Abend hörte ich einen lautstarken Streit zwischen ihm und Angelika. Ihr Geschrei drang durch ein geöffnetes Fenster bis herüber zu mir in die Wohnung. Ich verstand zwar nicht, worum es ging, aber ich konnte es mir denken. In der nächsten Zeit hörte man sie öfter miteinander streiten.
Monatelang hielt dieser Zustand an. Am Ende stritten sie fast täglich. Irgendwann blieben die lauten Diskussionen dann aus, ich nahm an, sie hatten die nötige Energie dazu verloren.

Tanja war acht Monate, fing gerade an zu Krabbeln, da klingelte Wolfgang an einem Sonntag Morgen bei mir und lud uns beide zu einem Ausflug ein.
„Und Angelika?“ fragte ich fassungslos. Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Das ist mir vollkommen egal. Ich will einfach mal einen netten Tag mit guter Laune und ohne Streit verbringen. Sonst drehe ich durch.“
Ich konnte nicht anders, ich mußte mit gehen.
Es wurde ein netter Tag, mit guter Laune und ohne Streit. Es wurde ein ganz wundervoller Tag.

Wir packten Kinderwagen, Windeln, Karottengemüse und ein paar Kleider für Tanja, und eine Kanne Kaffee für uns in sein Auto. Dabei hatten wir schon so viel Spaß, dass Tanja vor Freude laut lachte.

Sie kannte Wolfgang ziemlich gut. Im Büro spielte er oft mit ihr, oder er nahm sie einfach auf seine Schultern und zeigte ihr die ganze Werkstatt.
„Sie wird mal Schreiner.“ sagte er dann mit einem Augenzwinkern zu mir.
„Sicher.“ gab ich schmunzelnd zur Antwort.
Aber Marco war nicht einverstanden. Er beeilte sich dann stets zu sagen: „Sie wird Fotografin, gar keine Frage.“

Jetzt saß Tanja in ihrem Babysitz hinter Wolfgang im Auto und brabbelte vor sich hin. Ich hatte noch keine Ahnung, wo wir überhaupt hinfuhren. Es war Januar und winterlich kalt.
Unser Ziel war eine Schlittenbahn ungefähr eine Autostunde von uns entfernt. Wolfgang hatte einen Schlitten unter einer Decke im Kofferraum versteckt, um mich zu überraschen. Allerdings mußten wir zu dritt ganz schön zusammen rutschen, was mir natürlich nicht unrecht war. Er saß ganz hinten, dann kam ich, und auf meinem Schoß saß Tanja, der es gar nicht schnell genug gehen konnte. Wir lachten alle drei fast ununterbrochen, brüllten „Hui!“ und „Achtung wir kommen!“, ich kam mir vor, wie ein kleines Kind, und es war ein tolles Gefühl. Wenn wir unten ankamen, blieben wir jedes Mal noch für einen kurzen Augenblick sitzen. Ich lehnte mich an Wolfgang, und er umarmte mich und Tanja von hinten. Es nahm mir den Atem.
Den Berg hoch setzten wir meine kleine Tochter auf den Schlitten und zogen sie abwechselnd. Die letzten Male nahm er einfach meine Hand in seine, und wenn wir nicht nach hinten blickten, um nach Tanja zu schauen, sahen wir uns verliebt in die Augen.
Schließlich waren wir alle drei bis auf die Haut durchgefroren. Wir gingen in ein kleines Restaurant, wo ich erst einmal meine Tochter stillte. Als ich fertig war, nahm Wolfgang gleich Tanja auf seinen Schoß und begann sie zu kitzeln. Wir saßen ganz eng bei einander und fühlten uns so richtig wohl. Irgendwann schlief Tanja auf seinem Arm ein, er hielt sie während des ganzen Essens und war nicht bereit, sie an mich weiter zu reichen, damit sie nur ja nicht wach werden würde. Immer wieder strich er ihr sanft über die Wange, und ich stellte mir vor, dass er statt dessen mich so berühren würde.
Nach dem Bezahlen brachte die Kellnerin einen Likör und einen Schnaps für die „nette, kleine Familie“, was Wolfgang sichtlich peinlich war. Ich beschloss, dass so ein kleiner Schluck wohl nicht schaden würde.
Draußen packten wir meine noch schlafende Tochter in den Kinderwagen, um ein bißchen spazieren zu gehen. Sehr weit kamen wir nicht, weil es sich durch den Schnee so schlecht schieben ließ, aber immerhin weit genug, dass wir alleine auf einem Waldweg waren.
Wir blieben stehen und schauten uns an. Ich war von dem Likör ein wenig angetrunken, und schon sein Blick erregte mich in einem Maße, wie ich es nie für möglich gehalten hatte.
Wir sprachen kein Wort. Wieder war es mir, als ob ich in seinen Augen versinken würde. Wie von selbst kamen wie uns näher, wir konnten uns nicht dagegen wehren. Dann küssten wir uns. Vorsichtig erst, so dass sich unsere Lippen nur ganz zärtlich berührten. Als sein Mund sich von meinem entfernte, lösten sich unsere Lippen nur ganz langsam, die Haut klebte ein wenig fest. Es war ein kribbelndes Gefühl, ich bekam eine Gänsehaut, aber nicht durch die Kälte. Wir schauten uns noch immer in die Augen, und dann küßten wir uns richtig. Es war, als wollten wir mit diesem einen Kuss all unsere Leidenschaft, unsere Begierde, unsere Sehnsucht der letzten Jahre ausleben. Wir erforschten jede Stelle in dem Mund des anderen, die wir nur irgendwie erreichen konnten, wir saugten mit den Lippen und wir bissen uns mit den Zähnen, so fest, kräftig, leidenschaftlich, als ob die Welt im nächsten Moment untergehen würde. Dabei standen wir uns gegenüber, berührten uns fast nur mit unseren Gesichtern. Wir konzentrierten uns ganz fest auf diesen Kuss.
Nie mehr wollte ich anders küssen, anders geküsst werden. Nie mehr würde ich einen anderen Mann küssen.
Es dauerte bestimmt fast eine halbe Stunde, keiner von uns versuchte über diesen Kuss hinaus zu gehen, denn es war schon mehr, als wir uns je erhofft hatten. Wir hätten nie damit aufgehört, wenn nicht Tanja wach geworden wäre.
„Und nun?“ fragte Wolfgang, und ich wußte nicht, was er damit meinte. Sollte ich über diesen Augenblick entscheiden oder über unser ganzes Leben?
Deshalb sagte ich nur: „Ich weiß auch nicht.“
Wir fuhren schließlich zu dem kleinen Kaffee, in dem wir schon einmal miteinander gewesen waren, aber es hatte geschlossen. Eine Menge Fragen standen auf einmal zwischen uns. Sie machten uns unsicher. Unsere Beziehung hatte sich geändert. Alles das, was wir bislang nur gefühlt, gedacht, vielleicht geträumt hatten, war durch diesen Kuss zur Tatsache geworden.
Als wir wieder im Auto saßen wußten wir beide, dass wir jetzt nach Hause fahren würden. Der Tag war zu Ende. Ich hatte keine Ahnung, ob wir ihn je wiederholen würden. So schön die gemeinsame Zeit mit Wolfgang war, so schlimm war jedesmal der Abschied.

Zu Hause erwartete uns Angelika schon auf der Straße. Sie begrüßte uns sarkastisch: „Na, ist die glückliche Familie wieder zurück?“
Wolfgang antwortete ganz ruhig: „Danke, wir hatten einen schönen Tag.“, worauf sie noch zorniger wurde: „Habt ihr es denn endlich miteinander getrieben? Ja? Das wolltest du doch schon immer! War es schön? War es besser mit ihr? Das Kind dazu hat sie ja gleich mitgebracht!“
Es tat mir so leid, dass ich dies alles mit anhören musste. Es ging nur sie und Wolfgang etwas an.
Er sagte leise: „Ich glaube, es wäre besser, wenn wir hinein gehen würden.“ und berührte sie dabei sachte am Arm.
„Ich gehe mit dir heute nirgends mehr hin!“ gab sie mit schriller Stimme zurück. „Faß mich nicht an!“
Dann rannte sie laut weinend davon.
Er ging ihr nicht nach. Es war seine Entscheidung. Wir trennten uns kurz darauf. Es war uns beiden nicht nach einem Gespräch zumute.
Er sprach mit ihr am nächsten Tag. Sie heulte, weinte, schrie, bettelte ihn an, es doch noch einmal zu versuchen. Als das alles nichts nutzte, fing sie an, über mich her zu ziehen. Ich hätte es von Anfang an darauf angelegt, ihn zu bekommen, mir zwischendurch noch schnell ein Kind machen lassen, weil er dazu ja nicht fähig war. Ich sei eine durchtriebene Nutte, und er würde das schon merken mit der Zeit. Wie oft wir es in all den Jahren schon heimlich gemacht hätten? Alle würden über sie lachen, alle hätten es gewusst.
Wolfgang sagte zu all dem gar nichts, bot ihr nur an, für die Zeit, bis sie eine neue Wohnung gefunden hätte, bei ihm bleiben zu können. Er würde solange zu seiner Mutter ziehen.
Er erzählte mir das alles am darauf folgenden Tag in der Werkstatt. Sie taten mir beide leid. Keiner hatte das so gewollt. Ich hätte glücklich sein können, aber ich war es nicht.
Wolfgang und ich gingen uns die nächste Zeit sogar eher aus dem Weg. Wir waren beide niedergeschlagen und fühlten uns schuldbewußt, sobald wir uns auch nur ansahen. Angelika lauerte uns ständig auf und überhäufte mich mit Vorwürfen, ohne Rücksicht darauf, wer sonst noch zuhörte. Aber sie machte keine Anstalten auszuziehen. Weder packte sie ihre Sachen, noch bekam man mit, dass sie sich auch nur um eine Wohnung bemühte. Dafür war sie abends oft weg. Wo sie hin ging, wusste keiner, aber es interessierte uns auch nicht.
Wieder vergingen mehrere Wochen, in denen mir nichts blieb, als meine Sehnsucht. Ich träumte fast jede Nacht von Wolfgang, und immer waren es sexuelle Träume, das wusste ich, wenn ich mich auch nie genau an sie erinnern konnte. Aber in Wirklichkeit war uns beiden nicht nach körperlichem Zusammensein. Ich dachte, das war genau das, was Angelika mit ihrer Anwesenheit erreichen wollte, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren.

Zu allem Überdruss stand auch noch Ralf eines Sonntages vollkommen unerwartet vor meiner Tür.
„Du bist es... „ sagte ich enttäuscht, als ich die Tür öffnete, natürlich hatte ich gehofft, es wäre Wolfgang.
„Ja, schön dass du dich so freust.“ gab er verärgert zurück.
„Natürlich freue ich mich“, sagte ich „komm erst mal rein.“
Er blickte sich suchend um.
„Sie ist oben.“ beantwortete ich seine unausgesprochene Frage und führte ihn die Treppe hinauf. Tanja spielte auf dem Boden in meinem Schlafzimmer. Es war unser beider Lieblingsplatz.
Ralf blieb im Türrahmen stehen und betrachtete verzückt aber auch unsicher seine Tochter beim Spielen. Er sah sie das erste Mal. Wir hatten ein paar Mal telefoniert, und ich hatte ihm Bilder geschickt, das waren unsere einzigen Kontakte, seit dem letzten kurzen Treffen vor ihrer Geburt gewesen.
Ich wollte ihm Zeit lassen, sie zu beobachten. Aber Tanja blickte von ihrem Spiel auf und fing gleich an zu weinen, als sie den fremden Mann sah. Deshalb ging ich zu ihr und nahm sie auf den Arm. Sogleich wurde sie ruhig.
Sie war neun Monate alt und fremdelte ziemlich. Außerdem bekam sie gerade ihre ersten Zähne und weinte dadurch ziemlich viel. Vielleicht litt sie aber auch nur darunter, dass ich in den letzten Wochen sehr unglücklich gewesen war.
„Wie groß sie schon ist.“ staunte Ralf.
Ich bot ihm einen Kaffee an, den er dankend annahm. Ich mußte Tanja auf dem Arm behalten, weil sie Angst vor ihm hatte, als ich in der Küche am Werkeln war. Ralf setzte sich zu uns ins Zimmer an den Tisch.
Ich fragte ihn neugierig: „Bleibst du hier, oder mußt du zurück nach Singapur?“
Er wirkte müde, als er antwortete: „Nein, unser Projekt ist noch mal verlängert worden. Nichts klappt, wie geplant. Es ist alles ganz anders, als bei uns in Deutschland. Jedenfalls wird es bestimmt Ende des Jahres, bis wir fertig sind. Aber ich bleibe zwei Wochen. Ich wohne bei meinen Eltern und würde Tanja gerne mitnehmen.“
Ich dachte, ich hätte nicht richtig gehört. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, freundlich und ruhig mit ihm umzugehen, wenn ich ihn wiedersehen würde, aber meine Nerven waren momentan nicht die besten. Allein schon, weil Tanja nicht mehr durch schlief, seit sie zahnte, aber vor allen Dingen wegen der unerträglichen Situation, die zwischen Angelika, Wolfgang und mir entstanden war. Deshalb reagierte ich keinesfalls gelassen auf seine Bitte.
„Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Meinst du etwa, du kannst einfach hier unangemeldet auftauchen, zu deiner Tochter sagen, du seist ihr Vater, und das gebe dir irgendein Recht auf ihre Liebe? Sie kennt dich doch überhaupt nicht. Ich kann sie nicht einem völlig Fremden einfach so mitgeben.“
Ralf schluckte und sagte ebenfalls aggressiv: „Natürlich nicht. Meinst du, ich bin blöd? Ich will sie langsam kennen lernen. Ich dachte, du würdest mir dabei helfen, aber das scheint nicht deine Absicht zu sein.“
Ich hatte ihm Unrecht getan. Was war es nur, dass dieser Mann immer meine schlechtesten Eigenschaften ans Tageslicht brachte?
Ich entschuldigte mich kleinlaut: „Es tut mir leid. Ich habe dich falsch verstanden.“

Wir tranken unseren Kaffee, dann versuchte Ralf mit seiner Tochter zu spielen, die aber sofort zu Schreien anfing, wenn er nur in ihre Nähe kam. Statt dessen packten wir sie in den Kinderwagen und gingen spazieren, ich fühlte mich in etwa so entspannt dabei, wie bei einem Zahnarzttermin. Erst als Ralf begann, ein bißchen von seiner Arbeit, von Singapur, von den Menschen dort zu erzählen, wurde es ein bißchen leichter. Als wir nach Hause kamen, lachten wir sogar miteinander. Genau in diesem Moment begegneten wir Wolfgang. Er blickte erst Ralf und dann mich an, grüßte kurz und verschwand dann ohne ein weiteres Wort. Ich verstand nicht, warum er sich so unfreundlich verhielt, es tat mir sehr weh. Auch Ralf schien sich über Wolfgang zu wundern, jedenfalls blickte er fragend von ihm zu mir. Ich tat, als ob nichts gewesen wäre.
Tanja war im Kinderwagen eingeschlafen. Ralf trug sie nach oben in ihr Bett. Es fiel ihm sichtlich schwer, sie aus seinem Arm zu geben, es war die erste körperliche Berührung mit seinem Kind.
Wir vereinbarten, dass er vorerst jeden Tag hier her kommen wollte, bis sie sich an ihn gewöhnt hätte. Vielleicht konnte er sie dann am Ende der 2 Wochen tagsüber mit zu seinen Eltern nehmen, aber über nacht sollte er sie in jedem Fall zurück bringen, weil sie da noch gestillt wurde. Tagsüber gab ich ihr fast nur noch die Flasche, meistens wollte sie sogar lieber Brei oder Gemüse.
Es schien ihm tatsächlich ernst zu sein. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er nach so langer Zeit wirklich noch Interesse an einem Kind hatte, das er nicht kannte. Ich rechnete es ihm hoch an, aber über die Tatsache, dass ich ihn von nun an täglich mehrere Stunden um mich haben sollte, konnte ich mich nicht im Geringsten freuen. Ich wollte doch nur Wolfgang. Konnten nicht alle Angelikas und Ralfs dieser Welt uns einfach in Frieden lassen?




Als er abends endlich verschwunden war, bat ich meine Mutter, sich um Tanja zu kümmern. Ich mußte unbedingt mit Wolfgang sprechen. Seine Reaktion von mittags hatte mich tief verletzt und verunsichert. Seit er sich von Angelika getrennt hatte, war alles ganz anders gekommen, als ich erhofft hatte. Er hatte mich gebeten, ihm Zeit zu lassen, bis sie endlich ausgezogen wäre. Auch mir war das lieber so. Unsere Liebe sollte schön und rein beginnen. Niemand sollte mir oder ihm das Gefühl geben, etwas Schmutziges zu tun. Aber unsere Beziehung war merklich abgekühlt unter Angelikas Beschimpfungen, ich hatte schreckliche Angst, dass es ihr gelingen könnte, uns auseinander zu bringen, bevor wir überhaupt je richtig zusammen gewesen wären.
Ich klingelte bei seiner Mutter und war froh, dass er mir die Tür öffnete.
„Hast du Zeit für mich?“ fragte ich ihn nervös.
Er fragte zurück: „Ist Ralf bei Tanja?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, meine Mutter. Ralf ist schon weg.“
Wolfgang sagte, ich solle doch rein kommen, aber ich fragte, ob er nicht Lust hätte, mit mir auf ein Bier zu Herbert zu gehen. Er war einverstanden, aber begeistert wirkte er nicht.
Eine ganze Zeit liefen wir wortlos nebeneinander her. Schließlich fragte er mich leise: „Warum hast du mir nicht erzählt, dass Ralf kommt?“
Konnte er sich darüber so geärgert haben?
Ich verteidigte mich: „Weil ich es selbst nicht gewußt hatte, er stand heute morgen einfach vor meiner Tür.“
Wolfgang sagte traurig: „Ihr hattet ja viel Spaß miteinander.“
Jetzt verstand ich erst, dass er eifersüchtig war, eifersüchtig auf Ralf! Deshalb war er so kühl zu mir. Warum hatte ich mir das nicht gleich denken können? Meine Sorgen waren vollkommen überflüssig gewesen.
In der Zwischenzeit waren wir angekommen. Bevor ich die Eingangstür öffnete, erklärte ich ihm noch: „Spaßig ist das für mich wahrhaftig nicht. Er will jetzt jeden Tag kommen die nächsten zwei Wochen, um Tanja kennen zu lernen. Dann fährt er wieder nach Singapur. Ich will aber niemanden um mich haben außer Tanja, weil ich doch nur den ganzen Tag an dich denke.“
Er wirkte nicht überzeugt, als wir das Lokal betraten.
Herbert brachte uns an einen Tisch, stellte zwei Bier vor uns, grinste mich an und fragte: „Wann ist denn nun die Hochzeit?“ worauf Wolfgang ihm seinen Ellenbogen in die Seite stieß. Ich jubelte innerlich, er hatte Herbert von mir erzählt. Deshalb sagte ich fröhlich: „Wenn er mich nicht heiratet, nehme ich dich!“
Das Eis war gebrochen. Auch Wolfgang lachte.

Später sagte er zu mir: „Morgen schicke ich Angelika zum Teufel.“
Ich war absolut einverstanden, aber ich dachte an Ralf und schlug daher vor:
„Lass ihr doch noch zwei Wochen Zeit.“
Er hatte verstanden und lächelte. „Aber keinen Tag länger!“
Dieses Mal war ich es, die seine Hand ergriff. Ich wollte ihn nur berühren, seine Wärme spüren, mehr nicht.
Ich sagte pathetisch: „Weißt du, wenn man fast drei Jahre vor Sehnsucht vergeht, dann kommt es auf zwei Wochen auch nicht mehr an.“
Er nickte und erzählte: „Ich hab dich gleich gemocht, von Anfang an. Und gefallen hast du mir natürlich auch, besonders wie du so nackt vor mir gestanden hast...“, er blickte mich neckend an, „aber ich dachte, ich wäre viel zu alt für dich, und du würdest dich bestimmt schnell in einen anderen Mann verlieben. Eine ewige Zeit bist du gar nicht mehr gekommen und dann erzählte mir Ursel eines Tages, du würdest mit deinem neuen Freund zu Besuch kommen. Und es kam dieser Gigolo und war sogar noch älter als ich. Ich hab mich selbst verflucht, dachte, es wäre zu spät.“
Ich unterbrach ihn: „Aber Angelika, die ist auch nicht viel besser.“
Wolfgang streichelte meinen Unterarm. Es war göttlich.
„Ich frage mich, warum die zwei sich nicht in einander verliebt haben, sie hätten doch prima zusammen gepasst.“
Die beiden hatten sich in Wahrheit kaum jemals eines Blickes gewürdigt.
„Schade, dass es nicht so einfach sein kann.“ entgegnete ich und wünschte, mein Pullover wäre nicht so eng. Seine Finger kamen nicht sehr weit.
Er fuhr fort: „Seit du bei mir im Büro angefangen hattest, konnte ich es kaum aushalten. Ständig stellte ich mir vor, dich zu berühren oder zu küssen. Du bist so wunderschön und ich konnte mich nur zu gut erinnern, wie du nackt aussiehst“
Er schaute mir in die Augen. Alles in mir sehnte sich nach seinem Körper
„Ich weiß nicht, warum ich mich nicht schon viel eher von Angelika getrennt habe. Es wäre auch ihr gegenüber fairer gewesen. Aber damals, als heraus kam, dass ich steril bin, nicht zeugungsfähig, ...“ er schaute mich fragend an, wollte sehen, ob ich darüber Bescheid wußte. Ich nickte. „Damals hatte sie so prima reagiert. Ich habe ihr das nicht vergessen können, ich fühlte mich fast verpflichtet, ihr gegenüber.“
Er sprach nicht weiter, deshalb sagte ich: „Ich hätte dich nicht halb so gerne, wenn du nicht so treu geblieben wärst.“
„Ich bin mir vorgekommen wie ein Idiot. Da war die beste Frau der Welt, und ich war fast sicher, dass sie mich wollte, aber ich war zu feige, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden.“
Es tat mir so gut, seine Worte zu hören. Wir redeten und redeten, das Gespräch ging uns keinen Moment aus. Ich merkte, wieviel mehr zwischen uns war, als nur körperliches Verlangen. Es war fast zwei Uhr, als uns Herbert hinaus warf.
Arm in Arm liefen wir nach Hause. Zum Abschied flüsterte mir Wolfgang in mein Ohr: „Ich werde auf dich aufpassen!“
Ich fragte ihn weshalb. Er antwortete: „Jeder Mann ist gleich angetan von dir. Es ist nicht nur dein Aussehen sondern dein Wesen, dein Lachen. Du bist so humorvoll und ernsthaft zu gleich und dabei so natürlich und ungezwungen. Dein Gesicht verrät immer deine Gefühle, du kannst gar nicht anders als aufrichtig sein. Und außerdem...“
„Außerdem?“ fragte ich erwartungsvoll. Er hatte mir die schönsten Komplimente gemacht, die ich mir vorstellen konnte.
„Außerdem hast du den hübschesten Hintern der Welt!“
Ich hatte bisher nicht die leiseste Ahnung gehabt, dass Worte alleine so anmachen konnten.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, blieb ich noch einen Augenblick draußen stehen. Nach dem heutigen Abend war ich endlich glücklich. Niemand konnte das, was zwischen Wolfgang und mir war zerstören. Es war viel zu stark!


Wer immer von unseren beiden Familien und der Firma Hall bisher noch nichts von unserer Verliebtheit geahnt hatte, mußte es die kommenden 14 Tage merken, wenn er Wolfgang und mich nur anschaute. Man konnte es in unseren Blicken lesen, wie in einem offenen Buch. Wir schauten uns in die Augen und lächelten einander an, so oft sich die Möglichkeit dazu bot. Selbst Ralf, der für die Gefühle anderer Menschen ziemlich unsensibel war, fiel es auf.
„So ist das also.“ sagte er, nachdem Wolfgang mich einmal kurz besucht hatte, „der ist schuld, dass du mich so abserviert hast!“
Ich entgegnete nichts darauf, sollte er doch denken, was er wollte. Aber in Wahrheit hätte es mit Ralf und mir niemals gut gehen können, selbst wenn es Wolfgang nicht gegeben hätte.
Ich war so gut gelaunt, dass ich mich über gar nichts wirklich ärgern konnte. Außerdem lief es auch mit Tanja und Ralf richtig gut. Er hatte viel Geduld mit ihr, ließ dem Kind die Zeit, die es brauchte, um sich an ihn zu gewöhnen. Schon nach einer Woche ging er alleine mit ihr spazieren, konnte sie füttern und wickeln, ohne dass sie zu Weinen anfing. In der zweiten Woche nahm er sie daher tatsächlich mit zu seinen Eltern. Erst nur für ein paar Stunden, dann für ganze Tage. Erstaunlicher Weise schien es für Tanja kein großes Problem zu sein, auch die lange Autofahrt nicht. Seine Eltern wohnten fast 70 km entfernt. Aber mir machte es ganz ordentlich zu schaffen, so lange von ihr getrennt zu sein. Am Ende der Woche machte ich mir dann kaum mehr Sorgen um ihr Wohlergehen, und ich konnte die Zeit nutzen, einmal so richtig zu träumen und zu entspannen.

Endlich wurde es Sonntag. Ralf hatte uns schon verlassen, aber Angelika hatte tatsächlich bis zum letzten Tag mit ihrem Auszug gewartet. Nachmittags beobachtete ich vom Fenster aus, wie Wolfgang ihre Koffer und Kisten auf einen Transporter lud. Sie stand daneben, ohne ihm zu helfen. Dann endlich fuhren sie los. Nach etwa einer halben Stunde kam er alleine zurück. Ich wartete im Hof auf ihn. Auf seinem eher finsteren Gesicht erschien ein Lächeln, als er mich erblickte.
„Kommst du zum Essen zu mir?“ fragte er mich und nahm mich in seine Arme. Er fühlte sich so gut an. Mein Herz fing sofort an zu rasen.
„Wann immer du willst.“
„Sagen wir in einer Stunde? Ich muß erst noch duschen.“
Es würde eine lange Stunde werden.
„Wohin hast du sie überhaupt gebracht?“ fragte ich noch.
Er sagte lächelnd: „Zu einem Anderen.“
Sie hatte keine Zeit verschwendet.
Unter größter Anstrengung schafften wir es, uns voneinander zu trennen.

Ich brachte Tanja zu meinen Eltern und erzählte ihnen, dass ich zu Wolfgang ginge, woraufhin meine Mutter vorsichtig fragte, was denn nun eigentlich sei, mit uns beiden. Vielsagend erwiderte ich: „Kann sein, dass es morgen früh wird, bis ich zurück komme.“
„Endlich!“ hörte ich sie im Gehen noch sagen.

Einige Minuten zu früh betrat ich seine Wohnung. Ich konnte kaum glauben, dass ich wirklich bei ihm war. In all den Jahren war ich nicht einmal hier gewesen. Auch bei ihm war fast alles aus Holz und sehr gemütlich, ich hätte mich bestimmt sofort wohl gefühlt, wenn ich nicht so wunderbar aufgeregt gewesen wäre. Während er mich durch die Wohnung führte, küsste er mich auf den Hals, auf die Hände, ins Gesicht. Er küßte jedes Stückchen Haut an mir, das nicht bekleidet war. Am liebsten hätte ich mich sofort und auf der Stelle ausgezogen, aber er schien es nicht so eilig zu haben, denn er schob mich in die Küche, wo zwei Töpfe auf dem Herd standen. Es sah so aus, als ob er tatsächlich vorhatte, zu essen. Ich würde keinen Bissen herunter bringen. Da war ich mir sicher.
Er sagte: „Es gibt leider nur Nudeln. Zu mehr hat die Zeit nicht gelangt. Wenn du willst, kannst du ja schon mal den Tisch decken.“
Ich versuchte es, nachdem er mir gezeigt hatte, wo das Geschirr war. Erstaunlicher Weise bekam ich es hin, ohne einen Teller fallen zu lassen, oder einen anderen größeren Schaden anzurichten. Wolfgang brachte das Essen. Wir standen beide noch neben den Stühlen.
Ich sagte: „Schöner Tisch!“, und er antwortete prompt: „Schöne Frau!“
Es war, als ob wir noch einmal da beginnen würden, wo wir angefangen hatten.

Wolfgang aß mit gutem Appetit. Ich stocherte nur in meinen Nudeln herum und trank ab und zu einen Schluck Wein.
Als er endlich fertig war, stand ich auf und sagte: „Ich glaube, es wird Zeit.“
Er fragte fassungslos: „Du willst doch wohl nicht schon gehen?“
„Nein,“ erwiderte ich und ging um den Tisch herum zu ihm, „du hast mich falsch verstanden, ich meinte, es wird Zeit, dass ich dich endlich auch einmal nackt zu sehen bekomme.“

































Letzter Tag

Das Klingeln des Telefons reist mich aus einem traumlosen, unruhigen Schlaf. Ich bin sofort der Panik nahe und hellwach. Ohne nachzudenken melde ich mich mit meinem Namen, ich weiß, dass es das Krankenhaus ist, das mich mitten in der Nacht anruft, es muss etwas passiert sein. Mein Herz rast wie verrückt.
Es ist Dr. Berthold: „Ihrem Mann geht es sehr, sehr schlecht. Es ist möglich, dass er bald verstirbt. Wir haben ihn in der letzten Stunde noch mehrere Male defibrillieren müssen und sein Blutdruck wird immer niedriger, obwohl das Arterenol in Höchstdosis läuft. Es tut mit sehr leid. Könnten sie gleich kommen?“
Mechanisch ziehe ich mich an und gehe in das Nachbarhaus um Tanja zu wecken. Sie will es nicht glauben, steht aber trotzdem auf und macht sich fertig, natürlich kommt sie mit mir. Ich kann sie gut verstehen, auch für mich ist es unfassbar, dass Wolfgang sterben soll, obwohl so vieles darauf hin gedeutet hat.
Ihr Freund Alex ist bei ihr, er steht auch mit auf, bietet uns an, uns in das Krankenhaus zu fahren. Ich sage, dass dies nicht nötig sei, aber er besteht darauf. Er ist ein netter, junger Mann, ich bin froh, dass Tanja ihn hat.
Während der Autofahrt sprechen wir fast kein Wort miteinander. Jeder ist in seine eigenen Gedanken versunken, auch wenn meine Tochter und ich wahrscheinlich das gleiche denken. Es kann einfach nicht wahr sein. Es ist unmöglich, dass er stirbt. Wir brauchen ihn doch noch viel zu sehr, wir lieben ihn, wir hatten doch an ein Wunder geglaubt.
Mein Mann und ich, wir hatten noch so Vieles miteinander vorgehabt, und ohne ihn will auch ich nicht mehr alt werden.
Ich betrachte Tanja von hinten. Sie ist noch viel zu jung, um ihren Vater zu verlieren, denke ich. Kann man überhaupt alt genug sein, wenn die eigenen Eltern sterben? Ich denke zurück an den Tag vor ca. 2 Jahren, als meine Mutter starb. Mittags sagte sie zu meinem Vater, es sei ihr nicht gut, und sie würde sich einen Moment hinlegen. Als er ein paar Minuten später nach ihr schauen wollte, lag sie schon röchelnd da und konnte nicht mehr antworten. Der Notarzt brachte sie in die Neurologie. Vier Stunden später war sie tot. Sie hatte einen Schlaganfall gehabt. Ich trauerte zum ersten Mal in meinem Leben, ich hatte sie so gerne gehabt. Sie war immer dagewesen für mich, mein ganzes Leben lang. Es war unvorstellbar für mich, dass sie einfach nicht mehr da sein sollte.
Wolfgang half mir so sehr in dieser Zeit. Er hatte das ja mit seinem Vater auch schon durchgemacht. Für ihn stand fest, dass wir uns alle irgendwo einmal wiedersehen würden, daran glaubte er ganz fest. Für meinen Vater war es noch schlimmer, aber er ließ sich nicht hängen. Tanja war dann in den ersten Stock meines Elternhauses gezogen, damit er nicht ganz alleine in dem großen Haus war. Wolfgang und ich wohnten über der Schreinerei.
Die Zeit verging, und die Wunden heilten. Auch, wenn ich meine Mutter noch heute, gerade heute vermisse. Ich fühle mich unendlich einsam.

Eine halbe Stunde nach dem Anruf sind wir auf Station. Alex fährt wieder nach Hause. Er kennt Wolfgang kaum.
Dr. Berthold bringt uns zu Wolfgang. Hr. Bernhard und eine Schwester Nadja haben Nachtdienst, wir hatten sie am Abend schon kurz gesehen. Alle sind sehr ernst.
Der Arzt bleibt einen Moment in der Tür stehen, er weiß auch nicht, was er sagen soll. Schließlich lässt es uns alleine.
Wolfgang sieht noch schlechter aus als vor wenigen Stunden, das sehe ich sofort. Er ist noch blasser und eingefallener. Tanja geht gleich zu ihm, legt ihren Arm um ihn und weint. „Papa, Papa“ ruft sie verzweifelt, aber er reagiert wie immer nicht. Ich nehme wieder nur seine Hand in meine, ich habe diese Hände so lieb. Ich registriere, dass sie sich kalt anfühlt. Es ist wahr, er wird sterben. Lautlos füllen sich meine Augen mit Tränen. Ich will hier nicht weinen, versuche dagegen anzukämpfen.
Der Monitor zieht wieder meine Blicke auf sich. Wolfgangs Puls schlägt ganz unregelmäßig ungefähr 160 Mal in der Minute, aber es schwankt sehr. Der Blutdruck ist nur noch 60/ 30. Ich will das alles gar nicht wissen. Wenn ich meinen Mann anschaue, sagt mir das viel mehr, als all die Werte, aber ich kann nicht anders, ich muss immer wieder die Kurven betrachten. Sie leuchten hell in dem dämmrigen Zimmer. Ich stehe kurz auf, laufe ein paar Schritte hin und her, viel Platz gibt es nicht. Dabei schaue ich kurz über den Vorhang zu dem Nachbarpatienten. Ich sehe, dass der Schlauch aus seinem Mund verschwunden ist, er atmet alleine. Er hat es wohl geschafft. Ich finde es unsagbar ungerecht, er ist doch viel älter als Wolfgang. Ob er wohl mitbekommt, dass neben ihm im Zimmer jemand stirbt? Es sieht nicht so aus. Er hat die Augen geschlossen und liegt ganz ruhig da. Ich wende mich von ihm ab, gehe wieder zu Wolfgang, lege mein Gesicht müde auf seine kühle Hand, als ob es etwas nützen würde, wenn ich sie auf diese Art und Weise wärme.
Wir haben 20 Jahre zusammen verbracht. Es waren die schönsten Jahre, die ich mir vorstellen kann. Ich glaube, keine andere Familie kann so glücklich sein, wie wir es waren. Vielleicht war es einfach zu schön, um wirklich wahr zu sein, wahr zu bleiben. Wir haben alles gemeinsam gemacht, die Firma, unsere Freizeit, Tanja. Eine Freundin hatte einmal gemeint, das könne nicht gut gehen, wir sollten uns mehr trennen, sonst würden wir uns irgendwann auf die Nerven gehen. Sie hatte nicht Recht gehabt. Wir sind uns niemals auf die Nerven gefallen. Wir hatten sehr wenig Streit. Eigentlich nur, wenn einer von uns eifersüchtig war, das kam schon ab und zu vor. Wolfgang sah so gut aus, sieht es noch immer, finde ich und streichle über sein Gesicht. Selbst jetzt, wo er sterbend da liegt. Viele Frauen fanden ihn attraktiv, und manche hatten das sehr deutlich gezeigt. Eine alte Bekannte von ihm hatte ihm auf einem Fest einmal ständig ihren Arm um seine Schulter gelegt. Ich saß daneben und war furchtbar eifersüchtig gewesen. Was hatten wir gestritten, als wir wieder zu Hause waren! Wie war die Versöhnung so schön gewesen! Ich glaube, unsere Verliebtheit hat niemals aufgehört. Vielleicht, weil wir solange aufeinander verzichten mussten. Ich bin für jeden Tag dankbar, den wir miteinander verbracht haben. Ich bin über jeden Tag wütend und verzweifelt, den ich nicht mehr mit ihm verbringen darf.

Hr. Bernhard gibt Wolfgang eine Spritze in den Bauch.
„Das ist Morphium“ sagt er, „für den Fall, dass er doch irgendwie Schmerzen haben sollte oder leidet.“
Er legt mir eine Hand auf die Schulter. „Schön, dass sie gekommen sind.“
Ich frage: „Was glauben sie, wie lange ...?“ Dann verstumme ich, mir fehlen die richtigen Worte.
Aber er hat mich verstanden, holt sich einen Hocker, setzt sich zu mir auf gleiche Höhe und antwortet: „Das kann man nicht sagen. Es ist bei jedem anders.“
„Wird er denn sicher sterben?“
Der Pfleger nickt traurig. „Seine Haut beginnt sich schon zu marmorieren. Wir glauben nicht, dass es noch sehr lange dauern wird.“
Tanja schluchzt.
Wir schweigen für einen Moment.
„Es ist vielleicht das Beste so.“ sage ich um meine Tochter zu trösten. Ich weiß, dass es ein schwacher Trost ist.
Hr. Bernhard antwortet für sie: „Das denke ich auch.“
Ich frage: „Haben sie schon viele Menschen sterben sehen?“
„Ich arbeite schon seit über 7 Jahren hier. Hier liegen nur Schwerstkranke. Es kommt sehr häufig vor, dass ein Patient stirbt.“ erklärt er uns.
Ich denke über seine Antwort nach. Ein bißchen verstehe ich jetzt seine Worte von neulich, als ich ihn gefragt hatte, wie er auf einer solchen Station arbeiten könnte. Hier besinnt man sich wahrhaftig auf das Wesentliche. Nur Gesundheit zählt, alles Andere ist unwichtig. Der Patient wird mit Respekt vor dem Menschen an sich behandelt. Es ist vollkommen unerheblich, ob man hier Bürgermeister oder Hilfsarbeiter ist. Am Ende ist jeder gleich.
Der Pfleger erzählt uns von Menschen, die er im Sterben gepflegt hatte und die bei Bewußtsein gewesen waren. Manche seien ganz friedlich eingeschlafen, obwohl sie vorher noch schlimmste Luftnot oder auch Schmerzen gehabt hätten. Einen hätte er Minuten vor seinem Tod gefragt, wie es ihm ginge. „Mir? Gut.“ hätte der verwundert geantwortet, als ob er gar nicht mehr gewußt hätte, wo er war, und dass er so krank war. Andere hätten tagelang gekämpft, bis der Tod sie erlöst hätte. Es sei erstaunlich, wie der Mensch am Leben hinge. Selbst, wenn es nicht mehr lebenswert sei.
Wolfgang ist nicht bei Bewußtsein. Ich hoffe, dass er nicht leiden muss.

Schwester Nadja bringt uns eine Flasche Wasser und zwei Tassen Kaffee. Er brennt mir im Bauch, als ich ihn trinke. Wir sind jetzt wieder alleine im Zimmer.

Ab und zu gehe ich auf den Flur und schaue auf die Uhr, die dort hängt. Die Minuten vergehen in Zeitlupe. Ich warte ungeduldig auf etwas, von dem ich überhaupt nicht möchte, dass es passiert. Warum kann ich nichts ändern an der Situation, warum können die Ärzte und das Pflegepersonal nicht helfen, warum lässt Wolfgang mich einfach alleine? Ich spüre eine grenzenlose Wut in mir, aber in Wahrheit kann ich sie gegen niemanden richten. Niemand und nichts gibt mir einen Grund, sie an ihm auszulassen. Ich sehe meinem Mann in das Gesicht, die Wut verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist. Ich liebe ihn so, er tut mir so leid. Wie mag es für ihn sein?

Ein Gespräch fällt mir ein. Vor ein paar Wochen war es gewesen. Ich frage mich, warum ich nicht schon früher daran zurück gedacht habe.
Es war ein Wochenende, morgens oder schon fast mittags. Wolfgang und ich waren noch im Bett, wir hatten zusammen geschlafen. Ich lag auf dem Rücken, er mir zugewandt auf der Seite, einen Arm unter meinem Kopf. Die Zeit direkt nach dem Sex mit ihm fand ich immer am Schönsten, es war so unglaublich intim.
Er sagte neckend: „Ich finde, ich habe mir ein Frühstück am Bett verdient.“
Ich antwortete lachend: „Wenn sich das einer verdient hat, dann ich. Schließlich habe ich die Hauptarbeit geleistet.“
Er widersprach: „Das war ja wohl ich. Immerhin habe ich oben gelegen.“
„Eben. Und das bedeutet, dass ich über 90 kg ausgehalten habe.
Er lachte und küsste mich auf die Nasenspitze. Dann stand er auf und sagte: „Ich mach das Frühstück, und weißt du warum?“
„Nein...“ antwortete ich gespannt.
„Weil ich der glücklichste Mensch auf der Welt bin, und das habe ich nur dir und Tanja zu verdanken. Ich bin froh über jeden Tag, den ich mit dir verbringen darf!“
Als ob er es geahnt hätte. Es waren nicht mehr viele Tage übrig gewesen zu diesem Zeitpunkt.

Tanjas Kopf liegt auf seiner Schulter. Ich erzähle ihr von seinen Worten.
Sie sagt: „ich liebe ihn so.“
Ich weiß das. Wolfgang und sie haben eine ganz besondere Beziehung. Er wusste fast immer, was in ihr vorging. Einmal, es war an einem Geburtstag von mir, kam Tanja von der Schule nach Hause. Sie muss damals so ungefähr 15 Jahre alt gewesen sein. Ich war gerade dabei, den Tisch zu decken, ich hatte sie an diesem Tag noch nicht gesehen, weil ich morgens länger liegen geblieben war. In der Erwartung eines Glückwunsches, drehte ich mich zu ihr um, als die Tür aufging. Aber sie rannte einfach an mir vorbei, brummte kurz „Hallo“, ging in ihr Zimmer und warf die Tür zu. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihr los war und wollte ihr gleich hinterher gehen, aber in diesem Moment kam Wolfgang zum Essen. Ich erzählte ihm von ihrem Verhalten. Er war der Meinung, wir sollten sie alleine lassen. Egal, was der Grund war, er tippte auf Liebeskummer, wenn sie die Tür hinter sich geschlossen hätte, wollte sie ihre Ruhe haben. Es sei ihr Zimmer, ihre Privatsphäre, in die ich jetzt besser nicht eindringen sollte. Ich gab ihm Recht, aber ich wollte es auch nicht auf sich beruhen lassen, ihr einerseits meine Hilfe anbieten, und andererseits war ich auch verletzt. So benahm man sich nicht innerhalb einer Familie. Wolfgang überlegte kurz, dann schrieb er einen Zettel. „Einladung zum Geburtstagsessen, mit Grüßen von Sabine und Wolfgang“ stand darauf. Er schob ihn unter ihrer Tür hindurch. Nur Minuten später umarmte mich Tanja, entschuldigte sich und gratulierte mir herzlich. Ein paar Tage später erzählte sie mir von ihrem Liebeskummer, ein paar Wochen später war er schon wieder vergessen. Wolfgang hatte immer für alles eine einfache Lösung gewusst. Jetzt müssen wir ohne ihn auskommen. Es ist unvorstellbar für mich. Ich fühle mich hilflos und schwach. Aber dann drücke ich seine kalte Hand und verspreche ihm lautlos, dass er sich keine Sorgen machen muss. Ich werde es schon schaffen. Ich will es ihm nicht schwerer machen. Vielleicht spürt er, wie es in mir aussieht. Vielleicht kann er sogar noch nach seinem Tod fühlen, wie es mir geht und bleibt damit doch ein Wenig bei mir. Für ihn würde ich es schaffen, für ihn würde ich alles tun.

Es ist kurz nach 3:00 Uhr, sehe ich auf dem Weg zur Toilette. Als ich wieder zurück komme, steht ein Teller mit geschälten Äpfeln im Zimmer.
„Der Pfleger hat sie gebracht.“ sagt Tanja. „Falls wir eine Kleinigkeit essen wollen.“
Ich kann nicht, mein Magen brennt noch immer. Wir warten weiter. Bestimmt eine Stunde vergeht.
Plötzlich brummt der Monitor wieder. Wolfgangs Puls wird langsamer. Er ist schon unter hundert, sehe ich. Hr. Bernhard ist bereits bei ihm und macht den Alarm aus. Er bleibt neben dem Bett stehen und betrachtet die elektronischen Kurven. Ich blicke von ihm zum Monitor und wieder zurück, aber sein Gesicht ist ausdruckslos, ich habe keine Ahnung, was er denkt. Der Puls wird immer langsamer, jetzt ist er nur noch 80. Wolfgang sieht aus wie vorher. Tanja ist aufgestanden, wir blicken beide fragend zu dem Pfleger. Die Zahl nähert sich
der 60.
Wieder gibt der Monitor diesen schrecklichen Alarm, wieder unterdrückt ihn Hr. Bernhard.
Der Puls ist auf 40 gefallen. Der Pfleger nickt uns zu. Meine Brust verkrampft sich. Die Zahl fällt immer weiter, 30, 20, 10. Die Kurve verändert sich. Die Beatmungsmaschine pumpt immer weiter Luft in die Lunge meines Mannes. Auf und Ab bewegt sich sein Brustkorb unter der dünnen Decke. Am Monitor sind nur noch vereinzelte unförmige Zacken zu sehen. Dr. Berthold steht auf einmal bei uns, ich weiß nicht, wie lange er schon im Zimmer ist. Er nickt dem Pfleger zu. Der sagt zu uns: „Er ist tot. Ich stelle die Beatmungsmaschine jetzt aus.“, dann drückt er einen Schalter seitlich an dem Gerät. Einfach so. Stille.
Wolfgang ist tot.
Endgültig.

Tanja nimmt mich in den Arm. Wir stehen neben ihm, fassen ihn an, rufen seinen Namen, wollen es nicht begreifen.
Sekunden oder Ewigkeiten später, ich weiß es nicht, schlägt uns Hr. Bernhard vor, kurz nach draußen zu gehen. Er würde all die Schläuche entfernen. Wir könnten dann besser Abschied nehmen.
Im Flur weine ich. In Tanjas Armen. Wolfgang ist tot, tot, tot. Niemals mehr werde ich seine Arme um mich spüren, niemals! Sie weint auch.

Wir dürfen wieder zu ihm. Sein Gesicht ist ganz weiß. Mund und Augen sind geschlossen, der Unterkiefer ist meinem Tuch hoch gebunden worden. Ein Betttuch liegt über ihm, bedeckt ihn bis zum Hals. Darunter sind seine Hände über dem Bauch gefaltet, kann man erkennen. Alle Schläuche sind entfernt worden. Verbände verraten noch ein paar der Stellen, in die sie eingedrungen waren. Die Beatmungsmaschine steht ausgeschaltet neben dem Bett. Es tut so weh, seinen Körper anzuschauen, und zu sehen, dass nicht mal mehr der kleinste Rest Leben in ihm ist. Der geliebte Körper wirkt so fremd, so beängstigend.
So viele Stunden haben wir in diesem Zimmer bei ihm verbracht. Es war nun alles zu Ende. In mir ist ein Gefühl von aller stärkstem Heimweh, eine Mischung aus Sehnsucht, Einsamkeit, Verlassenheit. Es wird mir bleiben für den Rest meines Lebens, dieses Heimweh, nur das es mein Zuhause nicht mehr gibt, in das ich zurück gehen könnte. Wolfgang war meine Heimat.

Tanja und ich bleiben nicht mehr lange, es macht keinen Sinn. Aber es fällt so schwer, ihn zu verlassen. Nur ganz mühsam drehe ich mich um und setze einen Fuß vor den anderen. Ich gehe aus dem Zimmer, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Im Flur treffen wir auf Hrn. Bernhard. Ich frage ihn, wie es nun weitergeht.
Er antwortetet: „Von uns aus kommt ihr Mann in die Pathologie. Sie suchen sich ein Beerdigungsinstitut, und das kümmert sich dann um alles weitere.“
Ich frage: „In der Pathologie... wird er da...aufgeschnitten?“
„Er wird obduziert, wenn keine Angehörige von sich aus dagegen Einspruch erheben, ja.“
Meine Tochter und ich sprechen kurz darüber. Ich bin sicher, dass es Wolfgang egal gewesen wäre. Er wollte sowieso verbrannt werden. Das hatte er mir nach der Beerdigung meiner Mutter gesagt.
Wir informieren den Pfleger, dass wir nichts gegen eine Obduktion einzuwenden haben. Mir fällt es trotzdem schwer, mir nicht vorzustellen, wie jemand den Bauch meines toten Mannes aufschneidet oder sogar den Kopf.
Ich bedanke mich für die liebevolle Pflege. Wir haben hier sehr viel Menschlichkeit erfahren, mehr als ich für möglich gehalten hätte an so einem Ort. Wir verabschieden uns noch von dem Arzt. Ich kann mich kaum überwinden, die Station wirklich zu verlassen. Es ist die letzte Bindung zu ihm. Er liegt nur ein paar Meter von mir entfernt. Kurz denke ich daran, ihn mit nach Hause zu nehmen, ihn in sein Bett zu legen und dort Totenwache zu halten. Vielleicht wäre es so leichter, Abschied zu nehmen.
Hr. Bernhard übergibt mir Wolfgangs Ehering. Ich nehme in fest in meine Hand. Er ist eine Erinnerung an eine bessere Zeit.

Tanja sagt schließlich: „Wollen wir gehen?“. Sie hat Recht. Wir müssen nach Hause, es allen anderen sagen.
Wir fahren mit dem Bus, sind die einzigen Fahrgäste. Es ist ja fast noch Nacht. Tanja hat ein Handy, sie telefoniert mit Ralf. Mir fällt ein, wie sie mich als vierjähriges Kind gefragt hat, warum sie eigentlich zwei Papas hätte. Ich hatte ihr erklärt, Ralf sei ihr Papa geworden, als sie noch bei mir im Bauch gewesen sei, dann musste er aber weit weg ziehen bis an das andere Ende der Welt, bevor sie überhaupt auf die Welt gekommen war. Deshalb hätten wir zwei uns dann eben noch einen Papi gesucht. Für eine Vierjährige war das ausreichend, später kamen natürlich noch mehr Fragen von ihr, die waren dann schwerer zu beantworten. Heute bin ich sehr froh, dass sie einen so guten Kontakt zu Ralf behalten hat. Er hat ein Jahr nach mir und Wolfgang eine sehr nette Frau geheiratet und noch eine Tochter bekommen, so dass Tanja eine Schwester hat, mit der sie sich auch gut versteht.
Meine Tochter reicht mir den Hörer, Ralf will mir sein Beileid sagen. Sein Ton ist ganz aufrichtig. Unsere Schwierigkeiten haben wir schon lange überwunden. Ich bedanke mich und beende das Gespräch. Es ist mir ein Gedanke gekommen. Ich wähle die Nummer der Auskunft und lasse mich mit Angelika verbinden. Mit ihr hatten wir uns nie wieder vertragen. Sie hatte immer so getan, als ob sie uns nicht kennen würde, wenn wir sie zufällig getroffen hatten. Und das war oft, denn sie bekam zwei Kinder, und man lief sich deshalb zwangsläufig über den Weg. Ich weiß selbst nicht, warum ich ausgerechnet sie jetzt anrufe, als eine der ersten, fast noch in der Nacht, als sie sich auch schon verschlafen meldet.
„Angelika?“ frage ich nach, denn ich bin nicht sicher, ob es ihre Stimme ist.
„Ja?“ fragt sie verwundert zurück.
„Hier ist Sabine. Ich wollte dir nur erzählen, dass Wolfgang gestorben ist, eben gerade im Stadtkrankenhaus. Ich finde du solltest es nicht aus der Zeitung erfahren.“
Sie hatte bestimmt von seinem Herzinfarkt gehört. Im Ort spricht sich das ja schnell herum. Jetzt schweigt sie.
„Angelika?“ Ich bin nicht sicher, ob sie noch dran ist.
„Das, das tut mir ganz furchtbar leid für dich.“ sagt sie ziemlich erschüttert. Ihre Freundlichkeit tut mir gut. Sie wünscht mir alles Gute dann beenden wir das Gespräch.
Ich bin froh, dass ich sie angerufen habe. Es ist für mich, als ob Wolfgang jetzt in Frieden gehen könnte.
Am Fenster zieht die Welt an mir vorbei, in der der Mann, den ich über alles geliebt hatte, nun nicht mehr zu Hause ist. Es ist eine graue Welt geworden. Die Einsamkeit in mir tut körperlich weh. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll, um weiter zu machen, ich weiß nur, dass ich nicht aufgeben darf. Da sind noch so viele Menschen, die mich brauchen. Ich möchte jetzt nur noch nach Hause. Möchte Wolfgang dort spüren und endlich weinen dürfen, meine Trauer nicht mehr länger unterdrücken müssen, weil ich sie ausleben muss, wenn ich jemals mit diesem Verlust fertig werden will.

Er war der Mann meiner Träume, er war für so kurze Zeit der Mann meines Lebens, und jetzt bleibt mir nur mehr die Erinnerung, aber die kann mir nicht genommen werden, niemals!
 

anemone

Mitglied
ausgezeichnet

geschildert. Du vermagst es wunderbar den Unterschied
herauszustellen zwischen Liebe und dem, was man vielfach dafür hält.

lG
anemone
 
K

kaffeehausintellektuelle

Gast
liebe strumpfkuh

ich muss zunächst sagen. ich konnte die geschichte nicht ganz lesen. nicht jetzt. ich werd das nachholen.
dein stil gefällt mir, er ist einfach, schnörkellos und eindringlich.

ein bisschen überfordert war ich als laiin von den vielen medizinischen ausdrücken. kann aber sein, dass das absicht war, um zu zeigen, wie man in solchen situationen mit medinzinischer fachsprache zugepflastert wird.

was mich ein bisschen gestört hat, waren die vielen plusquamperfekte. sie waren zwar grammatikalisch richtig, erschweren aber für mich den lesefluss.
als ich begonnen hab, mehr zu schreiben, hab ich mal eine autorin gefragt, wie man damit umgehen soll, ob correctness vor lesbarkeit geht. sie hat gesagt, es reicht, den oder die ersten sätze eines absatzes in der vorvergangenheit zu schreiben, damit man weiß, in welcher zeit es ist und damit man merkt, der autor weiß um die richtige verwendung der zeiten. aber dann soll man aus gründen der leichteren lesbarkeit in den imperfekt wechseln.
(wollte dich an dieser erkenntnis teilhaben lassen).


es grüßt
die k.
 

strumpfkuh

Mitglied
Hallo,
und Danke für eure netten Worte. Ich habe mit dem Schreiben erst vor kurzem begonnen und freue mich daher besonders über jede Art von Schulterklopfen aber auch konstruktiver Kritik.

An diese Erzählung habe ich einen Anspruch gestellt: Ich wollte etwas Längeres schreiben, das sich flüssig und interessant ließt. Das mit den Fachausdrücken war also keineswegs meine Absicht. Aber wenn man das beim Lesen vermutetet, ist es vielleicht gar nicht so schlimm?

Also: Ihr habt mir mit eurem Lob eine große Freude gemacht.
Liebe Grüße
Doro
 
R

Rote Socke

Gast
Mein lieber Herr Gesangverein!

Ein Novum für die blinde Socke. Seit meiner Lupenmitgliedschaft, die erste laaaaaaaaaaaange Erzählung die ich zu lesen begann und mit Genuss zu Ende brachte.
Ist ja auch kein Kunststück bei diesem Text. Er ist vollgepfropft mit Handlung, und Handlung animiert zum lesen.
Aber nicht allein das, auch die flüssige Schreibe, der Sprachstil und vor allem die Details waren ein Genuss. Ob Krankenhausgerätschaften, Motorradzündkabel, Schreinerei, Russlandkrieg, Verhütung, Bauleiter in Singapur, Schwangerschaft (Leben), Herzinfarkt (Sterben), sypathisches und unsympathisches Krankenpersonal: Tja und: Drama, Liebe, Drama -- Rückblenden, Gegenwart.

Ei padaus doro, für diese feinarbeit würde ich gerne 20 Points drücken. Ein Lektorat würde ich hier nie machen, höchstens ein Korrektorat, aber das kann ich eh nicht.
Hach, es war schön zu lesen und ein HIGHLIGHT in Lupanien.

Eigentlich kann man doch so etwas nur schreiben wenn man es selbst erlebt hat. Aber selbst wenn man das erlebt hat, muss man es erst schreiben können.

Dickes anerkennendes Lob! Eine Kunst, so lange Texte kurzweilig zu schreiben. Ich beherrsche das leider noch nicht.

Socke
 

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