Warum der Mond rund ist

MartinaM

Mitglied
Warum der Mond rund ist

Es war einmal ein kleiner Junge, der ein normales Leben führte. Er wohnte mit seinen Eltern und seiner Schwester zusammen, ging in die erste Klasse, spielte mit seinen Freunden und Freundinnen gerne Fußball und mochte Schokolade.
Eines Nachts lag er jedoch wach in seinem Bett, weil er schlechte Träume hatte, die ihm den Schlaf raubten. Seine Schwester lag in ihrem Bett neben ihm und schlief fest; sie war wohl in ihrem Traum versunken. Da stand der Junge auf und ging zu seinen Eltern ins Schlafzimmer, zu seinem Vater, zerrte ein wenig an seiner Schulter und flüsterte: „Papa, Papa, ich kann nicht schlafen. Die bösen Träume halten mich wach!“ Der Vater aber schlief tief und grunzte nur im Schlaf. Er war abends immer so müde von seinem Alltag, dass er einschlief, sobald sein Kopf das Kissen berührte. Also versuchte der Junge es bei seiner Mutter, legte seine Hand auf die ihre und rief leise: „Mama, Mama, ich kann nicht schlafen. Die bösen Träume halten mich wach!“ Doch auch sie war in ihrem Geiste weit weg und wachte nicht auf, sondern drehte sich um, während sie etwas murmelte. Wie sein Vater hatte seine Mutter immer viel zu tun, und brauchte die Nacht und den Schlaf, um das alles zu schaffen.

Der Junge war aber verzweifelt. Deshalb wollte er nicht wieder ins Bett zurückgehen. Da erinnerte er sich an den Lehrer, der erzählte hatte, dass der Fuchs ein Tier ist, das nachts wach ist und tagsüber schläft. „Vielleicht kann der Fuchs mir helfen!“, dachte der Junge. Also zog er seine bunte Pudelmütze, den Schal seiner Mama, dicke Schuhe und warme Handschuhe über seinen Schlafanzug und machte sich auf den Weg in den Wald, um den Fuchs um Rat zu fragen. Zum Glück wohnte er nicht allzu weit vom Stadtrand entfernt. Er war zum ersten Mal alleine nachts in der Dunkelheit draußen. Der Mond leuchtete hell und voll, die Stille hüllte ihn ein, sodass er nur seine leichten Schritte auf dem Bürgersteig hörte. Nach einer Weile verließ er die Stadt und erreichte den Wald. Hier war alles noch dunkler, aber der kleine Junge hatte eigentlich keine Angst: Die bösen Träume waren schlimmer. So ging er zwischen den Bäumen weiter und fing an zu rufen: „Fuchs, hallo Fuchs, bist du da, bist du wach?“ Da kam auch schon der Fuchs aus dem Gebüsch gesprungen und rief: „He mein Junge, was soll das Geschrei! Ich bin auf Mäusejagd um mein Mittagessen auf den Tisch zu bringen und du verscheuchst mit deinem Aufruhr die Mäuse. Nun sind sie weit unterm Boden und mein Magen wird wohl leer bleiben. Was willst du von mir?“ Als der Junge das hörte, schämte er sich: Daran hatte er so gar nicht gedacht. Dann meinte er: „Mein lieber Fuchs, das tut mir leid. Morgen bringe ich dir viele Mäuse vorbei! Es ist nur so, dass ich nicht schlafen kann, weil die bösen Träume in meinem Kopf herumschwirren. Ich dachte, dass du als Nachtgeschöpf mir vielleicht helfen kannst.“

Der Fuchs schaute den Jungen mit freundlichen Augen an. Die Mäuse waren ihm nicht so wichtig, weil sein Herz Mitleid mit ihm gefasst hatte. „Komm mit zu meinem Bau. Da können wir ruhig eine Tasse Tee trinken und uns unterhalten“, sagte er nur. Er huschte durch die Bäume und der Junge, der gar keine Zeit hatte, erstaunt zu sein, lief ihm hinterher. Als der Fuchs eine dampfende Tasse Tee und einen Teller Zimtplätzchen vor den Jungen gestellt hatte, reckte er sich ein wenig, nahm einen Schluck und fragte: „Weißt du eigentlich, mein Junge, warum der Mond rund ist?“ Der Kleine schüttelte den Kopf, und schaute auf die helle Scheibe, die über ihnen am Himmel stand. „Nun, es ist so, dass unser lieber Mond jeden Abend die schlechten Träume der Kinder aufisst. Er kann das aber nur, wenn der Träumer glaubt, dass er die Wahrheit träumt. Anders kriegt er sie leider nicht zu fassen. Durch das tägliche Essen wird er so dick und rund, dass er fast platzt. Um sich auszuruhen, macht er einmal im Monat Pause und verschwindet. Danach kommt er wieder und isst erneut die Alpträume der Kinder, damit sie in Ruhe schlafen.“ Der Junge rieb sich die Augen, als er diese Worte hörte, und konnte sich gar nicht mehr vom lieben Mond abwenden. Etwas verunsichert hakte er dennoch nach: „Aber warum leuchtet er dann so schön, wenn er doch die schlechten Träume isst?“ Da lachte der Fuchs verschmitzt, nahm einen Zimtkeks und biss hinein. „Mein kleiner Junge, das Mondlicht ist die Hoffnung, die selbst in bösen Träumen zu finden ist. Sie glimmt in der Nacht, bis am Morgen die Sonne erscheint. Jetzt aber musst du gehen, nach dieser Nascherei habe ich Lust auf Mäuse bekommen. Krieche zurück ins Bett, damit du noch etwas Schlaf abbekommst.“ Er strich dem Jungen kurz übers Haar und verschwand im Dunkeln des Waldes.

Der Junge tat, was der Fuchs ihm geraten hatte. Als er wieder zu Hause ankam, fühlte er sich sehr müde und schlief mit der Pudelmütze, dem Schal und den Handschuhen ein. Nur die Schuhe konnte er noch abstreifen, ehe ihm die Augen zufielen. Zum Glück war der Tag darauf ein Sonntag und er konnte ausschlafen. Seine Familie war überrascht, dass seine Schuhe dreckig waren und er mit der Winterkleidung im Bett lag, aber sie machten ihm keine Vorwürfe, weil sie liebe Menschen waren. Sie verstanden, dass Kinder manchmal seltsame Dinge tun, und wussten, dass das nicht schlimm ist. Nach dem Frühstück saß der Junge mit seiner Schwester am Tisch und erzählte ihr, was ihm der Fuchs in der Nacht berichtet hatte. Sie bekam große Augen und bedanke sich in ihrem Herzen beim Mond, der sie so gut schlafen ließ. Doch dann fragte sie plötzlich: „Warum ist dann die Sonne rund? Sie wird ja wohl nicht auch Träume essen?“ Der Junge wusste es auch nicht. Der Lehrer hatte aber auch erzählt, dass Eichhörnchen tagsüber wach sind wie die Menschen. Also zogen die beiden Kinder sich warm an und gingen gemeinsam in den Wald. Es war ein schöner Morgen voller Geräuschen. Als sie den Waldrand erreichten hörten sie auch ihre Schritte nicht mehr so dumpf wie auf dem Asphalt. Inmitten der hohen, stolzen Bäume riefen sie: „Eichhörnchen, hallo Eichhörnchen, bist du da, bist du wach?“ Da kam auch schon das Eichhörnchen aus dem Gebüsch gesprungen und rief: „He meine Kinder, was soll das Geschrei! Ich bin auf Nussjagd, um mein Mittagessen auf den Tisch zu bringen und bei eurem Aufruhr kann ich mich nicht konzentrieren. Nun werde ich sie nicht aufspüren und mein Magen wird wohl leer bleiben. Was wollt ihr von mir?“ Die Geschwister sahen sich betroffen an: Daran hatten sie so gar nicht gedacht. Dann meinte der Junge: „Mein liebes Eichhörnchen, das tut uns sehr leid. Morgen können wir dir viele Nüsse vorbeibringen. In der Nacht hat mir der Fuchs erzählt, dass der Mond rund ist, weil er die bösen Träume der Kinder aufisst. Da hat meine Schwester sich gefragt, warum denn die Sonne so dick und rund ist. Du als Tagesgeschöpf weißt da vielleicht Bescheid?“ Als das Eichhörnchen diese Worte hörte, lachte es, seine Augen hatten Gefallen an den zwei Kleinen gefunden: „Ach meine lieben Kinder, ich brauche keine Nüsse. Folgt mir zu meinem Lieblingsbaum, lasst uns eine Tasse Kaffee trinken und in Ruhe plaudern.“ Schon war es aufgesprungen und die Kinder rannten ihm geschwind nach. Als das Eichhörnchen köstlich duftenden Kaffee gekocht und Kokosmakronen verteilt hatte, kratzte es sich am Ohr und erklärte: „Der Fuchs hat recht, der Mond isst nachts die bösen Träume der Kinder auf. Die Aufgabe der Sonne ist anders: Sie verschlingt tagsüber die guten Gedanken und Ideen der Menschen. Daher ist sie auch so dick und rund. Wenn sie aber all diese Ideen in sich halten würde, würde sie platzen. Also verbreitet sie sie mit ihren warmen Strahlen auf der Erde, damit sich alle Geschöpfe an ihnen erfreuen können.“ Diese Worte waren so angenehm, dass daraufhin das Schweigen ausreichte. Nach einer Weile fragte das Mädchen nach: „Aber mein liebes Eichhörnchen, wenn die gute Sonne als die schönen Gedanken auf der Welt verbreitet, warum sind dann so viele Menschen betrübt?“ Das Eichhörnchen schnappte sich eine Makrone, rümpfte die Nase und antwortete: „Na, mein Mädchen, viele beachten sie einfach nicht. Sie sind zu sehr mit Arbeit, Fernsehern, Büchern und Telefonen beschäftigt. Sie vergessen die Sonne so, wie sie die Liebe verdrängen. Nun aber geht nach Hause, der Kaffee ist auch schon kalt geworden!“ Die Kinder gehorchten und machten sich auf den Weg zurück in die Stadt, das flinke Eichhörnchen aber war schon den Baum hoch geflitzt. Als sie wieder zu Hause waren, sagten die Kinder ihren Eltern, dass sie den ganzen Tag draußen bleiben wollten. Die Eltern waren liebe Menschen und gaben ihnen diese Freiheit. Sie vertrauten ihren Kindern. In der nächsten Nacht stieg der Junge wieder aus dem Bett. Er hatte für den Fuchs zwei Mäuse gefangen und wollte ihm sie bringen, um sich bei ihm zu bedanken. Nach der kurzen Nachtwanderung erreichte er wiederum den Wald und rief aufs Neue: „Fuchs, hallo Fuchs, bist du da, bist du wach?“ Da kam auch schon der Fuchs aus dem Gebüsch gesprungen und rief: „Du schon wieder mein Junge! Was führt dich zu mir?“ Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Jungen aus als er stolz verkündete: „Mein lieber Fuchs, ich habe deine Mäuse dabei um mich bei dir zu bedanken und zu entschuldigen.“ Als der Fuchs die Mäuschen erblickte brach er in ein tosendes Gelächter aus: „Lass doch die armen Mäuse frei! Ich habe doch Spaß gemacht. Lass sie hier im Wald herumwühlen, so ist es für sie vorgesehen. Es genügt mir, und erfüllt mein Herz mit Glück und Freude, dass du und deine Schwester nun wissen, warum die Sonne rund ist und scheint, und warum der Mond rund ist und glimmt.“ Daraufhin verschwand er erneut im Gebüsch. Der Junge ließ die Mäuse laufen und lachte dem Mond ins Gesicht.
 


Oben Unten