Pablo Charles
Mitglied
Ich schließe die Augen und folge dem Link, der meine Gedankenwelt mit dem Internet verbindet. Es ist soviel effektiver die Welt auf diese Weise zu erleben. Der Chip unseren Köpfen macht dies möglich. Wie kommt es, dass die Generationen vor uns nicht den Charm eines solchen Fortschritts gesehen haben. Bereits seit fünf Jahren lebt der Großteil der Bevölkerung hauptsächlich im Internet. Meine Eltern und Großeltern mussten ein Handy oder Computer benutzen, doch im Jahr 2064 ist diese Technologie obsolet. Ich öffne die vorhandene Sprachnachricht meiner Mutter: “Sophie! Hast du dich endlich für die Impfung gemeldet? Deine Generation verbringt viel zu viel Zeit regungslos in euren Wohnungen!” Wo sie recht hat, hat sie recht. Die Welt ist eine andere, als zu ihrer Zeit. Die United Nation hat eine präventive Lösung für die Muskelatrophie gefunden, die unsere Generation so belastet. Ich denke mir kurz eine Antwort aus und überlege mir ob ich lieber selbst oder die KI für mich sprechen lassen soll. Inzwischen weiß sie wie ich ticke und kann für mich antworten. Ich habe noch etwas Arbeit vor mir, also überlasse ich es meiner KI: “Nein, ich habe meine Meinung zur Impfung nicht geändert! Lass mich bitte damit endlich in Ruhe.” Ich bestätige den Text und schicke ihn ab. Ich habe genug Berichte über versteifte Muskeln gelesen, um zu wissen, dass ich das Risiko nicht eingehen werde. Ich öffne die Augen und scanne kurz meinen Raum. Die minimalistische Dekoration entspricht der Norm. Ich schließe meine Augen wieder und begebe mich virtuell auf die Suche nach einem Geschenk für meinen besten Freund David. Morgen ist sein Geburtstag und ich will ihn mit etwas tollem überraschen. Einen digitalen Sportkurs? Meditation? Gott bin ich schlecht darin. Ich entscheide mich nach einer Stunde für ein neues JRPG mit einem heftigen Preis von 120 Euro. Ich hoffe ihm gefällt es. Videospiele sind nicht meine Welt und ich weiß dementsprechend wenig über sie. Ich zucke mit den Achseln und bezahle. Das Spiel wird genau um Mitternacht auf seinen Chip heruntergeladen, dann kann er sobald er die Augen schließt sich in dieser neuen Welt verlieren. Sind die Welten, die diese Spielentwickler erschaffen, wirklich soviel interessanter als die unsere? Können ein Haufen Pixel und KI-Dialog einen glücklich machen? Vielleicht für eine kurze Zeit. Das Symbol eines altmodischen Telefons blinkt stumm in der oberen Ecke meiner virtuellen Wahrnehmung. David versucht mich zu erreichen. Die KI, oder besser gesagt, mein Alter Ego drängt mich dazu den Anruf anzunehmen. Wir leben in Sigmund Freuds Symbiose zwischen dem “Ich” und dem“Über-Ich”, dabei nimmt die KI den Platz des Über-Ichs ein. “Was geht Sophie? Ich wollte dich nur nochmal diskret auf meinen Geburtstag hinweisen. Du weißt schon, dem wichtigsten Tag das Jahres.” “Du lässt es so klingen, als sei ich ein Nebencharakter und du Protagonist dieser Welt.”, erwidere ich schmunzelnd. “Habe soeben die Meisterschaft von Magic: The Gathering auf dem lokalen Server gewonnen. Hast du nicht meine letzten Leistungen gesehen? Wie dem auch sei, ich will mit jemandem feiern. Was machst du heute Abend?” Ich denke für einen kurzen Moment an das Schulmaterial, dass ich vorbereiten muss. Alter Ego weist mich darauf hin, dass es Priorität hat. Ich entscheide mich jedoch es zu ignorieren und mich wie eine unverantwortliche Erwachsene zu benehmen. “Was hast du geplant?”, antworte ich ihm. “Nichts großes. Komm einfach zu mir in meine Wohnung, ich habe ein paar Freunde eingeladen, um meinen Erfolg zu feiern.” “Kenne ich ein paar deiner Freunde?” “Jonny kommt ursprünglich aus Bulgarien und spielt hauptsächlich mit einem Kobold-Deck. Marissa liebt Motorsport und besteht darauf, dass ihr Katzen-Deck unschlagbar ist. Sie hat noch nie gewonnen. Chris ist Chris, was kann ich sagen, er ist besonders. Ich bin mir sicher, dass du dich großartig mit ihnen verstehen wirst.” “Du hättest auch einfach ‘Nein’ sagen können.” “Ist das also ein ‘Ja’?” “Ja.” “Großartig! Also bei mir um sieben. Bis später.”, damit legt er auf und überlässt mich meinen Gedanken, die ich mit Alter Ego teile. Die Arbeit von der ich sprach, ist das Wochenprogramm für meine Schüler. Ich bin Lehrerin im Gymnasium und passend zum JRPG, widmen wir uns nächste Woche dem Land der aufgehenden Sonne. Bis sieben verbleiben mir noch ungefähr zwei Stunden. Was für eine spontane Planänderung. Ich seufze, lehne mich in auf meinem Sessel zurück und schließe erneut die Augen. Notizen und Curriculum erscheinen vor meinem inneren Auge. Ich gähne, nachdem zwei Stunden vergangen sind, auf. Die Uhr steht auf sieben. Ich werde zu spät kommen, aber das ist in Ordnung, denn keiner hat vor pünktlich da zu sein. Es handelt sich um eine unausgesprochene Regel unserer Gesellschaft, auch wenn meine Eltern behaupten, dass es zu ihrer Zeit anders war. Schwerfällig stehe ich auf. Meine Muskeln protestieren, da ich sie seit Stunden nicht mehr bewegt habe. Mein Magen knurrt, also mache ich mir zuerst etwas zu Essen. Nach dem Essen geht es ins Bad für eine Fünf-Minuten-Dusche und zu meiner Ratlosigkeit, die ich immer dann finde, sobald ich vor meinem Kleiderschrank stehe. Dann wird mir plötzlich bewusst wer auf der Party sein wird und entscheide mich für Casual Wear. Ein paar Jeans und ein weites weißes Shirt werden reichen. Es ist acht Uhr dreißig, als ich meine Wohnung verlasse und mein Uber mich vor meiner Haustür abholt. Das selbstfahrende Auto wartet bereits auf mich. Die Wartezeit wird mir wohl auf die Rechnung gesetzt. Ich setze mich also schleunigst auf die Rückbank und schließe die Tür. Das Auto scannt kurz mein Gesicht, um meine Identität zu bestätigen und setzt sich dann in Bewegung. Davids Wohnung befindet sich auf der obersten Etage eines Hochhauses, dass ihm von seinen Großeltern vererbt wurde. Natürlich hat er sich, das Penthouse geschnappt. Seine Wohnung ist nicht minimalistisch sondern elegant eingerichtet. Nicht einer, sondern gleich zwei Kronleuchter schmücken die Decke seines Wohnbereichs. Ein riesiger runder Glastisch, den er die Tafelrunde, nennt steht in der Mitte. Umringt wird es von einem roten Sofa in Form eines gebrochenen Kreises und ein geheizter Teppichboden macht den Raum noch gemütlicher. All das wäre mir als erstes ins Augen gefallen, wäre da nicht die Abwesenheit der anderen Partygäste. “Ah, da bist du ja endlich. Du bist zu spät.” “Zu spät für was?” Der Verdacht reingelegt worden zu sein ist klar in meiner Stimme zu hören. “Für unseren gemeinsamen Abend natürlich.” So unschuldig kann doch wirklich keiner klingen. “Wo sind die anderen?” “Sie haben im letzten Moment abgesagt. Was ein Jammer das aber auch ist. Ich habe wohl zu viel Champagner gekauft. Magst du ein Glas?”, fragt er mich während er bereits zwei Gläser einschenkt. Ich zögere kurz bevor ich mich seinem Welpenblick hingebe und zustimme. “Ich bleibe wohl nicht zu lange. Ich habe morgen noch Arbeit vor mir.” “Stets die tüchtige Lehrerin. In den letzten paar Monaten hast du dich kein bisschen verändert. OH, warte!” Er starrt für einige Sekunden an. “Bist du etwa noch hübscher geworden? Wer hätte gedacht, dass das möglich wäre.” Er steht nun ganz nah bei mir und reicht mir mein Glas. Er ist immer so nett zu mir. Ich weiß bis heute noch nicht wie ich darauf reagieren soll. Wir setzten uns auf das Sofa und schauen aus den überdimensionalen Fenstern. Das Licht einer Baustelle erhellt in der Ferne einen Fleck der Leinwand. Die Nachrichten laufen im Hintergrund und bilde ich mir das ein oder ist David einen Zentimeter nähergerückt. Äußerlich lasse ich mir nichts anmerken, aber die Geschwindigkeit mit der mein Herz schlägt verdoppelt sich. “Die Baugesellschaft entschuldigt sich bei den Einwohnern in der Umgebung für den nächtlichen Lärm. Diese Nacht werden unterirdische Akkus installiert. “Die ersten von vielen”, äußert sich der Bürgermeister.
Ich starte eine weitere Konversation : “Und wie fühlt es sich an endlich gewonnen zu haben? Wie oft hast du bei diesem Wettbewerb mitgemacht? Fünf Mal?” “Ha, ganze sieben Mal sogar. Scheint wohl, das sieben meine Glückszahl ist.” “Willst du damit sagen, dass dein Sieg pures Glück war?” Ich runzele überrascht die Stirn. “Auf gar keinen Fall, wenn überhaupt, hat mich mein Pech endlich verlassen.” Er hebt sein Glas zum Anstoßen, ich hebe meins und dem Klang folgt plötzliche Dunkelheit. Ein plötzlicher Stromausfall ist im Grunde nicht unüblich. Generell kommen sie so rund einmal im Jahr vor und dauern so um die fünf Minuten. Sie begrenzen sich auf ein bis zwei Stadtteile und das Internet fällt nie aus. Wir verlieren nie unsere Verbindung zum Internet und wissen deshalb immer was los ist. Das World Wide Web, allgegenwärtig und zuverlässig, ist jedoch weg… Ich schließe wieder und immer wieder meine Augen. Wo ist die Verbindung? Die Stille lässt mir die Nackenhaare zu berge stehen. David bewegt sich neben mir wie ein stiller Schatten. Wer hätte gedacht, dass die Nacht so dunkel sein kann. Ein totaler Stromausfall, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Ich fühle mich so seltsam leer. Davids Präsenz hilft, wenn auch nur wenig. Hält er sich gerade die Hände über den Kopf? Ich kann seine Silhouette kaum ausmachen. Etwas kommt in mir hoch. Als ich das erste Krachen von Blech unter auf der Straße höre, schmettert dieses Etwas durch die Trance, in der ich mich bis zu diesem Moment befunden habe. Panik. Was geht hier vor sich? Der Nachthimmel ist klar und das Licht der Himmelskörper reicht unnatürlich tief. Schreie ertönen von unten und ein weiterer Kollision folgt. Ich drücke mein Gesicht an die Fenster, traue mich jedoch nicht sie zu öffnen. Wir befinden uns so weit oben, dass es schwierig ist zu wissen was auf der Straße vor sich geht. Ich kann bloß Scheinwerfer der selbstfahrenden Autos ausmachen, die dank der internen Autobatterie noch leuchten. Ein weiteres paar Scheinwerfer nähert sich mit erhöhter Geschwindigkeit. Schatten panischer Menschen tauchen flüchtig im Scheinwerferlicht auf bevor sie wieder in die Dunkelheit tauchen. “Was zur Hölle!!!”, äußert sich David und spricht damit aus was auch in denke. Jemand klopft an die Wohnungstür: “David! Mach die Tür auf! David!” Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht sehen, aber seine Überraschung ist klar in seiner Stimme zu hören: “CHRIS?! Das automatische Schloss funktioniert nicht ohne Strom.”, ruft David zurück. Ich will mein Gesicht wieder gegen die Fenster drücken, als etwas unweit von meinem Gesicht in sie einschlägt. Risse ziehen sich vom Einschlagort aus quer über die Fenster, wobei einer meine Fingerspitzen berührt. Das Geräusch von langsam werdenden Rotoren ersetzt die unausgesprochene Frage mit einer Antwort: eine Lieferdrohne. Ein weiterer Knall schallt von der Straße weit unter uns herauf und hinter mir hämmer Chris erbarmungslos gegen die Tür: “Mach doch die verdammte Tür endlich auf!” “Ein automatisches Schloss, Chris, funktioniert nur mit Strom!”, brüllt David völlig außer sich zurück. Die Situation macht uns allen zu schaffen. Das Klopfen hört auf. “Sorry, aber was ist diese Scheiße bitte? Wo ist der Strom hin? Das passiert doch nicht einfach. Wurden wir angegriffen, ist das eine Kriegserklärung? Von wem?” David stampft nun durch die Wohnung. “Was machst du?”, frage ich. “Ich suche eine beschissene Brechstange.” Was?? So absurd wie ein Krieg auch klingen mag, will ich keine Risiken eingehen. “NEIN! Brich ja nicht diese Tür auf, hörst du!”, schnauze ich ihn an. Falls wir wirklich angegriffen werden, hilft uns jede verschlossene Tür und Fenster. “Ich lasse Chris doch nicht allein da draußen!”, entgegnet mir jedoch David entschlossen. “Er ist doch innerhalb vom Gebäude, er ist sicher.” “Also macht es ja keinen Unterschied, wenn ich ihn reinlasse.” Wie auf einer Sprungfeder springe ich auf. Ich bin nicht gewalttätig, war ich noch nie. Heute ist anders, die Situation ist anders. Eine Ausnahme. Ich stürze mich auf die Silhouette, dabei weiß ich, dass ich im Nachteil bin. Rationalität hat mich längst verlassen. Ich spüre meinen Herzschlag in meiner Schläfe, während ich blind auf ihn zulaufe. Ein mir unbekanntes Objekt stößt gegen mein Schienbein. Verdammten Möbel. Ich ignoriere es. Meine Hände ergreifen seine Schultern und mitsamt meines ganzen Körpergewichts bringe ich ihn zum Fall. Was mache ich da? Wo ist mein Alter Ego wenn ich ihn brauche? Wer hält mich jetzt davon ab. Ich versuche verzweifelt David am Boden festhalten, finde aber relativ schnell heraus, dass ich dazu nicht in der Lage bin. David brüllt und wirft mich einer derartigen Wucht gegen die gegenüberliegende Wand, dass ich wie paralysiert in mich zusammensacke. Error 404. Error 404. Error 404. Error 404. Error 404. Error 404. Wie viel Uhr ist es? Wie viel Zeit ist vergangen? Was geht da draußen vor sich? Was ist die Ursache des Stromausfalls? All diese stummen Fragen, die auf keine Antwort treffen. “Was zur Hölle ist los mit dir? Spinnst du etwa? Das bist doch nicht du Sophie! Ich lasse ihn jetzt rein.” Mach doch was du willst. Macht keinen Unterschied. Sterben werden wir so oder so. Es ist nur eine Frage der Zeit. Kein Strom bedeutet ebenfalls keine Abwehrsysteme. Mein Arm zuckt unaufhörlich und meine Nase läuft, vielleicht blutet sie auch. Ich berühre die Flüssigkeit mit meiner Fingerspitze und lege sie dann auf meine Zunge. Der metallische Geschmack von Blut. Wie ist meine körperliche Verfassung? Error 404. Ein leises Lachen entweicht meinem Mund bevor ich die Augen schließe. Nun sind auch die Schatten verschwunden. Ich lasse mich von der Stille davontragen. Ein Türschloss bricht. Ich drifte jedoch weiterhin davon. Sollte mich eine Bombe treffen, will ich davon nichts mitbekommen. Einen wunderschönen guten Morgen, weckt mich die lang ersehnte Stimme meines Alter Egos. Mein Kopf schmerzt dermaßen, dass ihre Stimme wie ein Beben durch mein Gehirn rast. Ich öffne meine Augen, unsicher welcher Anblick mich erwartet. Eine aufgebrochene Tür, eine zerschmetterte Glastür, die auf die Terrasse führt und zwei Augenpaare die mich anstarren. David trägt ein an den Schultern zerrissenes T-Shirt unter dem sich blutige Kratzer befinden. Das zweite Augenpaar gehört zu jemand mir Unbekanntem. Das muss also Chris sein. Er ist kleiner als David und trägt seine Dreadlocks in einem ungepflegten Bun. “Bist du wieder bei Sinnen?” Immer noch etwas benommen frage ich : “Ist der Angriff vorbei?” Die beiden Leuchtenden Kronleuchter zusammen mit der KI in meinem Kopf deuten stark darauf hin, dass der Strom wieder da ist. “Es gab keinen Angriff. Schau!”, dabei deutet David auf den Fernseher, das Gerät das nur dann benutzt wird, wenn man zusammen mit anderen ist. “…entschuldigen uns für den gestrigen Stromausfall und den Schaden der darauf folgte. Wir, die Baugesellschaft tragen dafür die volle Verantwortung. Wir entschuldigen uns erneut bei all den Verletzten und werden unser bestes geben für den entstandenen Schaden aufzukommen.” Beim Wort “Schaden” laufe ich an David und dem unbeschriebenen Chris vorbei auf die Terrasse, dabei stoße ich mir meinen Fuß an einer auf dem Boden liegenden Drohne. Was soll schon ein weiterer blauer Fleck. Der Anblick lässt mich meinen Schmerz vergessen. Vor mir liegt ein See aus brennenden Gebäuden. Kaputte Autos liegen Kreuz und quer herum, dabei will ich mir nicht vorstellen wie viele Menschen sich noch in oder unter ihnen befinden. Das Sonnenlicht dringt bloß geschwächt durch den aufsteigenden Rauchwolken. Sirenen ertönen aus allen vier Himmelsrichtungen und im Hintergrund liegt still und leise die Baustelle. Ich schüttle den Kopf und sage zu mir selbst: “Wir hätten genau so gut angegriffen worden sein."
Ich starte eine weitere Konversation : “Und wie fühlt es sich an endlich gewonnen zu haben? Wie oft hast du bei diesem Wettbewerb mitgemacht? Fünf Mal?” “Ha, ganze sieben Mal sogar. Scheint wohl, das sieben meine Glückszahl ist.” “Willst du damit sagen, dass dein Sieg pures Glück war?” Ich runzele überrascht die Stirn. “Auf gar keinen Fall, wenn überhaupt, hat mich mein Pech endlich verlassen.” Er hebt sein Glas zum Anstoßen, ich hebe meins und dem Klang folgt plötzliche Dunkelheit. Ein plötzlicher Stromausfall ist im Grunde nicht unüblich. Generell kommen sie so rund einmal im Jahr vor und dauern so um die fünf Minuten. Sie begrenzen sich auf ein bis zwei Stadtteile und das Internet fällt nie aus. Wir verlieren nie unsere Verbindung zum Internet und wissen deshalb immer was los ist. Das World Wide Web, allgegenwärtig und zuverlässig, ist jedoch weg… Ich schließe wieder und immer wieder meine Augen. Wo ist die Verbindung? Die Stille lässt mir die Nackenhaare zu berge stehen. David bewegt sich neben mir wie ein stiller Schatten. Wer hätte gedacht, dass die Nacht so dunkel sein kann. Ein totaler Stromausfall, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Ich fühle mich so seltsam leer. Davids Präsenz hilft, wenn auch nur wenig. Hält er sich gerade die Hände über den Kopf? Ich kann seine Silhouette kaum ausmachen. Etwas kommt in mir hoch. Als ich das erste Krachen von Blech unter auf der Straße höre, schmettert dieses Etwas durch die Trance, in der ich mich bis zu diesem Moment befunden habe. Panik. Was geht hier vor sich? Der Nachthimmel ist klar und das Licht der Himmelskörper reicht unnatürlich tief. Schreie ertönen von unten und ein weiterer Kollision folgt. Ich drücke mein Gesicht an die Fenster, traue mich jedoch nicht sie zu öffnen. Wir befinden uns so weit oben, dass es schwierig ist zu wissen was auf der Straße vor sich geht. Ich kann bloß Scheinwerfer der selbstfahrenden Autos ausmachen, die dank der internen Autobatterie noch leuchten. Ein weiteres paar Scheinwerfer nähert sich mit erhöhter Geschwindigkeit. Schatten panischer Menschen tauchen flüchtig im Scheinwerferlicht auf bevor sie wieder in die Dunkelheit tauchen. “Was zur Hölle!!!”, äußert sich David und spricht damit aus was auch in denke. Jemand klopft an die Wohnungstür: “David! Mach die Tür auf! David!” Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht sehen, aber seine Überraschung ist klar in seiner Stimme zu hören: “CHRIS?! Das automatische Schloss funktioniert nicht ohne Strom.”, ruft David zurück. Ich will mein Gesicht wieder gegen die Fenster drücken, als etwas unweit von meinem Gesicht in sie einschlägt. Risse ziehen sich vom Einschlagort aus quer über die Fenster, wobei einer meine Fingerspitzen berührt. Das Geräusch von langsam werdenden Rotoren ersetzt die unausgesprochene Frage mit einer Antwort: eine Lieferdrohne. Ein weiterer Knall schallt von der Straße weit unter uns herauf und hinter mir hämmer Chris erbarmungslos gegen die Tür: “Mach doch die verdammte Tür endlich auf!” “Ein automatisches Schloss, Chris, funktioniert nur mit Strom!”, brüllt David völlig außer sich zurück. Die Situation macht uns allen zu schaffen. Das Klopfen hört auf. “Sorry, aber was ist diese Scheiße bitte? Wo ist der Strom hin? Das passiert doch nicht einfach. Wurden wir angegriffen, ist das eine Kriegserklärung? Von wem?” David stampft nun durch die Wohnung. “Was machst du?”, frage ich. “Ich suche eine beschissene Brechstange.” Was?? So absurd wie ein Krieg auch klingen mag, will ich keine Risiken eingehen. “NEIN! Brich ja nicht diese Tür auf, hörst du!”, schnauze ich ihn an. Falls wir wirklich angegriffen werden, hilft uns jede verschlossene Tür und Fenster. “Ich lasse Chris doch nicht allein da draußen!”, entgegnet mir jedoch David entschlossen. “Er ist doch innerhalb vom Gebäude, er ist sicher.” “Also macht es ja keinen Unterschied, wenn ich ihn reinlasse.” Wie auf einer Sprungfeder springe ich auf. Ich bin nicht gewalttätig, war ich noch nie. Heute ist anders, die Situation ist anders. Eine Ausnahme. Ich stürze mich auf die Silhouette, dabei weiß ich, dass ich im Nachteil bin. Rationalität hat mich längst verlassen. Ich spüre meinen Herzschlag in meiner Schläfe, während ich blind auf ihn zulaufe. Ein mir unbekanntes Objekt stößt gegen mein Schienbein. Verdammten Möbel. Ich ignoriere es. Meine Hände ergreifen seine Schultern und mitsamt meines ganzen Körpergewichts bringe ich ihn zum Fall. Was mache ich da? Wo ist mein Alter Ego wenn ich ihn brauche? Wer hält mich jetzt davon ab. Ich versuche verzweifelt David am Boden festhalten, finde aber relativ schnell heraus, dass ich dazu nicht in der Lage bin. David brüllt und wirft mich einer derartigen Wucht gegen die gegenüberliegende Wand, dass ich wie paralysiert in mich zusammensacke. Error 404. Error 404. Error 404. Error 404. Error 404. Error 404. Wie viel Uhr ist es? Wie viel Zeit ist vergangen? Was geht da draußen vor sich? Was ist die Ursache des Stromausfalls? All diese stummen Fragen, die auf keine Antwort treffen. “Was zur Hölle ist los mit dir? Spinnst du etwa? Das bist doch nicht du Sophie! Ich lasse ihn jetzt rein.” Mach doch was du willst. Macht keinen Unterschied. Sterben werden wir so oder so. Es ist nur eine Frage der Zeit. Kein Strom bedeutet ebenfalls keine Abwehrsysteme. Mein Arm zuckt unaufhörlich und meine Nase läuft, vielleicht blutet sie auch. Ich berühre die Flüssigkeit mit meiner Fingerspitze und lege sie dann auf meine Zunge. Der metallische Geschmack von Blut. Wie ist meine körperliche Verfassung? Error 404. Ein leises Lachen entweicht meinem Mund bevor ich die Augen schließe. Nun sind auch die Schatten verschwunden. Ich lasse mich von der Stille davontragen. Ein Türschloss bricht. Ich drifte jedoch weiterhin davon. Sollte mich eine Bombe treffen, will ich davon nichts mitbekommen. Einen wunderschönen guten Morgen, weckt mich die lang ersehnte Stimme meines Alter Egos. Mein Kopf schmerzt dermaßen, dass ihre Stimme wie ein Beben durch mein Gehirn rast. Ich öffne meine Augen, unsicher welcher Anblick mich erwartet. Eine aufgebrochene Tür, eine zerschmetterte Glastür, die auf die Terrasse führt und zwei Augenpaare die mich anstarren. David trägt ein an den Schultern zerrissenes T-Shirt unter dem sich blutige Kratzer befinden. Das zweite Augenpaar gehört zu jemand mir Unbekanntem. Das muss also Chris sein. Er ist kleiner als David und trägt seine Dreadlocks in einem ungepflegten Bun. “Bist du wieder bei Sinnen?” Immer noch etwas benommen frage ich : “Ist der Angriff vorbei?” Die beiden Leuchtenden Kronleuchter zusammen mit der KI in meinem Kopf deuten stark darauf hin, dass der Strom wieder da ist. “Es gab keinen Angriff. Schau!”, dabei deutet David auf den Fernseher, das Gerät das nur dann benutzt wird, wenn man zusammen mit anderen ist. “…entschuldigen uns für den gestrigen Stromausfall und den Schaden der darauf folgte. Wir, die Baugesellschaft tragen dafür die volle Verantwortung. Wir entschuldigen uns erneut bei all den Verletzten und werden unser bestes geben für den entstandenen Schaden aufzukommen.” Beim Wort “Schaden” laufe ich an David und dem unbeschriebenen Chris vorbei auf die Terrasse, dabei stoße ich mir meinen Fuß an einer auf dem Boden liegenden Drohne. Was soll schon ein weiterer blauer Fleck. Der Anblick lässt mich meinen Schmerz vergessen. Vor mir liegt ein See aus brennenden Gebäuden. Kaputte Autos liegen Kreuz und quer herum, dabei will ich mir nicht vorstellen wie viele Menschen sich noch in oder unter ihnen befinden. Das Sonnenlicht dringt bloß geschwächt durch den aufsteigenden Rauchwolken. Sirenen ertönen aus allen vier Himmelsrichtungen und im Hintergrund liegt still und leise die Baustelle. Ich schüttle den Kopf und sage zu mir selbst: “Wir hätten genau so gut angegriffen worden sein."