Was in trüben Gewässern verborgen liegt

Was in trüben Gewässern verborgen liegt


Grundhüter. Gierschlund. Goldbart.
Wie viele Namen hatten die Menschen ihm bereits gegeben? Auf jeden Fall, mindestens ebenso viele, wie sie Geschichten daraus webten. Ihr Einfallsreichtum erschien dabei nahezu unerschöpflich – auch wenn niemand mehr genau wusste, womit alles begonnen hatte.
Doch er erinnerte sich … an jenen Tag, lange bevor jene Geschichten damit angefangen hatten, ein Eigenleben zu entwickeln …


Schleierhaft schwebte der Nebel in dünnen Bahnen über der glatten Oberfläche des Sees, während alles, was darunter lag, ruhte – bis das erste Licht hindurchbrach.
Wenn auch vergeblich, versuchte es, die schlammigen Partikel zu durchdringen, die schwerelos durchs Wasser trieben, hinab bis zum Grund, dort wo er wartete. Geduldig. Wachsam. Lautlos. Auf der stetigen Suche nach Nahrung. Dabei verrieten ihm seine Schuppen jede noch so kleine Bewegung. Jede Veränderung – sowohl über als auch unter Wasser. Das gleichmäßige Trommeln des Regens. Den Wind, der über die Oberfläche strich. Ebenso wie das Eintauchen eines Hakens, dessen Aufprall das Wasser in kreisenden Wellen erzittern ließ.
Wie oft hatten sie schon versucht, ihn zu fangen? Versucht, ihn mit Dingen zu ködern, die an einem Haken hingen. Doch all das spielte keine Rolle. Das Einzige, was zählte, war sein Überleben.
Also streifte er durchs Wasser, durchforstete den schlammigen Boden mit den Ausläufern seines Bartes. Wühlte ihn auf, auf der Suche nach etwas, das sich nach Nahrung anfühlte. Schnecken, Muscheln, kleine Larven – er nahm jede Mahlzeit. Jede Gelegenheit, die sich ihm bot. Wie trüb das Wasser auch war, er fand stets seinen Weg, einem Rhythmus folgend, der ihm seit jeher vorbestimmt zu sein schien.
Umso mehr irritierte es ihn, als etwas anderes seine Aufmerksamkeit erregte. Etwas Neues. Etwas Unvorhergesehenes. Etwas, das so ungewohnt hell funkelte, dass es ihn beinahe blendete.
Neugierig schwamm er darauf zu. Umkreiste es. Tastete danach. Deutlich konnte er die glatte und kalte Oberfläche unter seinen Bartenden spüren. Achtsam tastete er weiter. Ein paar scharfe Kanten geboten ihm Vorsicht, sich nicht daran zu schneiden. Von außen sah es aus wie ein Stein. Ein Stein, der das Licht der Oberfläche in sich trug. Noch nie zuvor hatte er es so klar leuchten gesehen. Sein Schimmer brannte sich immer tiefer durch seine Augen, hinein in sein Inneres. Sein Instinkt mahnte ihn zur Vorsicht, doch es faszinierte ihn einfach. So sehr, dass er es für immer behalten wollte. Hier unten, nahe bei sich, um sich jeden Tag an dessen Glanz zu erfreuen.
Also begann er daran zu ziehen. Zuerst zaghaft, in kleinen Bissen. Nichts geschah. Dann schnappte er zu. Ein Fehler!
Unweigerlich begann sich eine Schnur zu spannen, die erst jetzt aufblitzte. Mit geweiteten Augen starrte er sie an. Nun waren es nicht mehr nur die scharfen Kanten des Steins, die über seinen Gaumen rieben. Nein. Da war noch etwas. Die Spitze eines Hakens, die sich immer tiefer in sein Fleisch grub. Eine Erkenntnis, die zu spät kam.
Zappelnd wandte er sich von links nach rechts, in der Hoffnung sich loszureißen. Jeder Versuch erschien jedoch aussichtslos.
Ein ungekannter Schmerz durchdrang ihn. Jede Schuppe sowie jede Faser seines Körpers waren gespannt. Verzweifelt wehrte er sich gegen den Zug am anderen Ende der Schnur. Brennend schnitten die scharfen Kanten des Steins durch sein Maul. Jeder Muskel bis zum Zerreißen gespannt, hielt er dagegen. Jeder Schlag mit der Schwanzflosse, egal wie kräftig, schien vergebens. Doch er durfte nicht aufgeben. Er musste kämpfen!
Winzige Perlen aus Blut begannen sich mit den schlammigen Partikeln des Wassers zu vermischen. Je mehr er sich wehrte, desto tiefer grub sich der Haken durchs Fleisch. Hielt ihn fest, während seine Kräfte immer weiter schwanden.
Nahezu reglos schwebte sein Körper im Wasser. Zu erschöpft für den nächsten Flossenschlag, kam das Licht der Oberfläche immer näher. Erfüllt von seiner Wärme spiegelte es sich in seinen Augen. So schön. So fern. Weit weg von dem Schmerz, der ihn durchströmte.
Schmerz, den er auf sich genommen hatte, ungeachtet jeglicher Folgen. Und wofür? Für einen funkelnden Stein. So wollte er nicht enden. Wehrlos. Hängend an einem Haken.
Also sammelte er noch einmal seine letzten Kräfte. Ein letztes Aufbäumen gegen ein Schicksal, dem er sich nicht ergeben wollte. Das Licht entfernte sich und der Schmerz kehrte zurück. Sein gesamter Leib zitterte unter der Spannung. Er würde gewinnen. Den Stein zu seinem machen und überleben.
Ein allerletzter Schlag und er war frei. Frei! Die Schnur war gerissen. Der salzige Geschmack des Sieges breitete sich in seinem Maul aus. Der dumpfe Klang eines Fluches drang an sein Ohr, gedämpft von der Dichte des Wassers.
„Was bist du nur für ein kaltherziges Biest! Stiehlst den Ohrring meiner Großmutter! Er war das Letzte von Wert, das mir geblieben ist!“ Doch in den letzten Worten lag mehr Schmerz als Wut.
Gestohlen …
Was für ein seltsames Wort, dachte er. Wie konnte man etwas stehlen, das jemand bereit war, freiwillig zu geben? Wenn überhaupt, dann war es der Mensch gewesen, der ihm etwas hatte stehlen wollen. Nicht umgekehrt.
Noch immer den Stein fest im Maul verankert, sank er erschöpft zum Grund hinab.
„Ich komme wieder, hörst du! Dann hole ich zurück, was rechtmäßig mir gehört!“ Waren die letzten Worte, die er vernahm, bevor die gewohnte Stille zurückkehrte.


Der Mensch hatte Wort gehalten. Bereits nach wenigen Tagen erklang seine Stimme erneut über dem See und ließ dessen Oberfläche erzittern.
„Es ist Zeit für eine Revanche, Fisch! Also zeig dich, wenn du kein Feigling bist! Es geht um den Stein und unsere Ehre“, schallte eine vertraute Stimme bis zum Grund hinab.
Eine Schlammwolke wirbelte auf. Er hatte jedes Wort vernommen. Laut und deutlich. „Also los geht’s!“, rief der Mensch, bevor etwas auf die Wasseroberfläche prallte und allmählich immer tiefer sank.
Voller Erwartung schwamm er darauf zu. Womit wollte er ihn dieses Mal ködern?
Seine Spannung wich jedoch schnell der Enttäuschung, als er lediglich einen Wurm erkannte. Zappelnd wand sich dieser um einen Haken. Genau wie er, noch vor wenigen Tagen, kämpfte auch der Wurm ums Überleben.
Wie erbärmlich. Einfach nur zappelnd dort zu hängen und nichts tun zu können.
Aufmerksam umkreiste er den Wurm. Beobachtete sein Ringen. Verzweifelt. Aussichtslos. Nein, so würde er selbst niemals enden.
„Was ist?“, erklang die Stimme von der Oberfläche erneut. „Ist dir ein einfacher Wurm etwa nicht gut genug? Feigling!“
Feigling?
Hielt der Mensch ihn tatsächlich für so dumm, auf diesen alten Ködertrick hereinzufallen? Für eine solch lächerliche Beute würde er sein Leben ganz sicher nicht aufs Spiel setzen.
Sich abzuwenden wäre wohl das Klügste gewesen. Doch etwas hielt ihn zurück. Er betrachtete den Wurm erneut. Umkreiste ihn. Irgendwie empfand er Mitleid mit dem Geschöpf, das sich qualvoll hin und her wandte. Vielleicht sollte er ihn erlösen? Aber wie, ohne selbst dabei erneut am Haken zu hängen?
Unwillkürlich zuckte seine Schwanzflosse. Kein Schicksal, dem er erliegen wollte. Noch immer brannte die Narbe, erinnerte ihn an sein eigenes Ringen. Der Stein war deutlich unter seinem Fleisch zu spüren, das ihn langsam einzubetten begann – um ihn zu einem Teil seiner selbst werden zu lassen.
Immer wieder umkreiste er den zappelnden Wurm. Wie konnte er ihn vom Haken befreien, ohne selbst daran zu enden? Ein reines Kräftemessen erschien ihm sinnlos. Der Stein jedoch … damit könnte er vielleicht …
Ja, das könnte klappen, wenn er es richtig anstellte. Der Mensch wollte eine Revanche? Er würde ihm eine Lektion erteilen.
Wohl wissend, worauf er sich einließ, riss er sein Maul weit auf. Augenblicklich verschwanden Wurm und Haken im aufgerissenen Schlund. Er würde den Menschen lehren, dass es schon mehr als bloße Kraft brauchte, um ihn zu fangen. Die Schnur spannte sich.
Erneut stemmte er sich gegen ein Schicksal, das unausweichlich schien.
In kraftvollen Bewegungen schlug er von links nach rechts und drehte sich dabei immer wieder um die eigene Achse. Er konnte spüren, wie der Stein über die gespannte Sehne rieb. Gut so!
Ein Schlag, eine Drehung, dann wieder von vorn. Schon fast tänzerisch wirbelte er durchs Wasser. Ein Moment verging, dann noch einer. Immer weiter … angetrieben von seinem Instinkt, niemals wie der Wurm enden zu wollen.
Unerbittlich kämpfte er weiter. Nur noch ein bisschen! Dann endlich – ein dumpfer Knall. Die Schnur war gerissen. Er hatte sie durchtrennt!
„Verdammt! Wie …? Das kann doch nicht …“, erklang es an der Oberfläche.
Danach herrschte Schweigen.
Triumphierend schwamm er zurück zum Grund und spuckte den Haken aus, bevor er die Stimme des Menschen erneut vernahm.
„Hakenräuber! Hörst du mich? So wird man dich nennen! Ich werde jedem von deiner Gier und unserem Kampf erzählen. Und eines Tages wirst du hängen. Zappelnd an einem Haken. Dann wirst du den Tag verfluchen, an dem du mich bestohlen hast!“
Und seit jeher kamen sie. Sie lockten ihn. Sie jagten ihn. Keine ihrer Herausforderungen ließ er unbeantwortet.
Hunger. Stolz. Gier. Gründe fanden sie mehr als genug. Selbst das Glück und die Hoffnung fanden einen Vorwand. Jeder Versuch war zugleich ein Scheitern ihrer selbst und ein erneuter Beweis für Hakenräubers Überlebenswillen. Denn tief unten im trüben Wasser gab es nur eine Frage, die zählte:
Wofür bist du wirklich bereit zu kämpfen?
 



 
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