Max Neumann
Mitglied
I
Ein heller Lichtstrahl fiel aus dem Fenster eines Hochhauses ins nächste. Diese Gebäude kamen aus der Epoche des Brutalismus, ein Wort, das einen erinnert an Brutalität und Beton.
Zwischen den grauen, harten Wänden glitt dieses Licht von einem Fenster in das andere. Im 17. Stock lag ein fensterloses Zimmer, in dem niemand wohnte.
Die Wände waren über und über beschrieben mit Botschaften, in denen Menschen vor dem Freitod eindringlich gewarnt worden sind. Denn dieses Zimmer wurde dafür genutzt. Tief unten, unterhalb der Hochhäuser, floss ein stilles Gewässer, das ganze Jahr über langsam dahin. Dieses Gewässer kannte all diese Selbstmorde. Dieses Gewässer kannte alle, die ihren Tod verhindern wollten. Genauso wie jeden, der danach um die Hinterbliebenen getrauert hat.
Ein Mann lief am Ufer entlang. Seine Augen starrten wild, die Haare ungekämmt. Ein alter, von den Jahren gezeichneter Rucksack, schwarzes Unterhemd, einfache Hose, einfache Schuhe. Aufgebracht ging er schnellen Schrittes.
An den Ufern des Gewässers lagen zahlreiche zerfledderte Buchseiten, verstreut, die aus einem Buch gerissen worden waren. Der Mann betrachtete diese Seiten, ging vor und zurück, blieb stehen, sah genauer hin, trat wieder einen Schritt vor, bis er schließlich eine der Seiten zur Hand nahm, beiläufig las, was draufstand, und sie danach sorgfältig in seinem Rucksack verstaute. Dann wandte er seinen Blick dem Gewässer zu.
Ihm kam in den Sinn, dass in einem dieser Hochhäuser ein stadtbekannter Sprüher lebte. Das wusste er aus einer Doku aus YouTube, wo Kripos einer Ermittlungsgruppe interviewt worden waren. Sie wollten diesen Mann aufspüren.
Dabei wurde deutlich, dass die Ermittlerin Gefühle für ihn hatte. Sie sprach über diesen Sprüher wie über einen Sohn. In einem dieser Häuser musste er leben. Und der Mann fragte sich, ob er schon gefasst worden war. Fragte sich, ob er der Polizistin näher gekommen war.
An einer höher gelegenen Stelle umgab das Ufer eine Betonmauer. Immer wieder entdeckte der Mann dort den Schriftzug des Sprühers. Gekonnt gezogene Outlines, sauberes Fill-in, keinerlei Nasen oder verkackte Stellen. Er war ein sehr guter Sprüher. Die Dunkelheit brach an. Der Mann konnte diesen Gedanken nicht länger nachhängen, denn er hatte keine Wohnung und war auf der Suche nach einem Schlafplatz.
II
38 Stunden darauf war es 3 Uhr 17 in der Frühe. Der Mann hatte neun Stunden zuvor versucht, bei seinem Vater zu schlafen, denn er war obdachlos und brauchte ein Bett. Doch der Vater legte wutentbrannt am Telefon auf. Nun, nach einem ausgedehnten Nachtspaziergang, fand der Mann sich plötzlich schräg gegenüber der Wohnung seines Vaters wieder. Sie lag im Erdgeschoss.
Es begab sich, dass der Mann dringend kacken musste. Also ging er in den Innenbereich eines Hofs, der zu einer Uni gehörte. Aus vielen Fenstern schien Licht, aber das schien nur ein offizielles Nachtlicht zu sein. Und wie von der Hand einer guten Führung dorthin gelangt, fand der Mann einen Pappbecher, ein großes Stück Pappe und ein kleines Stück Pappe.
Zuallererst entleerte er sich, denn er hielt es kaum noch aus. Was für eine Erleichterung! Der Mann seufzte und blinzelte mit den Augen, die im grellen Licht der Uni so leuchteten wie ein himmelblauer Edelstein.
Nun nahm der Mann das kleine Stück Pappe, um damit den verbliebenen Kot abzukratzen; es war Durchfall. Damit füllte er den Pappbecher. Dann, gegen den Gestank, legte er ein Stück Pappe oben drauf und trug den Becher achtsam und vorsichtig auf die andere Straßenseite, wo sein Vater lebte.
Einmal nach links, einmal nach rechts geschaut, nahm er die Pappe zügig vom Becher und schleuderte diese Riesenladung Durchfall weit über beide Fenster.
Dann verschwand er in der Nacht, denn er wollte nicht gesehen werden.
Im Gesicht trug er ein breites Grinsen, da er Rache nahm an dem Vater, der nie für ihn da gewesen war und der ihn sein ganzes Leben lang vernachlässigt hat. Das war das Mindeste, das er tun konnte. Und er genoss diese Rache in vollen Zügen.
Dann verschwand er in der Nacht. Seine kräftige, muskulöse Gestalt bewegte sich aufrecht und entschlossen durch die Dunkelheit. Das Licht der Universität spiegelte sich noch einmal in seinen Augen, die wie zwei himmelblaue Edelsteine leuchteten. Sein ungekämtes Haar bewegte sich leicht im Wind, das schwarze Unterhemd zeichnete die breiten Schultern und den kräftigen Oberkörper nach. Er trug seinen alten Rucksack über der Schulter und ging weiter, als hätte er soeben eine große Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft.
Über ihm ragten die gewaltigen Hochhäuser in den Nachthimmel. Unter ihnen floss das Wasser ruhig und allmählich dahin. Es hatte alles gesehen. Es würde auch ihn nicht vergessen.
Ein heller Lichtstrahl fiel aus dem Fenster eines Hochhauses ins nächste. Diese Gebäude kamen aus der Epoche des Brutalismus, ein Wort, das einen erinnert an Brutalität und Beton.
Zwischen den grauen, harten Wänden glitt dieses Licht von einem Fenster in das andere. Im 17. Stock lag ein fensterloses Zimmer, in dem niemand wohnte.
Die Wände waren über und über beschrieben mit Botschaften, in denen Menschen vor dem Freitod eindringlich gewarnt worden sind. Denn dieses Zimmer wurde dafür genutzt. Tief unten, unterhalb der Hochhäuser, floss ein stilles Gewässer, das ganze Jahr über langsam dahin. Dieses Gewässer kannte all diese Selbstmorde. Dieses Gewässer kannte alle, die ihren Tod verhindern wollten. Genauso wie jeden, der danach um die Hinterbliebenen getrauert hat.
Ein Mann lief am Ufer entlang. Seine Augen starrten wild, die Haare ungekämmt. Ein alter, von den Jahren gezeichneter Rucksack, schwarzes Unterhemd, einfache Hose, einfache Schuhe. Aufgebracht ging er schnellen Schrittes.
An den Ufern des Gewässers lagen zahlreiche zerfledderte Buchseiten, verstreut, die aus einem Buch gerissen worden waren. Der Mann betrachtete diese Seiten, ging vor und zurück, blieb stehen, sah genauer hin, trat wieder einen Schritt vor, bis er schließlich eine der Seiten zur Hand nahm, beiläufig las, was draufstand, und sie danach sorgfältig in seinem Rucksack verstaute. Dann wandte er seinen Blick dem Gewässer zu.
Ihm kam in den Sinn, dass in einem dieser Hochhäuser ein stadtbekannter Sprüher lebte. Das wusste er aus einer Doku aus YouTube, wo Kripos einer Ermittlungsgruppe interviewt worden waren. Sie wollten diesen Mann aufspüren.
Dabei wurde deutlich, dass die Ermittlerin Gefühle für ihn hatte. Sie sprach über diesen Sprüher wie über einen Sohn. In einem dieser Häuser musste er leben. Und der Mann fragte sich, ob er schon gefasst worden war. Fragte sich, ob er der Polizistin näher gekommen war.
An einer höher gelegenen Stelle umgab das Ufer eine Betonmauer. Immer wieder entdeckte der Mann dort den Schriftzug des Sprühers. Gekonnt gezogene Outlines, sauberes Fill-in, keinerlei Nasen oder verkackte Stellen. Er war ein sehr guter Sprüher. Die Dunkelheit brach an. Der Mann konnte diesen Gedanken nicht länger nachhängen, denn er hatte keine Wohnung und war auf der Suche nach einem Schlafplatz.
II
38 Stunden darauf war es 3 Uhr 17 in der Frühe. Der Mann hatte neun Stunden zuvor versucht, bei seinem Vater zu schlafen, denn er war obdachlos und brauchte ein Bett. Doch der Vater legte wutentbrannt am Telefon auf. Nun, nach einem ausgedehnten Nachtspaziergang, fand der Mann sich plötzlich schräg gegenüber der Wohnung seines Vaters wieder. Sie lag im Erdgeschoss.
Es begab sich, dass der Mann dringend kacken musste. Also ging er in den Innenbereich eines Hofs, der zu einer Uni gehörte. Aus vielen Fenstern schien Licht, aber das schien nur ein offizielles Nachtlicht zu sein. Und wie von der Hand einer guten Führung dorthin gelangt, fand der Mann einen Pappbecher, ein großes Stück Pappe und ein kleines Stück Pappe.
Zuallererst entleerte er sich, denn er hielt es kaum noch aus. Was für eine Erleichterung! Der Mann seufzte und blinzelte mit den Augen, die im grellen Licht der Uni so leuchteten wie ein himmelblauer Edelstein.
Nun nahm der Mann das kleine Stück Pappe, um damit den verbliebenen Kot abzukratzen; es war Durchfall. Damit füllte er den Pappbecher. Dann, gegen den Gestank, legte er ein Stück Pappe oben drauf und trug den Becher achtsam und vorsichtig auf die andere Straßenseite, wo sein Vater lebte.
Einmal nach links, einmal nach rechts geschaut, nahm er die Pappe zügig vom Becher und schleuderte diese Riesenladung Durchfall weit über beide Fenster.
Dann verschwand er in der Nacht, denn er wollte nicht gesehen werden.
Im Gesicht trug er ein breites Grinsen, da er Rache nahm an dem Vater, der nie für ihn da gewesen war und der ihn sein ganzes Leben lang vernachlässigt hat. Das war das Mindeste, das er tun konnte. Und er genoss diese Rache in vollen Zügen.
Dann verschwand er in der Nacht. Seine kräftige, muskulöse Gestalt bewegte sich aufrecht und entschlossen durch die Dunkelheit. Das Licht der Universität spiegelte sich noch einmal in seinen Augen, die wie zwei himmelblaue Edelsteine leuchteten. Sein ungekämtes Haar bewegte sich leicht im Wind, das schwarze Unterhemd zeichnete die breiten Schultern und den kräftigen Oberkörper nach. Er trug seinen alten Rucksack über der Schulter und ging weiter, als hätte er soeben eine große Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft.
Über ihm ragten die gewaltigen Hochhäuser in den Nachthimmel. Unter ihnen floss das Wasser ruhig und allmählich dahin. Es hatte alles gesehen. Es würde auch ihn nicht vergessen.