Wehen

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Aniella

Mitglied
Lieber Rufus,

selten kann man seine Träume wirklich (er)leben. Jeden Morgen spätestens erwacht man wieder in einem neuen Tag und alle noch so schönen Träume zerplatzen wie eine Seifenblase. Wieder und wieder muss man in einem unbekannten Tag zurechtkommen, wenn es in Wirklichkeit kein "wir" gibt eben auch allein. Trotzdem bleibt ja die Hoffnung, dass am Ende des Tages plötzlich ein "wir" entstanden ist.

Keine Ahnung, ob Du vielleicht auf Prometheus angespielt hast, aber für mich habe ich eine Deutung gefunden.

LG Aniella
 

trivial

Mitglied
Liebe Petra, liebe Aniella,

jetzt versuche ich schon den ganzen Tag eine adäquate Antwort zu formulieren, und so schlicht der Text anmuten mag, will es mir nicht so recht gelingen.

... die Einheit existiert nur als gelebte Unmittelbarkeit; in dem Moment, in dem sie erinnert wird, wird sie zur Vorstellung – und zerfällt ...

... die Sehnsucht ist selbstreferenziell. Sie entsteht erst durch die Reflexion des Erlebten und verweist gleichzeitig auf das, was nicht mehr unmittelbar erfahrbar ist ...

Um erst mal noch weiter abzuschweifen; ich las von der gar nicht mal so unplausiblen Theorie, dass für ein Teilchen, welches sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, keine Zeit vergeht. Folglich wäre es immer und überall, was wiederum bedeuten würde, das ganze Universum besteht aus einem einzigen Elektron und im Umkehrschluss – in jedem Elektron wäre das ganze Universum. Hmm, maybe? ...

Vollkommenheit ist kein Zustand. Ein „Ich“, ein „Du“ benötigt den Riss. Existenz ist der Riss, der Bruch der Symmetrie.

Die Vollkommenheit muss unvollkommen werden, um ihre Vollkommenheit begreifen zu können, und deshalb sind wir fremd im Tag – Sehnsucht ist das Potenzial des Unvollkommenen hin zur Vernichtung des Selbst.

Das Ich entsteht erst in der Abspaltung – und mit ihr überhaupt erst so etwas wie ein Anderes.

In der Vollkommenheit gibt es kein „Du“ oder „Ich“; Distanz und Differenz sind nachträgliche Konstruktionen – und nachträgliche Konstruktionen benötigen Distanz und Differenz.

Vielleicht ist das der Riss, der mich zu uns zerreißt.

Wie gesagt, es will mir nicht so recht gelingen, vielleicht ist es genau das; alles, was aus der Dunkelheit entborgen wird, rinnt bei Licht wie Sand durch die Finger. Wir entfernen uns, um uns anzunähern – noch sind wir fremd, bis wir uns gänzlich verloren haben. Kondensieren in der Zeit und kristallisieren an unseren Rändern ...


Alles anzureichende Näherungen, andererseits eine asymptotische Bewegung auf das, was nur als Verlust in dieser Bewegung existiert, die Singularität aus der wir fielen und der wir uns nur unendlich wieder annähern können; doch genau das wäre, was ich ausdrücken wollte, respektive die Konsequenzen dessen, wenn man es rückwärts denkt – aus dem Bewussten zur Unendlichkeit – „To infinity and beyond“ ;)


Liebe Grüße
Rufus
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Rufus,

ich habe es halb befürchtet, halb gehofft, dass es keine banale Erklärung geben wird und ich wieder meinen Verstand (der mir vermehrt wie ein alter Köter vorkommt - auf dem Höhepunkt seines Hundseins) bemühen muss. Ich bin entzückt. Aber den Knochen werde ich erst noch eine Weile anstarren, da schwingt viel schon in mir mit, aber ich laufe gerade Gefahr, zu denken statt zu leben. Freie Tage verführen dazu, aber man muss etwas tun, um das Gefühl zu haben, lebendig zu sein.

Bis später!

Liebe Grüße
Petra
 

Wortklauber

Mitglied
Hallo trivial,
dein Text lebt in mir auf, ich kann ihn gut spüren und das ist schön. Hätte ich ihn geschrieben, würde der Schluss so lauten:

Ich bleibe fremd in ihm.

Liebe Grüße
 



 
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