Weltende 2018 -- Sonett

4,00 Stern(e) 5 Bewertungen

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ein Schleier treibt sich in den Asphaltrinnen
herum und peitscht die grauen Wellen auf.
Drei kleine Haie folgen spielend deren Lauf
und weben Nester, wie sonst nur die Spinnen.

Sehr langsam dringt ein dicker Arm nach innen,
ein Zweig schwimmt langsam mit. Am Unterlauf
trifft eine Menge sich zum Ausverkauf
der Reste, alle raufen wie von Sinnen.

Auf allen Rängen sitzen weiße Reiher,
die Blicke schweifen über die Hyänen,
ein Frosch, wie immer, springt in einen Weiher.

Er flieht in Sprüngen vor den schwarzen Schwänen.
An Fäden kleben zappelnd Filmverleiher
und Dichter, die in Sicherheit sich wähnen.
 
T

Trainee

Gast
Lieber Bernd,
ein wunderbares Sonett um eine untergegangene Welt - ersatzweise um das Reich der Fantasie. :)
Eine Winzigkeit habe ich dennoch zu bemäkeln:

der Reste, [red]alle[/red] raufen wie von Sinnen.

Auf [red]allen[/red] Rängen ...
Hier könntest du ein "alles" ersetzen.

Herzliche Grüße
Trainee
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ein Schleier treibt sich in den Asphaltrinnen
herum und peitscht die grauen Wellen auf.
Drei kleine Haie folgen spielend deren Lauf
und weben Nester, wie sonst nur die Spinnen.

Sehr langsam dringt ein dicker Arm nach innen,
ein Zweig schwimmt langsam mit. Am Unterlauf
trifft eine Menge sich zum Ausverkauf
der Reste, alle raufen wie von Sinnen.

Auf langen Rängen sitzen weiße Reiher,
die Blicke schweifen über die Hyänen,
ein Frosch, wie immer, springt in einen Weiher.

Er flieht in Sprüngen vor den schwarzen Schwänen.
An Fäden kleben zappelnd Filmverleiher
und Dichter, die in Sicherheit sich wähnen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ein Schleier treibt sich in den Asphaltrinnen
herum und peitscht die grauen Wellen auf.
Drei kleine Haie folgen spielend deren Lauf
und weben Nester, wie sonst nur die Spinnen.

Sehr langsam dringt ein dicker Arm nach innen,
ein Zweig schwimmt langsam mit. Am Unterlauf
trifft eine Menge sich zum Ausverkauf
der Reste, alle raufen wie von Sinnen.

Auf langen Rängen sitzen weiße Reiher,
die Blicke schweifen über die Hyänen,
ein Frosch, wie immer, springt in einen Weiher.

Er flieht geräumig vor den schwarzen Schwänen.
An Fäden kleben zappelnd Filmverleiher
und Dichter, die in Sicherheit sich wähnen.
 

James Blond

Mitglied
Hmm, Fanatasie?
Die geht meiner Meinung nach etwas anders.

Ich sehe hier vor allem einen lyrischen Versuch der Behauptung des Unmöglichen gegenüber einer Welt gefakter Fakten. ;)

Der Bezug zu Hoddis "Weltende" von 1911 ergibt sich eigentlich nur aus dem Titel, denn Hoddis Apokalypse kombinierte (mögliche) Zeitungsschlagzeilen von Meldungen, Unfällen und Katastrophen in einer seltsamen Wortwahl zu einem Kaleidoskop, das der toten Materie Leben ("die wilden Meere hupfen") und dem Lebenden zugleich etwas Materielles einhaucht, etwa wenn Dachdecker "entzwei gehen".

Hoddis Apokalypse rückt damit die Überforderung des modernen Menschen im adäquaten Verständnis eines medialen Bombardements an Meldungen in den Vordergrund, während Bernds Weltende-Sonett sich auf eine Tierwelt zu konzentrieren scheint, der bereits im vorangegangenen geschüttelten Reiherweiher eine Realitätsferne vorgeworfen wurde, die nun hier zum Programm wurde.

Insofern sehe ich dieses Sonett auch als einen Protest gegen die Diktatur der Fakten, derer sich selbst hier im Lyrischen von einer Person gern bedient wird, um Gedichte zu diskreditieren. Wer sich dabei diskreditiert, ist jedoch der Kritiker.

Grüße
JB
 
Und die Dichter James?

Auf langen Reihen sitzen weiße Reiter
ist direkt an Hoddis angelehnt

Ein Frosch, wie immer, springt in einen Weiher
ist eine Zeile die im Kontext (Weltende) genial ist,
ist es doch das berühmteste Haiku-Narrativ (sofern man hier von einem Narrativ sprechen kann)

Auch die schwarzen Schwäne -
Vielleicht genügt ein einziger weißer um das Gedicht zu widerlegen :D

Und der Dichter wiegt sich in Sicherheit.
Schließlich braucht er auch jetzt noch nichts anderes zu tun, als das was er immer getan hat.

Platsch
 

James Blond

Mitglied
Ich versteh leider nicht ganz, was du damit sagen willst, Patrick.

Die Anlehnung am Hoddis kann ich weder in Schwänen noch in Reihenreitern erkennen, auch Haiku-Frösche finde ich bei Hoddis nicht.

Auch bleibt Hoddis Weltenende (gottlob) dichterfrei: Zitate sind's, die hier in eine dichterische Selbstreflektion eingebettet wurden. Der Dichter wiegt sich zwar nicht in Sicherheit, aber er fordert die Freiheit von der Realität, um sein (unerhörtes, ungestörtes) Bad im Weltende nehmen zu können.

Plumps! ;)

Grüße
JB
 


Oben Unten