Wer hat’s erzählt? – Die Erzählperspektive

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FrankK

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Wer hat’s erzählt? – Die Erzählperspektive
Die richtige Wahl der Erzählperspektive könnte entscheidend sein. Das „Zünglein an der Waage“, welches den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht.
Doch nicht immer ist es einfach, genau die richtige Perspektive für eine Geschichte zu finden.
Durch die Wahl der richtigen Perspektive ist es zum Beispiel Sir Arthur Conan Doyle gelungen, den Leser davon zu überzeugen, dass seine Hauptfigur Sherlock Holmes (Sir Arthur Conan Doyle; „ Sherlock Holmes“{1}) derart überragende analytische Fähigkeiten besitzt. Er hat es einfach Dr. Watson überlassen, es dem Leser zu erzählen.

Es gibt verschiedene Erzählperspektiven.
Die einfachste und bei Anfängern beliebteste ist die „nonpersonale auktoriale“ Sicht. Ein „externer“ Erzähler gibt die Geschichte zum besten, er weiß alles, kennt jede Figur und kann ihnen sogar in die Köpfe schauen. Aus Erzählsicht ist dies der Gottmodus. Hier hat der Verfasser die Möglichkeit, dem Leser jede Einzelheit genau vor Augen zu führen.

Eine Abwandlung dieser Form ist die „nonpersonale nonauktoriale“ Sicht. Hier werden die Geschehnisse immer noch von einem externen Erzähler geschildert, er kann aber den Figuren nicht mehr in die Köpfe schauen. Diese Perspektive entspricht der Beobachtungssicht, wie man Ereignisse in der realen Welt betrachten kann, ohne zu wissen, was die beteiligten Charaktere tatsächlich denken und fühlen. Sie wirkt realistischer, der Verfasser muss aber dem Leser gegenüber die meiste Überzeugungsarbeit leisten. Dies ist sozusagen der „Theatermodus“.

Die nächste Variante ist die „personale auktoriale“ Perspektive. Sie bietet sich an, wenn der Erzählfokus auf einer bestimmten Figur liegt und der Leser an der Gefühls- und Gedankenwelt teilhaben kann oder soll. Diese Form des Erzählens bietet eine große Nähe zur Hauptfigur, schränkt die Erzählung bei konsistenter Einhaltung allerdings daraufhin ein, dass nur Ereignisse im unmittelbaren Umfeld der Hauptfigur erzählt werden können. Die Perspektive ist faktisch die selbe fiktive Sicht wie die der Hauptfigur.

Eine Abwandlung entspricht der Form „personal nonauktorial“. Der Leser ist an eine Hauptfigur gebunden, hat aber keine vollständige Kenntnis über deren Gefühls- und Gedankenwelt. Als würde eine Kamera des Kopfkinos immer nur dieser einen Figur folgen.

Als fünftes und letztes gibt es noch die Ego-Perspektive. Hier wird der Leser nicht nur wie in der „personal auktorialen“ Sicht an den Hauptcharakter gebunden, er schlüpft regelrecht in die Rolle dieser Figur. Der „externe Erzähler“ weicht dem teilnehmenden Charakter.

Dies sind die Grundvarianten.
Sie sind nicht fest vorgegeben, sie können variieren, es können Mischungen auftreten.
Wichtig ist, dass jede Veränderung in der Erzählperspektive einigermaßen deutlich gemacht wird, damit sich der Leser nicht verirrt. Zu häufige Wechsel schrecken ab, zu starke Variationen schmälern den Lesegenuss weil es für den Leser mühsam wird, sich immer wieder auf eine neue Sicht einzustellen.

Kombinationen bieten sich zum Beispiel an, wenn vielleicht vier Protagonisten zusammen arbeiten sollen, um den einen Antagonisten zu Fall zu bringen. Der Antagonist könnte „nonpersonal nonauktorial“ dargestellt werden, während die Protagonisten in einer „personal auktorialen“ Form sich langsam einander nähern, zusammentreffen und dann gemeinsam agieren. Eine zusätzliche Variante ließe sich einbauen, wenn einer der Protagonisten sogar noch in der Ego-Perspektive dargestellt wird.


„Wie unterscheiden sich die einzelnen Erzählformen im Detail?“
Die Unterschiede sind mitunter recht Marginal. Ich versuche es mal, anhand einiger Beispiele darzustellen. Dazu greife ich wieder auf Flirry zurück, unsere kleine Wald-Fee.

1. Der Gottmodus (nonpersonal auktorial):
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, die ihr möglichst auswichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, der hier am Rand eines kleinen Weihers stand, erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt. Stille umgab sie, sogar die Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, hatten innegehalten. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, verharrte alles ringsum in ängstlicher Starre.
Nur die Weide, alt, groß und stark, konnte ihr noch etwas entgegensetzen. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
Die Weide versuchte, mit spöttischem Klang in der Stimme, durch Flirrys Wutschranke hindurchzukommen. „Womöglich einen großen und glitzernden?“ Doch sie erreichte genau das Gegenteil.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der sich in den Weg geschwungen hatte. Mit einem leisen Geräusch landete der Tulip wieder vor ihr im Gras. Sofort bildete sich ein Moospolster unter ihm, hob ihn aus dem Gras hoch und präsentierte den Stein wie auf einem grünen Samtkissen.
„Brauchst du noch einen Beweis für die Macht deines Tulip?“ Besänftigend wirkte die Weide auf die junge Fee ein.
Flirry starrte auf das Mooskissen, sie war verwirrt. „Das warst du doch! Du hast den Stein aufgefangen und das Mooskissen wachsen lassen!“, schnaufte sie.
„Aufgefangen habe ich deinen Stein wohl. Das Kissen entstand durch die Kraft des Steines und deine Liebe zu dem Ort, den du Heimat nennst.“
„Was?“ Flirry hatte nie die Bedeutung des Tulipsteines verstanden, sie hatte aber auch nie jemanden danach gefragt und von alleine hatte es ihr niemand erklärt. Sie starrte den Baum an. „Was soll das heißen?“
„Ein Tulip ist ein machtvoller Stein, er steckt voller Magie. Er ist das Bindeglied zwischen einer Fee, ihrer Familie und dem Ort, den sie ihr zu Hause nennt. Niemand anders kann mit deinem Stein etwas anfangen, für jeden anderen ist er nur ein gewöhnlicher Kiesel.“


Soweit eine Szene aus der Geschichte. Wie aber lässt sich hier bereits der Gottmodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Als könnten wir in jede Figur hineinblicken:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • die ihr möglichst auswichen.
    Innenansicht Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry
  • Der alte Weidenbaum ... erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt.
    Innenansicht Weide
  • Stille umgab sie, sogar die Insekten ... hatten innegehalten.
    Innenansicht Insekten.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten einfach nur benannt wird, es ist zwar eine interessante Situation, aber es entwickelt sich keine richtige Atmosphäre, die Stimmung bleibt oberflächlich. Der erzählte Inhalt dominiert, die Stimmung tritt in den Hintergrund.
Der Blick für die Details ist nun geschärft.


Ich variiere jetzt mal den ersten Teil der Szene, um in den Modus „nonpersonale nonauktoriale“ Erzählperspektive zu gelangen. Hier nimmt der Erzähler die Position eines neutralen Berichterstatters ein. Die Leser erfahren nicht mehr einfach die Motivation (sie ist zornig, er erwartet sie schon) hinter einer Aktion, wir als Verfasser müssen nun diese Aktionen „anschaulich“ darstellen.

2. Der Theatermodus (nonpersonal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...


Die Szene geht noch weiter, aber es sollte bis hierher reichen. Diese Form der Erzählung ist recht zähflüssig, vor allem was die Darstellung von Gefühlen anbelangt. Jede Emotion muss bildlich dargestellt werden. Es sind äußere Sinneseindrücke die plastisch dargestellt werden. Der Leser gewinnt den Eindruck, als bekäme er ein Theaterstück erzählt und natürlich fragt er sich, warum so viel Distanz zwischen ihm und den Figuren liegen muss und warum er nicht direkt das Theaterstück erleben darf.

Wie lässt sich nun der Theatermodus erkennen? Der Leser bekommt dargestellt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Wir können in keine Figur hineinblicken:
  • Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten bildlich dargestellt werden muss. Es ist zwar immer noch die gleiche Szene, aber sie hat deutlich mehr Distanz zu den agierenden Figuren innerhalb der Geschichte.


Dies sind die ersten beiden Perspektiven, sie sind nicht Personenbezogen (nonpersonal), die nächsten beiden Erzählersichten bauen ähnlich auf, beziehen sich aber auf einen bestimmten Charakter innerhalb der Geschichte. In unserem Beispiel rücken wir etwas näher an Flirry heran, wieder die gleiche Szene:

3. Der Kombimodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur Flirrys Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...


Dies ist die Kombination aus Gottmodus und Theatermodus. Der Leser ist sehr nahe an Flirry (Personenbezogen), schaut ihr faktisch über die Schulter. Der Leser erlebt Flirrys Gefühle, bekommt Flirrys Interpretation des Verhaltens der anderen Figuren präsentiert. Darüber hinaus ist der Leser mitten in Flirrys Gedankenwelt. Diese Form des Erzählens ist die (zur Zeit) am weitesten verbreitete Erzählsicht.

Wie lässt sich nun hier der Kombimodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion Flirrys steckt, das Verhalten anderer Figuren wird entweder gezeigt oder durch Flirrys Interpretation definiert:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
  • Während sie innerlich vor Zorn bebte
    Innenansicht Flirry.
  • hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
    Interpretation durch Flirry.
Diese Erzählform lässt sich variieren. In meinem Beispiel habe ich beide Möglichkeiten verwendet. Der Leser kann „direkt“ etwas sehen (das Verhalten der Weide wird dem Leser direkt dargestellt) oder der Leser erfährt etwas über die Interpretation durch die Protagonistin. An solchen Stellen ist es möglich, die beiden Varianten sogar voneinander abweichen zu lassen. Flirry könnte eine Situation anders einschätzen, als der Leser. Dieser möchte (im Idealfall) dann am liebsten Zwischenrufen: „Hey, da begehst du einen Fehler.“
Richtig eingesetzt ist die emotionale Beteiligung des Lesers deutlich stärker als in den beiden vorangegangenen Beispielen. Flirrys Gedanken und Überlegungen können ebenfalls sehr gut dargestellt werden.


Die vierte Variante ist wieder ein Theatermodus, nur diesmal Personenbezogen.

4. Der Theatermodus II (personal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...


Richtig, diese vierte Variante unterscheidet sich in der einzelnen Szene nicht von der zweiten Variante. In der Gesamtheit aller Szenen bleibt nur zu beachten, dass gerade in den „personalen“ Varianten ein szenischer Wechsel an einen anderen Ort die Perspektive sprengen würde. Kapitelweise ist es aber durchaus denkbar.


Die fünfte und letzte Variante ist eine spezielle Form der personal-auktorialen Perspektive.

5 Der Egomodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung, weil Glenda wieder einmal so viel besser ausgestattet war, lief ich durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese mir ausweichen. Ohne es zu merken, hatte ich den Weg zu meinem Lieblingsplatz eingeschlagen, mitten auf der Silbergraslichtung blieb ich stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor mir auf. Stille umgab mich, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Ich war eine Waldfee, meine Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während ich innerlich vor Zorn bebte, gewann ich den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Ich nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als mein Daumen, aus einer Tasche meines Kleides und hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur meine Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte ich den Stein von mir und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.

Der Unterschied liegt im unmittelbaren Erlebnis des Lesers als „die Hauptfigur“ (oder einer der Hauptfiguren). Jede Szene wird mit den Emotionen und Gedanken des Protagonisten ausgeführt, gefüllt und – teilweise – fehlgedeutet. Der Leser sieht, hört, riecht und fühlt alles, was der Protagonist ebenfalls erfährt (wie im Kombimodus – personal auktorial), nur sieht der Leser diesmal dem Helden nicht nur über die Schulter, der Leser sieht alles mit des Helden Augen. Entsprechend wird jede Situation mit Hilfe des Protagonisten gedeutet – der Leser erhält keinen Kenntnisvorsprung (in Folge einer anderen Deutung durch Erfahrung).

Ich fasse noch einmal zusammen:
  • 1. nonpersonal auktorial (Gottmodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut jeder Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
  • 2. nonpersonal nonauktorial (Theatermodus I)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional größtmögliche Entfernung
  • 3. personal auktorial (Kombimodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut der Hauptfigur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional geringe Entfernung
  • 4. personal nonauktorial (Theatermodus II)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
  • 5. personal auktorial (Egomodus)
    • Der Erzähler steht innerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler ist eine der Hauptfiguren
    • Orts- und Figurenwechsel sehr eingeschränkt möglich
    • Emotional unmittelbar Beteiligt



Hauptthema: Eine gute Geschichte

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Quellen:
*1 Sir Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes (Sämtliche Werke in drei Bänden), Anaconda Verlag (Oktober 2014), ISBN-13: 978-3730601556 (Deutsch)
 
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Trainee

Gast
Eben erst entdeckt, Herr K.: Super!
Informativer sind entprechender Verlautbarungen der Unibibliothek auch nicht. Dafür aber unverständlicher ... :D

Vielen, vielen Dank
Trainee
 
Lieber FrankK,

auch hier freut es mich sehr, eine Arbeit zu dem Thema gefunden zu haben!

Die Erzählperspektiven hatte ich schon in einem anderen Forum vor kurzem kennengelernt, jedoch nicht mit so vielen Abstufungen.

Eigentlich fällt es sogar leichter, eine Geschichte zu schreiben, wenn man sich vorher sorgfältig die Perspektive überlegt. Früher dachte ich immer, man müsse auktorial schreiben und als Erzähler alles wissen. Ich finde es toll, dass das gar nicht so ist.

LG SilberneDelfine
 

FrankK

Mitglied
Hallo Trainee
Dann hoffe ich, dass ich hiermit auch Deine letzten Klarheiten beseitigt habe.
Danke für die Rückmeldung.


Hallo SilberneDelfine
Die Erzählperspektiven hatte ich schon in einem anderen Forum vor kurzem kennengelernt, jedoch nicht mit so vielen Abstufungen.
Das macht mich neugierig - oder fehlte lediglich die Unterscheidung "personal/nonauktorial" (Theatermodus II)? Der Unterschied dort ist nämlich die nur eingeschränkt mögliche Veränderung der Kulisse (des Ortes). Ich bin nur einmal in einem schweizerischen Forum über die Informationen bezüglich der emotionalen Bindung in den jeweiligen Erzähperspektiven gestolpert. Innerhalb einer Diskussionsrunde war das einmal angesprochen und kurz abgehandelt worden.
Dieser (meines Erachtens sehr wichtige) Punkt wird all zu häufig nicht berücksichtigt.
Danke für Deine Rückmeldung.


Euer Feedback ermuntert mich.

Grüßend
Frank
 
Hallo Frank,

die Perspektiven wurden dort so genannt:

ICH-Perspektive, personale Perspektive, neutrale Perspektive, auktoriale Perspektive.

personal auktorial war nicht dabei :) also nicht der Theatermodus, das ist ja der neutrale.
Oder ist Personal auktorial die ICH-Perspektive? Jetzt habe ich was zu grübeln...

Ich meinte aber hauptsächlich, dass man die Erzählperspektiven auch innerhalb der Erzählung wechseln kann. Ich hatte den Eindruck, man dürfe das als Autor innerhalb der Geschichte nicht. Jetzt bin ich gerade etwas verwirrt, kann vor der Arbeit aber nicht nochmal alles ganz genau durchlesen, werde dies aber nochmals tun.

Ich habe übrigens meine Geschichte "Die Liebe von Monique" absichtlich aus der personalen Perspektive erzählt, um genau das zu üben (was jetzt nicht heißt, dass jemand sie deswegen lesen oder kommentieren muss, aber selbstverständlich kann - empfindlich wäre ich jedenfalls nicht ;) die Leiterin des Workshops aus dem anderen Forum fand einen Satz kritisch, der in die auktoriale Richtung ging. Mir war dies beim Schreiben nicht aufgefallen, es war aber auch der einzige.


LG SilberneDelfine
 

FrankK

Mitglied
Vermutlich ist mit der neutralen Perspektive das gemeint, was ich hier als Theatermodus I und II bezeichnet habe, hier gibt es nur geringfügige Unterschiede.

Den "personal auktorialen" Modus gibt es doppelt:
1. Nahe beim Helden, wir schauen in seinen Kopf, erfahren seine Gedanken und Gefühle und sehen alles ringsherum. Folgende Szene ist möglich:
Robert lag geschützt zwischen Büschen auf der Sanddühne. Er hatte einen guten Blick von seinem Posten, das Scharfschützengewehr entspannt in der rechten Armbeuge. Noch war nicht die Zeit, noch war seine Zielperson nicht aufgetaucht.
Er bemerkte die Schlange nicht, die sich leise schlängelnd auf ihn zu bewegte.



2. Wir sind der Held, wir sind in seinem Kopf, erleben seine Gedanken und Gefühle und sehen nur, was er auch sieht.
Folgende Szene ist daher nicht möglich:
Ich lag geschützt zwischen Büschen auf der Sanddühne, hatte einen guten Blick von meinem Posten, das Scharfschützengewehr entspannt in der rechten Armbeuge. Noch war nicht die Zeit, noch war meine Zielperson nicht aufgetaucht.
[blue]Ich bemerkte die Schlange nicht, die sich leise schlängelnd auf mich zu bewegte.[/blue]


So direkt formuliert funktioniert das nicht. Es müsste daher anders lauten, mit einem kleinen Blick voraus (Vorausdeutung):
Noch bemerkte ich die Schlange nicht, die sich leise schlängelnd auf mich zu bewegte.


Ich glaube, ich werde diese Ausführungen im Erklärtext noch einbringen.



Ein Wechsel der Erzählperspektive ist natürlich möglich, egal aus welchem Erzählmodus heraus.

Sherlock Holmes ist im Ego-Modus erzählt, aus Watsons Sicht. Ich kenne die Werke nicht gut genug, um zu wissen, ob da irgendwo einmal ein Wechsel in der Erzählsicht stattgefunden hat.

In Tolkiens "Herr der Ringe" findet fast ständig ein Wechsel der Perspektive statt. Mal sind wir bei Frodo und Sam, dann bei Aragorn, Legolas und Gimli, Schließlich bei Merry und Pippin. Unterschiedliche Heldengruppen an verschiedenen Orten.

In "Harry Potter" ist es Ms. Rowling gelungen, fast durchgängig (über 7 Bücher) die "personal auktoriale" Sichtweise einzuhalten. Dies hat sie, wenn ich mich recht entsinne, bestenfalls eine handvoll Male unberücksichtigt gelassen.

Wechsel der Perspektive findet statt bei "Orts- und Figurenwechsel".
Damit war nicht der "Point of View" - quasi die Blickrichtung des Erzählers / die Kamera des Kopfkinos - gemeint.


Grüßend
Frank
 
In Tolkiens "Herr der Ringe" findet fast ständig ein Wechsel der Perspektive statt. Mal sind wir bei Frodo und Sam, dann bei Aragorn, Legolas und Gimli, Schließlich bei Merry und Pippin. Unterschiedliche Heldengruppen an verschiedenen Orten
Das klingt aber eigentlich "nur" nach auktorial (der Erzähler weiß alles über seine Figuren). Ob das nun gerade Frodo und Sam oder Legolas und Grimli sind, macht für mich da eigentlich keinen Unterschied (Wechsel) der auktorialen Perspektive aus. Nur Wechsel auf die Figuren, aber das ändert am auktorialen Stil dann ja nichts.

Wechsel der Perspektive findet statt bei "Orts- und Figurenwechsel".
Damit war nicht der "Point of View" - quasi die Blickrichtung des Erzählers / die Kamera des Kopfkinos - gemeint.
Also doch: Bei der anfangs gewählten Erzählform bleiben :) Macht auch mehr Sinn (und Spaß).

LG SilberneDelfine
 

FrankK

Mitglied
Hallo SilberneDelfine
Ich habe gerade noch einmal im "Herr der Ringe" nachgelesen.
Uff - das ist mir früher gar nicht aufgefallen aber - die Erzählperspektive ist uneinheitlich.
Überwiegend nonpersonal/nonauktorial (Theatermodus I, Gefühle und Empfindungen werden gezeigt bzw. zum Ausdruck gebracht) und hin und wieder rutscht mal eine auktoriale Sequenz durch.
Ich hatte bisher immer das Gefühl gehabt, bei einem Wechsel des "Point of View" auch an eine andere Figur heranzurücken. Bei Frodo und Sam hatte ich immer den Eindruck, personal/Auktorial bei Frodeo gewesen zu sein, in einer anderen Szene mit Aragorn, Legolas und Gimli war ich bei Aragorn, in der großen Gruppe, als alle noch zusammen waren bei Gandalf.
Wenn ich jetzt darauf achte ist irgendwie alles durcheinander.

Ich habe keine Ahnung, aber ich fürchte, es liegt an der neuen deutschen Übersetzung.


Grundsätzlich ist es natürlich möglich (und erlaubt), die Erzählperspektive zu wechseln.
In welchem Umfang von den Möglichkeiten gebrauch gemacht wird, liegt im Ermessen des Schriftstellers. In welchem Umfang häufige Wechsel akzeptiert werden, liegt im Ermessen der Leserschaft.

Grüßend
Frank
 
Hallo FrankK,

"Herr der Ringe" habe ich nicht gelesen, nur den Film gesehen, deswegen kann ich da nicht wirklich mitreden, aus welcher Perspektive wann erzählt wird.

Im anderen Forum wurde als Beispiel für auktoriale Perspektive "Säulen der Erde" von Ken Follett genannt. Den Roman hatte ich mal angefangen und in der Mitte aufgehört zu lesen, es wurde mir zu langweilig und zu unübersichtlich. Ich weiß auch gar nicht mehr so recht, von was er eigentlich handelte. Inzwischen habe ich die Vermutung, dass dieser Stil für den Leser einfach der anstrengendste und langweiligste ist.

Beim Schreiben ziehe ich mittlerweile die personale Perspektive vor.

Liebe Grüße
SilberneDelfine
 

Ord

Mitglied
Hallo Frank,
ich freue mich über Deine Beiträge auf ‚Theoretisches‘, jedes Mal lerne ich etwas dazu.
Vor einiger Zeit habe ich mich mit dem Thema „Erzählperspektive“ beschäftigt, Informationen aus verschiedenen Quellen zusammengesucht und geübt.
Beim Lesen deiner Ausführungen ist mir aufgefallen, dass das Wort auktorial nicht nur im ‚Gottmodus‘ auftaucht, sondern auch in den Perspektiven ‚Kombimodus‘ und ‚Egomodus‘.

Laut Duden wird auktorial folgendermaßen definiert:
auktorial:
Bedeutungen, Beispiele und Wendungen
1. aus einer übergeordneten, allwissenden Perspektive erzählend, darstellend
Liege ich da falsch oder ist ‚allwissend‘ demnach nur die ‚Gottperspektive‘, was meist Du dazu?

Gefunden habe ich zu dem Thema Folgendes:
  • : auktorial (allwissend): aus einer übergeordneten, allwissenden Perspektive erzählend, darstellend, Betrachtung von außen, nicht Teil des Textes; kann den Leser direkt ansprechen, muss jedoch nicht der Autor selbst sein.
  • : neutral: berichtend, nur äußerlich wahrnehmbare Vorgänge/Gemütszustände, keine Wertung, kein Kommentar
  • : personal: 3. Person Singular, erlebend (momentan) oder erzählend (berichtet bereits Geschehenes); nur aus seiner Perspektive, kann nicht wissen, was und wie andere denken
  • : Ich-Erzähler: erlebendes Ich (momentanes) oder erzählendes Ich (berichtet bereits Geschehenes); nur aus seiner Perspektive, kann nicht wissen, was und wie andere denken
    [/list=A]

    Viele Grüße
    Ord
 

FrankK

Mitglied
Hallo SilberneDelfine
Inhalt oder Erzählperspektive von "Säulen der Erde" ist mir nicht mehr bewusst, zu lange her, dass ich es gelesen hatte.

Danke für Deine Rückmeldung



Hallo Ord
Ich habe viele Quellen zu diesem Thema sortiert, viele widersprüchliche Informationen herausgefiltert, Unsinniges eliminiert (Aussagen wie: "Auktoriale Erzählsichten sollten unter allen Umständen vermieden werden")

Nochmal zur Erinnerung:
"Auktorial" ist nicht nur eine bestimmte Erzählperspektive.

auktorial bedeutet "allwissend" (nonauktorial entsprechend "nicht allwissend")

- nonpersonal auktorial ist der "Gottmodus", der Erzähler weiß alles über jede Figur und jeden Ort, im Gottmodus gelangt der Erzähler in jeden Kopf, in jeden Geist, in jedes Zimmer, in jeden Keller ... es gibt keine Einschränkungen.

- nonpersonal nonauktorial ist ein "Theatermodus", der Erzähler sitzt mit seinen Lesern im Publikum vor einer Bühne. Alles, was die Geschichte hergibt, muss (von außen) gezeigt und dargestellt werden.


personal bedeutet "Personenbezogen", (nonpersonal entsprechend "nicht Personenbezogen")

- personal auktorial ist der "Kombimodus", der Erzähler weiß alles über die Bezugsperson und kann nicht nur in ihren Kopf schauen, er weiß auch, was bei der Bezugsperson zu Hause unterm Bett liegt und welche Farbe die Unterhose hat, welche die Figur gerade trägt. Hier endet aber das Wissen, alle anderen Figuren und Orte müssen innerhalb der Geschichte (von außen) gezeigt und dargestellt werden.

- personal nonauktorial ist wieder ein "Theatermodus", nur mit der Einschränkung, dass wir nur noch einer Figur folgen können, der Erzähler weiß nichts über Situationen / Szenen, an denen die Bezugsfigur nicht teilnimmt.

- Der "Egomodus" ist eine Sonderform von personal auktorial.


In Deiner Auflistung, werter Ord, fehlt die Kombination aus "Personenbezogen und nicht allwissend", also der zweite Theatermodus, der eine bestimmte Figur ins Zentrum rückt. (Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine mich dunkel zu erinnern entsprechende Querverweise darüber im Bezug zu "Romeo und Julia" gelesen zu haben.)


Danke für eure Beschäftigung mit den Theorien zur Erzählperspektive. Ich merke schon, ich muss das Thema noch einmal vertiefen.

Grüßend
Frank
 

Ord

Mitglied
Hallo Frank,
danke für Deine Antwort.
Dann werde ich mich näher mit der ‚personal nonauktorialen‘ Erzählperspektive beschäftigen.
Viele Grüße
Ord
 

FrankK

Mitglied
Wer hat`s erzählt? – Die Erzählperspektive
Die richtige Wahl der Erzählperspektive könnte entscheidend sein. Das „Zünglein an der Waage“, welches den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht.
Doch nicht immer ist es einfach, genau die richtige Perspektive für eine Geschichte zu finden.
Durch die Wahl der richtigen Perspektive ist es zum Beispiel Sir Arthur Conan Doyle gelungen, den Leser davon zu überzeugen, dass seine Hauptfigur Sherlock Holmes (Sir Arthur Conan Doyle; „ Sherlock Holmes“{1}) derart überragende analytische Fähigkeiten besitzt. Er hat es einfach Dr. Watson aufgebürdet, es dem Leser zu erzählen. Eine spezielle Erzählperspektive – die Ego-Perspektive – wurde hierfür verwendet. Genauer formuliert: Die ersten Geschichten des Sherlock Holmes wurden speziell aus der Sicht (der Perspektive) des Dr. John H.Watson erzählt. Die späteren Geschichten erzählte Holmes selbst oder auch Holmes und Watson.

Es gibt in relativ wenigen Geschichten einen spezifischen Ich-Erzähler, welcher somit auch Bestandteil der Story ist. In den meisten Fällen handelt es sich um einen neutralen Erzähler, welcher den Leser an die Hand nimmt und ihn durch die Geschichte führt. Auf keinen Fall darf der Verfasser der Geschichte mit dem Erzähler der Geschichte gleichgesetzt werden. Wie die Figuren und die Story selbst ist auch der Erzähler (oder die Erzählerin) eine Erfindung des Verfassers.

Es gibt verschiedene Erzählperspektiven.
Die einfachste und bei Anfängern beliebteste ist die „nonpersonale auktoriale“ Sicht. Ein „externer“ Erzähler gibt die Geschichte zum besten, er weiß alles, kennt jede Figur und kann ihnen sogar in die Köpfe schauen. Aus Erzählsicht ist dies der Gottmodus. Hier hat der Verfasser die Möglichkeit, dem Leser jede Einzelheit genau vor Augen zu führen.

Eine Abwandlung dieser Form ist die „nonpersonale nonauktoriale“ Sicht. Hier werden die Geschehnisse immer noch von einem externen Erzähler geschildert, er kann aber den Figuren nicht mehr in die Köpfe schauen. Diese Perspektive entspricht der Beobachtungssicht, wie man Ereignisse in der realen Welt betrachten kann, ohne zu wissen, was die beteiligten Charaktere tatsächlich denken und fühlen. Sie wirkt realistischer, der Verfasser muss aber dem Leser gegenüber die meiste Überzeugungsarbeit leisten. Dies ist sozusagen der „Theatermodus“.

Die nächste Variante ist die „personale auktoriale“ Perspektive. Sie bietet sich an, wenn der Erzählfokus auf einer bestimmten Figur liegt und der Leser an der Gefühls- und Gedankenwelt teilhaben kann oder soll. Diese Form des Erzählens bietet eine große Nähe zur Hauptfigur, schränkt die Erzählung bei konsistenter Einhaltung allerdings daraufhin ein, dass nur Ereignisse im unmittelbaren Umfeld der Hauptfigur erzählt werden können. Die Perspektive ist faktisch die selbe fiktive Sicht wie die der Hauptfigur.

Eine Abwandlung entspricht der Form „personal nonauktorial“. Der Leser ist an eine Hauptfigur gebunden, hat aber keine vollständige Kenntnis über deren Gefühls- und Gedankenwelt. Als würde eine Kamera des Kopfkinos immer nur dieser einen Figur folgen.

Als fünftes und letztes gibt es noch die Ego-Perspektive. Hier wird der Leser nicht nur wie in der „personal auktorialen“ Sicht an den Hauptcharakter gebunden, er schlüpft regelrecht in die Rolle dieser Figur. Der „externe Erzähler“ wird durch einen teilnehmenden Charakter ersetzt.

Dies sind die Grundvarianten.
Sie sind nicht fest vorgegeben, sie können variieren, es können Mischungen auftreten.
Wichtig ist, dass jede Veränderung in der Erzählperspektive einigermaßen deutlich gemacht wird, damit sich der Leser nicht verirrt. Zu häufige Wechsel schrecken ab, zu starke Variationen schmälern den Lesegenuss weil es für den Leser mühsam wird, sich immer wieder auf eine neue Sicht einzustellen.

Kombinationen bieten sich zum Beispiel an, wenn vielleicht vier Protagonisten zusammen arbeiten sollen, um den einen Antagonisten zu Fall zu bringen. Der Antagonist könnte „nonpersonal nonauktorial“ dargestellt werden, während die Protagonisten in einer „personal auktorialen“ Form sich langsam einander nähern, zusammentreffen und dann gemeinsam agieren. Eine zusätzliche Variante ließe sich einbauen, wenn einer der Protagonisten sogar noch in der Ego-Perspektive dargestellt wird.


„Wie unterscheiden sich die einzelnen Erzählformen im Detail?“
Die Unterschiede sind mitunter recht Marginal. Ich versuche es mal, anhand einiger Beispiele darzustellen. Dazu greife ich wieder auf Flirry zurück, unsere kleine Wald-Fee.

1. Der Gottmodus (nonpersonal auktorial):
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, die ihr möglichst auswichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, der hier am Rand eines kleinen Weihers stand, erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt. Stille umgab sie, sogar die Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, hatten innegehalten. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, verharrte alles ringsum in ängstlicher Starre.
Nur die Weide, alt, groß und stark, konnte ihr noch etwas entgegensetzen. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
Die Weide versuchte, mit spöttischem Klang in der Stimme, durch Flirrys Wutschranke hindurchzukommen. „Womöglich einen großen und glitzernden?“ Doch sie erreichte genau das Gegenteil.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der sich in den Weg geschwungen hatte. Mit einem leisen Geräusch landete der Tulip wieder vor ihr im Gras. Sofort bildete sich ein Moospolster unter ihm, hob ihn aus dem Gras hoch und präsentierte den Stein wie auf einem grünen Samtkissen.
„Brauchst du noch einen Beweis für die Macht deines Tulip?“ Besänftigend wirkte die Weide auf die junge Fee ein.
Flirry starrte auf das Mooskissen, sie war verwirrt. „Das warst du doch! Du hast den Stein aufgefangen und das Mooskissen wachsen lassen!“, schnaufte sie.
„Aufgefangen habe ich deinen Stein wohl. Das Kissen entstand durch die Kraft des Steines und deine Liebe zu dem Ort, den du Heimat nennst.“
„Was?“ Flirry hatte nie die Bedeutung des Tulipsteines verstanden, sie hatte aber auch nie jemanden danach gefragt und von alleine hatte es ihr niemand erklärt. Sie starrte den Baum an. „Was soll das heißen?“
„Ein Tulip ist ein machtvoller Stein, er steckt voller Magie. Er ist das Bindeglied zwischen einer Fee, ihrer Familie und dem Ort, den sie ihr zu Hause nennt. Niemand anders kann mit deinem Stein etwas anfangen, für jeden anderen ist er nur ein gewöhnlicher Kiesel.“


Soweit eine Szene aus der Geschichte. Wie aber lässt sich hier bereits der Gottmodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Als könnten wir in jede Figur hineinblicken:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • die ihr möglichst auswichen.
    Innenansicht Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry
  • Der alte Weidenbaum ... erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt.
    Innenansicht Weide
  • Stille umgab sie, sogar die Insekten ... hatten innegehalten.
    Innenansicht Insekten.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten einfach nur benannt wird, es ist zwar eine interessante Situation, aber es entwickelt sich keine richtige Atmosphäre, die Stimmung bleibt oberflächlich. Der erzählte Inhalt dominiert, die Stimmung tritt in den Hintergrund.

Der Blick für die Details ist nun geschärft.


Ich variiere jetzt mal den ersten Teil der Szene, um in den Modus „nonpersonale nonauktoriale“ Erzählperspektive zu gelangen. Hier nimmt der Erzähler die Position eines neutralen Berichterstatters ein. Die Leser erfahren nicht mehr einfach die Motivation (sie ist zornig, er erwartet sie schon) hinter einer Aktion, wir als Verfasser müssen nun diese Aktionen „anschaulich“ darstellen.

2. Der Theatermodus (nonpersonal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Die Szene geht noch weiter, aber es sollte bis hierher reichen. Diese Form der Erzählung ist recht zähflüssig, vor allem was die Darstellung von Gefühlen anbelangt. Jede Emotion muss bildlich dargestellt werden. Es sind äußere Sinneseindrücke die plastisch dargestellt werden. Der Leser gewinnt den Eindruck, als bekäme er ein Theaterstück erzählt und natürlich fragt er sich, warum so viel Distanz zwischen ihm und den Figuren liegen muss und warum er nicht direkt das Theaterstück erleben darf.

Wie lässt sich nun der Theatermodus erkennen? Der Leser bekommt dargestellt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Wir können in keine Figur hineinblicken:
  • Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten bildlich dargestellt werden muss. Es ist zwar immer noch die gleiche Szene, aber sie hat deutlich mehr Distanz zu den agierenden Figuren innerhalb der Geschichte.


Dies sind die ersten beiden Perspektiven, sie sind nicht Personenbezogen (nonpersonal), die nächsten beiden Erzählersichten bauen ähnlich auf, beziehen sich aber auf einen bestimmten Charakter innerhalb der Geschichte. In unserem Beispiel rücken wir etwas näher an Flirry heran, wieder die gleiche Szene:

3. Der Kombimodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur Flirrys Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Dies ist die Kombination aus Gottmodus und Theatermodus. Der Leser ist sehr nahe an Flirry (Personenbezogen), schaut ihr faktisch über die Schulter. Der Leser erlebt Flirrys Gefühle, bekommt Flirrys Interpretation des Verhaltens der anderen Figuren präsentiert. Darüber hinaus ist der Leser mitten in Flirrys Gedankenwelt. Diese Form des Erzählens ist die (zur Zeit) am weitesten verbreitete Erzählperspektive.

Wie lässt sich nun hier der Kombimodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion Flirrys steckt, das Verhalten anderer Figuren wird entweder gezeigt oder durch Flirrys Interpretation definiert:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
  • Während sie innerlich vor Zorn bebte
    Innenansicht Flirry.
  • hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
    Interpretation durch Flirry.
Diese Erzählform lässt sich variieren. In meinem Beispiel habe ich beide Möglichkeiten verwendet. Der Leser kann „direkt“ etwas sehen (das Verhalten der Weide wird dem Leser direkt dargestellt) oder der Leser erfährt etwas über die Interpretation durch die Protagonistin. An solchen Stellen ist es möglich, die beiden Varianten sogar voneinander abweichen zu lassen. Flirry könnte eine Situation anders einschätzen, als der Leser. Dieser möchte (im Idealfall) dann am liebsten Zwischenrufen: „Hey, da begehst du einen Fehler.“
Richtig eingesetzt ist die emotionale Beteiligung des Lesers deutlich stärker als in den beiden vorangegangenen Beispielen. Flirrys Gedanken und Überlegungen können ebenfalls sehr gut dargestellt werden.


Die vierte Variante ist wieder ein Theatermodus, nur diesmal Personenbezogen.

4. Der Theatermodus II (personal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Richtig, diese vierte Variante unterscheidet sich in der einzelnen Szene nicht von der zweiten Variante. In der Gesamtheit aller Szenen bleibt nur zu beachten, dass gerade in den „personalen“ Varianten ein Wechsel an einen anderen Ort die Perspektive sprengen würde. Kapitelweise ist es aber durchaus denkbar.
Dieser Modus wird häufig in filmischen Darstellungen verwendet, wenn ein „pseudo-dokumentarischer“ Stil erreicht werden soll. Auch innerhalb einer Geschichte ist er vorstellbar. Die Figur, an die der Leser gebunden wird, dient dann nur als eine Art „Berichterstatter“, er greift faktisch nicht in das Geschehen ein.


Die fünfte und letzte Variante ist eine spezielle Form der personal-auktorialen Perspektive.

5 Der Egomodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung, weil Glenda wieder einmal so viel besser ausgestattet war, lief ich durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese mir ausweichen. Ohne es zu merken, hatte ich den Weg zu meinem Lieblingsplatz eingeschlagen, mitten auf der Silbergraslichtung blieb ich stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor mir auf. Stille umgab mich, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Ich war eine Waldfee, meine Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während ich innerlich vor Zorn bebte, gewann ich den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Ich nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als mein Daumen, aus einer Tasche meines Kleides und hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur meine Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte ich den Stein von mir und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.

Der Unterschied liegt im unmittelbaren Erlebnis des Lesers als „die Hauptfigur“ (oder einer der Hauptfiguren). Jede Szene wird mit den Emotionen und Gedanken des Protagonisten ausgeführt, gefüllt und – teilweise – fehlgedeutet. Der Leser sieht, hört, riecht und fühlt alles, was der Protagonist ebenfalls erfährt (wie im Kombimodus – personal auktorial), nur sieht der Leser diesmal dem Helden nicht nur über die Schulter, der Leser sieht alles mit des Helden Augen. Entsprechend wird jede Situation mit Hilfe des Protagonisten gedeutet – der Leser erhält keinen Kenntnisvorsprung (in Folge einer anderen Deutung durch Erfahrung).

Ich fasse noch einmal zusammen:
  • 1. nonpersonal auktorial (Gottmodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut jeder Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
    2. nonpersonal nonauktorial (Theatermodus I)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional größtmögliche Entfernung
    3. personal auktorial (Kombimodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut der Hauptfigur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional geringe Entfernung
    4. personal nonauktorial (Theatermodus II)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
    5. personal auktorial (Egomodus)
    • Der Erzähler steht innerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler ist eine der Hauptfiguren
    • Orts- und Figurenwechsel sehr eingeschränkt möglich
    • Emotional unmittelbar Beteiligt



Hauptthema: Eine gute Geschichte

Vorheriges Kapitel: 08 Endlich geht es los – Die Macht des Anfangs
Nächstes Kapitel: 10 Was hat er gesagt? – Die Kraft der Dialoge




Quellen:
*1 Sir Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes (Sämtliche Werke in drei Bänden), Anaconda Verlag (Oktober 2014), ISBN-13: 978-3730601556 (Deutsch)
 

FrankK

Mitglied
Wer hat`s erzählt? – Die Erzählperspektive
Die richtige Wahl der Erzählperspektive könnte entscheidend sein. Das „Zünglein an der Waage“, welches den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht.
Doch nicht immer ist es einfach, genau die richtige Perspektive für eine Geschichte zu finden.
Durch die Wahl der richtigen Perspektive ist es zum Beispiel Sir Arthur Conan Doyle gelungen, den Leser davon zu überzeugen, dass seine Hauptfigur Sherlock Holmes (Sir Arthur Conan Doyle; „ Sherlock Holmes“{1}) derart überragende analytische Fähigkeiten besitzt. Er hat es einfach Dr. Watson aufgebürdet, es dem Leser zu erzählen. Eine spezielle Erzählperspektive – die Ego-Perspektive – wurde hierfür verwendet. Genauer formuliert: Die ersten Geschichten des Sherlock Holmes wurden speziell aus der Sicht (der Perspektive) des Dr. John H.Watson erzählt. Die späteren Geschichten erzählte Holmes selbst oder auch Holmes und Watson.

Es gibt in relativ wenigen Geschichten einen spezifischen Ich-Erzähler, welcher somit auch Bestandteil der Story ist. In den meisten Fällen handelt es sich um einen neutralen Erzähler, welcher den Leser an die Hand nimmt und ihn durch die Geschichte führt. Auf keinen Fall darf der Verfasser der Geschichte mit dem Erzähler der Geschichte gleichgesetzt werden. Wie die Figuren und die Story selbst ist auch der Erzähler (oder die Erzählerin) eine Erfindung des Verfassers.

Es gibt verschiedene Erzählperspektiven.
Die einfachste und bei Anfängern beliebteste ist die „nonpersonale auktoriale“ Sicht. Ein „externer“ Erzähler gibt die Geschichte zum besten, er weiß alles, kennt jede Figur und kann ihnen sogar in die Köpfe schauen. Aus Erzählsicht ist dies der Gottmodus. Hier hat der Verfasser die Möglichkeit, dem Leser jede Einzelheit genau vor Augen zu führen.

Eine Abwandlung dieser Form ist die „nonpersonale nonauktoriale“ Sicht. Hier werden die Geschehnisse immer noch von einem externen Erzähler geschildert, er kann aber den Figuren nicht mehr in die Köpfe schauen. Diese Perspektive entspricht der Beobachtungssicht, wie man Ereignisse in der realen Welt betrachten kann, ohne zu wissen, was die beteiligten Charaktere tatsächlich denken und fühlen. Sie wirkt realistischer, der Verfasser muss aber dem Leser gegenüber die meiste Überzeugungsarbeit leisten. Dies ist sozusagen der „Theatermodus“.

Die nächste Variante ist die „personale auktoriale“ Perspektive. Sie bietet sich an, wenn der Erzählfokus auf einer bestimmten Figur liegt und der Leser an der Gefühls- und Gedankenwelt teilhaben kann oder soll. Diese Form des Erzählens bietet eine große Nähe zur Hauptfigur, schränkt die Erzählung bei konsistenter Einhaltung allerdings daraufhin ein, dass nur Ereignisse im unmittelbaren Umfeld der Hauptfigur erzählt werden können. Die Perspektive ist faktisch die selbe fiktive Sicht wie die der Hauptfigur.

Eine Abwandlung entspricht der Form „personal nonauktorial“. Der Leser ist an eine Hauptfigur gebunden, hat aber keine vollständige Kenntnis über deren Gefühls- und Gedankenwelt. Als würde eine Kamera des Kopfkinos immer nur dieser einen Figur folgen.

Als fünftes und letztes gibt es noch die Ego-Perspektive. Hier wird der Leser nicht nur wie in der „personal auktorialen“ Sicht an den Hauptcharakter gebunden, er schlüpft regelrecht in die Rolle dieser Figur. Der „externe Erzähler“ wird durch einen teilnehmenden Charakter ersetzt.

Dies sind die Grundvarianten.
Sie sind nicht fest vorgegeben, sie können variieren, es können Mischungen auftreten.
Wichtig ist, dass jede Veränderung in der Erzählperspektive einigermaßen deutlich gemacht wird, damit sich der Leser nicht verirrt. Zu häufige Wechsel schrecken ab, zu starke Variationen schmälern den Lesegenuss weil es für den Leser mühsam wird, sich immer wieder auf eine neue Sicht einzustellen.

Kombinationen bieten sich zum Beispiel an, wenn vielleicht vier Protagonisten zusammen arbeiten sollen, um den einen Antagonisten zu Fall zu bringen. Der Antagonist könnte „nonpersonal nonauktorial“ dargestellt werden, während die Protagonisten in einer „personal auktorialen“ Form sich langsam einander nähern, zusammentreffen und dann gemeinsam agieren. Eine zusätzliche Variante ließe sich einbauen, wenn einer der Protagonisten sogar noch in der Ego-Perspektive dargestellt wird.


„Wie unterscheiden sich die einzelnen Erzählformen im Detail?“
Die Unterschiede sind mitunter recht Marginal. Ich versuche es mal, anhand einiger Beispiele darzustellen. Dazu greife ich wieder auf Flirry zurück, unsere kleine Wald-Fee.

1. Der Gottmodus (nonpersonal auktorial):
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, die ihr möglichst auswichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, der hier am Rand eines kleinen Weihers stand, erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt. Stille umgab sie, sogar die Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, hatten innegehalten. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, verharrte alles ringsum in ängstlicher Starre.
Nur die Weide, alt, groß und stark, konnte ihr noch etwas entgegensetzen. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
Die Weide versuchte, mit spöttischem Klang in der Stimme, durch Flirrys Wutschranke hindurchzukommen. „Womöglich einen großen und glitzernden?“ Doch sie erreichte genau das Gegenteil.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der sich in den Weg geschwungen hatte. Mit einem leisen Geräusch landete der Tulip wieder vor ihr im Gras. Sofort bildete sich ein Moospolster unter ihm, hob ihn aus dem Gras hoch und präsentierte den Stein wie auf einem grünen Samtkissen.
„Brauchst du noch einen Beweis für die Macht deines Tulip?“ Besänftigend wirkte die Weide auf die junge Fee ein.
Flirry starrte auf das Mooskissen, sie war verwirrt. „Das warst du doch! Du hast den Stein aufgefangen und das Mooskissen wachsen lassen!“, schnaufte sie.
„Aufgefangen habe ich deinen Stein wohl. Das Kissen entstand durch die Kraft des Steines und deine Liebe zu dem Ort, den du Heimat nennst.“
„Was?“ Flirry hatte nie die Bedeutung des Tulipsteines verstanden, sie hatte aber auch nie jemanden danach gefragt und von alleine hatte es ihr niemand erklärt. Sie starrte den Baum an. „Was soll das heißen?“
„Ein Tulip ist ein machtvoller Stein, er steckt voller Magie. Er ist das Bindeglied zwischen einer Fee, ihrer Familie und dem Ort, den sie ihr zu Hause nennt. Niemand anders kann mit deinem Stein etwas anfangen, für jeden anderen ist er nur ein gewöhnlicher Kiesel.“


Soweit eine Szene aus der Geschichte. Wie aber lässt sich hier bereits der Gottmodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Als könnten wir in jede Figur hineinblicken:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • die ihr möglichst auswichen.
    Innenansicht Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry
  • Der alte Weidenbaum ... erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt.
    Innenansicht Weide
  • Stille umgab sie, sogar die Insekten ... hatten innegehalten.
    Innenansicht Insekten.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten einfach nur benannt wird, es ist zwar eine interessante Situation, aber es entwickelt sich keine richtige Atmosphäre, die Stimmung bleibt oberflächlich. Der erzählte Inhalt dominiert, die Stimmung tritt in den Hintergrund.

Der Blick für die Details ist nun geschärft.


Ich variiere jetzt mal den ersten Teil der Szene, um in den Modus „nonpersonale nonauktoriale“ Erzählperspektive zu gelangen. Hier nimmt der Erzähler die Position eines neutralen Berichterstatters ein. Die Leser erfahren nicht mehr einfach die Motivation (sie ist zornig, er erwartet sie schon) hinter einer Aktion, wir als Verfasser müssen nun diese Aktionen „anschaulich“ darstellen.

2. Der Theatermodus (nonpersonal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Die Szene geht noch weiter, aber es sollte bis hierher reichen. Diese Form der Erzählung ist recht zähflüssig, vor allem was die Darstellung von Gefühlen anbelangt. Jede Emotion muss bildlich dargestellt werden. Es sind äußere Sinneseindrücke die plastisch dargestellt werden. Der Leser gewinnt den Eindruck, als bekäme er ein Theaterstück erzählt und natürlich fragt er sich, warum so viel Distanz zwischen ihm und den Figuren liegen muss und warum er nicht direkt das Theaterstück erleben darf.

Wie lässt sich nun der Theatermodus erkennen? Der Leser bekommt dargestellt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Wir können in keine Figur hineinblicken:
  • Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten bildlich dargestellt werden muss. Es ist zwar immer noch die gleiche Szene, aber sie hat deutlich mehr Distanz zu den agierenden Figuren innerhalb der Geschichte.


Dies sind die ersten beiden Perspektiven, sie sind nicht Personenbezogen (nonpersonal), die nächsten beiden Erzählersichten bauen ähnlich auf, beziehen sich aber auf einen bestimmten Charakter innerhalb der Geschichte. In unserem Beispiel rücken wir etwas näher an Flirry heran, wieder die gleiche Szene:

3. Der Kombimodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur Flirrys Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Dies ist die Kombination aus Gottmodus und Theatermodus. Der Leser ist sehr nahe an Flirry (Personenbezogen), schaut ihr faktisch über die Schulter. Der Leser erlebt Flirrys Gefühle, bekommt Flirrys Interpretation des Verhaltens der anderen Figuren präsentiert. Darüber hinaus ist der Leser mitten in Flirrys Gedankenwelt. Diese Form des Erzählens ist die (zur Zeit) am weitesten verbreitete Erzählperspektive.

Wie lässt sich nun hier der Kombimodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion Flirrys steckt, das Verhalten anderer Figuren wird entweder gezeigt oder durch Flirrys Interpretation definiert:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
  • Während sie innerlich vor Zorn bebte
    Innenansicht Flirry.
  • hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
    Interpretation durch Flirry.
Diese Erzählform lässt sich variieren. In meinem Beispiel habe ich beide Möglichkeiten verwendet. Der Leser kann „direkt“ etwas sehen (das Verhalten der Weide wird dem Leser direkt dargestellt) oder der Leser erfährt etwas über die Interpretation durch die Protagonistin. An solchen Stellen ist es möglich, die beiden Varianten sogar voneinander abweichen zu lassen. Flirry könnte eine Situation anders einschätzen, als der Leser. Dieser möchte (im Idealfall) dann am liebsten Zwischenrufen: „Hey, da begehst du einen Fehler.“
Richtig eingesetzt ist die emotionale Beteiligung des Lesers deutlich stärker als in den beiden vorangegangenen Beispielen. Flirrys Gedanken und Überlegungen können ebenfalls sehr gut dargestellt werden.


Die vierte Variante ist wieder ein Theatermodus, nur diesmal Personenbezogen.

4. Der Theatermodus II (personal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Richtig, diese vierte Variante unterscheidet sich in der einzelnen Szene nicht von der zweiten Variante. In der Gesamtheit aller Szenen bleibt nur zu beachten, dass gerade in den „personalen“ Varianten ein Wechsel an einen anderen Ort die Perspektive sprengen würde. Kapitelweise ist es aber durchaus denkbar.
Dieser Modus wird häufig in filmischen Darstellungen verwendet, wenn ein „pseudo-dokumentarischer“ Stil erreicht werden soll. Auch innerhalb einer Geschichte ist er vorstellbar. Die Figur, an die der Leser gebunden wird, dient dann nur als eine Art „Berichterstatter“, er greift faktisch nicht in das Geschehen ein.


Die fünfte und letzte Variante ist eine spezielle Form der personal-auktorialen Perspektive.

5 Der Egomodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung, weil Glenda wieder einmal so viel besser ausgestattet war, lief ich durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese mir ausweichen. Ohne es zu merken, hatte ich den Weg zu meinem Lieblingsplatz eingeschlagen, mitten auf der Silbergraslichtung blieb ich stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor mir auf. Stille umgab mich, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Ich war eine Waldfee, meine Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während ich innerlich vor Zorn bebte, gewann ich den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Ich nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als mein Daumen, aus einer Tasche meines Kleides und hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur meine Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte ich den Stein von mir und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.

Der Unterschied liegt im unmittelbaren Erlebnis des Lesers als „die Hauptfigur“ (oder einer der Hauptfiguren). Jede Szene wird mit den Emotionen und Gedanken des Protagonisten ausgeführt, gefüllt und – teilweise – fehlgedeutet. Der Leser sieht, hört, riecht und fühlt alles, was der Protagonist ebenfalls erfährt (wie im Kombimodus – personal auktorial), nur sieht der Leser diesmal dem Helden nicht nur über die Schulter, der Leser sieht alles mit des Helden Augen. Entsprechend wird jede Situation mit Hilfe des Protagonisten gedeutet – der Leser erhält keinen Kenntnisvorsprung (in Folge einer anderen Deutung durch Erfahrung).

Ich fasse noch einmal zusammen:
  • 1. nonpersonal auktorial (Gottmodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut jeder Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
    2. nonpersonal nonauktorial (Theatermodus I)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional größtmögliche Entfernung
    3. personal auktorial (Kombimodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut der Hauptfigur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional geringe Entfernung
    4. personal nonauktorial (Theatermodus II)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
    5. personal auktorial (Egomodus)
    • Der Erzähler steht innerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler ist eine der Hauptfiguren
    • Orts- und Figurenwechsel sehr eingeschränkt möglich
    • Emotional unmittelbar Beteiligt



Hauptthema: Eine gute Geschichte

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Quellen:
*1 Sir Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes (Sämtliche Werke in drei Bänden), Anaconda Verlag (Oktober 2014), ISBN-13: 978-3730601556 (Deutsch)
 

FrankK

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Wer hat`s erzählt? – Die Erzählperspektive
Die richtige Wahl der Erzählperspektive könnte entscheidend sein. Das „Zünglein an der Waage“, welches den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht.
Doch nicht immer ist es einfach, genau die richtige Perspektive für eine Geschichte zu finden.
Durch die Wahl der richtigen Perspektive ist es zum Beispiel Sir Arthur Conan Doyle gelungen, den Leser davon zu überzeugen, dass seine Hauptfigur Sherlock Holmes (Sir Arthur Conan Doyle; „ Sherlock Holmes“{1}) derart überragende analytische Fähigkeiten besitzt. Er hat es einfach Dr. Watson aufgebürdet, es dem Leser zu erzählen. Eine spezielle Erzählperspektive – die Ego-Perspektive – wurde hierfür verwendet. Genauer formuliert: Die ersten Geschichten des Sherlock Holmes wurden speziell aus der Sicht (der Perspektive) des Dr. John H.Watson erzählt. Die späteren Geschichten erzählte Holmes selbst oder auch Holmes und Watson.

Es gibt in relativ wenigen Geschichten einen spezifischen Ich-Erzähler, welcher somit auch Bestandteil der Story ist. In den meisten Fällen handelt es sich um einen neutralen Erzähler, welcher den Leser an die Hand nimmt und ihn durch die Geschichte führt. Auf keinen Fall darf der Verfasser der Geschichte mit dem Erzähler der Geschichte gleichgesetzt werden. Wie die Figuren und die Story selbst ist auch der Erzähler (oder die Erzählerin) eine Erfindung des Verfassers.

Es gibt verschiedene Erzählperspektiven.
Die einfachste und bei Anfängern beliebteste ist die „nonpersonale auktoriale“ Sicht. Ein „externer“ Erzähler gibt die Geschichte zum besten, er weiß alles, kennt jede Figur und kann ihnen sogar in die Köpfe schauen. Aus Erzählsicht ist dies der Gottmodus. Hier hat der Verfasser die Möglichkeit, dem Leser jede Einzelheit genau vor Augen zu führen.

Eine Abwandlung dieser Form ist die „nonpersonale nonauktoriale“ Sicht. Hier werden die Geschehnisse immer noch von einem externen Erzähler geschildert, er kann aber den Figuren nicht mehr in die Köpfe schauen. Diese Perspektive entspricht der Beobachtungssicht, wie man Ereignisse in der realen Welt betrachten kann, ohne zu wissen, was die beteiligten Charaktere tatsächlich denken und fühlen. Sie wirkt realistischer, der Verfasser muss aber dem Leser gegenüber die meiste Überzeugungsarbeit leisten. Dies ist sozusagen der „Theatermodus“.

Die nächste Variante ist die „personale auktoriale“ Perspektive. Sie bietet sich an, wenn der Erzählfokus auf einer bestimmten Figur liegt und der Leser an der Gefühls- und Gedankenwelt teilhaben kann oder soll. Diese Form des Erzählens bietet eine große Nähe zur Hauptfigur, schränkt die Erzählung bei konsistenter Einhaltung allerdings daraufhin ein, dass nur Ereignisse im unmittelbaren Umfeld der Hauptfigur erzählt werden können. Die Perspektive ist faktisch die selbe fiktive Sicht wie die der Hauptfigur.

Eine Abwandlung entspricht der Form „personal nonauktorial“. Der Leser ist an eine Hauptfigur gebunden, hat aber keine vollständige Kenntnis über deren Gefühls- und Gedankenwelt. Als würde eine Kamera des Kopfkinos immer nur dieser einen Figur folgen.

Als fünftes und letztes gibt es noch die Ego-Perspektive. Hier wird der Leser nicht nur wie in der „personal auktorialen“ Sicht an den Hauptcharakter gebunden, er schlüpft regelrecht in die Rolle dieser Figur. Der „externe Erzähler“ wird durch einen teilnehmenden Charakter ersetzt.

Dies sind die Grundvarianten.
Sie sind nicht fest vorgegeben, sie können variieren, es können Mischungen auftreten.
Wichtig ist, dass jede Veränderung in der Erzählperspektive einigermaßen deutlich gemacht wird, damit sich der Leser nicht verirrt. Zu häufige Wechsel schrecken ab, zu starke Variationen schmälern den Lesegenuss weil es für den Leser mühsam wird, sich immer wieder auf eine neue Sicht einzustellen.

Kombinationen bieten sich zum Beispiel an, wenn vielleicht vier Protagonisten zusammen arbeiten sollen, um den einen Antagonisten zu Fall zu bringen. Der Antagonist könnte „nonpersonal nonauktorial“ dargestellt werden, während die Protagonisten in einer „personal auktorialen“ Form sich langsam einander nähern, zusammentreffen und dann gemeinsam agieren. Eine zusätzliche Variante ließe sich einbauen, wenn einer der Protagonisten sogar noch in der Ego-Perspektive dargestellt wird.


„Wie unterscheiden sich die einzelnen Erzählformen im Detail?“
Die Unterschiede sind mitunter recht Marginal. Ich versuche es mal, anhand einiger Beispiele darzustellen. Dazu greife ich wieder auf Flirry zurück, unsere kleine Wald-Fee.

1. Der Gottmodus (nonpersonal auktorial):
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, die ihr möglichst auswichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, der hier am Rand eines kleinen Weihers stand, erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt. Stille umgab sie, sogar die Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, hatten innegehalten. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, verharrte alles ringsum in ängstlicher Starre.
Nur die Weide, alt, groß und stark, konnte ihr noch etwas entgegensetzen. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
Die Weide versuchte, mit spöttischem Klang in der Stimme, durch Flirrys Wutschranke hindurchzukommen. „Womöglich einen großen und glitzernden?“ Doch sie erreichte genau das Gegenteil.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der sich in den Weg geschwungen hatte. Mit einem leisen Geräusch landete der Tulip wieder vor ihr im Gras. Sofort bildete sich ein Moospolster unter ihm, hob ihn aus dem Gras hoch und präsentierte den Stein wie auf einem grünen Samtkissen.
„Brauchst du noch einen Beweis für die Macht deines Tulip?“ Besänftigend wirkte die Weide auf die junge Fee ein.
Flirry starrte auf das Mooskissen, sie war verwirrt. „Das warst du doch! Du hast den Stein aufgefangen und das Mooskissen wachsen lassen!“, schnaufte sie.
„Aufgefangen habe ich deinen Stein wohl. Das Kissen entstand durch die Kraft des Steines und deine Liebe zu dem Ort, den du Heimat nennst.“
„Was?“ Flirry hatte nie die Bedeutung des Tulipsteines verstanden, sie hatte aber auch nie jemanden danach gefragt und von alleine hatte es ihr niemand erklärt. Sie starrte den Baum an. „Was soll das heißen?“
„Ein Tulip ist ein machtvoller Stein, er steckt voller Magie. Er ist das Bindeglied zwischen einer Fee, ihrer Familie und dem Ort, den sie ihr zu Hause nennt. Niemand anders kann mit deinem Stein etwas anfangen, für jeden anderen ist er nur ein gewöhnlicher Kiesel.“


Soweit eine Szene aus der Geschichte. Wie aber lässt sich hier bereits der Gottmodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Als könnten wir in jede Figur hineinblicken:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • die ihr möglichst auswichen.
    Innenansicht Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry
  • Der alte Weidenbaum ... erwartete sie bereits, er hatte ihre Annäherung gespürt.
    Innenansicht Weide
  • Stille umgab sie, sogar die Insekten ... hatten innegehalten.
    Innenansicht Insekten.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten einfach nur benannt wird, es ist zwar eine interessante Situation, aber es entwickelt sich keine richtige Atmosphäre, die Stimmung bleibt oberflächlich. Der erzählte Inhalt dominiert, die Stimmung tritt in den Hintergrund.

Der Blick für die Details ist nun geschärft.


Ich variiere jetzt mal den ersten Teil der Szene, um in den Modus „nonpersonale nonauktoriale“ Erzählperspektive zu gelangen. Hier nimmt der Erzähler die Position eines neutralen Berichterstatters ein. Die Leser erfahren nicht mehr einfach die Motivation (sie ist zornig, er erwartet sie schon) hinter einer Aktion, wir als Verfasser müssen nun diese Aktionen „anschaulich“ darstellen.

2. Der Theatermodus (nonpersonal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Die Szene geht noch weiter, aber es sollte bis hierher reichen. Diese Form der Erzählung ist recht zähflüssig, vor allem was die Darstellung von Gefühlen anbelangt. Jede Emotion muss bildlich dargestellt werden. Es sind äußere Sinneseindrücke die plastisch dargestellt werden. Der Leser gewinnt den Eindruck, als bekäme er ein Theaterstück erzählt und natürlich fragt er sich, warum so viel Distanz zwischen ihm und den Figuren liegen muss und warum er nicht direkt das Theaterstück erleben darf.

Wie lässt sich nun der Theatermodus erkennen? Der Leser bekommt dargestellt, welche Motivation hinter jeder Aktion eines jeden Beteiligten steckt. Wir können in keine Figur hineinblicken:
  • Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Darstellung Verhalten von Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
Auf diese Einzelelemente seziert wird deutlich, dass jedes Verhalten bildlich dargestellt werden muss. Es ist zwar immer noch die gleiche Szene, aber sie hat deutlich mehr Distanz zu den agierenden Figuren innerhalb der Geschichte.


Dies sind die ersten beiden Perspektiven, sie sind nicht Personenbezogen (nonpersonal), die nächsten beiden Erzählersichten bauen ähnlich auf, beziehen sich aber auf einen bestimmten Charakter innerhalb der Geschichte. In unserem Beispiel rücken wir etwas näher an Flirry heran, wieder die gleiche Szene:

3. Der Kombimodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während sie innerlich vor Zorn bebte, hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur Flirrys Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Dies ist die Kombination aus Gottmodus und Theatermodus. Der Leser ist sehr nahe an Flirry (Personenbezogen), schaut ihr faktisch über die Schulter. Der Leser erlebt Flirrys Gefühle, bekommt Flirrys Interpretation des Verhaltens der anderen Figuren präsentiert. Darüber hinaus ist der Leser mitten in Flirrys Gedankenwelt. Diese Form des Erzählens ist die (zur Zeit) am weitesten verbreitete Erzählperspektive.

Wie lässt sich nun hier der Kombimodus erkennen? Der Leser bekommt einfach gesagt, welche Motivation hinter jeder Aktion Flirrys steckt, das Verhalten anderer Figuren wird entweder gezeigt oder durch Flirrys Interpretation definiert:
  • Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung lief sie durch den Wald
    Innenansicht Flirry.
  • schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern
    Innenansicht Flirry.
  • traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen.
    Darstellung Verhalten Büsche und Sträucher.
  • Instinktiv war sie zu ihrem Lieblingsplatz gelaufen.
    Innenansicht Flirry.
  • Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
    Darstellung Reaktion der Weide. Das Gefühl (sanft, aufbrausend) muss nicht extra betont werden, es geht hier aus dem Kontext hervor.
  • Während sie innerlich vor Zorn bebte
    Innenansicht Flirry.
  • hatte sie den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
    Interpretation durch Flirry.
Diese Erzählform lässt sich variieren. In meinem Beispiel habe ich beide Möglichkeiten verwendet. Der Leser kann „direkt“ etwas sehen (das Verhalten der Weide wird dem Leser direkt dargestellt) oder der Leser erfährt etwas über die Interpretation durch die Protagonistin. An solchen Stellen ist es möglich, die beiden Varianten sogar voneinander abweichen zu lassen. Flirry könnte eine Situation anders einschätzen, als der Leser. Dieser möchte (im Idealfall) dann am liebsten Zwischenrufen: „Hey, da begehst du einen Fehler.“
Richtig eingesetzt ist die emotionale Beteiligung des Lesers deutlich stärker als in den beiden vorangegangenen Beispielen. Flirrys Gedanken und Überlegungen können ebenfalls sehr gut dargestellt werden.


Die vierte Variante ist wieder ein Theatermodus, nur diesmal Personenbezogen.

4. Der Theatermodus II (personal nonauktorial):
Ohne erkennbares Ziel lief sie durch den Wald, schlug mit wutverzerrtem Gesichtsausdruck rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese ihr ausweichen. Mitten auf der Silbergraslichtung blieb sie unvermutet stehen, irgendetwas hatte ihre Schritte hierher gelenkt. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor ihr auf. Stille umgab sie, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Flirry war eine Waldfee, ihre Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Jetzt hatte es den Anschein, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Flirry nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als ihr Daumen, aus einer Tasche ihres Kleides. Sie hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“ Ein leiser, spöttischer Unterton klang mit, die Weide versuchte wohl, die angespannte Situation zu entschärfen, es gelang nicht.
„Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte Flirry ihren eigenen Stein von sich und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.
...

Richtig, diese vierte Variante unterscheidet sich in der einzelnen Szene nicht von der zweiten Variante. In der Gesamtheit aller Szenen bleibt nur zu beachten, dass gerade in den „personalen“ Varianten ein Wechsel an einen anderen Ort die Perspektive sprengen würde. Kapitelweise ist es aber durchaus denkbar.
Dieser Modus wird häufig in filmischen Darstellungen verwendet, wenn ein „pseudo-dokumentarischer“ Stil erreicht werden soll. Auch innerhalb einer Geschichte ist er vorstellbar. Die Figur, an die der Leser gebunden wird, dient dann nur als eine Art „Berichterstatter“, er greift faktisch nicht in das Geschehen ein.


Die fünfte und letzte Variante ist eine spezielle Form der personal-auktorialen Perspektive.

5 Der Egomodus (personal auktorial)
Blind vor Zorn und innerer Enttäuschung, weil Glenda wieder einmal so viel besser ausgestattet war, lief ich durch den Wald, schlug in hilfloser Wut rechts und links nach Büschen und Sträuchern, traf aber kaum, als würden diese mir ausweichen. Ohne es zu merken, hatte ich den Weg zu meinem Lieblingsplatz eingeschlagen, mitten auf der Silbergraslichtung blieb ich stehen. Der alte Weidenbaum, am Rand eines kleinen Weihers, ragte unmittelbar vor mir auf. Stille umgab mich, selbst von den Insekten, die sonst munter über dem Wasser summten, war nichts mehr zu hören. Ich war eine Waldfee, meine Ausstrahlung wurde von sämtlichen Geschöpfen des Waldes empfangen. Während ich innerlich vor Zorn bebte, gewann ich den Eindruck, als würde alles ringsum in ängstlicher Starre verharren.
Nur die Weide, alt, groß und stark, reagierte noch. „Beruhige dich, Kind des Waldes, beruhige dich und erzähl mir, was geschehen ist.“
Ich nahm einen kleinen Kieselstein, nicht größer als mein Daumen, aus einer Tasche meines Kleides und hielt ihn der Weide entgegen. „Das ist unser mickriger Tulipstein. Kannst du dir vorstellen, was für einen Stein Glenda angeschleppt hat?“
„Womöglich einen großen und glitzernden?“
Der leise, spöttische Unterton, der in den Worten mitklang, verstärkte nur meine Wut und Enttäuschung. „Genau! Einen großen Achat, innen voller glitzernder Kristalle!“ Mit kraftvoller Bewegung schleuderte ich den Stein von mir und traf einen Ast, der plötzlich im Weg aufgetaucht war.

Der Unterschied liegt im unmittelbaren Erlebnis des Lesers als „die Hauptfigur“ (oder einer der Hauptfiguren). Jede Szene wird mit den Emotionen und Gedanken des Protagonisten ausgeführt, gefüllt und – teilweise – fehlgedeutet. Der Leser sieht, hört, riecht und fühlt alles, was der Protagonist ebenfalls erfährt (wie im Kombimodus – personal auktorial), nur sieht der Leser diesmal dem Helden nicht nur über die Schulter, der Leser sieht alles mit des Helden Augen. Entsprechend wird jede Situation mit Hilfe des Protagonisten gedeutet – der Leser erhält keinen Kenntnisvorsprung (in Folge einer anderen Deutung durch Erfahrung).

Ich fasse noch einmal zusammen:
  • 1. nonpersonal auktorial (Gottmodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut jeder Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
    2. nonpersonal nonauktorial (Theatermodus I)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel beliebig möglich
    • Emotional größtmögliche Entfernung
    3. personal auktorial (Kombimodus)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut der Hauptfigur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional geringe Entfernung
    4. personal nonauktorial (Theatermodus II)
    • Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler schaut keiner Figur in den Kopf.
    • Orts- und Figurenwechsel eingeschränkt möglich
    • Emotional mittlere Entfernung
    5. personal auktorial (Egomodus)
    • Der Erzähler steht innerhalb der Geschichte
    • Der Erzähler ist eine der Hauptfiguren
    • Orts- und Figurenwechsel sehr eingeschränkt möglich
    • Emotional unmittelbar Beteiligt



Hauptthema: Eine gute Geschichte

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Quellen:
*1 Sir Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes (Sämtliche Werke in drei Bänden), Anaconda Verlag (Oktober 2014), ISBN-13: 978-3730601556 (Deutsch)
 
Hallo FrankK

ich hätte mal eine Frage: Welche Erzählperspektive(n) wird/werden in "Die Verwandlung" von Franz Kafka vom Autor verwendet? Was denkst du darüber!?

Ich bin echt gespannt auf deine Antwort...

LG SilberneDelfine
 
Also was mir zu diesem Thema immer wieder mal auffällt ist der Umstand, dass die Perspektiven oftmals in einer Geschichte durchwechseln. Was ich gerne mal mache ist, aus der Erzählerperspektive anzufangen und gewisse Zwischenteile dann in der Ich-Perspektive zu schreiben. Das mache ich vor allem dann, wenn ein bestimmter Charakter anderen Charakteren eine längere Geschichte erzählt, die er erlebt hat (z.B. seine Backstory). Ich finde das einfach spannender, den Charakter das mit eigenen Worten erzählen zu lassen. Man sollte dabei aber darauf achten, dass man die Perspektivenänderungen klar kennzeichnet (z.B. durch Absätze oder neue Kapitel). Andernfalls kann es passieren, dass einem da - ich nenne sie mal Anfängerfehler unterlaufen, und man mitten im Absatz den Stil ändert. Das ist ziemlich verwirrend für den Leser, was widerum die Magie aus der geschichte nimmt, sprich man wird als Leser darauf aufmerksam gemacht, dass man eine Geschichte liest, was immer ein hohes Risiko darstellt. Das Problem an der Ich-Perspektive ist allerdings, dass sie sich meines Erachtens auf einen bestimmten Charakter festlegt. Das bedeutet, es wird schwierig dem Leser die Gefühle und Gedanken anderer Charaktere verständlich zu machen, da man nicht einfach den Fokus auf einen anderen Charakter wechseln kann.

Ein anderer Punkt, der mit in er Erzähler-Perspektive immer wieder auffällt ist, dass viele den "Fehler" machen und mitten im Absatz den Fokus auf die Figuren wechseln ohne diesen Wechsel zu kennzeichnen. Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann fokussiere ich mich immer auf einen Charakter und beschreibe dessen Gefühle und Gedanken. Wenn ich dann plötzlich schreibe, wie sich sein Gegenüber fühlt und was dieses denkt, was Charakter A ja gar nicht wissen kann, wird das sehr irreführend für den Leser. Ich erinnere mich da speziell an ein Buch, welchses das ständig getan hat und das zu lesen war echt mega anstrengend, weil ich nie wusste, welchem Charakter der Erzähler nun eig. gerade folgt. Zudem wird es enorm schwer sich in einen bestimmten Charakter hineinzuversetzen, wenn der Fokus ständig wechselt. Insofern würde ich diese Fokuswechsel immer deutlich durch neue Absätze kennzeichnen.
 

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