Wie alles zusammenhängt

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Mir fehlt ein Wort, titelte Tucholsky 1929. Neunzig Jahre später mangelt es mir nicht nur an einem Ausdruck. Für einen flüssigen Stil, um Wiederholungen zu vermeiden, benötige ich oft Synonyme. Es gibt ein spezielles Wörterbuch zum Nachschlagen – für mich hatte es dieses Lexikon gegeben, es ging letztes Jahr beim Umzug verloren. Seitdem zergrübelte ich mein Hirn auf der Suche nach sinnverwandten Begriffen. Inzwischen ist schon der nächste Wohnungswechsel in Sicht. Das vermisste Wörterbuch wird nicht mehr mit einzupacken sein, dachte ich. Aber dann …

… kommt lang ersehnte Post vom Notar Dr. X. Darüber will ich die Bergmanns informieren, die es interessieren könnte. Frau Bergmann erwähnt am Telefon, dass sie und ihr Gatte demnächst Urlaub im Tessin machen, in Rasa. In mir klingt etwas nach. Bin ich da nicht mal gewesen? Aber wann und unter welchen Umständen? Liegt das nicht bei Intragna, frage ich Frau Bergmann auf gut Glück. Sie bestätigt es mir sogleich. Ich steige in ihrer Achtung als der bislang einzige Bekannte, dem Rasa etwas sage. Aber ich verbinde damit noch nichts, höchstens Tabula rasa.

Die gute Buchhaltung meines Lebens zahlt sich aus. Ich finde anhand alter Aufzeichungen heraus: Vor achtunddreißig Jahren bin ich mit Max von Ascona über die Berge nach Palagnedra gegangen. Es ist feucht-kühl gewesen, fällt mir ein, damals im Oktober. Bei Google Maps entdecke ich Rasa als winziges Dorf dazwischen. Ich erinnere mich an die verlassenen alten Häuser, an ein kleines Grotto ohne Gäste, in dem wir Grappa getrunken haben. Die Wirtin, damals schon greisenhaft, lebt sie noch? Was Max heute so treibt, weiß ich nicht. Das Leben hat uns …? – Weiche von mir, Phrase!

Welche Pfade mögen wir damals gegangen sein, vor und hinter Rasa? Es gibt einen großen weißen Karton, in dem ich, zu sentimental, um sie zu entsorgen, meine Sammlung alpiner Wanderkarten noch immer aufbewahre. Ich werde sie nie mehr brauchen. Das Blatt Locarno – Lugano endet vor Rasa – abgeschnitten, ein bisschen wie Teile meiner Vergangenheit. Aber dann mache ich doch eine freudige Entdeckung: zwischen den Karten, beim Umzug unsystematisch gepackt, das Wörterbuch der Synonyme! Es allein wird mich künftig noch weiterbringen. Apropos freudige Entdeckung – wie abgenutzt, banal! Ich schlage zu freudig nach und erhalte: erfreut, freudevoll, beseligt, heiter, munter … Und Entdeckung führt zu Feststellung, Enthüllung, Fund. Ich setze also zusammen: freudevoller Fund – und rufe mir ins Gedächtnis, was schon Italo Svevo formulierte: Außerhalb der Feder gibt es kein Heil.
 

Ciconia

Mitglied
Ach Arno, allein schon mit dieser Passage hast Du mich erwischt.
Es gibt einen großen weißen Karton, in dem ich, zu sentimental, um sie zu entsorgen, meine Sammlung alpiner Wanderkarten noch immer aufbewahre. Ich werde sie nie mehr brauchen.
Nein, Wanderkarten entsorgt man nicht, erst recht nicht, wenn die Verläufe früherer Touren fein säuberlich nachgezeichnet sind. So kann man diese Touren wenigstens in der Erinnerung noch einmal gehen …

Eine teils vergnügliche, teils nachdenklich machende Geschichte, die auch mir Freude bereitet hat. Danke dafür!

Gruß Ciconia
 

Etma

Mitglied
Das ist sehr amüsant, wie ich finde, ein längerer Blick wird belohnt! So ein schön beschleunigtes und freudiges Ende! :D

Ich dachte kurz: Da passiert ja gar nichts, wie langweilig ... Aber dann! Dann! Toll.

Ich frage mich wo die Schnittstelle zum Autobiografischen ist hier und ob es im gegebenen Fall nicht eher zu den Tagebüchern passen würde - ich möchte dir aber wirklich nicht zu nahe treten und hoffe du verzeihst es mir, wenn dem so wäre.

Darf ich den Inhalt deines Textes "alltäglich" oder "neo-biedermeierlich" nennen? Oder ist das eine Beleidigung? In jedem Fall sollte ich aber nicht annehmen, dass der Erzähler mit dem Autor gleichzusetzen ist und dann auch noch sagen, er wäre biedermeierlich.

Bitte trotz meiner verurteilenden Art beachten: ich bin sehr belustigt und froh über die Entdeckung dieses Textes!

Über diesen Kommentar manche Selbstzweifel hegend,
Etma
 
Geschätzter Etma, auch dir herzlichen Dank fürs Lesen und freundliche Kommentieren. Zu der von dir angesprochenen Problematik könnte ich mich zwar auf das Modewort autofiktional zurückziehen, doch wozu? Ist es für Leser, die mich persönlich nicht kennen, nicht gleichgültig, inwieweit der Stoff autobiographisch ist? (Der alte Doderer wollte das schmählich Autobiographische vermeiden - ausgerechnet er!)

Meine Motivation zum Schreiben bestand hier darin, einen Faden im Geweb des Alltags zu verfolgen, zu zeigen, wie Entferntestes zusammenhängt und -wirkt, Fakten, Erinnerungen, Assoziationen und dann vor allem das Schreiben als Versuch, eine - künstliche - Ordnung ins Chaos einzubringen.

Deine Adjektive zum Stil akzeptiere ich. Für einen Autor schickt es sich wohl nicht, seine eigenen Texte mit solchen oder anderen anzupreisen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Gefällt mir sehr, es ist alles stimming in diesem Text, der Reiz des Nichtsensationellen - und gut zu lesen. Wenn ich deutschlehrerhaft Noten vergeben würde, dann bekäme es eine recht gute.
Da fällt mir ein, dass ich ja auch noch was zu deinem Joseph-Roth-Text schreiben wollte, den fand ich auch interessant. Wollte aber vorher noch mal in mein - soweit erinnerlich - einziges Roth-Buch, den Radetzkymarsch, gucken, nur finde ich es nicht. Ob ich mal zwischen den alten Wanderkarten nachschaue?
 
Danke, Binsenbrecher, für die lobenden Worte. Hoffentlich findest du den "Radetzkymarsch" noch und kannst dich wieder in ihn vertiefen - ein atmosphärisch dichtes literarisches Kunstwerk.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

CPMan

Mitglied
Hallo Arno,

mir fällt auf, wie angenehm diese Prosa zu lesen ist. Es hat etwas von stream of consciousness, man erhält einen Einblick in die Gedanken des Protagonisten (weiß gar nicht, ob es einen deutschen Ausdruck dafür gibt). Besonders wird der Text m.E. dadurch, dass wir hier einen Ich-Erzähler haben, der zum einen Gedanken mitteilt, zum anderen aber gleichzeitig über die Sprache dieser Gedankenmiteilung sinniert, was dem Text wiederum einen subtilen, zweiten Boden gibt und uns (den Hobbyschreibern) gleich eine Identifikation erlaubt. Denn die Angst vor dem Leser, er könnte unsere Sprache als Phrasendrescherei oder klischeebeladen brandmarken, die geht bei uns allen um. Un dieser zweite Boden des Textes macht ihn besonders. Dazu noch die leise Melancholie...ja, ich mag diese Art von Texten.

Merci, Monsieur!

Cordialement,

CPMan
 
Danke, CPMan, für das dicke Lob. Ich wollte schon leichtfertig formulieren: Du beschämst mich, schlug dann im Wörterbuch der Synonyme nach und stellte entsetzt (entsetzt?) - nein, verdutzt fest: beschämen = bloßstellen. Aber mich bloßzustellen, lag gewiss nicht in deiner Absicht. Also neuer Versuch mit dem Partizip beschämt und siehe da: die Begriffe verlegen, reuig sind im Angebot. Reuig? Nicht doch. Verlegen? Nicht wirklich. Wieder einmal wird mir klar, was die drei größten Gefahren beim Schreiben sind: 1. Superlative, 2. Plattitüden, 3. ironisch Formuliertes, das leicht missverstanden wird.

Also jetzt dankbar verstummend
Arno
 
Hallo Arno,

habe Deinen Text noch einmal gelesen und da ist mir eine Kleinigkeit aufgefallen; und da es ja auch um das Suchen und Finden der richtigen Wörter geht, sei es nachgetragen. Es geht um die "Entsorgung" der Wanderkarten. Das Wort ist meiner Erinnerung nach erfunden oder zumindest zum "Hype" geworden im Zusammenhang mit der Suche nach Atom-Müllplätzen. Die mussten a) in "Park" umbenannt und b) mit der Vorstellung verbunden werden, dass man, wenn nur alles richtig schön verbuddelt wird, anschließen aller Sorgen ledig sei.
 
Ja, das ist richtig, Binsenbrecher, entsorgen bedeutet Müll oder Abfall beseitigen, im weiteren Sinn alles, was überflüssig, entbehrlich ist und dessen Beseitigung irgendwann zu besorgen ist. Ich finde diese Wortschöpfung recht passend, da es auch schon be- und versorgen gibt. Das Wort ist ja im Wirtschaftsleben inzwischen weit verbreitet.

Ich habe jetzt überlegt, ob ich an seiner Stelle aufgeben oder weggeben formulieren soll, finde diese Ausdrücke jedoch deutlich schwächer. Ich würde die ausgedrückte Dissonanz zwischen Zwecklosigkeit des Aufbewahrens und Anhänglichkeit des Gefühls an die nutzlosen Objekte gern beibehalten.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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